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  • Anwohner in Ingelfingen klagen über nächtelange Lärmbelästigung. Foto: privat

Wenn einem der Nachbar Angst macht

„Drei Beamte gelangen mit stark leuchtenden Taschenlampen über das Nachbargrundstück in den Garten und vor das Fenster des Mannes. Dieser brüllt weiter lautstark und läßt sich gar nicht stören. ,Ist mir doch egal‘, sagt er immer wieder, als die Polizeibeamten ihn darauf hinweisen, dass seine Nachbarn schlafen wollen und dass das Ruhestörung sei, was er hier betreibe. ,Hör jetzt endlich auf und sei ruhig‘, fahren ihn die Beamten an. ,Ich kann nicht aufhören, ich muss das tun‘, lautet seine Antwort und der Singsang geht weiter. ,Komm runter, wir wollen mit dir reden‘, versuchen es die Beamten noch einmal. ,Mach ich nicht‘, ist seine Antwort.

,Wenn du nicht runterkommst, kommen wir rauf.‘
,Ich komm nicht runter. Macht doch!‘
,Wenn du jetzt nicht endlich Ruhe gibst, nehmen wir dich mit in die Zelle!‘
,Mir doch egal.‘ Es folgen Beschimpfungen, die nicht neu für die Nachbarn sind. Unter anderem ,Motherfucker‘ schreit der Mann immer wieder.“

Was sich wie eine Polizeiparodie anhört, ist bittere Realität für die Anwohner eines Stadtviertels in Ingelfingen geworden. Es handelt sich hierbei um eine Schilderung einer Ingelfingerin. Es ist eine wahre Begebenheit, die sich im Mai 2019 in Ingelfingen – unweit der katholischen Kirche und der Firma Bürkert – zugetragen hat.

 

Anwohner in Ingelfingen klagen über nächtelange Lärmbelästigung. Foto: privat

Ist es ein boshafter Wahn oder werden wir hier alle gesegnet und beschützt?

 

Seit mehreren Monaten fällt ihr Nachbar J. durch massive Lärmbelästigung auf. Teilweise stundenlang stimmt er fremdartige Gesänge an und schreit Schimpfwörter aus seinem Fenster, so dass die Nachbarn nachts kaum schlafen können. Manchmal singt und brüllt er von 02.30 Uhr bis morgens um 7 Uhr, berichtet Anwohnerin Daniela Müller (alle Namen der Nachbarn in diesem Artikel wurden auf Wunsch geändert). Und fragt sich: „Warum wird der Mensch nicht heiser dabei?“ Auch tagsüber sei das permanente Geschrei nicht angenehm. Manchmal brülle er auf Englisch: „Ich sehe dich. Ich tue es für meinen Vater. Das Ende ist nahe.“

„Ich halte es für einen schweren religiösen Wahn“, schätzt Daniela die Situation ein. „Die Frage ist nur: Ist es ein boshafter Wahn oder werden wir hier alle gesegnet und beschützt?“, fragt Lara, eine weitere Nachbarin.

 

„Der hat ein Messer!“

 

Die Anwohner sind sich einig: J. ist vermutlich psychisch krank. Sie vermuten, sein Verhalten und seine Gesänge drücken aus, dass er hier irgendetwas Böses sieht und das will er bekämpfen, spekuliert Daniela, die einen gepflegten Garten hat, in ihrem Esszimmer steht eine Dürrenmatt-Lektüre. Menschen wie Müller sind es nicht gewohnt, in einem sozialen Brennpunkt zu leben.
Zu Beginn, als J. von Kupferzell nach Ingelfingen gezogen ist, sei J. lediglich drei- oder viermal im Jahr durch ungebührliches Verhalten aufgefallen. Die übrige Zeit sei er vermutlich gut mit Medikamenten eingestellt gewesen, schätzen die Nachbarn. Ab Mitte Februar 2019 sei er nun wieder deutlich auffälliger. Als er einmal mit einem Messer in der Hand in Nachbars Gärten unterwegs war, habe Nachbarin Belinda geschrien: „Der hat ein Messer!“ Bis die Polizei kam, sei er aber längst wieder bei sich in der Wohnung gewesen.

Die Nerven der Anwohner liegen mittlerweile blank – auch weil J. es nicht dabei belässt, die Gesänge aus seinem geöffneten Fenster seiner Wohnung in Ingelfingen anzustimmen und herumzubrüllen. J. geht auch tagsüber in die Gärten der Nachbarn, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche und spuckt überall in den Gärten herum. Einmal haben ihn die Nachbarn dabei gefilmt, wie er vor seinem Haus in eine Flasche uriniert, einen Schluck daraus genommen und diesen ausgespuckt hat. Autos, die in der Nähe seiner Wohnung parken, bespuckt J. ebenfalls, so die Anwohner. „Verbale Drohungen finden auch statt“, berichtet Anwohnerin Daniela. Einmal habe er zu einer Nachbarin von Daniela Müller geschrien: „Du fehlst demnächst. Das sag‘ ich dir. Bald.“ Und: „Ich bring euch alle um. Scheiß Deutschland!“
Die Nachbarn haben ihn bei seinen irritierenden Aktionen gefilmt und fotografiert. GSCHWÄTZ liegen die Videos und Fotos vor. Als wir selbst mit J. sprechen wollen, sagt uns eine Polizeibeamter, dass wir das lieber lassen sollen. Man wisse nicht, wie J. reagieren würde.

So ein Küchenmesser habe J. in der Hand gehalten, berichten Nachbarn. Foto: privat

Wenn J. seine Medikamente nehmen würde, dann klappt es auch wieder mit dem Nachbarn.

 

Die Polizei Niedernhall hat schon des Öfteren ausrücken müssen und ermahnen J. zur Ruhe – mit mäßigem Erfolg, wie die Anwohner berichten. Auch einige Nächte in Gewahrsam hat sein Verhalten bereits zur Folge gehabt, ebenfalls ohne länger anhaltenden Erfolg.
Auch der Polizei sind die Hände bis zu einem gewissen Grad gebunden. Gerald Olma, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn, erklärt gegenüber GSCHWÄTZ: „Die Person ist der Polizei bekannt. Es gab Einsätze. Er ist verhaltensauffällig. Aber zu einer körperlichen Gewalt ist es bislang nicht gekommen.“ Man sei in direktem Kontakt mit den Behörden, betont Olma. „Jeder Einsatz wird genauestens geprüft, was rechtlich möglich ist und was medizinisch angeregt werden kann.“ So würden alle Fälle an das Gesundheitsamt weitergeleitet werden. Gutachter würden dann wiederum entscheiden, was zu tun sei. „Wenn eine Person sich oder andere gefährdet, können wir ihn zu einem Arzt fahren und in Gewahrsam nehmen.“ Aber, so Olma, J. habe laut seinem Wissen nur einmal ein Messer mitgeführt. Auch beim wiederholten Einschreiten der Polizei habe es nie Probleme geben. Eine zwangsweise Einweisung sei nur möglich, wenn etwas passiert ist. Man könne eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten, aber man habe keine Rechtsgrundlage, den Mann dauerhaft wegzubringen.
Auch Anzeige haben die Anwohner schon erstattet. Bislang ohne Erfolg.
Die Anwohner sind sich sicher: Wenn J. seine Medikamente nehmen würde, dann klappt es auch wieder mit dem Nachbarn.

Schon diverse Dinge seien laut den Nachbarn unternommen worden, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Sie haben neben den Polizeieinsätzen die Stadt Ingelfingen um Hilfe gebeten. Auch das Landratsamt wisse Bescheid. Dieses weist psychisch auffälligen Menschen wenn nötig einen Betreuer zu. Doch auch Betreuer sind nicht rund um die Uhr da. In der Regel haben sie einen festen Stundensatz. Wer der Betreuer von J. ist, ist GSCHWÄTZ nicht bekannt. Das Landratsamt wollte sich zu dem Fall nicht äußern und verwies auf die Persönlichkeitsrechte von J..

 

„Meine Schwiegermutter geht nicht mehr in den Garten, sondern auf den Spielplatz.“

 

Das Problem: Die Anwohner sind verunsichert und wissen nicht: Wie gefährlich ist beziehungsweise kann J. werden?

Daniela Müller: „Keiner von uns traut sich mehr recht in den Garten oder eine Tür aufzulassen. Als ich an einem Sonntag mit meinem dreijährigen Enkel am Sandkasten war, ist er plötzlich auf meiner Stützmauer aufgetaucht und hat uns zu Tode erschreckt. Die Kinder in der Siedlung trauen sich nicht mehr alleine drei Häuser weiter zu den Großeltern.“ Nachbarin Belinda ergänzt: „Meine Schwiegermutter geht nicht mehr mit den Enkeln von meiner Schwägerin in den Garten, sondern auf den Spielplatz.“ Der Spielplatz ist weiter entfernt. In ihrem eigenen Garten hätten sie hingegen Angst, dass der Mann plötzlich auftauche mit seinem merkwürdigen Verhalten. Eine Jugendliche traue sich gar nicht mehr vor die Tür, nachdem sie von J. bedroht worden sei. Ansprechbar sei J. bei seinen Ausflügen nur sehr eingeschränkt. Er scheine dann in seiner eigenen Welt zu leben. Belinda berichtet bei einem persönlichen Vor-Ort-Gespräch mit GSCHWÄTZ, dass J. sich schon mal auf dem Pflaster vor ihrer Einfahrt gewälzt habe.

„Ich habe Angst. Er braucht Hilfe“, sagt Julia. Sie wohnt ebenfalls in der Nachbarschaft. „Ich fühle mich gerade nicht mehr so sicher und wohl. Ich möchte mein Grundstück wieder für mich haben. Aber ich möchte auch, dass man ihm hilft.“ Darüber sind sich alle einig.
Was also bleibt den Anwohnern übrig?

 

„Muss denn erst etwas passieren?“

 

Allmählich macht sich Frustration im betroffenen Stadtviertel breit. Und ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sie fühlen sich nicht gehört von den betreffenden Behörden. „Irgendwie scheint sich keiner zuständig zu fühlen. Der Fall wird wie eine heiße Kartoffel herum geschoben“, so ist der Eindruck der Anwohner, erzählt Daniela. „Muss denn erst etwas passieren?“, fragen sie.

„Ich merke, wie unsere Nerven schwächer werden“, sagt Daniela und Belinda stimmt ihr zu: „Absolut. Man weiß nie, ob er nicht gleich vor einem steht. Ich habe Angst, das Haus zu verlassen. Wenn ich von meiner Arbeit nach Hause nach Ingelfingen fahre, rufe ich meinen Mann an, damit er zu Hause an der Garage auf mich wartet.“