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„Von Leuten, die keine Ahnung haben, wie es draussen aussieht“ – Bauern kritisieren in Stachenhausen Politiker & Verbraucher scharf

„Was uns stinkt ist, dass wir in eine Ecke gedrängt wurden, dass wir an allem Schuld sind, am Insektensterben, an der Nitratbelastung, einfach an allem“, redet sich Sahm den Frust von der Seele. „Da fragt keiner, welchen Beitrag eigentlich die Industrie dazu leistet. Es gibt so viel ungeklärtes Wasser, das in Flüsse eingeleitet wird“, bei dem keiner fragt, woher das komme.

„Wir haben die höchsten Tierwohl-Standards. Wir haben die höchsten Standards im Pflanzenbau und Ackerbau, wir haben die höchsten Vorschriften. Der Verbraucher muss nun mit ins Boot genommen werden“, betonte Sascha Sahm, Landwirt aus Stachenhausen bei der Entzündung des Mahnfeuers in Stachenhausen am Samstag, den 04. Januar 2020. „Miteinander ins Gespräch kommen“, konkret mit dem Verbraucher. Das wollen die Landwirte, auch in Hohenlohe. Sie wollen auf die Probleme und deren Tragweite der aktuellen Agrar-und Umweltpolitik aufmerksam machen und setzen auf ein gesellschaftliches Miteinander. „Redet mit uns, nicht über uns“, so das Motto. Mit Berlin sind zahlreiche Landwirte nicht zufrieden. Deshalb zünden die Bauern der Landschafft-Verbindung Gruppe und die Ortsbauernverbände in regelmäßigen Abständen Mahnfeuer auf dem Feld an. GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus hat bei Windstärke 6 und gefühlten Minusgraden versucht, Anliegen und Probleme der Bauern in ihrer Existenz zusammenzutragen.

Landwirt Sahm: „Der Verbraucher muss das bezahlen“

„Die Politik muss dafür sorgen, dass die erhöhten Anforderungen an die Landwirtschaft finanziell ausgeglichen wird. Der Verbraucher muss das bezahlen“, sagt Sahm. Und: „Der Verbraucher muss wissen, um was es geht. Deswegen sind wir heute hier, damit der Verbraucher weiß, was wir tun, wie wir es tun und warum wie es so machen. Hier fehlt einfach oft die Aufklärung zwischen uns und dem Verbraucher.“

„Wir sind Landwirte und haben einen Milchviehbetrieb“, sagt Kathrin Karle aus Garnberg. Sie sind heute zum Mahnfeuer gekommen, weil „wir mit der Politik, die derzeit betrieben wird, nicht einverstanden sind“. Karle kritisiert unter anderem die Novellierungen der Düngeverordnungen. Es bleibt keine Zeit, dass überhaupt mal eine Novellierung reifen kann. Es kann nicht von einem zum nächsten Jahr gleich wieder etwas anderes geben.“ Wichtig wäre, ergänzt Sahm, dass „wir Düngevorordnungen hätten, die nach fachlicher Praxis umgesetzt werden und nicht nach Ideologien von Leuten, die keine Ahnung haben, wie es draußen aussieht“. Als Beispiel fügt er hinzu: „Wir können doch nicht 20 Prozent unter Bedarf düngen. Die Pflanzen leider darunter und sind unterversorgt. Wenn wir Menschen unterversorgt sind, werden wir auch krank und so ist es mit den Pflanzen draußen genauso.“

Landwirtin Karle: „Finanziell  nicht tragbar“

Landwirtin Karle gibt zu Bedenken: „Wir müssen ja auch die Technik dazu kaufen und nicht jeder Betrieb hat so viel Geld. Es ist einfach finanziell nicht tragbar und auch die Erzeugerpreise sind nicht tragbar, dass landwirtschaftliche Familien finanziell durchkommen.“

Aber nicht nur die Politik steht im Mahnfeuer, sondern auch die Verbraucher. Sahm: „Wir haben hier in Deutschland die hochwertigsten Lebensmittel und sind eigentlich die billigsten im Einkaufen und das kann so nicht sein“, sagt Sahm. 1 Kilo Schweinehackfleisch für vier Euro findet Sahm nicht in Ordnung, denn „wir setzen um, dass die Tiere mehr Platz, mehr Bewegung, mehr Stroh haben und das muss auch bezahlt werden“.

Billige Lebensmittel, möglichst hochwertig hergestellt – ein Widerspruch in sich, so die Bauern

Bedauerlich in Stachenhausen sei gewesen, so Simon Gutheiß , Landwirt aus Dörzbach, dass mehr Traktorenbesitzer als Verbraucher gekommen seien, dabei sei ja die Intention gewesen, bei dem Mahnfeuer mit den Verbrauchern ins Gespräch zu kommen und aufzuklären. Aber dennoch sei es „die richtige Entscheidung und der richtige Weg“, diese Mahnfeuer zu entzünden. Auf die Frage, warum sich wenig Verbraucher eingefunden haben, vermutet Gutheiß mangelndes Interesse.

Landwirt Wenzel: „Die Menschen wissen nicht mehr, wo die Nahrungsmittel herkommen“

„Das Problem ist, dass die Bevölkerung sich entfremdet hat, dass die Landwirte es nicht geschafft haben, die Bevölkerung mitzunehmen“, erklärt Landwirt Thomas Wenzel vom Bauernverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe. „Die Menschen wissen nicht mehr, wo die Nahrungsmittel herkommen, wie sie produziert werden und dass sie auch einen Preis haben. Die Landwirte müssen einen gewissen Preis erzielen. Wir haben unsere Höfe, wir müssen Gewinne erzielen. Das ist zwingend notwendig, damit man auch einen Betrieb weiterführen kann. Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist einfach auch ein Wirtschaftsunternehmen.“

Landwirt Heinrich Stier aus Stachenhausen erinnert daran, dass die Landwirte im Juni 2016 einen Milchpreis ausbezahlt bekommen haben von mageren 21 Cent pro Liter Milch. „Das werde ich nie vergessen.“ Derzeit erhalten die Bauern laut Stier 39 Cent ausbezahlt. „Das ist ein Bereich, wo man sagen kann, da kommen wir über die Runden. Aber das man sagen kann: Da verdienen wir jetzt Geld – das ist leider nicht der Fall.“

Klimaveränderungen machen Landwirten zu schaffen

Hinzu kommen laut Stier die klimatischen Veränderungen, mit denen Betriebe zu kämpfen hätten – die Trockenheit im vergangenen Jahr etwa. „So wie jetzt das Klima ist und sich verändert, müssen wir auch mehr Futterreserven und Geldreserven schaffen, weil wir davon ausgehen, dass diese Klimaschwankungen immer extremer werden.“ Er wisse nicht, wie „wir das schaffen sollen, gewisse Reserven zusammenzubringen.“

Pfarrerin Focken: „Es hat dazu geführt, dass uns die Erde um die Ohren fliegt“

Sabine Focken, Pfarrerin von der Gemeinde Dörrenzimmern-Stachenhausen, sieht die Kritik der Bauern mit gemischten Gefühlen: „Es ist viel leichter für Menschen, Schuldvorwürfe in die einzelnen Richtungen zu machen.“ Es sei aber ein „überkomplexes Problem“ zwischen Landwirten, Verbrauchern, der Politik, der Industrie, dem Handel, da wirklich zusammenzukommen. Das eigentliche Problem sei, dass „wir einen Umgang mit der Schöpfung haben, der dazu führt, dass uns die Erde um die Ohren fliegt“. Aber Focken nimmt dabei auch die Landwirte in Schutz: „Im Moment wird die Landwirtschaft über die Maßen für den Klimawandel verantwortlich gemacht.“

„Neue Preisgestaltung, ein anderer Umgang mit der Natur – Wir brauchen eine neue Richtung und die auszuhandeln“, das sei schwierig, so Focken. Daher sei sie selbst auch vor Ort zu dem Mahnfeuer gekommen. Wie können Landwirte und Verbraucher anders, besser kommunizieren, „um neue Modelle anzufangen und nicht zu warten, bis die Politik endlich handelt und auf der höheren Ebene etwas passiert, sondern man muss an der Basis für Verständnis zu sorgen.“ Direktvermarktung quasi. Dazu gehöre auch „neue Bilder in unsere Köpfe zu kriegen, dass wir bereit sind, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben.“

Sascha Sahm ist aufgefallen, dass in der Presse sehr wenig über die Mahnfeuer und die Demonstrationen berichtet wurde. Da mache sich dann das Gefühl bei den Landwirten breit, „dass man es nicht haben möchte, dass wir auf uns aufmerksam machen“, schildert er. Er wünsche sich von der Politik, dass man auf sie zugehe und mit ihnen redet: „Dass wir auch mit an den Tisch dürfen und gefragt werden, wenn Gesetze gemacht werden. Dafür kämpfen wir jetzt, dass wir auch gehört werden und es Gesetze sind, die auch umsetzbar sind.“

Auf die Frage, ob Landwirtsein überhaupt noch ein angenehmer Beruf sei, argumentiert Simon Gutheiß: „Ohne Landwirte geht es nicht. Ich bin damit groß geworden und mir hat es seit eh und je Spaß gemacht. Das ist der Beruf für welchen ich jeden Tag aufstehen möchte.“ Er hat sich auch schon andere Bereiche angeschaut, die seien aber nichts für ihn gewesen. An der Landwirtschaft gefalle ihm „die Abwechslung“. Es sei nicht so wie in den Firmen, in denen man immer denselben Ablauf habe und akkordmäßig arbeiten müsse.

Mahnfeuer in Stachenhausen am 04. Januar 2020. Foto: GSCHWÄTZ

 

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