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  • Vieles ist sehr notdürftig ausgeschildert. Foto: privat

Da werden Sie geholfen – Wir haben den neuen Notarzt im Krankenhaus Künzelsau getestet

Nachdem wir schon einiges über den neuen Notarzt in Künzelsau gehört haben, der seinen so genannten Sitzdienst im Zuge der Schließung des Künzelsauer Krankenhauses Mitte November 2019 aufgenommen hat, wollten wir uns selbst ein Bild machen. Wie gut ist dieser Notarzt im Sitzdienst? Was kann er? Was darf er? Wo hockt er?

Die Suche nach dem Eingang

Im Eingangsflur des HK liegt ein Handy mit einem Zettel. Foto: privat

Mein erster Besuch beim Notarzt schlägt fehl – denn ich finde seine Praxis nicht. Es ist Mittwoch gegen 20.30 Uhr. Ich weiß, dass der neue Notarzt seine Praxis irgendwo im Krankenhaus beziehungsweise in einem Zwischengebäude im Krankenhaus hat. Als ich vor dem Krankenhauseingang stehe, verweist ein Schriftzug und ein Pfeil auf den geschlossenen verglasten Eingangsschiebetüren auf die orange leuchtende Nachtglocke, die man betätigen solle. Die Nachtglocke befindet sich rechts neben den Eingangstüren und erinnert von ihrem Erscheinungsbild an eine gewöhnliche Türsprechanlage. Ich betätigte mehrmals die Nachtglocke, aber nichts rührt sich. Unsicher geworden, ob das überhaupt der richtige Eingang ist, schaue ich nach rechts und nach links, ob es einen Nebeneingang gibt zur Notarztpraxis gibt – ohne Erfolg. Das Ärztehaus ist dunkel, daher gehe ich nicht bis zum Eingang, sondern laufe hinunter zum unteren Eingang der Apotheke Medikün an der Stettenstraße. Vielleicht ist ja dort der Eingang zur Praxis. Auch hier erwartet mich eine Notdienstglocke, die ich zwar betätige, aber schon ahne, dass diese Glocke nur für die Notfallapotheken gedacht ist.

Also geht meine Suche weiter. Ich laufe Richtung Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die gegenüber vom Krankenhausgebäude ist. Wenn ich in großer gesundheitlicher Not wäre, würde ich vermutlich jetzt direkt zum DRK laufen und beim Rettungsdienst um Hilfe bitten. Ich finde noch zwei weitere Krankenhauseingänge entlang der Stettenstraße – einer ist der Lieferanteneingang. Auf dieser Türe steht: „Zutritt für Unbefugte verboten.“ Auch die davon nur unweit entfernte andere Tür ist verschlossen. Also gebe ich für diesen Abend auf. Am nächsten Tag erkundige ich mich bei ehemaligem Krankenhauspersonal, wie ich zu der Notarztpraxis im Krankenhaus gelange. Ich bekomme die Auskunft, dass ich einfach zum Haupteingang hineinlaufen muss, dann gäbe es Hinweisschilder. Komisch. Ich stand doch direkt vor den großen Glas-Schiebetüren am Eingang, aber diese gingen nicht auf. Also noch ein Versuch, dieses Mal aber mitten in der Nacht.

2. Versuch – Nachts um drei Uhr in Künzelsau

Beim ersten Versuch öffnete sich die Schiebetüre des Haupteinganges nicht. Foto: privat

Es ist Donnerstagnacht, 28. November 2019. Gegen 03 Uhr gehe ich mit so starker Migräne wie noch nie zum Haupteingang des ehemaligen Krankenhaus in Künzelsau. Die Schiebetüren öffnen sich. Ich laufe hinein. Über der ehemaligen Empfangs/-Infotheke des Krankenhauses hängt ein rotes Schild, das mir den Weg in die Notfallpraxis weist. Es folgen weitere handgeschriebene Schilder, ich laufe entlang von Absperrbändern links Richtung Aufzug. Der Notarzt ist im ersten Stock, steht in etwas krakeliger Handschrift im Aufzug geschrieben. Im ersten Stock erwarten mich wieder Absperrbänder. Die Praxis von Dr. Kühn ist ausgeschildert. Ist das zugleich die Notfallpraxis?, frage ich mich. Ich betrete den erleuchteten Vorraum einer Praxis. Es ist gespenstisch still. Ein schmaler Flur führt an mehreren Türen vorbei. Eine der ersten Türen hat einen Zugangscode. Neben dieser Tür klebt ein Schildchen. Darauf steht „Notarzt“. Eine Klingel gibt es nicht beziehungsweise ich sehe zumindest keine. Ich rufe ein paar Mal: „Hallo?“. Es bleibt still. Unschlüssig, ob ich hier überhaupt richtig bin, verlasse ich die Praxis, gehe entlang der Absperrbänder wieder zum Aufzug, fahre nach unten und rufe auch hier nochmal: „Hallo?“ Als ich Richtung Ausgang gehe, fällt mir ein kleines Tischchen auf, das im Flur zwischen Foyer und Eingangstür an der Wand steht. Ein handgeschriebener Zettel liegt darauf, auf dem geschrieben steht: „Bitte Telefon Nr. 00151XXXXX975 anrufen. Sie werden dann abgeholt.“ Daneben liegt mit einem Klebeband umwickeltes älteres Handy. Ich wähle mit dem Telefon die angegebene Nummer. Nach ein paar Minuten meldet sich ein Mann. Ich sage ihm, dass ich starke Migräne habe. Er meint, er kommt gleich runter zum Eingang, ich solle dort warten.

Der Notarzt verweist mich zum Krankenhaus nach Schwäbisch Hall

Nach ein paar Minuten steht mir ein älterer Herr in einer orangerot-gelben Notarzt-Kleidung gegenüber. Ich folge ihm in den ersten Stock. Wir erreichen die Praxis, in der ich vorher schon stand. Ich solle auf einem der wenigen Stühle, die wie Wartezimmer-Stühle im Flur aufgereiht sind, hinsetzen. Ich setze mich, er nimmt mir gegenüber Platz. Ich erkläre ihm, was ich habe. Er sagt mir, dass er nicht viel tun könne. Ob ich nicht wisse, dass das Krankenhaus inzwischen geschlossen ist. Dafür sei er hier, um die Menschen, die das nicht wissen, zu informieren. Er sitzt mir noch immer im Flur gegenüber, wartet und schaut mich an. Ich sage mit leicht gequälter Miene: „Ok. Was mache ich denn jetzt?“ Habe er vielleicht stärkere Schmerzmittel als die Dolormin Migräne, die ich zu Hause habe, aber die nicht geholfen haben. Er verneint, er habe keine Medikamente hier. Aber da meine gewöhnlichen Schmerzmittel nicht ausreichen, würde er jetzt einen Krankenwagen rufen, der mich ins Krankenhaus bringt. Er zückt bereits sein Handy, um zu wählen. Ich frage, in welches Krankenhaus er mich bringen lässt. Schwäbisch Hall in die Neurologie, sagt er. Ich stottere, dass mir das jetzt doch alles etwas schnell geht. Er überlegt, schaut mich an, nennt ein Medikament und fragt, ob ich das Medikament kenne. Ich verneine, sage, dass ich eigentlich nur sehr selten Medikamente nehme. Er sagt, ich solle hier warten, er komme gleich zurück. 2 Minuten vergehen, 5 Minuten vergehen. Ich stehe auf, gehe nach Hause, lege mich erschöpft ins Bett und schlafe ein.

Vieles ist sehr notdürftig ausgeschildert. Foto: GSCHWÄTZ

Der Notarzt hat sehr gut reagiert, nur die handgeschriebenen Zettel wirken wie in Zimbabwe

Fazit: Für das, dass dieser Notarzt mich weder behandeln noch Medikamente aushändigen darf, hat er meines Erachtens das getan, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten hätte tun können. Ich fand es gut, dass er mich nicht in irgendein Krankenhaus hat fahren lassen wollen, sondern in die Neurologie nach Schwäbisch Hall. Zudem glaube ich persönlich, dass eine Leitstelle bei dem Anruf eines Notarztes schnell reagiert und sofort einen Krankenwagen losschickt. Wenn ich als Privatperson angerufen und über starke Migräne geklagt hätte, hätte das vielleicht weniger Eindruck gemacht. Auch kann es hilfreich sein, sich den Rat des Notarztes zu holen, welches Krankenhaus am geeignetsten für das jeweilige Krankheitsbild ist. Dennoch darf man nicht vergessen, welche Außenwirkung ein Notarzt im Sitzdienst hat. Es wird damit nach außen eventuell suggeriert, dass er kranke Menschen behandeln kann. Aber: Das darf er eigentlich nicht. Sprich: Habe ich etwa erste Anzeichen eines Schlaganfalles, verliere ich vielleicht wertvolle Zeit, wenn ich in diese Praxis gehe, anstatt direkt den Rettungsdienst anzurufen.

500.000 Euro – für was genau?

Was auch mehr als fraglich ist: Über 500.000 Euro soll dieser Notarzt im Sitzdienst jährlich laut diversen Kreisräten kosten (wir berichteten). Man fragt sich: Was genau kostet 500.000 Euro? Klar, der Notarzt verdient im Monat Summe X. Aber ansonsten gibt es weder eine richtige Praxis (ich saß auf einem alten Wartezimmerstuhl im Flur einer bereits bestehenden Praxis), noch eine anständige Beschilderung. Handgeschriebene Zettel weisen den Weg. Hier wurde schon mal nicht mit Geld um sich geworfen. Das alte Handy im Flur kann auch nicht viel gekostet haben. Das Ganze wirkt eher so, als ob diese Notarzt-Praxis provisorisch eingerichtet wurde – obwohl es genug Zeit geben hätte, zumindest keine handschriftlichen Wegweiser auszulegen. Es scheint vielmehr so, als ob man dieser Praxis sowieso kein langes Bestandsrecht zu Teil werden lassen möchte. Ansonsten hätte man es von Anfang an ordentlicher gemacht.

 

 

 

 

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