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Prof. Spitzer: TV & Internet fördert bei weniger Gebildeten die Unbildung

Im Rahmen eines Vortrags in der Stadthalle Künzelsau hat GSCHWÄTZ-Reporter Dr. Felix Kribus die Gelegenheit genutzt, um mit Hirnforscher Manfred Spitzer ein Interview zu führen. Medienkritiker Spitzer ist unter anderem ein Gegner von Smartphones bei Kindern. 

GSCHWÄTZ: Herr Professor Spitzer, früher hat man gesagt, Fernsehen macht kluge Leute klüger und dumme Leute dümmer. Gilt das heute fürs Smartphone und fürs Internet?

Spitzer: Jein. Das hat beim Fernsehen nur teilweise gestimmt. Ich wüsste nicht, wer da wirklich klüger geworden ist. Aber dass es tatsächlich bei weniger gebildeten Menschen vor allem auch die Unbildung noch stärker gefördert hat, das ist heute fürs Fernsehen in vielen Studien nachgewiesen. Fernsehen macht Ungebildete, Nichtgebildete – man hat ja geglaubt, man bringt jetzt Bildung in den letzten Winkel der Erde. Und das Gegenteil ist passiert, die Unbildung kam in den letzten Winkel der Erde. Jetzt wird für digitale Medien das Gleiche behauptet, jetzt haben wir die Cloud und können vom Smartphone jederzeit und an jedem Ort an jedes Fitzelchen von Wissen herankommen und das würde uns schlau machen. Fakt ist, dass dem nicht so ist. Ein bisschen stimmt’s, wenn jemand, der viel Vorwissen hat, in die Cloud geht und auch noch mehr Informationen sucht, dann wird der fündig, weil er schon viel weiß. Wer aber noch nichts weiß oder wenig weiß, der wird vor allem Unterhaltung im Netz finden der seichtesten Art und deswegen wird er nicht gebildet werden. Das stimmt heute in der digitalen Welt fast noch mehr als früher fürs Fernsehen. Die Gebildeten können das Netz tatsächlich für Bildung nutzen, aber die Ungebildeten werden nicht gebildeter, sondern noch ungebildeter.

„Wir müssen das Gehirn tatsächlich immer trainieren“

GSCHWÄTZ: Ich kram jetzt mal eine alte Kamelle raus. Neil Postman, Medienprofessor und sehr bekannt in den 80ern und 90ern, hat die Bücher geschrieben „Das Verschwinden der Kindheit“ und „Wir amüsieren und zu Tode“. Sein Tenor ist, dass durch das dauernde Bildschauen, wo auch nichts erklärt werden muss, dass da im Grunde der Geist des Kindes oder auch die ständige Verfügbarkeit von Inhalten Kinder eigentlich nicht reifer und erwachsener machen.

Spitzer: Also ich denke, wir wissen es heute einfach noch ein bisschen genauer, als man das in den 80ern und 90ern wissen konnte, weil die Gehirnforschung immer klarer gezeigt hat, wie wichtig die Benutzung des Gehirns für dessen Leistungsfähigkeit ist. Wir müssen das Gehirn tatsächlich immer trainieren, was Kinder von sich aus ja tun, indem sie sich der Welt zuwenden, mit der Welt umgehen, ausprobieren und so weiter. Und die ständige Verfügbarkeit scheinbar von allen Informationen über so ein kleines Glasbildschirmchen suggeriert Wissen, wo eigentlich nur Ablenkung ist. Deswegen ist sie gerade für sich entwickelnde Gehirne sehr schädlich. Das wissen wir heute besser als das Herr Postman wissen konnte vor 25 Jahren.

„Digitale Medien verhindern Bildungsprozesse“

GSCHWÄTZ: Jetzt haben Sie ja sehr energisch gegen Ende Ihres Vortrags gesprochen, Sie sind also ein relativer oder absoluter Gegner von Smartphones, solange die Kinder noch sehr klein sind. Wenn sie älter sind und mit Medien umgehen können und auch Informationen selektieren und filtern können, ist nochmal was anderes. Warum sind Sie so sehr dagegen?

Spitzer: Weil, wenn man noch kein Vorwissen hat, und das ist es, was man braucht, um Informationen zu filtern, dann kann man dieses Vorwissen durch digitale Medien viel schlechter erwerben – das ist nachgewiesen in vielen Studien – als man das durch Lernen mit Lehrern und mit Gemeinschaft kann. Deswegen sind digitale Medien, je kleiner jemand ist, umso schädlicher. Sie schaden dann ganz besonders der Bildung und verhindern Bildungsprozesse. Und dazu kommt dann eben noch, dass Smartphones nicht nur die Bildung behindern, sondern sie verhindern die richtige Entwicklung der Augen – die machen kurzsichtig. Sie behindern die motorische Entwicklung, die Kinder bewegen sich viel weniger, wenn sie Medien nutzen. Deswegen werden sie dicker. Das macht wiederum Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Das sind die häufigsten Killer, die wir sowieso haben. Also wenn man alles zusammenaddiert, dann kommt man auf eine unglaubliche Menge an Schaden und ganz wenig Nutzen. Und je kleiner die Kinder sind, desto größer die Schäden und desto gar nicht mehr vorhanden ist der Nutzen. Weswegen es mir gerade um Kinder und Jugendliche geht. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Da muss jeder selbst entscheiden, wie er mit den digitalen Medien umgeht und wie er sie auch für sich nutzt.

„Kinder ohne Smartphone reden mit anderen“

GSCHWÄTZ: Früher waren es Markenklamotten, heute sind es eben Smartphones. Wir reden immer über Ausgrenzung oder eben Gruppenzusammenhalt oder  Gruppenausgrenzung. Was würden Sie Eltern raten, deren Kinder jetzt kein Smartphone haben – solche Kinder gibt es wahrscheinlich auch noch –  und die Eltern wissen nicht, was sie machen sollen?

Spitzer: Also an Eltern die ganz klare Botschaft: Smartphones schaden Kindern. Weswegen der Erfinder des Smartphones, Steve Jobs, das seinen Kindern auch nicht gegeben hat. Bill Gates dachte, für meine 14-Jährige ein Smartphone, aber nur unter Aufsicht. Es ist definitiv falsch, den Kindern diese Instrumente zu früh in die Hand zu geben und dann auch noch ohne jegliche Begleitung. Das Smartphone ist der Zugang zum größten Rotlichtbezirk der Welt. Das drücke ich meiner Tochter nicht einfach so in die Hand und lass sie damit unbeaufsichtigt weiter damit umgehen. Das ist unverantwortlich. Und vielleicht noch ein Tipp für die Eltern: Was sie ihren Kindern nicht schenken, müssen sie ab dem Tag nicht dauernd verbieten und nicht drüber streiten. Und weiterhin gilt, wenn mein Kind als einziges kein Smartphone hat, dann ist es das einzige, das mit anderen Kindern redet und deswegen ist es hervorgehoben. Es wird auch über Smartphones gemobbt und es wird über Smartphones Depression verbreitet. Dass die Kinder depressiv werden und gemobbt werden, wenn sie kein Smartphone haben, ist schlichtweg eine Lüge und falsch. Man kauft sich viel Schäden ein und eigentlich wenig Gutes. Je länger die Kinder kein Smartphone haben, desto besser ist es für die Kinder.

„Zugang zum größten Rotlichtbezirk der Welt“

GSCHWÄTZ: Müssen wir eigentlich nicht froh sein mit unserer Bundesregierung, die ja in allem etwas hinterherhinkt? Mit der Digitalisierung, dass sie noch nicht soweit fortgeschritten ist, und Funkfrequenzen und Internet, das ja mit einer gewissen Geschwindigkeit geplant ist für ganz Deutschland, das wird uns ja seit 15 Jahren erzählt. Müssen wir nicht dankbar sein, dass das nicht so schnell voran geht?

Spitzer: Also ich war bis vor einem Jahr immer dankbar, wenn ich gehört habe, wir hinken mit der Digitalisierung hinterher gerade was Schule anbelangt. Jetzt geben wir fünf Milliarden dafür aus, dass die Kinder weniger lernen an den Schulen, weil Router und Internetzugang genau dazu führen, das ist in x Studien nachgewiesen. Das bringt mich schon etwas in Rage, weil wenn man die Daten dazu kennt, kann man nicht guten Gewissens nicht fünf Milliarden für Internetzugänge und digitale Geräte an Schulen ausgeben, weil die nochmal das Lernen verhindern und nicht fördern.

„Besser Lehrer einstellen als fünf Milliarden für digitale Medien ausgeben“

GSCHWÄTZ: Das heißt eigentlich, wir müssten froh sein, dass das Schulsystem so ist? Was würden Sie am aktuellen Schulsystem, am aktuellen Bildungssystem ändern?

Spitzer: Also jetzt im Moment würde ich die fünf Milliarden nehmen und dafür Lehrer einstellen. Da brauch ich kein Studium, um zu wissen, dass das Wichtigste im Unterricht der Lehrer ist und wenn Unterricht ausfällt – es fällt sogar in Baden-Württemberg noch Unterricht aus, weil grad kein Lehrer da ist – dann ist das Beste, was man mit Geld machen kann, Lehrer einzustellen.

GSCHWÄTZ: Es gab mal von Neil Postman eine These, die besagt hat, das Fernsehen ist nicht für Idioten, das Fernsehen erzeugt sie. Ist das für das Internet auch so?

Spitzer: Ich würde nicht von Idioten sprechen, aber ich würde von Problemen bei der Hirnentwicklung definitiv sprechen und von einer geringeren Bildung auch definitiv.

Manfred Spitzer sagt, Smartphones schaden der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Foto: GSCHWÄTZ