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Hochzeitstauben: Zum Sterben verurteilt

Für den schönsten Tag eines Paares, den Tag der Hochzeit, kann man auf eBay Kleinanzeigen für sechs Euro weiße Tauben mit einem niedlichen Gesicht und langem Federkleid kaufen. Doch was passiert mit den Tauben, sobald sie in die Lüfte steigen und das Brautpaar sich anderen Dingen widmet?

Maritta Müller erklärt, warum Hochzeitstauben zum Sterben verurteilt sind. Foto: GSCHWÄTZ

// „Eine traurige Tradition“ //

Maritta Müller vom Taubenhaus in Künzelsau erklärt: „Eine traurige Tradition, dass man am Hochzeitstag weiße Tauben fliegen lässt und die an dem Tag sehr schön findet. In der Regel sind das aber Tiere, die gezüchtet werden für diesen einen Tag. Sie werden frei gelassen und wissen dann nicht wohin, da sie in der Regel kein zu Hause haben. Es kommt ein Greifvogel und holt sie sich, weil sie auffällig weiß sind. Sie sind überzüchtet, haben zu kurze Schnäbel und können nicht richtig picken.“ Müller kümmert sich täglich um die 150 im Taubenhaus in Künzelsau lebenden Tauben und die Stadttauben, welche jeden Tag zur Fütterungszeit vorbeikommen. Auch Hochzeitstauben sind darunter.

// „Für mich ist das kein Sport, sondern Tierquälerei.“ //

Brieftauben ergeht es ähnlich. Die monogam lebenden Tiere würden ihren Partnern entrissen und zum Beispiel 300 Kilometer weiter weg wieder frei gelassen werden. „Die Brieftauben müssen dann wieder nach Hause finden. Die Schnellste und Beste gewinnt und es gibt Preisgelder. Für mich ist das kein Sport, sondern Tierquälerei“, sagt Müller. „Man nimmt das Männchen und bringt es weg. Das Männchen will nichts lieber, als zu seiner Familie und deswegen fliegt es so schnell. Aber oft schaffen sie es nicht.“ Das Taubenhaus beherbergt momentan zwölf solcher Vögel. Man erkennt sie daran, dass sie einen Ring ums Bein haben.

// über 1.000 Tauben weniger in Künzelsau //

Die ersten 20 Tauben hat Müller in der Künzelsauer Innenstadt gefangen und im Taubenhaus eingesperrt, bis sie angefangen haben zu brüten. Danach sind sie nicht mehr eingesperrt, aber sie bleiben dann aus reiner Gewohnheit an diesem Fleck, ihrer neuen Heimat – ein freies Areal rund um ein kleines Gartenhäuschen am Rande von Künzelsau.

// Wer ernährt sich schon gerne von Essensresten und Kippenstummel? //

Aber wie kam es dazu, dass immer mehr Tauben die Städte bevölkern? Früher habe man Tauben gezüchtet, um sie zu essen, erklärt Müller, aber irgendwann habe man die Tauben nicht mehr gewollt. Die Taubenliebhaberin verdeutlicht: „Dazu kommt, dass die Tauben in der Regel krank sind, weil sie nichts zu fressen finden – oder das Falsche zu fressen finden. Tauben sind reine Körnerfresser. In der Stadt finden sie aber nur Essensreste und fressen sogar Zigarettenkippen, wenn es ganz schlimm kommt – weil sie am Verhungern sind.“ Da die Tauben meist im Schwarm auf Nahrungssuche sind, erklärt Müller, sind sie für viele Menschen lästig. Aber auch die Angst vor dem gesundheitsgefährdeten Kot schwirre immer im Hinterkopf der Menschen. „Das ist eigentlich bitter, weil es ein von Menschen gemachtes Problem ist. Menschen sind dafür verantwortlich, dass man den Tauben hilft – so wie hier in Künzelsau. Die Taubenanzahl wird minimiert, in dem man Eier abliest,“ erklärt die Künzelsauerin.

Die Ehrenamtlichen locken die Tauben mit Futter raus aus der Künzelsauer Innenstadt zum Taubenhaus. Foto: GSCHWÄTZ

// „Riesige Drecksarbeit, aber ich mache nichts so gerne wie das“ //

Eier ablesen bedeute, wenn eine Taube ein Ei legt, nimmt man dieser Taube das Ei weg und ersetzt es durch ein Gips-Ei, damit den Tauben der Eierklau von den Taubenfreunden nicht auffällt. Bisher konnten so über 1.000 Eier entfernt werden. Das seien, so Müller, über 1.000 Tauben weniger in der Künzelsauer Innenstadt.

Für die Arbeit im Taubenhaus will man gut ausgerüstet sein.

So schaut es im Inneren des Taubenhauses aus. Foto: GSCHWÄTZ

Auch Landrat Dr. Matthias Neth (2. v. li.) und Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann (rechts) statteten dem Taubenhaus schon einen Besuch ab. Foto: Taubenfreunde

// Ehrenamtliche gesucht, auch Handwerker //

Das Taubenhaus ist immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die im Taubenhaus aktiv helfen. „Wenn die Tauben gesund sind, sind es wunderschöne, dankbare und intelligente Tiere“, so Müller. Sie betont aber: „Es ist eine riesige Drecksarbeit, aber ich mache nichts so gerne wie das.“ Das Taubenhaus soll um eine Quarantäne erweitert werden. Dafür werden noch Handwerker gesucht.

Wer nicht ausmisten will oder Eier ablesen möchte, kann sich schon darin nützlich machen die schweren Futtersäcke aus dem Auto zu laden. Denn zu den 150 im Taubenhaus wohnhaften Tiere kommen jeden Morgen noch um die 300 Tiere hinzu, die in der Stadt nicht mehr auf der Suche nach Nahrung sind.

Das komplette Interview mit Maritta Müller gibt es als Video auf www.gschwaetz.de.

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