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Ärztin Regine S.: „Ole hatte ein überempfindliches Bronchialsystem“

Elisabeth S. war mehrfach bei ihr wegen ihrer schlechten seelischen Verfassung

Nebenwirkungen von Trimipramin nicht zu unterschätzen

 

Sowohl Ole also auch Elisabeth S. waren bei der Allgemeinmedizinerin Dr. Regine S. aus Künzelsau in Behandlung. Das Verhältnis zu beiden konnte nicht unterschiedlicher sein.

Dr. Regine S. lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ole T.s Eltern. Die Familien sind befreundet. „Wir trinken auch mal ein Bier zusammen oder gehen gemeinsam joggen“, erzählt Dr. Regine S. als Zeugin am achten Verhandlungstag am 28. Januar 2019. Sie hatte Ole auch als Patient von Kinderarzt Dr. Marcel Monn übernommen. Seit 2012 sei er zirka drei- oder viermal bei ihr gewesen – das letzte Mal Ende Oktober 2017, also ein halbes Jahr vor seinem Tod. Es seien „keine Probleme hinsichtlich der Atmung oder Atemnot in der Nacht“ bekannt gewesen, sagte Regine S. nun vor Gericht aus. Ole T. hatte keine außergewöhnlichen Infekte gehabt, als er bei ihr in Behandlung war. Allerdings habe er ein „überempfindliches Bronchialsystem“, so könne er zum Beispiel schneller als andere eine Lungenentzündung bekommen. Er sei hier familiär vorbelastet, da auch Dr. Jens T., Oles Vater, „empfindliche Bronchen“ habe, meine sie sich zu erinnern.

Sowohl Ole T. als auch Elisabeth S. waren ihre Patienten

Auch Elisabeth S. sei eine Patientin von ihr gewesen (Anm. d. Red.: die Praxis ist nur einen Steinwurf von dem Haus von Elisabeth S. entfernt), allerdings sei sie selten und unregelmäßig in die Praxis gekommen, manchmal seien Jahre zwischen zwei Besuchen gelegen. So habe man 1995 wegen Wirbelsäulenbeschwerden gesprochen. Dann erst wieder im April 2008 wegen einer Bronchitis. Im Dezember 2008 suchte Elisabeth S. die Praxis auf, weil sie, wie sie der Ärztin mitteilte, sehr niedergeschlagen sei. Sie könne schlecht schlafen. Wenn sie arbeite, gehe es ihr aber gut. Sie sei aber schon immer etwas melancholisch gewesen.

Schon immer etwas melancholisch

Im Februar 2009 sei sie nach dem Tod ihres Mannes bei ihr gewesen und erzählte, dass sie akut trauere, erinnert sich Dr. Regine S.. Es sei ein Check-up gemacht worden, also eine Rundumuntersuchung. Doch ausser einem Helicobacter im Magen (Bakterium, das Magenentzündungen auslösen kann) sei nichts Auffälliges herausgekommen.  2010 habe Elisabeth S. ihre Praxis wegen eines Insektenstiches besucht und auch dabei erzählt, dass sie nach wie vor sehr unter dem Tod ihres Mannes leide. Im April 2013 sei Elisabeth wegen eines Infektes erschienen. Am 20. April 2018, also rund eine Woche vor dem Tod Oles, habe Elisabeth S. die Praxis wieder wegen ihrer schlechten psychischen Verfassung aufgesucht.

Sie machte sich Sorgen, schlage schlecht

Sie sei in letzter Zeit niedergeschlagen. Elisabeth S. berichtet ihrer Ärztin, dass viele Dinge zusammengekommen seien. Die kompletten Zähne habe sie sich richten lassen. Ihr Sohn habe eine doppelseitige Lungenentzündung gehabt. Sie mache sich Sorgen um ihn, schlafe schlecht. Sie fühle sich von ihren Brüdern unter Druck gesetzt und spüre das Alleinsein. Die Ärztin hat zu diesem Zeitpunkt, so ihre Aufschriebe, einen Verdacht auf eine Anpassungsstörung bei Elisabeth S., einen Verdacht auf eine leichte depressive Störung, eine psychosomatische Störung und eine Schlafstörung. Warum nur eine leichte depressive Störung?, hakt das Gericht nach. Sie habe eher unruhig als depressiv gewirkt, erklärt die Ärztin.

„Ole hat eher positiv auf sie gewirkt“

Sie konnte bei Elisabeth S. zu diesem Zeitpunkt weder Gedächtnisprobleme feststellen noch Aggressionen. Die Patientin konnte „kohärent denken“. Sie betont aber auch: „Aus so einer Begegnung kann ich keine Diagnose stellen.“

Regine S. verordnet ihr Trimipramin, drei bis sieben Tropfen täglich, damit ihr das Einschlafen leichter falle. Laut Packungsbeilage könnte die Ärztin auch mehr verschreiben, aber „weniger Tropfen reichen oft schon aus, um in den Schlaf zu finden“. Elisabeth S. sei aber sehr zögerlich gewesen, ob sie überhaupt ein Medikament nehmen soll, berichtet die Ärztin weiter. Bei der Durchsuchung von dem Haus von Elisabeth S. sei allerdings das Medikament offen gefunden worden. Es fehlten 5,6 Gramm (zirka vier Tagesdosen mit zehn bis zwanzig Tropfen, also maximal 80 Tropfen).

Die Rolle von  Ole schätzte die Ärztin positiv ein: „Ole hat eher positiv auf sie gewirkt.“ Elisabeth S. habe ihr erzählt: Bald sehe ich meinen Sonnenschein Ole wieder. Der nächste Behandlungstermin sei laut der Ärztin auf Anfang Mai 2018, also rund 14 Tage später, angesetzt gewesen. Ärztin Regine S. betonte: „Ich behandle nach bestem Wissen und Gewissen.“ Sie habe kein Gefühl der Überforderung bei Elisabeth S. feststellen können.

Auf Nachfrage des Gerichts sagt Ärztin Dr. Regine S., sie behandle jährlich rund 30 akut depressive Menschen in ihrer Praxis, die sie seit fast 30 Jahren betreibe. Diese Menschen seien zum Teil in Co-Therapie bei einem Facharzt. Elisabeth S. habe  ein „ausgeprägteres depressives Verhalten“ beim Tod ihres Mannes aufgezeigt, als im April 2018.

Nebenwirkungen von Trimipramin

Liest man die Packungsbeilage des Medikaments, stellt man fest, das Trimipramin ein Antidepressivum ist, das eine lange Reihe an Nebenwirkungen mit sich bringen kann, laut der Packungsbeilage unter anderem Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit, Müdigkeit, Delirium (Verwirrtheit), Missempfindungen, Manie, paradoxe Reaktionen wie
Schlafstörungen, Unruhe und Selbstmordgedanken.

Foto: adobe stock/Bild einer Ärztin (Anm. d. Red.: Hierbei handelt es sich nicht um Dr. Regine S..)

 

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