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  • Falk Sulek - 'Offene Kirche'. Foto: Kirchenwahl

Erschütternd für Christen – Landessynode-Kandidaten nehmen Stellung zu den Missbrauchsskandalen

Am 1. Advent am 01. Dezember 2019 wählen rund zwei Millionen Wahlberechtigten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg neue Kirchengemeinderäte und eine neue Landessynode. Etwa 10.000 neue Kirchengemeinderäte leiten die 1.244 Kirchengemeinden der Landeskirche zusammen mit ihrem Pfarrer. Die 90 ebenfalls zu wählenden Landessynodalen bestimmen den Kurs der gesamten Kirche auf landeskirchlicher Ebene mit.

Im Wahlkreis Künzelsau-Schwäbisch Hall-Gaildorf sind drei Wahlvorschläge der Landessynodalen mit jeweils einem Laien und Theologen eingegangen:

Wahlvorschlag ‚Lebendige Gemeinde‘
Laien: Bleher, Andrea, Dipl.-Agr.-Ing. (FM), Hausfrau, Untermünkheim
Theologen: Matthias Bilger, Pfarrer, Rosengarten

Wahlvorschlag ‚Evangelium und Kirche‘
Laien: Sawade, Annette, Dipl.-Chemikerin, Schwäbisch Hall-Wackershofen
Theologen: Schatz, Kurt Wolfgang, Schuldekan, Schwäbisch Hall

Wahlvorschlag ‚Offene Kirche‘
Laien: Sulek, Falk, Pädagoge, Künzelsau
Theologen: Stähle, Holger, Pfarrer, Schwäbisch Hall

GSCHWÄTZ hat die einzelnen Kandidaten um ein Interview gebeten und Ihnen vier Fragen gestellt. Die Antworten von Holger Stähle liegen bislang noch nicht vor.

 

Andrea Bleher –  ‚Lebendige Gemeinde‘

Andrea Bleher möchte missioniarisch  tätig und möchte sich für eine starke Kirche im ländlichen Raum einsetzen. Auf die Missbrauchsskandale der katholische Kirche angesprochen, sagt sie, dass diese Fälle sensibel aufgearbeitet werden müssen und eine starke Präventionsarbeit wichtig ist.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Bleher: Mein Glaube an Jesus Christus bewegt mich, mich ehrenamtlich einzusetzen und Kirche mitzugestalten, damit Menschen mit der befreienden und froh machenden Botschaft des Evangeliums erreicht werden, wie Jesus es sagt. Ich bin durch die Jugendarbeit in meiner Heimatgemeinde zum Glauben gekommen, deshalb sind mir Jugendarbeit und Gemeindearbeit besonders wichtig.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Bleher: Für mich sind die wichtigsten Ziele: missionarisch Kirche sein. Alles, was dazu dient, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, ist zu unterstützen. Bibellesen, Glaubenskurse oder neue Aufbrüche gehören auf jeden Fall dazu. Gemeinden haben Vorfahrt. In der Gemeinde vor Ort ist Kirche mit ihrer Botschaft in Wort und Tat nah bei den Menschen und bietet Heimat. Ehrenamt stärken und fördern. Ehrenamtliche sind die Säulen der Gemeinde. Wir sollten in der nächsten Synode einen großen Kongress für das Ehrenamt durchführen und Ehrenamtliche unterstützen. Pfarramt lebbar gestalten. Damit wir für die Zukunft genügend Pfarrerinnen und Pfarrer haben brauchen wir neben dem universitären Studium weitere Zugänge zum Pfarramt, zum Beispiel Masterabsolventen der Theologie. Freiraum für Innovation. Kirche muss sich erneuern. Die Botschaft ist klar, doch Formen von Gottesdiensten, Gemeinden oder Musikstile können sehr unterschiedlich sein. Kirche muss zukünftig mehr Spielraum für Innovation bieten. Dafür sind finanzielle und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Familien stärken. Von Anfang religiöse Bildung und Erziehung unterstützen. Familie, Kindergarten, Kinderkirche, Jugendarbeit, konfessioneller Religionsunterricht sind die klassischen kirchlichen Handlungsfelder und sollen einen Schwerpunkt erhalten. Kirche im ländlichen Raum. In der Fläche präsent sein, Kirche im ländlichen Raum zu stärken, weil die Menschen dort eine große Verbundenheit zu ihrer Kirche haben und aktiv an der Gemeindearbeit beteiligt sind. Landwirtschaftliche Familien in unseren Kirchengemeinden müssen mehr als bisher beteiligt werden, wenn sich Kirche zu Umwelt- und Klimathemen äußert, denn die Landwirte prägen mit ihrer Arbeit den ländlichen Raum und sorgen für unsere Ernährung.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Bleher: In Württemberg spielt nach meiner Beobachtung die Kirche eine wichtige öffentliche Rolle. In kleineren Gemeinden wird sie als Partner und wichtiger Akteur vor Ort wahrgenommen. Besonders bei der Kindergartenarbeit, im diakonischen Handeln wie den kirchlichen Pflegediensten und wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in der Schule am Ort Reli unterrichten. Oft begegnen sich Bürgermeister und Pfarrer bei den Besuchen von Jubilaren und in vielen Kirchengemeinden werden Gottesdienste im Jahreslauf gemeinsam mit Vereinen gefeiert. Aber auch in den Städten in unserer Region ist Kirche als Gegenüber und Partner wichtig, das zeigen die gute Zusammenarbeit bei Flüchtlingshilfe und Integration. Aber auch bei der Bearbeitung von Fragen, bei denen es um ethische Entscheidungen wie zum Beispiel zu Beginn und am Ende des Lebens geht, friedensethische und soziale Gerechtigkeit oder Umgang mit künstlicher Intelligenz ist Kirche ein gefragt. Glaube ist keine Privatsache und wirkt vom Auftrag her in die Öffentlichkeit als eine Kirche, die hilft, begleitet und bildet.

Kirche wird dann im Leben der Menschen eine Rolle spielen, wenn sie lebensrelevant ist, wenn sie Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit anspricht und Möglichkeiten für Gemeinschaft bietet und sinnstiftende Antworten auf die Fragen hat, die Menschen heute bewegen. Antworten, die das Licht und die Zuversicht des Glaubens wohltuend verbreiten. Ich denke wiederum an neue Formen von Gemeinschaft z.B. in einem Muskelhauskreis für junge Männer im Fitnessstudio oder an  ein Nähtreffen im Gemeindehaus mit Nähmaschine und inspirierendem Nähen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Bleher: Wir wissen, dass ein Skandal in der katholischen Kirche auch bei uns Kirchenaustritte bewirkt. Wir wollen in unserer Kirche achtsam sein und sexualisierte Gewalt wahrnehmen und überwinden. Das ist seit vielen Jahren Thema in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Dazu gehört eine sensible Aufarbeitung, wo es traurigerweise dazu gekommen ist, klare Verfahrensregeln und eine umfangreiche Prävention, damit künftige Grenzverletzungen geahndet und verhindert werden.

Andrea Bleher –  ‚Lebendige Gemeinde‘. Foto: Kirchenwahl

 

Matthias Bilger -‚Lebendige Gemeinde‘

Matthias Bilger möchte Menschen zum Glauben einladen und setzt sich dafür ein, dass „Jesus das Zentrum der Kirche bleibt“. Er sieht es kritisch an, dass sich die Kirche zu viele „politische Nebenschauplätze eröffnet“ habe. Das wäre bei ihm künftig weniger der Fall.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Bilger: Ich bin in der Evangelischen Landeskirche aufgewachsen und dort auch zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gekommen. Auch heute haben landeskirchliche Gemeinden noch großartige Möglichkeiten, Menschen zum Glauben einzuladen und eine geistliche Heimat zu bieten. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Möglichkeiten gut genutzt werden und dass Jesus das Zentrum der Kirche bleibt.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Bilger: Zunächst einmal die Stärkung der Gemeinden vor Ort. Statt die mittlere oder höhere Ebene zu erweitern (finanziell oder auch von den Kompetenzen her) muss möglichst viel Gestaltungsspielraum vor Ort sein. Außerdem geht es mir um eine klare Fokussierung auf unseren Kernauftrag: Jesus und das Vertrauen zu ihm. Die Kirche hat m. E. zu viele (politische) Nebenschauplätze eröffnet und meint sich zu jedem und zu allem äußern zu müssen. Da wäre weniger in jedem Fall mehr!

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Bilger: Die Stärke der evangelischen Kirche war eigentlich immer eine klare Botschaft und eine hohe Flexibilität bei den Formen. Deshalb sollten wir alle neuen Medien, alternative Beteiligungsformen und verschiedenste Musikstile etc. nutzen, solange die Botschaft stimmt. Die Kirche als anerkannte Institution in unserem Land wird wohl an Bedeutung verlieren, nicht jedoch der zeitlose Inhalt, der eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Sinn, dem Umgang mit Schuld und dem Leben nach dem Tod. Außerdem können die Gemeinden vor Ort Halt bieten in einer immer komplizierter und unübersichtlicher werdenden Zeit.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Bilger: Sie tangieren uns insofern, als wir Christen, egal zu welcher Konfession wir gehören, letztlich in einem Boot sitzen. Unser „Steuermann“ ist Jesus Christus und unser Handbuch die Bibel. Deswegen kann uns das Thema nicht egal sein. Wir haben auch keinen Anlass mit dem Finger auf die katholische Kirche zu zeigen. Wichtig finde ich, dass die Sensibilität für das Thema gewachsen ist und sowohl katholische als auch evangelische Kirche in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen verschiedene Maßnahmen ergriffen haben, damit solche Fälle verhindert oder zumindest frühzeitig erkannt werden.

Theologe Matthias Bilger -‚Lebendige Gemeinde‘. Foto: Kirchenwahl

 

Annette Sawade -‚Evangelium Kirche‘

Annette Sawade möchte bestimmte Strukturen und Regelungen hinterfragen und gegebenfalls ändern im Sinne einer lebendigen evangelischen Kirche.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Sawade: Als Tochter eines evangelischen Pfarrers bin ich mit der evangelischen Kirche großgeworden. Mein größtes und geliebtes Engagement war sehr lange die Kirchenmusik und eher nicht die Arbeit in den innergemeindlichen Strukturen. Diese waren außerdem in der DDR, wo ich fast 30 Jahre bis zur unserer Ausreise gelebt habe sehr viel anders als die, die ich dann in Baden-Württemberg kennengelernt habe. Dort die strenge Trennung von Staat und Kirche mit vielen Restriktionen für kirchlich Engagierte, im Westen oft eine es gehört „zum guten Ton“ Teilnahme. Nun habe ich vor etwa acht Jahren den Vorsitz des Vereins für Diakonie und Nachbarschaftshilfe in meiner Gemeinde übernommen. das war eine richtig gute Möglichkeit, wieder stärker im Gemeindeleben aktiv zu werden. Die Anfrage für die Synode zu kandidieren hat mich sehr gefreut vor allem die Anfrage von  Evangelium und Kirche, da ich das große Engagement für die Diakonie aber auch die Bereitschaft sich in die großen gesellschaftspolitischen Diskussionen einzumischen gern stärker unterstützen möchte.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Sawade: Die Arbeit der Synodalen verstärkt in die Gemeinden zu tragen und das Feedback von dort mitzunehmen. Denn es sind doch unsere Gemeinden, die die Kirche lebendig erhalten. Dazu gehört aber auch, bestimmte Strukturen oder Regelungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern im Sinne einer lebendigen, Modernen aufgeschlossenen evangelischen Kirche. Es gilt dabei Tradition zu wahren aber auch sich dadurch nicht den Blick in die Zukunft zu verstellen.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Sawade: Die Kirche hat auch in unserer Zeit ihre Existenzberechtigung. Was wäre denn die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR ohne die Kirche gewesen? Und heute und hier? Viele Menschen suchen in unserer so komplexen Welt nach Hilfe und Erklärungen. Hier kann, nein muss doch gelebter Glaube in einer Kirchlichen Gemeinschaft Hilfestellung, Vermittlung unserer christlichen Werte und damit Beispielgebend sein, um z.B. Hass und Diskrimierung abzulehnen. Die Menschen suchen Spiritualität, Zusammenhalt und Unterstützung aber oft wenden sie sich dann dubiosen Heilsverkündern zu. Hier kann Kirche aufklären, helfen natürlich ohne Demagogie. Aber wir müssen unsere Ansprache auch so gestalten, dass die Menschen uns finden und sich an uns wenden. Wir müssen Kirchentüren und Gemeinden offen halten, für jede und jeden, ob alt oder jung, egal woher. Und wir müssen aufsuchende Kirche werden, nicht nur wenn jemand nicht mehr laufen kann, sondern auch andere Möglichkeiten der Begegnung anbieten und suchen. Für mich gehört dazu auch der offene Diskurs auf Augenhöhe mit anderen Religionen, der Respekt vor dem Gegenüber, was ich natürlich dann auch vom anderen erwarte.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Sawade: Auch ein einziger Missbrauchsfall – egal in welcher Kirche – ist nicht tolerierbar. Das Ausnutzen von Abhängigkeiten zum eigenen Vorteile – egal in welcher Form – ist nicht tolerierbar. Es ist auf jeden Fall Aufklärung des Fälle und entsprechende Transparenz das Gebot der Stunde. Ja die Kirche hat dadurch und zu Recht erheblichen Vertrauensverlust erhalten. Deshalb müssen wir alles tun, durch Aufklärung und Prävention und besonderen Schutz der uns Anvertrauten, um solches in Zukunft zu verhindern.

 

Annette Sawade -‚Evangelium Kirche‘. Foto: Kirchenwahl

 

Kurt Wolfgang Schatz – ‚Evangelium und Kirche‘

Kurt Wolfgang Schatz hat sich schon in jungen Jahren bis jetzt in verschiedenen Bereichen der Kirche engagiert. Er möchte ein Vermittler zwischen den Menschen in den Gemeinden und den kirchlichen Entscheidungsträgern sein.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Schatz: Ich stamme aus einer kirchlich geprägten Familie und habe mich von klein auf in der Kirche bewegt und später auch engagiert: im evangelischen Kindergarten unter der Leitung einer Diakonisse, in der Kinderkirche, in der evangelischen Jugendarbeit (CVJM); später als Jugendleiter und Kinderkirche-Mitarbeiter. Ich habe mich im Religionsunterricht für die Sinnfragen des Lebens interessiert und deshalb auch Theologie studiert. Ich war danach Gemeindepfarrer und 15 Jahre Religionslehrer im staatlichen Schuldienst. Heute möchte ich alle diese Erfahrungen in die aktuellen Entscheidungsprozesse unserer Landeskirche einbringen. Mir ist dabei besonders wichtig, in allen Feldern kirchlichen Handelns die Bildung zu stärken, damit die Menschen aller Generationen ihre in ihnen angelegte Begabungen zur Entfaltung bringen können.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Schatz: Ich möchte Vermittler sein zwischen den Menschen in den Gemeinden, an der kirchlichen Basis und den kirchlichen Entscheidungsträgern. Kirchliche Entscheidungen sollten transparent diskutiert werden. Keine Entscheidung sollte über die Köpfe der betroffenen Menschen gefällt werden. So müssen die Pfarrplan-Kürzungen abgefedert werden, damit gerade auch in den ländlichen kleinen Gemeinden die Kirche präsent bleibt. Wir müssen Menschen motivieren, sich in der Kirche zu engagieren. Christlicher Glaube und christliche Spiritualität muss überall in unserer Kirche erfahrbar und erlebbar bleiben. Das sollte in den Gottesdiensten und den generationenübergreifenden Bildungsangeboten unserer Kirche geschehen.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Schatz: Die gesellschaftliche Rolle der Kirche unterscheidet sich deutlich von der Bedeutung der Kirche in früheren Zeiten. Man kann heute von einem großen Bedeutungsverlust sprechen. Das muss wahrgenommen und kritisch beleuchtet werden. Dennoch ist Kirche auch für die Gegenwart wichtig – und in ganz besonderer weise auch für die Zukunft (junge Generation/ Klimawandel/ Umwelt/ Frieden…). Als Kirche müssen wir uns aktiv und hörbar in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und offen die christliche Botschaft vertreten. Wir müssen gegen Hass und Gewalt Stellung beziehen und gegen alle gesellschaftlichen Ausgrenzungen . Ziel muss ein friedliches Miteinander sein und ein stets gewaltfreier Dialog in allen Lebensbereichen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Schatz: Viele Menschen unterscheiden heute nicht mehr zwischen den Kirchen und Konfessionen. Für unsere Kirche ist es wichtig jegliche Form des Missbrauchs zu erkennen, zu benennen und zu verurteilen. Man muss sofort und nach klar festgelegten Vorgaben eingreifen und handeln. Dabei muss Opferschutz vor Täterschutz kommen.

 

Kurt Wolfgang Schatz – ‚Evangelium und Kirche‘. Foto: Kirchenwahl

 

 

Falk Sulek – ‚Offene Kirche‘

Falk Sulek möchte sich für eine weltoffene Kirche einsetzen und überkommene Traditionen aufbrechen. Er möchte sich für mehr Freiheit, Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und Mut in der Kirche einsetzen.

GSCHWÄTZ: Was sind Ihre Beweggründe, sich als Kandidat für die Wahl zur evangelischen Landessynode aufstellen zu lassen?

Sulek: Mit meiner Kandidatur möchte ich für eine plurale und weltoffene Kirche eintreten. Wir brauchen eine Kirche, die sich von der Liebe Gottes getragen weiß, die aktiv handelt und die nah bei den Menschen ist. Und vor allem möchte ich die Kirche und die Theologie nicht denen überlassen, die meinen, an festgefahrenen, überkommenen Traditionen und engstirnigen Weltbildern kleben zu müssen. Wir brauchen mehr Freiheit, Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und Mut.

 

GSCHWÄTZ: Welche Ziele hoffen Sie nach Ihrer Wahl zu erreichen?

Sulek: Ich setze mich zum Beispiel für die absolute Gleichstellung homosexueller Paare ein, was auch die Einführung der Trauung für alle umfasst. Aber auch sonst spielen Geschlechtergerechtigkeit und die Akzeptanz menschlicher Vielfalt eine große Rolle für mich. Ein persönliches Herzensanliegen ist mir auch die Friedensarbeit der Kirche sowie die Vertiefung und Förderung des interreligiösen Dialogs, insbesondere mit dem Islam. Aber auch die Themen Klimagerechtigkeit, Bildungsarbeit und ein stärkerer Einsatz der Kirche für soziale Gerechtigkeit stehen bei mir ganz oben auf der Prioritätenliste.

 

GSCHWÄTZ: Welche Rolle, glauben Sie, kann die Kirche in unserer heutigen Zeit noch spielen? Spricht sie die Menschen überhaupt noch an?

Sulek: Die Rolle der Kirche ist auch heute noch vielfältig. Einerseits auf der ganz persönlichen Ebene als Ort der Gemeinschaft, der Beziehungserfahrung und des Kontakts zu anderen Menschen. Vielen Menschen ist die Kirche eine wichtige Begleiterin an den Wendepunkten des Lebens (Taufe, Trauung, Beerdigung, …). Vergessen werden dürfen auch nicht die zahlreichen diakonischen Aufgaben, die die Kirche übernimmt und worin Menschen Zuwendung und Hilfe in persönlichen und sozialen Notlagen erfahren. Hinzu kommt dann auch die Kirche als Raum für das Heilige: Die Verkündigung der christlichen Botschaft, Gottesdienste, Räume für Gebet, Stille und Meditation. Und natürlich ist der Glaube auch immer politisch und die Kirche eine bedeutsame gesellschaftspolitische Kraft. Wichtig ist: Wenn die Kirche auch in Zukunft ernstgenommen werden will, dann muss sie sich auch den Menschen zuwenden, offen für alle sein, präsent sein, authentisch sein. Kirche braucht den Mut, neue Wege zu gehen, sich selbst neu zu denken und überkommene Traditionen auch mal fallen zu lassen.

 

GSCHWÄTZ: Inwieweit tangieren die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche der jüngsten Zeit – auch die evangelische Kirche?

Sulek: Die Missbrauchsskandale erschüttern auch evangelische Christ*innen – das steht außer Frage. Es darf auch nicht verkannt werden, dass es in der Vergangenheit auch innerhalb evangelischer Landeskirchen schon zu Missbrauchsfällen gekommen ist, die dringend aufgearbeitet werden müssen. Die Strukturen, die solche Fälle überhaupt erst möglich werden lassen konnten, müssen aufgedeckt werden. Es bedarf klarer Präventivmaßnahmen, Schutzkonzepte in allen Bereichen, aber auch konkrete und schnelle Beratungs- und Hilfsmaßnahmen für Betroffene sowie Entschädigungsleistungen.

 

Falk Sulek – ‚Offene Kirche‘. Foto: Kirchenwahl