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  • Christian von Stetten kann nicht verstehen, warum jetzt auf einmal auch der Notarzt gekippt werden soll. Foto: GSCHWÄTZ

HK: “ Da kommt en Bepper drauf“ – Nur wenige Kreisräte setzen sich für Künzelsau ein – Zuschauer pfeifen Landrat aus – Die besten Zitate

Gestern war Kreistagsmarathon. Bis abends ging die Sitzung des Kreistages des Hohenlohekreises in Zweiflingen am Montag, den 04. November 2019 mit Punkten wie dem Haushalt, steigenden Abfallgebühren und das wohl emotionalste Thema von allen: der zukünftigen Gesundheitsversorgung im Hohenlohekreis. Nachdem dieser Punkt abgehandelt war, verließen dann auch schlagartig fast alle der rund 200 gekommenen Zuschauer den Saal in der Zweiflinger Mehrzweckhalle, obwohl noch einige andere Punkte wie unter anderem die steigenden Abfallgebühren auf dem Programm standen. Bis dahin aber ging es nochmal heiß her und ungewöhnlich viele Kreisräte meldeten sich beim Thema Gesundheitsversorgung  zu Wort. Für Künzelsau machten sich vor allem Hans-Jürgen Saknus (SPD), Anton Baron (AfD) und Christian von Stetten (CDU) stark. Dr. Dubowy, Kreistagsmitglied und Arzt in Krautheim, sowie Achim Beck, Bürgermeister in Niedernhall, beide nur einen Steinwurf entfernt von Künzelsau, fielen hingegen eher durch andersgeartete Äußerungen auf.

Matthias Warmuth, einer der BBT-Geschäftsführer, verwies darauf, dass BBT nicht für die ambulante Versorgung zuständig sei. Foto: GSCHWÄTZ

BBT: „Die Sicherstellung des ambulanten Bereiches liegt nicht bei uns“

Matthias Warmuth, einer der Geschäftsführer der BBT-Gruppe (die BBT-Gruppe ist der Mehrheitseigner des Hohenloher Krankenhauses (HK)), machte noch einmal mehrfach deutlich, dass „die Entwicklung eines ambulanten Gesundheitssektors in Künzelsau eigentlich nicht mehr in die Zuständigkeit der BBt-Gruppe falle. Wir haben nun keine echte Zuständigkeit mehr, lediglich in der stationären Versorgung. Die Sicherstellung des ambulanten Bereiches liegt nicht bei uns.“ Aber er betonte auch: „Wir möchten den ambulanten Sektor so weit es geht unterstützen“, auch wenn das nicht das eigentliche Handlungsfeld der BBT sei.“Wir möchten ein Mehr an ambulanter Versorgung schaffen. Eine ambulante Versorgung aber kann ein Krankenhaus nicht in Gänze ersetzen“,  das weiß auch Warmuth und sagte weiter: „Wir werden Sitze niemals gegen die bereits niedergelassenen Kollegen etablieren, sondern mit ihnen.“ Hintergrund dieser Aussage ist, dass man eine Sonderbedarf für ärztliche Sitze hätte beantragen können, die durch die Schließung eines Krankenhauses wegfallen, zum Beispiel im Bereich der Inneren Medizin. Die BBT-Gruppe hat diese Sonderbedarf nicht beantragt, weil die niedergelassenen Ärzte in Künzelsau laut BBT-Aussagen nicht dahintergestanden seien. Somit werden diese Sitze für Künzelsau erst einmal nicht kommen.

Landrat Dr. Matthias Neth verweist auf Sanierungskosten von über 40 Millionen Euro für den „Bettenblock“ in Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

Landrat Neth: „Ich weiß, dass viele kein Verständnis haben“

Landrat Dr. Matthias Neth weiß, dass er und der Kreistag wegen der Entscheidung zur Schließung des Krankenhausstandortes in Künzelsau noch immer massiv bei den Bürgern besonders in Künzelsau in der Kritik stehen: „Ich weiß, dass viele weiterhin kein Verständnis für die Verlegung der akutstationären Versorgung nach Öhringen haben.“ In diesem Zuge zählte er aber Beispiel um Beispiel in ganz Baden-Württemberg auf, wo Krankenhäuser geschlossen und MVZ gebildet wurden, unter anderem nannte er Brackenheim und Möckmühl. Durch diese Zentralisierung soll eine „bessere Gesundheitsversorgung erreicht werden“.

Neth zum Neubau Öhringen: „Es wird eine extreme Herausforderung, im Kostenrahmen zu bleiben“

Anton Baron (AfD) verwies hingegen darauf, dass die MVZs in Brackenheim und Möckmühl kläglich gescheitert seien.“Der Beschlussantrag ist für uns eine große Enttäuschung. In Künzelsau können künftig Patienten nur noch ambulant behandelt werden.“ Tatsächlich bringe dieser Sitzdienst bei einer lebensbedrohlichen Krankheit nichts, nur der Rettungsdienst. Auch bei einem Beinbruch könne dieser Notarzt im Sitzdienst in Künzelsau nicht wirklich viel bewirken. „Wir sehen einen Handlungsbedarf im Bereich des Rettungsdienstes“, sagte er  und forderte zugleich einen Ausbau des Rettungsdienstes. „Wir werden das Medizinzentrum mittragen. Besser etwas als gar nichts. Aber es ersetzt ein Krankenhaus nicht“, machte Baron zum Schluss noch einmal deutlich. Auf Barons Frage, ob es stimme, dass der Neubau in Öhringen keine 100 Millionen, sondern mittlerweile zwischen 150 und 200 Millionen Euro kosten solle, äußerte sich Landrat Neth nur insofern, als dass er sagte, dass die derzeitigen Baukosten deutschlandweit steigen und daher immer schwerer zu kalkulieren seien. Auf erste Kostenschätzungen der Architekten „warten wir noch“, sagte Neth. Es werde jedoch „eine enorme Herausforderung, im Kostenrahmen zu bleiben“.

Anton Baron: „Wir sehen einen Handlungsbedarf im Rettungsdienst“

Anton Baron (2. von rechts) stellte einige kritische Nachfragen im Bezug auf die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

Christian von Stettens neues Praxishaus stand in der Kreistagssitzung in der Kritik. Foto: GSCHWÄTZ

Für Stefan Neumann gab es schon angenehmere Kreistagssitzungen (4. v. links). Foto: GSCHWÄTZ

Bürgermeister Stefan Neumann hielt sich an diesem Abend mit öffentlichen Äußerungen in der Kreistagssitzung zurück. Er sagte lediglich unmittelbar nach dem Statement der BBT-Gruppe: „Ich darf mich bedanken, dass Sie heute öffentlich gemacht haben, wo wir eigentlich stehen, was kommt und was nicht im ersten Schritt kommt (Anm. d. Redaktion: zusätzliche Angebote im Bereich der Pflege). Die Stadt Künzelsau ist natürlich bereit, diesen Prozess gemeinsam zu gehen, so dass wir auch inhaltlich vorankommen. Das ist wichtig für den Mittelbereich Künzelsau.“ Völlig überrascht war er laut eigenen Aussagen von dem Antrag von Achim Beck im Namen der Bürgerlichen Wählervereinigung (BWV), den geplanten Notarzt-Sitzdienst, der ab November 2019 in Künzelsau kommen soll, bereits im Februar 2020 hinsichtlich der Sinnhaftigkeit eines solchen Sitzes zu prüfen. Beck: „wir fordern Fallzahlen, Patientenkosten und die Ergebnisse der Behandlungen.“ Für einige Zuschauer kam dieser Vorschlag ebenfalls überraschend, ist doch Beck mit seiner Stadt Niedernhall nur einen Steinwurf von Künzelsau entfernt und gehört damit ebenfalls zum Einzugsgebiet der Kreisstadt.

Niedernhalls Bürgermeister Achim Beck (3. von rechts) stellte die Sinnhaftigkeit eines Notarzt-Dienstes in Künzelsau in Frage. Auch Dubowy (2. von rechts), ebenfalls von den Freien Wählern, erachtet den Notarzt-Sitzdienst in Künzelsau als wenig sinnvoll. Foto: GSCHWÄTZ

Doppelstrukturen? von Stettens neues Praxishaus in der Kritik

Laut Beck seien die Kosten von über 500.000 Euro jährlich nicht zu vertreten im Hinblick darauf, dass dieser Notarzt nicht mal ein Rezept oder eine Überweisung ins Krankenhaus ausstellen könne. Irmgard Kircher-Wieland von der SPD stimmte ihm dabei zu. Waltraud Kuhnle (FDP, Ingelfingen) fragte gar: „Wer bezahlt ein eventuell nicht kostendeckendes MVZ?“ Wieder ging es in dieser Kreistagssitzung in erster Linie um die Kosten in Künzelsau. Beinahe ausgeklammert wurden die immensen Neubau-Kosten in Öhringen. Auf GSCHWÄTZ-Nachfrage sagte Neumann in Bezug auf die Forderung der Freien Wähler, den Notdienst-Sitz bereits im Februar ob der Sinnhaftigkeit zu überprüfen: Eine derartige Forderung „untergräbt die Glaubwürdigkeit des Kreistages.“ Christian von Stetten führte diesen Glaubwürdigkeitsverlust denn auch in der öffentlichen Sitzung näher aus, indem er Achim Beck antwortete: „Dazu kann ich  nur sagen: Ursprünglich wollten wir zwei Krankenhäuser halten, dann sollte Künzelsau erst geschlossen werden, wenn Öhringens Neubau fertig ist. Dann sollte zumindest eine 24-Stunden-Versorgung für Künzelsau gewährleistet sein. Und jetzt steht auch das auf der Kippe?“ Er habe seine Zweifel, ob das noch vermittelbar sei.

Kuhnle, FDP, Ingelfingen: „Wer bezahlt ein nicht-kostendeckendes MVZ?“

Aber auch Christian von Stettens neues Ärztehaus, das im Frühjahr Eröffnung feiern soll, stand in dieser Kreistagssitzung in der Kritik. Hans-Jürgen Saknus erinnerte daran, dass rund 300 Milliarden jährlich in Deutschland für die Gesundheitsvorsorge zusammenkämen. „Nun ist bekannt, dass Christian von Stetten seit Bekanntwerden der Schließung an einem eigenen Ärztehaus baut und Dr. Kühn unter anderem in dieses Ärztehaus einzieht und seine Dienste dort anbietet. Zugleich entstehen dort ambulante OP-Räume.“ Schloss Stetten habe lediglich 281 Einwohner, liege auch nicht zentral. „Ist das im Sinne der Zentralität?“, fragt Saknus. Und weiter: Wie könne etwas in Schloss Stetten möglich sein, in Künzelsau aber müsse um alles gekämpft werden? Christian von Stetten indes erwiderte: „Wenn Professor Dr. Karle nicht hätte bauen können, hätte man ihn in Heidelberg besuchen können. Ich bin froh, dass dieser absolute Spezialist in Künzelsau bleibt.“

Hans-Jürgen Saknus (SPD, 1. von rechts) sprach Tacheles für Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

Saknus: „Ist das Ärztehaus in Schloss Stetten im Sinne der Zentralität?“

Des Weiteren erinnerte Saknus an das Ärztehaus, das vor rund zehn Jahren in Künzelsau gebaut wurde. Komme da nun noch mehr oder bleibe es im Grunde nicht einfach bei eben diesem Ärztehaus? In Bezug auf die BBT-Äusserungen hinsichtlich der geringen Kooperationsbereitschaft der Ärzteschaft in Künzelsau fragte Saknus: „Wie ist man denn mit der Ärzteschaft im Raum Künzelsau umgegangen und ist man auf sie zugegangen? Wurden denn Kompensationsangebote gemacht durch den Wegfall der stationären Versorgung? Wurde über ambulante Räume für operative Eingriffe gesprochen oder nicht, damit die Patienten letztendlich nach Öhringen gehen, um dort das Haus zu füllen?“ Viel Applaus bekam Saknus für seine kritischen Fragen und Anmerkungen aus den Zuschauerreihen. Landrat Neth, bei dem zu Beginn der Sitzung viel gelacht wurde, verwies die Zuschauer darauf, dass „eine Kreistagssitzung nicht vorsehe, dass gebuht oder gejubelt wird.“ Daraufhin erntete Neth noch mehr Pfiffe aus den Zuschauerreihen.

Neth: „Eine Kreistagssitzung sieht nicht vor, dass gebuht oder gejubelt wird“

Kreisrat Prof. Dr. Otto Weidmann, Otto bezeichnet das Ärztehaus in Schloss Stetten indes als „Riesenchance, nur zehn Minuten von Künzelsau weg“. Allerdings müsse man schon schauen, „dass es da keine Doppelstrukturen gibt“.

Frau Junge von der BBT-Gruppe erläuterte, dass Prof. Dr. Karle neben seiner baldigen Tätigkeit in Schloss Stetten auch im Öhringer Krankenhaus mit Belegbetten weiterhin tätig sein wird, ebenso wie der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Krist von Künzelsau sowie Dr. Renner.

„Dieses Haus kann struktuell in schwarzen Zahlen geführt werden“, betonte BBT-Geschäftsführer Warmuth. Allein dieser Satz machte deutlich: Öhringen ist längst nicht über den Berg. Aber Warmuth sagte auch: „Wir hätten uns nicht engagiert, wenn wir nicht geglaubt hätten, dass es eine Zukunft hat.“

Dubowy: „20 km mehr fahren ist kein Beinbruch, aber das Hospiz hat einen echten Mehrwert für die Region“

Das Schlusswort überlassen wir an dieser Stelle dem Krautheimer Arzt Dr. Dubowy, der die bis auf den letzten Stuhl gefüllten Zuschauerreihen „begrüßt“ und den Besuchern erklärt: „Die Schließung des Krankenhauses erfolgt durch eine Veränderung in der ärztlichen Qualifikation. Wir haben einfach das Problem, dass wir nicht von einem Feld- und Wieseninternisten untersucht werden wollen. Und diese Fachgruppen bekommen Sie nicht mehr gestellt.“ Dabei lässt Dubowy außen vor, dass das HK viele gute Fachkräfte hatte. Aber unlängst haben erst wieder zwei sehr gute Chefärzte gekündigt. „Und der Patient möchte, dass ihm auch mal der Magen nach 18 Uhr gespiegelt wird und nicht so, wie wir es zum Schluss hatten.“ Auch das stimmt so nicht, fragt man  Bürger in Künzelsau. Diese erklären, dass sie eher froh sind, wenn sie nicht bis spät abends warten müssen. „Aber“, so Dubowy weiter, „wir müssen darauf achten, dass die Sitze nicht nach Öhringen abwandern. Und das finanzieren und tragen alle Gemeinden nun so mit. Das ist keine Selbstverständlichkeit und das muss man den Künzelsauern auch mal sagen.“ Die Dankbarkeit entzündete sich nicht sofort bei den anwesenden Besuchern aus Künzelsau. Aber das kann ja noch kommen.Auch den Notarzt-Sitzdienst, der nun für Künzelsau kommen soll, sieht er, ähnlich wie sein Fraktionskollege Achim Beck weitestgehend als sinnlos an, da dieser Notarzt kein Kassenrezept ausstellen darf, zum Beispiel bei einer Blasenentzündung. Auch keine Berufsunfälle dürfe er behandeln noch Schlaganfälle. Da bliebe einzig eine Kopfpflanzwunde, die es zu verarzten gelte und da gebe es eben „einen Bepper drauf und dann ab ins Krankenhaus“. Jetzt müssten halt die Künzelsauer weiter fahren als bislang. Aber „bei mir fahren die Patienten schon ewig 20 Kilometer zum nächsten Arzt“, sagt Dubowy. Das Hospiz wäre seiner Meinung nach aber ein echter Mehrwert für die Region.

Eine Analyse von Dr. Sandra Hartmann

Fotos: Matthias Lauterer