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Bruder von Elisabeth S.: „Ich habe versucht, ihm die Augen einzudrücken“

Wenn alles nach Plan läuft, ist heute der letzte Tag, an dem Zeugen im Prozess um Elisabeth S. (70) aus Künzelsau vernommen werden, bevor dann Anfang April 2019 die Plädoyers vorgetragen werden sollen und ein Urteil gefällt werden soll. Elisabeth S. steht wegen Totschlags ihres Zieh-Enkels Ole T. (7) vor dem Landgericht Heilbronn. Daher ist der heutige 12. Verhandlungstag am 15. März 2019 ein wahrer Zeugen-Marathon. Den Auftakt machte der Bruder von Elisabeth S.. Wolfgang K. (66), ledig, wohnhaft in Stuttgart. Er gab Erstaunliches zu Protokoll, unter anderem, dass er selbst vor vielen Jahren einmal nach einem dramatischen Erlebnis nachts aufgewacht sei und seinen Bettnachbarn körperlich angegangen habe, indem er ihn an den Ohren geschüttelt und versucht habe, ihm die Augen einzudrücken. Am nächsten Tag konnte er sich nicht mehr daran erinnern.

Diese Begebenheit ereignete sich vor vielen Jahren im Urlaub. Vorausgegangen war ein Vorfall mit einem Zwölfjährigen, der Sohn einer Bekannten. Dieser hatte immer wieder Anfälle, bei denen er alles innerhalb einer halben Stunde oder Stunde „zertrümmert“ habe, so schildert es Wolfgang K.. Dann sei alles wieder gut gewesen. Ein ebensolcher Anfall habe den Jungen in dem Urlaub wieder ereilt. Nachts müsse Wolfgang K. dieser Vorfall wohl noch so beschäftigt haben, dass es zu diesem Aussetzer mit seinem Bettnachbarn gekommen sei, vermutet Wolfgang K.. Der Bekannte habe sich aber gewehrt und am nächsten Tag konnte man schon wieder darüber lachen.

Elisabeth S.: Sie war hilfsbereit, aber sie brauchte auch Hilfe

Auf Nachfrage erklärt Wolfgang K. vor Gericht, warum er sich zunächst auf das Zeugnisverweigerungsrecht berufen hat und nun doch im Prozess um seine Schwester aussagt. Er meinte, er sei überrascht gewesen, dass in dem psychologischen Gutachten von Dr. Thomas Heinrich (wir berichteten) keine Depression bei seiner Schwester festgestellt werden konnte. Wolfgang K. berichtete daher am heutigen Verhandlungstag über Phasen, die teilweise mehrere Jahre andauerten, in denen Elisabeth S. „antriebslos, bedrückt und voller Weltschmerz“ gewesen sei, vor allem ab 2010, seit dem Tod des Ehemannes, habe er dies bei ihr feststellen können. 2017 sei sie wieder in einer etwas besseren psychischen Verfassung gewesen. Aber auch in diesen besseren Phasen habe sie diverse vermeintlich einfachen Dinge nicht machen können. So berichtet Wolfgang K. von einer Steuererklärung, die er für seine Schwester gemacht habe und die sie nur auf dem Finanzamt in Öhringen habe abgeben sollen, was sie jedoch nicht geschafft und ihn gebeten habe, dies für sie zu erledigen. Am Ende seien sie zusammen nach Öhringen gefahren. Aber das sei nicht das einzige Mal gewesen, dass er von seinem Wohnort Stuttgart nach Künzelsau gefahren sei, um sie zu unterstützen. Auch als ihr in München lebender Sohn krank wurde und sie ihn besuchen wollte, habe sie ihren Bruder gebeten, sie hinzufahren. Letztendlich konnte sie bei einer studentischen Nachbarin mitfahren, die nach München fuhr. Aber auch bei der Rückfahrt erbat sie sich Hilfe von ihrem Bruder, der schließlich von Stuttgart nach München fuhr, um sie wieder nach Künzelsau zu fahren, da sie nicht mit dem Zug fahren wollte.

Kaufrausch in Kasachstan

Beinahe täglich hätten die Geschwister telefoniert, selbst als er einen Monat vor der Tat für zwei Wochen mit seiner Familie in Japan Urlaub gemacht habe. Elisabeth S. klagte ihrem Bruder laut seinen Angaben sehr häufig ihr Leid. Sie hätten ein gutes Verhältnis zueinander, sie sei auch immer für ihn dagewesen, sagte er vor Gericht. Sie habe ihn auch immer bekocht, wenn er sie mindestens einmal im Monat besucht habe. Gegenüber den depressiven Phasen, die sich vor allem im Herbst und Winter bis in den späten Frühling hinein abgespielt hätten, gab es auch Hochphasen, in welcher Elisabeth S. dann teilweise in einen wahren Kaufrausch fiel. So erinnerte er sich unter anderem an eine Begebenheit in einem Urlaub in Kasachstan, als Elisabeth S. so viel eingekauft habe, bis sie kein Geld mehr von der Bank bekommen habe. Ihre Brüder und auch der Sohn von Elisabeth S., Stephan S., hätten sie aufgrund ihrer psychischen Instabilität auch immer mal wieder darauf angesprochen, sich doch an eine Beratungsstelle zu wenden, insbesondere nach der Erkrankung ihres Sohnes Anfang 2018, worunter sie stark gelitten habe, sei das Thema wieder aufgekommen. Daran konnte sich Sohn Stephan S., der danach im Zeugenstand Platz nahm, allerdings nicht erinnern. Er sagte aus, dass diese Beratungsstelle 2010 im Gespräch war, als sein Vater gestorben sei.

„Wir waren genervt.“

Wolfgang K. berichtete, dass seine Schwester wegen ihrer psychischen Probleme keinen Arzt aufsuchen wollte, da sie da nur Tabletten bekommen würde, die sie ruhig stellen. Das würde aber das Problem nicht lösen, so habe sie es den Brüdern erklärt. Der Rentner weiß, dass seine Schwester Angst davor gehabt habe, dass sie von ihren Brüdern in die psychiatrische Klinik „eingewiesen“ werden würde. Diese Sorge sei jedoch völlig unbegründet gewesen. Denn: „Wir wollten, dass sie sich beraten lässt. Wir waren genervt von diesem latent vorhandenen Zustand, der nun schon zehn Jahre andauerte.“ So könne es einfach nicht weitergehen.

Diese privaten Dinge seien nichts für die Öffentlichkeit

Nicht nur in diesem Punkt, auch bei der Kindheit klaffen die Wahrnehmungen der Geschwister auseinander. Während Wolfgang K. davon spricht, dass sie beide ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt hätten und es keine Lieblingskinder gegeben habe, habe wohl Elisabeth S. die Kindheit anders empfunden. Gegenüber der Psychologin der Justizvollzugsanstalt Schwübsch Gmünd soll sie sich wohl dahingehend geäussert haben, dass sie immer am meisten Verantwortung, unter anderem für ihre zwei jüngeren Brüder, habe tragen müssen. Vor dem Gespräch mit Dr. Thomas Heinrich bezüglich des psychologischen Gutachten sollen die Brüder wohl auf Elisabeth S. eingeredet haben, nichts dergleichen über ihre Kindheit zu äussern. Es habe auch „ziemliche Probleme“ in der Ehe gegeben, so Wolfgang K. im Zeugenstand. Der Ehemann von Elisabeth S. soll, so Wolfgang K., dem Alkohol zugetan wesen sein. Dies alles solle jedoch keine Erwähnung finden, da diese privaten Dinge die Öffentlichkeit nichts angingen.

Auffällig sei gewesen, dass Elisabeth S. innerhalb von Sekunden umschalten habe können, erzählt der Rentner. Wenn es an der Tür geklingelt habe, sei sie wie ausgewechselt gewesen: „Die Niedergeschlagenheit war weg, der Weltschmerz war weg. Sie konnte fröhlich sein.“

Der zweite Bruder von Elisabeth S., Gerhard K. (68) aus Niedernhall, war ebenfalls vor Gericht anwesend, nahm jedoch von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Video und Foto: GSCHWÄTZ/Archiv/Prozessauftakt am 27.11.2018

 

 

 

 

 

 

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