07940 | 935 557
 0,00 (0 Gegenstände)

Keine Produkte im Warenkorb.

  • von links: Michael Bauer, Dr. Karajan vom Planungsbüro und Hauptamtsleiter Winter. Foto: GSCHWÄTZ

Einbahnstraße Ingelfingen: Umsatzeinbußen der Gewerbetreibenden von bis zu 30 Prozent – Kosten des Einbahnstraßenversuchs: 89.000€

„Die Feierabend-Kundschaft bleibt aus“, es werde kein neuer Wein und keine neuen Trauben mehr gekauft, stellt Susanne Schmezer fest. Sie ist Anwohnerin, Weingärtnerin und Betriebsinhaberin in der Mariannenstraße und unmittelbar betroffen von der Einbahnstraße, die seit August 2019 in Ingelfingen von der Stadt als Versuch getestet wird. Die Winzerin steht mit dem Rückgang ihrer Kundschaft nicht alleine da.

Während Wohneigentümer Wied (links) eine Beruhigung der Straße befürwortet, sieht Raumgestalter Frank (rechts) eine Schwächung des Gewerbes. Fotos durften auf Genehmigung von Bürgermeister Bauer erst am Ende der Veranstaltung gemacht werden. Foto: GSCHWÄTZ

Mariannenstraße als Abkürzung

Beim Informations- und Diskussionsabend der Stadt Ingelfingen am Donnerstag, den 07. November 2019, im Christian-Bürkert-Saal im Schwarzen Hof in Ingelfingen über den Sinn dieser als Test neu eingeführten Einbahnstraße, bei der rund 90 Besucher zugegen waren, teilten die Gewerbetreibenden aus der Mariannenstraße weitestgehend die Meinung von Schmezer.  Auch Thomas Frank von der Raumausstattung Frank in Ingelfingen machte seinem Ärger an diesem Abend Luft: „Wir haben es schon schwer genug als kleine Gewerbetreibende, zumal es uns die Kommune auch nicht immer leicht macht. Für uns war es gut, dass abends viele die Mariannenstraße als Abkürzung genutzt haben.“ Damit meint Frank vor allem die Pendler aus Richtung Künzelsau, die auf dem Heimweg über Ingelfingen zum Beispiel nach Eberstal und Dörrenzimmern weitergefahren sind und über die Mariannenstraße in Ingelfingen ihren Heimweg „abgekürzt“ haben, anstatt über die Landesstraße-Kreuzung zu fahren. Dem kann Raiffeisenbank-Chef Andreas Siebert nur beipflichten, der an diesem Informationsabend ebenfalls von seinen Erfahrungen berichtete: „Ich bin dankbar, dass die Gemeindeverwaltung das macht und dass wir darüber diskutieren. Aber die Frequenz nimmt ab. Die Menschen sind unglücklich, weil sie außen herum fahren müssen.“ Fritz Haag vom Lipfersberg bestätigt dies: „Ich habe Kollegen aus Dörrenzimmern und Eberstal. Die werden sich überlegen, künftig in Künzelsau zur Bank zu gehen.“

Morgendlicher Rückstau auf der Kochertalstraße Richtung Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

Frank: „Wir haben es schon schwer genug als Gewerbetreibende“

Das Problem: Die Verkehrsteilnehmer aus Künzelsau müssen nun, um zu einem der Geschäfte in der Mariannenstraße zu kommen, quasi eine Ehrenrunde in Ingelfingens Innenstadt drehen. Das sind rund 800m Umweg, wobei dieser Umweg nun auch noch dadurch geprägt ist, dass sich seit der Einbahnstraßenregelung der Rückstau auf der Landesstraße in Stoßzeiten – vor allem zum morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr – noch vergrößert habe. Das berichten mehrere Ingelfinger an diesem Abend. Morgens zwischen 07 und 08 Uhr staue es sich nun wesentlich mehr auf der Landesstraße (Kochertalstraße) von Ingelfingen Richtung Künzelsau und abends zwischen 16 und 18 Uhr erlebe man dasselbe Spiel auf der Gegenseite von Künzelsau kommend bis in die Innenstadt Ingelfingens. Vor der Einbahnstraßenregelung habe die Mariannenstraße die Landesstraße durch den Abkürzungsverkehr hingegen entlastet.

Gewerbevereinsvorsitzender Leiser bedankte sich für die Richtigstellung bei Bürgermeister Bauer

Bürgermeister Michael Bauer verwies darauf, dass die Kochertalstraße die stark befahrenste Straße im ganzen Hohenlohekreis sei, es die starke Verkehrsbelastung auch vorher schon gegeben habe, dass der Pendlerverkehr auch in Zukunft zunehmen werde, man aber nun nicht alles auf die Einbahnstraßenregelung schieben könne. Die Einbahnstraße wurde versuchsweise eingerichtet, so Bauer, „weil Teile des Gewerbevereins und Anwohner auf zu wenig Parkplätze für Anwohner und Kunden verwiesen hätten. Es sei nicht so, betonte Bauer, wie es vielleicht falsch rübergekommen sei, dass der Gewerbeverein gewünscht habe, dass die Mariannenstraße zur Einbahnstraße werde. Heiner Leiser, der Gewerbevereinsvorsitzende von Ingelfingen, bedankte sich daraufhin für die Richtigstellung: „Wir möchten in einem guten Miteinander eine gute Lösung finden“, betonte er, gab aber gleichzeitig zu bedenken: „Man muss an eine Belebung dieser Straße denken und nicht an eine Reduzierung.“ Dies sei naturgemäß aber ein anderer Ansatz als eine Privatperson habe.“ Aber er kenne die Mariannenstraße auch als Privatperson und wenn er abends in seinem Garten sitze, störe ihn der Lärm von der Kochertalstraße mehr als von der Mariannenstraße. Er sehe im Schnitt mehr Nach- als Vorteile für eine Einbahnstraße.

Es sollten damit mehr Parkplätze geschaffen werden

Nach Beschwerden hinsichtlich der Parksituation sei laut Bauer damals ein innerstädtisches Verkehrskonzept in Auftrag gegeben worden. In diesem Zuge habe man auch den Lkw-Verkehr für die Schlossstraße / Bühlhofer Straße gesperrt. Auch die enge Schlossstraße sei dabei untersucht worden, aber eine Einbahnstraßenregelung als nicht umsetzbar erachtet worden. Das Positive bei der Einbahnstraßenregelung sei, so Bauer, dass durch die Verschiebung der Bushaltestelle an die Landesstraße auf Höhe der Kelter ein neuer Fußgängerüberweg geschaffen worden sei zwischen Kelter und dem Ausgang Schlosspark. Frühere Versuche eines Fußgängerüberweges seien an dem zu geringen Fußgängerverkehr gescheitert, so dass es keine Bewilligung seitens des Landes hierfür gegeben habe. Ähnlich sehe es an der Kreuzung auf Höhe der Apotheke aus. Bereits zweimal, so Bauer, habe man versucht, hier einen Zebrastreifen insbesondere für die Schüler zu schaffen und habe es nicht durchbekommen, weil die Fußgängerfrequenz zu niedrig gewesen sei, sprich: zu wenig Fußgänger haben die Straßen bei Analysen überquert, ein Fußgängerüberweg habe man an dieser Stelle bis heute daher nicht durchgesetzt bekommen.

Michael Bauer: „Ich verweise Falschfahrer freundlich“ auf die neue Einbahnstraßenregelung

Zwar seien und würden auch noch einige Verkehrsteilnehmer Straßenschilder anscheinend nicht lesen können und immernoch in falscher Richtung durch die neue Einbahnstraße fahren, so Bauer. Aber die Polizei habe nach der Umstellung verstärkt an dieser Stelle kontrolliert und auch er selbst habe Verkehrsteilnehmer, die falsch gefahren sind, „freundlich darauf hingewiesen“. Die Vorteile der neuen Einbahnstraßenregelung liegen für ihn klar auf der Hand: weniger Verkehrsbelastung und damit weniger Lärm und mehr Schutz für die Mariannenstraße. So berichtete das planende Ingenieurbüro Dr. Karajan von einer Entlastung der Straße von rund einem Drittel. Allein in den erhobenen acht Stunden (morgens und abends jeweils vier) seien rund 1300 Fahrzeug durchgefahren, durch die Einbahnstraße 420 weniger.

Ein Drittel weniger Fahrzeuge durch die Einbahnstraße

Auch die Parkplatzsituation sei verbessert worden, so Bauer. Thomas Frank wiederum verwies darauf, dass es früher mehr Geschäfte in der Mariannenstraße gab und dadurch auch die Kundenfrequenz höher gewesen sei. Mittlerweile aber habe sich die Parkplatzsituation „deutlich entspannt“ – auch durch die neu eingeführte eingeschränkte Parkdauer. Schmezer pflichtet dem bei: „Es waren immer mehr als ausreichend Parkplätze vorhanden.“

Hummel: „Wir werden weniger eingeparkt als früher“

Ein weiteres Problem der neuen Einbahnstraße, so Frank: Halten Lkws oder Paketdienstleister derzeit in der Einbahnstraße, blockieren sie sogleich die komplette Straße, weil für die Fahrzeuge dahinter kein Durchkommen mehr sei. Auch Busse kämen wegen der rechts und links parkenden Autos nicht immer so einfach durch. Franks Fazit: „Für mich als Gewerbetreibender wäre es ein Unding, wenn das so bleibt. Ich sehe keine Vorteile.“

Anders sieht das Uwe Wied, er vermietet ein Wohngebäude in der Mariannenstraße: „Die Lebensqualität sollte durch die Einbahnstraßenregelung erhöht werden und sieht man nach Niedernhall oder Künzelsau, ist diese Umstellung eine Gewohnheitssache, es wird aber funktionieren.“ Auch Anwohner Dieter Hummel sagt: „Wir werden derzeit viel weniger eingeparkt als früher.“ Auch an der Kreuzung bei der Apotheke habe sich der Verkehr wesentlich entspannt. Dadurch sei es für die Kinder auch sicherer geworden.

Anwohner entscheiden

Alle Anwohner Mariannenstraße erhalten nun laut Bauer ein Schreiben mit Rückmeldebogen zum Ankreuzen, ob sie für oder gegen die Einbahnstraße sind. Dann entscheide der Gemeinderat, wobei Bauer betonte, er werde im Gemeinderat dafür plädieren, sich dem Wunsch der Mehrheit anzuschließen. Leiser wollte von Bauer wissen, ob die Stimme eines Mieters genauso viel wie die eines Fachgeschäftes zähle, dass schon seit 50 Jahren vor Ort ist. Bauer bejahte dies. Des Weiteren monierten Besucher an diesem Abend, dass lediglich die Anwohner der Mariannenstraße abstimmen dürfen über die Einbahnstraße, obwohl sie im Grunde ganz Ingelfingen betrifft. So verwies Judith Heink unter anderem darauf, dass seit der Einbahnstraßenregelung viele über den Auweg ihre Fahrt abkürzen würden.

Leicht schräge Parkplätze sollen kommen

Wenn die Einbahnstraße komme, so Bauer, erfolge die weitere Planung und Umgestaltung der Straße mit leicht schräg verlaufenden Parkplätzen. Seit der Einbahnstraßenregelung gäbe es 20 Parkplätze mehr, wenn sie nun komplett neu gestaltet werden würde, seien noch viel mehr Parkplätze möglich. Außerdem käme eventuell noch eine Radspur dazu. Zudem würde die provisorische Bushaltestelle an der Kelter entfallen und eine neue Bushaltstelle entlang der Landesstraße auf Höhe des Schlossparks geschaffen werden. Zusätzlich wäre eventuell noch eine Bushaltestellte an der Kochertalststraße auf Höhe der Beschützenden Werkstätte möglich, da die Anwohner der Hochhäuser aufgrund der neuen Verkehrssituation weite Wege in Kauf nehmen müssten.

Bauer: „Wenn Sie es zahlen, dann gern“

Der NVH begrüßt laut Bauer die Einbahnstraßenregelung, da die Busse dadurch ein paar Minuten schneller in Öhringen seien und dadurch die Anschlussverbindung zur Stadtbahn besser klappe. Könnte man, wenn man sich gegen die Einbahnstraße entscheide, nicht zumindest das neue Buskonzept mit der Verlagerung der Bushaltestellen entlang der Kochertalstraße so lassen?, fragt eine Besucherin. Bauer ist da skeptisch: „Das ist eine Landesstraße. „Ob das Land bereit ist hierfür, wenn es nicht unbedingt nötig ist“, sei fraglich.

Bauer betonte, dass derzeit Sanierungsmittel vom Land zur Verfügung stünden für diese Umgestaltung zur Einbahnstraße. Auf GSCHWÄTZ-Nachfrage verwies Bauer darauf, dass der bislang dreimonatige Probelauf der Einbahnstraße rund 89.000 Euro gekostet habe. Darin unter anderem enthalten: der Umbau der Ampel, das Provisorium Bushaltestelle, die Honorar- und Planungskosten des Büros Karajan sowie die Verkehrssicherung mit dem Aufstellen der Schilder und die Kennzeichnung der neuen Parkplätze.

von links: Michael Bauer, Dr. Karajan vom Planungsbüro und Hauptamtsleiter Winter. Foto: GSCHWÄTZ

Für Weingärtner wird es eng – eventuell Sonderregelung

Die Weingärtner erbaten sich noch eine Sonderregelung. Viele hätten ihre Flächen beim Breter und haben keine andere Abfahrtmöglichkeit als in die Mariannenstraße. Dort angekommen, müssten sie mit ihren landwirtschaftlichen Fahrzeugen allerdings stark links abbiegen, was kaum möglich sei. Es wäre einfacherer und sicherer, wenn dieses kurze Wegstück auf der Mariannenstraße von der ehemaligen Metzgerei Spreng Richtung Apotheke für die Landwirtschaft freigegeben werden würde. Bauer sendete hierfür positive Signale.

Ob es denn auch einen Plan B gäbe oder erarbeitet arbeiten könnte als Alternative, wollte Leiser abschließend wissen. „Wenn Sie es zahlen, dann gern“, lautete die Antwort von Bürgermeister Bauer.