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„Die Stadt wird zugeschissen“ – Finanzielle Probleme des Taubenhauses in Künzelsau

Mehr Tauben, mehr Dreck, mehr Arbeit und die große Frage: Wer soll das bezahlen?
Am 30. Oktober 2019 lud der Verein Taubenfreunde Künzelsau zum Informationsvortrag über „Die Stadttaube – das vergessene Haustier“ in den Gewölbekeller der Volkshochschule ein. Der Verein Taubenfreunde Künzelsau e.V. betreibt das Taubenhaus am Kocher und sorgt mit diesem dafür, dass die Taubenpopulation in Künzelsau geregelt wird, die Stadttauben satt und gesund sind und somit die empfundene Belästigung und Verschmutzung durch hungrige und kranke Tauben in der Stadt deutlich zurückgegangen ist.
„So dankbar ich am Anfang war, so enttäuscht bin ich heute“
Schnell wird klar, dass sich der Schwerpunkt der Veranstaltung ein wenig verschieben wird: Neben dem Vortrag ist die Situation des Vereins ein akutes Thema: Der Taubenfreundeverein leidet aufgrund von Todesfällen, gesundheitlichen Problemen und einem Wegzug an einem Mangel an Helfern. Auch finanziell geht es dem Haus schlecht. Nun steht das Taubenhaus kurz vor dem Aus. „So dankbar ich am Anfang war, so enttäuscht bin ich heute“ sagt Marita Müller vom Taubenhaus mit Blick auf die Unterstützung durch Gewerbe und Stadtverwaltung, von denen trotz persönlicher Einladung niemand zur Veranstaltung gekommen sei.
„Wir machen die Arbeit, aber mit uns spricht man nicht.“
Marita Müller berichtet von einem Gespräch mit Bürgermeister Stefan Neumann im Mai 2019, wobei sie den Bürgermeister auf die Probleme des Vereins und den Nutzen für die Stadt und die Gewerbetreibenden hingewiesen habe.
„Der Aufwand liege bei 6.000 Euro pro Jahr“
Die Stadt Künzelsau unterstützt den Verein und den Betrieb des Taubenhauses derzeit mit 2.000 Euro pro Jahr – dieses Geld reiche aber laut Susanne Müller nicht aus: Allein die Futterkosten lägen bei etwa 1.800 Euro jährlich, das Putzen koste zirka 1.000 Euro pro Jahr, dazu kämen sonstige Personalkosten und Tierarztkosten. Der geschätzte Aufwand liege bei zirka 5.000 bis 6.000 Euro pro Jahr. Genaugenommen umfasse die Arbeit für das Taubenhaus den Umfang eines Halbtagsjobs – und das jeden Tag, auch an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien. Edgar Sorg ruft verwundert dazwischen: „Die Kosten von 6.000 Euro finde ich sehr niedrig kalkuliert.“
Elke Sturm von der Stadt Künzelsau verweist auf GSCHWÄTZ-Nachfrage wiederum darauf, dass „die ursprünglich vom Gemeinderat beschlossene Förderung des Taubenhauses mit 1.000 Euro bereits auf 2.000 Euro verdoppelt“ worden sei. Die Stadt habe auch das Grundstück zur Verfügung gestellt. Mitarbeiter des städtischen Bauhofs hätten beim Aufbau des Taubenhauses und Einrichten des Grundstücks angepackt. „Voraussetzung für die städtische Förderung war von Beginn an, dass die Betreuung des Taubenhauses dem Verein obliegt. Und der Gemeinderat hat in seinem Beschluss im Juli 2015 bereits deutlich formuliert, dass der Betrieb des Taubenhauses und die finanzielle Förderung eingestellt werden, sollte die nachhaltige Betreuung durch das Stadttaubenprojekt nicht sichergestellt sein. Dass es nun eventuell so kommt, ist schade. Die Aktiven des Vereins Taubenfreunde Künzelsau haben, nach eigener Aussage, leider nicht die ausreichenden ehrenamtlichen Mitarbeiter und weitere finanzielle Förderer gefunden. Diese Aufgabe gut zu meistern ist und bleibt eine Herausforderung und ist eine Existenzfrage für viele Vereine. Nicht allein deshalb bietet die Stadtverwaltung mit der Ehrenamtsbörse eine Plattform und unterstützt Künzelsauer Vereine finanziell mit rund 45.000 Euro jährlich.“
„In Möckmühl funktioniert das von ganz alleine“
In anderen Städten gehe man den Umgang mit der Stadttaube professioneller an: In der Landeshauptstadt Stuttgart gebe es einen bezahlten Taubenwart, aber selbst in einer mit Künzelsau vergleichbaren Kleinstadt wie Buchen gebe es einen Taubenbeauftragten. Und „in Möckmühl funktioniert das von ganz alleine“, berichtet Bernhard Klier von der Tierrettung Odenwald-Hohenlohe.
Die Einwerbung von Spenden gestaltet sich schwierig, die Taube habe einen schlechten Ruf als „Ratte der Lüfte“ – andererseits ist sie doch auch als Symbol des Heiligen Geistes, als liebenswerte Turteltaube,  hoffnungsstiftende Friedenstaube und natürlich als wohlschmeckendes Haustier bekannt. Trotzdem bekennt Will Behle: „Wenn du sagst, dass du vom Taubenverein bist, schauen dich die Leute an, als ob du jenseits der Realität bist.“ Und Susanne Müller möchte nicht länger betteln müssen: „Dabei erbringen wir eine unterschätzte Dienstleistung für die Stadt.“
„Wenn du sagst, dass du vom Taubenverein bist, schauen dich die Leute an, als ob du jenseits der Realität bist“
Dabei liege der Nutzen für Stadtverwaltung und Gewerbe klar auf der Hand: Seit das Taubenhaus besteht, habe man allein zirka 2.000 Eier abgelesen. Abgelesen bedeutet: Den Nestern im Taubenhaus entnommen, damit sie nicht bebrütet werden und es noch mehr Tauben gibt.  Susanne Müller: „Das sind Tauben, die nicht in der Stadt sind.“ Somit werde durch ihre Arbeit die Population deutlich reduziert auf derzeit zirka 150 Tauben im Taubenhaus selbst sowie zirka 150 Tauben, die am Taubenhaus gefüttert werden. Dadurch seien die Tauben in der Stadt deutlich weniger präsent, denn, so bringt es Bernhard Klier auf einen kurzen Nenner: „Die Taube ist, wo‘s Futter ist“. Die Verschmutzung durch Taubenkot in der Stadt sowie die Belästigung durch futtersuchende, schwache und kranke Tauben in der Innenstadt sei erheblich zurückgegangen. Das werde auch von den Gewerbetreibenden bestätigt. Bernhard Klier kritisiert trotzdem: „Stadt und Gewerbe haben vorher viel investiert – jetzt sind die Tauben verschwunden und niemand gibt mehr Geld für die Tauben aus.“
Gespräch mit dem Gemeinderat
Willi Behle meint, dass die Stadt Künzelsau das Taubenhaus als Erfolg vermarkten müsste, denn das Taubenhaus in Künzelsau ist über die Grenzen der Region als Modellinstitution bekannt. Gudrun Schickert belegt dies: „Wir sind über Baden-Württemberg bekannt – selbst die Stadt Paderborn hat sich informiert.“ Sollte der Verein das Taubenhaus nicht mehr betreiben können, muss das Taubenhaus geschlossen und die Fütterung eingestellt werden. Die Tauben suchen sich dann wieder Nistplätze in der Stadt, sie suchen dann auch wieder Futter in der Stadt, ernähren sich wieder von Abfällen. Willi Behle drückt es deftig aus: „Die Konsequenz ist, dass das Taubenhaus zumacht und die Stadt zugeschissen wird.“
Nachdem es kurzzeitig so ausgesehen hatte, dass der Verein aufgelöst wird, liegen diese Pläne momentan auf Eis. Die Taubenfreunde wollen versuchen, mit dem Gemeinderat ins Gespräch zu kommen. Im April 2020 wollen sie dann schauen, was sich bis dato getan hat und neu überlegen.
Text: Matthias Lauterer

Tauben am Taubenhaus.
Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Maritta Müller erklärt, warum Hochzeitstauben zum Sterben verurteilt sind. Foto: GSCHWÄTZ

Die Ehrenamtlichen locken die Tauben mit Futter raus aus der Künzelsauer Innenstadt zum Taubenhaus. Foto: GSCHWÄTZ

Auch Landrat Dr. Matthias Neth (2. v. li.) und Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann (rechts) statteten dem Taubenhaus schon einen Besuch ab. Foto: Taubenfreunde

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