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  • Falk Sulek beim Interview bei GSCHWÄTZ. Foto: GSCHWÄTZ

Sulek: „Auch in Künzelsau gibt es Menschen, die Homosexualität als Sünde sehen“

Falk Sulek lag der letzte Absatz im Artikel über sexuellen Missbrauch „schwer im Magen“ und er ließ einen Facebook-Post unter dem Artikel für uns da. So lud GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann den  Leser Falk Sulek in die Redaktion ein, um ein Gespräch zu führen.

GSCHWÄTZ: Sie waren nicht zufrieden mit unserem Artikel über sexuellen Missbrauch in unserer April-Ausgabe?
Sulek: Nicht ganz, nein. Ich fand es grundsätzlich gut, dass Sie über ein solches Thema berichtet haben. Mir hat jedoch am Ende ein Absatz sehr schwer im Magen gelegen.

GSCHWÄTZ: Sie haben das auch auf unserer Facebookseite kommentiert und wollten das auch nicht so stehen lassen – was auch schön ist. Wir sind immer im Austausch mit unseren Lesern. Um welchen Absatz geht es denn konkret?
Sulek: Bereits in der Zwischenüberschrift steht, dass Homosexualität eine Folge von sexuellem Missbrauch sein kann. Als weitere Folge von sexuellem Missbrauch werden neben der ,Homosexualität, ,sexuelle Funktionsstörungen‘ sowie ein ,erhöhtes Risiko, selbst zu Tätern zu werden‘ genannt. Das assoziiert einen Zusammenhang, wo keiner ist. Des Weiteren stigmatisieren Sie in diesem Absatz Jungen als Opfer von sexuellem Missbrauch und dichten diesen ein ,erhöhtes Risiko‘ an, ,selbst Täter zu werden‘. Auf diese Weise verbreiten Sie Mythen über Homosexualität und Jungen als Opfer sexuellen Missbrauchs, die wissenschaftlich längst widerlegt sind. Homosexualität ist keine Folge von sexuellem Missbrauch, keine sexuelle Funktionsstörung oder Fehlentwicklung und schon gar nicht therapierbar oder therapiebedürftig.

GSCHWÄTZ: Es bedarf auch keiner Therapie, weil Homosexualität keine Krankheit ist.
Sulek: Richtig – und zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch gibt es nachweislich keinen derartigen Zusammenhang, wie er in Ihrem Artikel konstruiert wurde.

 

„Der Mythos, Homosexualität sei eine Folge von sexuellem Missbrauch, ist wissenschaftlich widerlegt“

 

GSCHWÄTZ: Kann man denn davon ausgehen, dass homosexuelle Erfahrungen in der Kindheit im Rahmen eines sexuellen Missbrauchs auch im späteren Leben bei heterosexuellen Opfern als ’normal‘ empfunden werden?
Sulek: Ein heterosexueller Junge, der von einem Mann sexuell missbraucht wird, wird durch den Missbrauch nicht homosexuell werden. Der Mythos, Homosexualität sei eine Folge von sexuellem Missbrauch, ist wissenschaftlich widerlegt. Hierzu verweise ich gerne auf die aktuelle Fachliteratur. Beispielhaft nenne ich hier die Veröffentlichungen von Dr. Dirk Bange oder die der Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker. Beide beobachteten in ihrer langen Praxiserfahrung
sogar, dass sich durch Männer sexuell missbrauchte Jungen mit Homosexualität deutlich schwerer tun. Gründe sind der Ekel und die Scham, die von den Jungen hinsichtlich des früheren Missbrauchs empfunden werden.

GSCHWÄTZ: Aber dass ein Missbrauch zu einer gewissen Unsicherheit im sexuellen Bereich führen kann, stimmen Sie zu?
Sulek: Sie können ein Stück weit verunsichert werden, dadurch dass Jungen während des Missbrauchs durch die körperliche Reizung auch eine sexuelle Erregung verspüren können, diese jedoch nicht richtig einordnen können und sich dann die Frage stellen: Bin ich jetzt vielleicht ,schwul‘ oder kein ,richtiger Mann‘? (unabhängig davon, dass diese Gleichung „schwul = unmännlich“ sachlich falsch ist). Als weitere Folgen im sexuellen Bereich kann genannt werden, dass es die Betroffenen auf Grund des traumatischen Erlebnisses schwer haben, intime Beziehungen zu führen und Sexualität frei zu leben. Andererseits kann es auch passieren, dass jede Form von Beziehung generell übersexualisiert wird. Aber auch andere Folgen wie zum Beispiel Depressionen, Essstörungen und Lernschwierigkeiten in der Schule können sich zeigen. Missbrauchte Jungen haben zudem kein erhöhtes Risiko, selbst zu Tätern zu werden und auch Homosexualität ist keine Folge von sexuellem Missbrauch.

 

„Manche setzen sogar Homosexualität mit Pädophilie gleich“

 

GSCHWÄTZ: Etwas Positives hatte dieser Satz in unserem Artikel: Wir sprechen über dieses Thema.
Sulek: Da haben Sie Recht. So etwas sollte man offen ansprechen. Denn Äußerungen wie die, dass Homosexualität eine Folge von sexuellem Missbrauch sein kann oder Homosexualität in einem Atemzug mit sexuellen Funktionsstörungen genannt wird – unterstützen homophobe Kräfte und Gruppierungen, die sich durch solche Veröffentlichungen beispielsweise in ihren menschenverachtenden Forderungen nach Konversionstherapien bestärkt fühlen. Personen und Gruppen, die Homosexualität als Sünde, als Krankheit oder als psychische Fehlentwicklung definieren, gibt es leider auch in und um Künzelsau. Manche setzen sogar Homosexualität mit Pädophilie oder der antiken Päderastie gleich und meinen dann: „So einem würde ich niemals meine Kinder anvertrauen.“ Vor allem von Personen aus christlichfundamentalistischen Kreisen aus dem Raum Künzelsau wurde ich schon mit solchen homophoben Positionen und Forderungen konfrontiert. Ich weiß aber, dass die wissenschaftlichen Fakten andere sind und Homosexualität (genauso wie Heterosexualität auch) eine Sache der biologischen Anlage und unveränderbar ist. Gerade im Bereich der Epigenetik ist man hier zu bedeutenden Erkenntnissen in der Forschung gekommen. Homosexualität ist eine ganz normale sexuelle Orientierung. Auch mit Pädophilie hat Homosexualität rein gar nichts zu tun.

GSCHWÄTZ: Da wird dann quasi gesagt: Jeder Homosexuelle ist auch zugleich pädophil?
Sulek: Ja, das rührt zum einen aus Unwissenheit, zum anderen sind da Vorurteile im Raum, Ängste, die man selbst hat. Es gibt ja Menschen, die homophob sind, die hassen Homosexuelle, weil diese in ihr konservatives, meist starr religiös begründetes Weltbild nicht passen. Manch homophobe Person ist in Wahrheit aber selbst homosexuell orientiert, kann dies sich selbst und anderen gegenüber aber nicht eingestehen und hält stattdessen ein Scheinbild aufrecht, das in homophobe Äußerungen wiederum seine Bestätigung sucht. Insgesamt benötigt es noch immer sehr viel Aufklärung zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Es braucht zum Beispiel Aufklärung in den verschiedenen Bildungseinrichtungen und Schulen, aber auch die Bereitschaft der Medien, hinsichtlich dieser Themen sensibler zu reagieren, so dass die Botschaft klar ankommt: Homosexualität ist etwas ganz Normales und nichts, was man in irgendeiner Form verurteilen oder therapieren müsste.

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