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  • Jeder Dritte Fall von sexuellem Missbrauch betraf Jungen. Foto: adobe stock

Sexueller Missbrauch: Eine Frage der Macht

Wir befinden uns in einer intensivpädagogischen Wohngruppe. Im Badezimmer der Gruppe wird der zehnjährige R. dabei erwischt, wie er mit seinem Penis in den After des neunjährigen T. einzudringen versucht. Im Gespräch mit den pädagogischen Fachkräften beteuern beide Jungen die Freiwilligkeit ihres Handelns.

Es ist eines von einer Handvoll Beispielen, die Dr. Peter Mosser vom Kinderschutz München in Kupferzell-Eschental schildert. Infokoop aus Künzelsau, eine Informations- und Kooperationsstelle gegen häusliche und sexuelle Gewalt in Künzelsau, hatte am 14. November 2018 zu einer Fachtagung ins Landhotel Günzburg geladen. Das, was Mosser aus seinem Berufsalltag berichtet, geht unter die Haut.

Es gibt auch weibliche Täter

Mosser arbeitet selbst in einer Beratungsstelle und auch er hat nicht immer ein Patentrezept für jede Situation, wie er betont. Auch er fühle sich häufig hilflos und ohnmächtig, sagt er. Durch Teamsitzungen, Supervisionen und Helferkonferenzen können aber immer Schritte in Richtung einer Lösung geplant werden.

Jungen seien nicht selten durch gleichaltrige Täter gefährdet, auch durch Geschwister, ist seine Erfahrung. Allgemein seien die Täter zu 85 bis 90 Prozent männlich. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass Jungen im Alter zwischen sechs und elf Jahren am stärksten gefährdet seien, wohingegen Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren am risikobehaftetsten seien, sexuelle Gewalt zu erfahren.
In westlichen Gesellschaften werden Jungen seltener Opfer von sexualisierter Gewalt, Mädchen seien mindestens doppelt so häufig betroffen, so Mosser. Die verfügbaren Daten zeigen aber auch: Es gibt eine relevante Zahl männlicher Opfer und weiblicher Täter. Diese dürfe man nicht übersehen.

Zeigen von pornografischem Material ist sexueller Missbrauch

Einer Schweizer Studie zufolge wurden drei Prozent aller Mädchen (und 0,5 Prozent aller Jungen)  schon einmal zum Geschlechtsverkehr mit Penetration gezwungen, zwei Drittel von ihnen machen nicht nur einmal diese Erfahrung, so Mosser.

Doch so eindeutig äußert sich sexuelle Gewalt nicht immer, sagt Heiko Gieser, Leiter des Arbeitsbereichs Sexualdelikte bei der Polizei Heilbronn.

Durch WhatsApp ganz leicht eine Straftat begehen

„Das Internet ist ein Moloch“, sagt er. „Pädophile schnorcheln hier herum auf der Suche nach Kindern.“ Da gebe sich dann etwa ein 45-jähriger Mann als Julia, zwölf, aus und schreibt einen Jungen in dem gleichen Alter mit dem Satz an: „Hey, zeig‘ mir mal ein paar Bilder von dir.“ Aber Gieser sieht auch die andere Seite: „Wusste der Täter, wie alt das Opfer war? Viele Fotos seien mittlerweile bearbeitet und lassen Mädchen älter erscheinen, als sie sind.

Vor allem durch das Internet werden viele Kinder Opfer sexueller Gewalt, ohne es überhaupt zu merken. Wenn jemand einem Kind (unter 14 Jahren) pornografische Bilder schicke oder zeige, ist das sexueller Missbrauch, sagt Gieser.

„An Schulen ist das ein massives Problem“

Die Täter bekämen, wenn sie angezeigt und belangt werden können, hierfür eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren.

Auch die Täter, die derartige Bilder oder Filme etwa in WhatsApp-Gruppen verschicken (etwa wenn ein Jugendlicher ein Foto von seinem erigierten Glied herumschickt), seien sich oft nicht bewusst, dass sie damit eine Straftat begehen, sobald jemand in der WhatsApp-0Gruppe unter 14 Jahren ist. Aber auch Mitschüler können sich strafbar machen, wenn sie derartiges pornografisches Material unter ihren Schulkameraden weiterverbreiten. „An Schulen ist das ein massives Problem“, betont Gieser und nennt noch ein anderes Beispiel von einem Video eines pakistanischen Jungen, der einen Esel von hinten packt. „Jeder, der das Video besitzt und verschickt, macht sich hier strafbar“, betont er.

Durch das Aufkommen der sozialen Medien fehle eine Kontrolle über die Eltern, stellt Gieser immer wieder fest.

Trainer in den Vereinen können handgreiflich werden

Auffällig ist: „Wir haben eine große Anzahl an Fällen, die sich auf Institutionen beziehen“, sagt Dr. Peter Mosser. Riskant sind vor allem solche Einrichtungen und Organisationen,  in denen mit autoritären Erziehungsmethoden gearbeitet werde, nach dem Motto: Wir härten euch ab. Was euch nicht umbringt, macht euch stärker.

In Vereinen fänden sich gegenüber dem Internet „hands-on“-Delikte, wie Gieser vom Polizeipräsidium berichtet. Wenn etwa ein Schwimmlehrer einem Mädchen zwischen die Beine fasse oder ihr auf den Schwebebalken helfe, in dem er ihr in den Schritt fasse. Aber es sei schwierig zu unterscheiden, was hier normal sei, erklärt Gieser: „War der Griff notwendig für die Hilfestellung? Handelte es sich lediglich um ein flüchtiges, unbeabsichtigtes Vorbeistreifen?

Seit der Strafrechtsreform vor zirka 1,5 Jahren habe der Gesetzgeber die Rechte der Opfer gestärkt. Seitdem sei bereits eine unsittliche Berührung an der Brust strafbar. Vorher fiel dieses Delikt lediglich unter die Rubrik „Nötigung“.

Immer noch schwer sei jedoch die Klärung der Beweislage. Für einen etwaigen „Poklatscher“ im Turnunterricht würden in der Regel Zeugen benötigt. Kinder haben jedoch vor Gericht das Recht, nicht zu erscheinen und sich per Video vorab vernehmen zu lassen.

Die Folgen für die Betroffenen können vielfältig sein

Ein Poklatscher ist nicht vergleichbar mit einer Penetration – aber nicht selten sind die Grenzen fließend.

Warum werden Kinder sexuell missbraucht?

Viele Täter seien Pädosexuelle, erklärt Mosser. Das heißt: Sie fühlen sich zu Kindern sexuell hingezogen. Dann gäbe es noch die Täter, die Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer eigenen emotionalen und körperlichen Bedürftigkeit sexuell ausbeuten, obwohl sich ihre sexuelle Präferenz gar nicht primär auf Minderjährige richtet. .

Die Folgen für die Opfer können gravierend sein und sich im schulischen und beruflichen Leistungsvermögen, in sozialen und intimen Beziehungen und in Form psychischer Erkrankungen manifestieren. Je nach Alter, Lebenssituation und sozialer Unterstützung können sich unterschiedliche Belastungen zeigen Was aber können die Familien der Betroffenen tun? „Den Kindern ein Gefühl von Schutz und Sicherheit geben, nach dem Motto: Es ist jemand für mich da, erklärt Dr. Mosser. Opfer neigen dazu, Täter in Schutz zu nehmen. Ein Junge habe einmal zu Mosser gesagt: „Ich glaube, er [Täter] hat gar nicht gemerkt, dass ich das nicht mag.“

Schockiert, wie Menschen miteinander umgehen

Seit 16 Jahren gibt es Infokoop in Künzelsau, weil „der Bedarf da ist“, erklärt Sozialarbeiterin Martina Roet. Sie arbeitet seit zehn Jahren bei Infokoop. Sie ist teilweise schockiert, wie Menschen miteinander umgehen, sagt sie, und welche Macht Erwachsene über Kinder hätten.

Angela Meyer (27) arbeitet beim Kindergarten Bretzfeld. Sie ist zu der Informationsveranstaltung von Infokoop gekommen, um „standfest zu sein, wenn es in ihrem Kindergarten so einen Fall mal geben sollte.“ Es sei gut zu wissen, an wen man sich wenden könne und das man nicht alleine sei.

„Aber nicht jede Anzeige ist eine strafbare Geschichte. Oft werden Geschichten erfunden, um andere zu diskreditieren“, sind Giesers Erfahrungswerte, etwa bei einer Scheidung. Da fielen dann schon mal Sätze wie: „Und übrigens hat er unser Kind noch….“

Wenn ein Fall schließlich vor Gericht landet, sei die Verurteilungschance hoch, so Gieser. Strafrechtlich nicht relevant sei hingegen, wenn ein Erwachsener mit einer 14-Jährigen schlafe.

Zahlen und Fakten

Insgesamt hat das Polizeipräsidium Heilbronn 2018 51 Fälle von sexuellem Missbrauch in Heilbronn und dem Hohenlohekreis registriert, 2017 waren es 73 Fälle, 2016 gab es einen Spitzenwert mit 113 gemeldeten Fällen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren, 2008, wurden 86 Fälle der Polizei gemeldet. Dadurch scheint es vermeintlich weniger sexuellen Missbrauch von Kindern zu geben. Doch dieser Rückgang kann täuschen, denn in diesem Bereich gibt es laut der Polizei eine hohe Dunkelziffer. Sprich: Diverse Fälle von Kindesmissbrauch werden erst gar nicht entdeckt, geschweige denn, zur Anzeige bei der Polizei gebracht. Diverse Fälle hat die Polizei durch den so genannten Schneeballeffekt aufgeklärt, das heißt, sie haben einen Täter gefunden, dessen PC wurde ausgewertet. Dadurch wurden noch weitere Opfer und Täter gefunden.

Jungen als Opfer

Was immer noch unterschätzt wird: Auch Jungen können Opfer sexuellen Missbrauchs werden. 2018 waren fast ein Drittel der Opfer Jungen (16 von 51). 2016 sogar fast die Hälfte (56 von 113). Die Opfer waren im Alter von ein und 15 Jahren.

Die Täter

Häufig sind laut der Polizeistatistik Nicht-Angehörige die Täter. Dies können etwa Bekannte oder der Sporttrainer sein. 2018 waren die Täter in 44 von 51 Fällen keine Angehörigen der Opfer. Aber auch diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen. Oft ist die Hemmschwelle höher, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu erstatten, wenn die Täter aus der Familie der Opfer stammen. Auch hier kann daher die Dunkelziffer beträchtlich höher sein als die offizielle Zahl.

Weiterführende Quellen

Wir möchten darauf hinweisen, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt eines großen Themas ist. Dr. Peter Mosser hat hier auf weiterführende Literatur verwiesen, die wir gerne auflisten:

 

SPEAK-Studie der Universität Marburg (2017):

 

http://www.speak-studie.de/assets/uploads/kurzberichte/201706_Kurzbericht-Speak.pdf

 

  1. Studie des DJI (S. Hofherr, 2017):

 

https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2017/hofherr_schuelerwissen_sexuelle_gewalt.pdf

 

  1. Die Schweizer Optimus-Studie (Averdijk et al. 2011)

 

https://docs.wixstatic.com/ugd/fbe5a1_46f626b0efec40a59c58bfabc6a74c1d.pdf

 

Siehe auch:

 

https://www.kinderschutz.ch/de/fachpublikation-detail/optimus-studie.html

 

Die Ergebnisse aller hier genannten Arbeiten basieren laut Mosser auf der Befragung relativ großer Stichproben von Jugendlichen.

 

Beratungsstelle in Künzelsau

Seit 16 Jahren gibt es Infokoop in Künzelsau. Es ist eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt sowie für deren Familien.

Kontakt:

Infokoop

Sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen Informations- und Kooperationsstelle

Gaisbacher Straße 7

74653 Künzelsau

Telefon: 07940/93 99 53

 

 

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