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  • Das verabschiedete Agrarpaket sorgt bei Landwirten für Angst. Foto: GSCHWÄTZ

Hohenlohe: Was bedeuten die grünen Kreuze, die überall zu sehen sind? – Öko-Politik macht den Bauern zu schaffen

In ganz Hohenlohe stehen aktuell auf den Feldern grüne Kreuze – es ist niemand gestorben, was man bei einem Kreuz vermuten könnte – aber vielleicht stirbt bald das Ackerland, auf dem die grünen Kreuze stehen.

Die grünen Kreuze stehen deshalb auf den Feldern, weil die Landwirte den Glauben an eine verlässliche Politik verloren haben. Eine ganze Flut von Verboten, Verordnungen und Auflagen, die ein vernünftiges Wirtschaften unmöglich machen, führen dazu, dass Landwirtschaft heute extrem schwierig sei. Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V., zählt auf: „Will man zum Beispiel das Tierwohl im Betrieb verbessern, braucht man einen neuen Stall. Dieser kann vor lauter Umweltauflagen entweder nicht oder nur sehr teuer gebaut werden.

Verordnungen schränken Unternehmertum ein

Will man auf öko umstellen, muss man feststellen, dass dort der Preisdruck in einem Maß herrscht, der keine Perspektive erwarten lässt. Will man die Biodiversität im Ackerbau verbessern, soll man umweltschonende Methoden einsetzen, dies wird jedoch durch Verbote von Pflanzenschutzmitteln eingeschränkt, ersetzt man diese durch den Pflug, braucht man ein Vielfaches an Diesel, der CO2 ausstößt. Alles, was ein Landwirt in der heutigen Zeit unternehmerisch angeht, wird durch irgendeine Verordnung baldmöglichst wieder eingeschränkt. Dass hier die Landwirte die Lust verlieren und auf die Barrikaden gehen wollen, ist nachvollziehbar. Die grünen Kreuze sind dafür noch ein verhältnismäßig geringer Ausdruck der Stimmung in der Landwirtschaft.“

Hintergund für die grünen Kreuze ist ein am 04. September 2019 vom Bundesministerium für Landwirtschaft und dem Bundesumweltministerium verabschiedetes Agrarpakt.

Bleher erklärt, warum die Verabscheidung des Agrarpaktes bei den Landwirten für Angst sorgt.

Für Bleher ist besonders das wissenschaftlich nicht begründete Glyphosatverbot und das ab 2021 vorgesehene Verbot von Herbiziden und Insektiziden sowie die Unterschutzstellung von Grünland und Streuobstwiesen für die Landwirte unzumutbar. Die Aussicht, die Nutzpflanzen nicht mehr vor der Konkurrenz der Unkrautflora und vor der Vernichtung durch Schadinsekten schützen zu können, gefährdet die Existenz der Bauern.

Frustration und Depression in der Landwirtschaft

„Glyphosat“ habe sich in der Bevölkerung zu einem „Kampfbegriff“ entwickelt, so Bleher. Letzlich befürchten die Bauern mit dem Agrar- und Insektenschutzpaket den Einstieg in ein Berufsverbot. Denn überall auf der Welt werde nach wie vor mit den Pflanzenschutzmitteln gearbeitet, „die bei uns verboten werden. Gleichzeitig werden die Lebensmittel aus diesen Ländern zu uns importiert und stehen hier in den Regalen“, so Bleher. „Dies erzeugt eine Frustration und Depression in der Landwirtschaft, wie ich sie in den letzten 30 Jahren nie erlebt habe. Das Volksbegehren proBiene ist das zusätzliche i-Tüpfelchen des Ganzen“, schildert Bleher.

Denn wenn es keine Möglichkeit mehr gäbe, Schadpflanzen und Schadinsekten zu bekämpfen, mache ein Ackerbau keinen Sinn. Der Umstieg auf Ökolandbau, der von vielen propagiert werde, führe nicht zum Ziel, weil der Ökomarkt auf einen billigeren konventionellen Markt angewiesen sei, von dem sich die Ökoprodukte preislich abheben können, sagt Bleher.

Wachsender Anteil an Öko-Landbau

Die Position des Bauernverbandes teilt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit nicht. Svenja Kleinschmidt, Pressesprecherin des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), erklärt, dass das Aktionsprogramm Insektenschutz es nicht ausschließe, Schadpflanzen und Schadinsekten zu bekämpfen. „Festgelegt wird, wo der Einsatz verboten wird, welche Ausnahmemöglichkeiten bestehen und welche Pflanzenschutzmittel betroffen seien. Es geht dabei immer um besonders schützenswerte Flächen. Wenn man etwas zum Schutz der Insekten erreichen will, dann sind Einschränkungen auch gerechtfertigt.“ Dies führe aber nicht dazu, dass Ackerbau generell keinen Sinn mehr machen würde: Dies zeige beispielsweise, dass es in Deutschland wie in vielen anderen Ländern einen erheblichen und wachsenden Anteil von Ökolandbau gäbe. Dort werden keine chemischen Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Über 90 Prozent der Produkte werden konventionell erzeugt

Bleher hingegen appelliert: „Auch wenn wir in Deutschland nur noch ‚öko‘ produzieren würden, kämen konventionelle Produkte aus der ganzen Welt in unsere Läden. Diese sind natürlich sehr viel billiger. Heute werden in Deutschland über 90 Prozent der Produkte konventionell erzeugt und wir haben jetzt schon Absatzprobleme im Biobereich. Eine staatlich verordnete Ausdehnung des Bioanbaus ist die gezielte Abschaffung der Landwirtschaft in Deutschland.“

Ohne chemische Mittel steigen die Kosten ins Unermessliche

Bleher weiter: „Wenn der Ertrag der Flächen geringer ist als der Aufwand, werden Flächen wertlos. Wenn der Ertrag durch Insekten und Pilze weggefressen würde oder die Pflanze aufgrund eines hohen Unkrautdrucks nicht mehr vernünftig wachsen könnte, hätte man keinen Ertrag. Heißt also auch, dass, wenn man eine Fläche mit Handarbeit also der Hacke bearbeiten muss, weil keine chemischen Mittel mehr angewandt werden dürften, würden die Kosten ins Unermessliche steigen: „Heute benötigt ein konventioneller Landwirt zirka fünf Stunden Arbeit je Hektar. Das sind etwa 200 Euro je Hektar. Wenn man zur Hacke greifen muss, steigt der Aufwand auf 20 bis 30 Stunden je Hektar, also auf das vier- bis sechsfache. Der Geldertrag steigt aber nicht. Somit lohnt es sich nicht mehr, Ackerbau zu betreiben“, konkretisiert der Geschäftsführer des Bauernverbandes.

Das BMU jedoch sieht auch hier keinerlei Probem: „Auch insoweit zeigt das Beispiel des Ökolandbaus, dass der Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel nicht dazu führt, dass kein wirtschaftlich tragfähiger Ackerbau mehr möglich ist.“

Unrentable Höfe werden aufgegeben

Was aber, wenn doch? Höfe könnten aufgegeben werden, weil es sich nicht mehr rentieren könnte, Landwirtschaft zu betreiben. Die Bevölkerung habe einen wesentlichen Anteil daran, ob der Landwirt etwas mit seiner Arbeit verdiene oder nicht. Wenn nicht, gäbe es den Hof nicht mehr und spätestens die nächste Generation suche sich eine andere, besser bezahlte Arbeit, untermauert Bleher.

Was genau tut das Bundesministerium für Umwelt für die Bauern, dass der Beruf „Landwirt“ attraktiv bleibt?
„Dem Bundesumweltministerium ist bewusst, dass bestimmte Maßnahmen des Aktionsprogramms Insektenschutz der Bundesregierung für Landwirte eine Herausforderung darstellen können. Daher hat sich die Bundesregierung auf Änderungen bei der landwirtschaftlichen Förderung verständigt, um Landwirte bei einer insektenfreundlichen Bewirtschaftung zu unterstützen: Dafür soll ein Sonderrahmenplan Insektenschutz in der ‚Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur Küstenschutz‘ (GAK) im Umfang von 50 Millionen Euro pro Jahr eingerichtet werden. Auch beim anstehenden Strategieplan zur gemeinsamen Agrarpolitik der EU nach 2020 soll der Insektenschutz besser verankert werden, um insektenfreundliche Maßnahmen in der Agrarlandschaft langfristig finanzieren zu können.“

 

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