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  • Prozess um Elisabeth S.. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv/Prozessauftakt

Elisabeth S. hat Medikamente wohl abgesetzt

Zeugen sprechen von einem „Ein Berg, den sie vor sich sah“ – Anzeichen verdichten sich, dass Elisabeth S. psychisch labil war

Am fünften Prozesstag rund um den Tod von Ole (7) aus Künzelsau in der Nacht vom 27. auf den 28. April 2018 sagten zwei Zeuginnen aus, die mit der Hauptangeklagten Elisabeth S. kurz vor der Tat Kontakt hatten. Beide Zeuginnen sprachen unabhängig voneinander von

„einem Berg, den Elisabeth S. vor sich sah“. Während Zeugin Gabriele D. aus Künzelsau (57) diesen Wortlaut in Bezug auf die Entrümpelung von Elisabeth S. Haus benutzt hat, sprach Zeugin Inge K.-W. (65) von diesem besagten Berg, als Elisabeth S. mit ihr über ihren bevorstehenden 70. Geburtstag sprach, den man eigentlich feiern müsse, sie (Elisabeth) das aber nicht könne. „Ich habe das damals so verstanden, dass ihr das Ganze zu viel wurde und habe zu ihr gesagt: Dann feierst du eben ganz klein“, sagt Inge K.-W. vor Gericht aus. Auch das ein Teil ihrer Familie über Ostern nach Japan geflogen ist, habe ihr laut Zeugin Inge K.-W. sehr zu schaffen gemacht. Damit bestätigt Inge K.-W. die vorangegangenen Zeugenaussagen der Freundinnen von Elisabeth S., die bereits ähnliche Einschätzungen vor Gericht äußerten.

Elisabeth wollte nicht allein sein

„Sie war verhärmt, fast schon am Weinen“, beschreibt Inge K.-W. die damalige Situation. Inge K.-W.. Elisabeth S. habe Inge K.-W. in dieser Zeit um Hilfe gerufen. Am 23. März 2018, also rund einen Monat vor Oles Tod, ereilte Inge K-W. ein telefonischer Hilferuf. Es gehe ihr sehr schlecht, habe Elisabeth ihr gesagt. Sie hätte starke Schmerzen beim Wasserlassen. Inge K.-W., die wie Elisabeth S. ebenfalls schulterlange weiße Haare hat und von hinten rein optisch gesehen Elisabeth S. sehr ähnlich sieht, habe daraufhin damals in der Apotheke ein homöopathisches Mittel sowie einen Tee für Elisabeth S. besorgt und wollte diese Dinge nur kurz vorbeibringen. Aber Elisabeth habe „sehr geklammert“. Zuerst habe sie Inge K.-W. gebeten, sie noch zum Arzt zu fahren. Dann habe Elisabeth S. sie gefragt: „Bitte, bitte, darf ich noch zu euch?“ Der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth hakt nach: „Warum hat Elisabeth sie damals angerufen, obwohl sie sich zuvor ein Jahr nicht gesehen hatten?“ Inge K.-W. habe sich das auch gefragt. „Sie habe niemand“, soll Elisabeth S. ihr gegenüber geäußert haben. Anke Stiefel-Bechdolf, die Verteidigerin von Elisabeth S. fragt nach: „Kann es sein, dass Elisabeth S. Sie als enge Vertraute gesehen hat?“ – „Das kann sein“, antwortet Inge K.-W..

Zeugin Inge K.-W.: „Sie hat einen stieren Blick gehabt“

Was Inge K.-W. dann beschreibt, erinnert an die Zeugenaussage von Freundin Edeltraud M., die Edeltraud M. im Dezember 2018 vor Gericht gemacht hat. Am 14. April 2018, also nur zwei Wochen vor Oles Tod, habe Inge K.-W. Elisabeth S. zum Spazierengehen abgeholt. Hier sei ihr aufgefallen, dass (wie bei dem Treffen zuvor) die Rollläden von Elisabeth S.‘ Haus dreiviertel heruntergelassen gewesen seien und das bei strahlendem Sonnenschein. „Wir haben versucht, spazieren zu gehen, aber es war schwierig. Es fand auch kein normaler Dialog statt“, berichtet Inge K.-W. weiter. Wohin sollen wir gehen?, habe sie Elisabeth S. gefragt. Diese habe geantwortet, dass sie „irgendwo hochgehen und herunterschauen möchte“. Also seien sie in die Weinberge gefahren. Dort habe Elisabeth kleine Schritte gemacht, sei kaum vorangekommen. Wegen des unsicheren Ganges habe Inge K.-W. den Eindruck bekommen, dass Elisabeth S. möglicherweise Medikamente eingenommen haben könnte. „Bist du krank“?, habe Inge K.-W. gefragt, worauf Elisabeth S. aber nichts erwidert haben soll. „Sie hat aber immer so komisch geguckt. Sie hat einen richtig stieren Blick gehabt“, erinnert sich Inge K.-W.. Mal sei sie teilnahmslos herumgestanden, dann wieder ein paar Schritte gelaufen. Irgendwann habe Elisabeth S. sie gefragt: „Drehen wir wieder um?“ Zu Hause habe Elisabeth S. sie noch gebeten, mit ins Haus zu kommen, aber Inge K.-W. sei nur noch mit ihr in den Garten. Es sei das letzte Mal vor dem Tattag gewesen, als sie Elisabeth S. gesehen habe. Sie habe ihr geraten, zum Arzt zu gehen. „Mir kam sie schon fast depressiv vor“, lautet die Einschätzung von Inge K.-W.. Zwei Tage vor dem Tattag habe sie nochmal mit Elisabeth S. telefoniert. In diesem Telefonat äusserte Elisabeth S. dann die besagten Ängste um ihren anstehenden 70. Geburtstag.

Wirre Haare, ungepflegt, zahnlos

Bereits Jahre zuvor habe es laut Zeugin Inge K.-W. Auffälligkeiten im Verhalten von Elisabeth S. gegeben. 2015 sei sie regelrecht erschrocken gewesen über den Anblick von Elisabeth S., die sie zufällig auf einer Wirtschaftsmesse in Künzelsau gesehen hatte. „Sie sah sehr ungepflegt aus, ihr Gesicht war aufgedunsen, wie wenn man Cortisonpräparate nimmt. Sie war zahnlos, die Haare waren wirr, ihre Kleidung ungepflegt.“ Elisabeth S. habe einen großen Beutel bei sich gehabt, in den sie „im großen Stil“ Mitgebsel von Firmen eingepackt habe. „Wir haben uns fast schon geschämt“, sagt Inge K.-W..

2016 erhielt sie von Elisabeth S. einen Anruf, dass sie von einem älteren Ehepaar Kleidung ihres Enkels bekommen habe und ob sie nicht schauen wollte, ob für ihre Enkel etwas darunter wäre. Inge K.-W. ging daraufhin bei Elisabeth S. vorbei, war aber dann etwas erschreckt über den Anblick, der sich darbot. „Es sah sehr wild aus. Überall standen große Tüten mit Kleidung wie beim Roten Kreuz herum.“ Elisabeth S. habe ihr erklärt, dass sie gerade alles neu ordnen würde und dass viele Leute ihre Kleidung bei ihr abgeben würden [Anm. d. Red.: Elisabeth S. hat jahrelang im Kleiderladen in Künzelsau mitgeholfen.]

Aufgrund der Bitte des Sohnes von Elisabeth S. habe Inge K.-W. Elisabeth S. für den Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt ein paar Kleidungsstücke von sich für Elisabeth S. gerichtet, da der Sohn erklärt habe, er dürfe nach der Tatnacht das Elternhaus nicht mehr betreten. Bei der Übergabe der Kleidungsstücke in Niederhall habe sie Elisabeths Sohn und die Brüder gefragt: „Habt ihr das nicht gemerkt?“ Daraufhin hätten der Sohn und die Brüder von Elisabeth S. geschwiegen.

Zeugin Gabriele D. wiederum, die ebenfalls an dem fünften Prozesstag vor Gericht befragt wurde, sagte, dass ihr kein ungewöhnliches Verhalten an Elisabeth S. aufgefallen sei, als sie am 20. April 2018, also eine Woche vor der Tatnacht, mit Elisabeth S. spontan Pizza essen gegangen sei. Die pharmazeutisch-technische Assistentin berichtet, dass Elisabeth S. ihr noch von ihrem Plan erzählt habe, ihr Schlafzimmer vom oberen Stock ins Erdgeschoss zu verlegen. Und dass sie einige Bücher hätte, von denen sie sich trennen müsste. Gabriele D. hat ihr angeboten, vorbeizukommen, um gemeinsam zu schauen, was man mit den Büchern machen könne.

Medikamente abgesetzt

Elisabeth S. habe ihr zudem von einem Arztbesuch erzählt und dass sie unsicher sei, ob sie die verschriebenen Tropfen gegen ihre Schlafstörungen nehmen solle. Wegen der Bücher habe Gabriele D. Elisabeth S. am Donnerstag, den 26. April 2018, für zirka eine Stunde besucht. Elisabeth S. habe ihr erzählt, dass sie am Wochenende „ganz viel vorhat“. So würde am Freitag Ole kommen, am Samstag sei sie eingeladen zu einem Geburtstag, am Sonntag sei ein Treffen mit der Schwägerin geplant. Gabriele D. und Elisabeth S. nahmen sich vor, gemeinsam mal zu einem Mariengottesdienst im Mai 2018 in Künzelsau zu gehen. Elisabeth S. erzählte ihr bei diesem Treffen auch, dass sie die Tropfen gegen Schlafstörungen abgesetzt habe, weil sie davon Kopfschmerzen bekommen hätte. Das war ein Tag vor der Tatnacht.

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