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  • Elisabeth S. (Mitte). Foto: Gschwätz/Archiv

„Es ist für uns alle ein Albtraum“ – Auch Sohn von Elisabeth S. steht vor einem Rätsel

// Abschiedsbrief von Elisabeth S. gefunden: „Bitte verzeih mir, Stephan“

Er ist groß, hager, hat schütteres braunes Haar, einen Vollbart und gleicht auf den ersten Blick so gar nicht seiner Mutter. Der Sohn von Elisabeth S., Stephan S., saß am vierten Verhandlungstag (17. Dezember 2018) im Zeugenstand und kann sich diese Tragödie um den nach wie vor rätselhaften Tod des siebenjährigen Ole nicht erklären. Als ihn der Vorsitzende Richter, Roland Kleinschroth fragt, ob er sich denn erklären könne, warum seine Mutter keine Aussage macht zu dem, was in der Tatnacht passiert ist, sagt er: „Vielleicht weiß sie es nicht. Vielleicht kann sie es nicht. Juristisch hat sie natürlich auch das Recht zu schweigen.“ Lange Zeit wirkt Stephan S. während seiner Vernehmung sehr hölzern, zeigt wenig bis keine Emotionen, bis es schließlich aus dem 47-Jährigen herausbricht.

Er hat Elisabeth nie gefragt, was passiert ist

„Es ist für uns alle ein Albtraum“, sagt er mit tränenerstickter Stimme. Ich weiß, es ist auch für die Eltern von Ole ganz schlimm.“ Und er betont: „Jeder will den Grund erfahren“, was warum in dieser Nacht passiert sei, als Ole gestorben ist. Ob er seine Mutter während seiner diversen Haftbesuche nicht gefragt habe, was passiert sei, hat Richter Kleinschroth ihn gefragt. „Nein“, lautet die knappe Antwort des 47-Jährigen. Er fügt hinzu: „Ich kann es mir auch überhaupt nicht erklären.“ Als ein Einzelkind groß geworden, habe er nie körperliche oder verbale Gewalt erfahren, berichtet der seit dem Studium in München lebende Fotodesigner. Seine Mutter sei immer liebevoll und einfühlsam gewesen. Auf den Auszug seiner Mutter aus dem elterlichen Wohnhaus angesprochen (zweimal ist Elisabeth S. ausgezogen, weil sie sich von ihrem inzwischen verstorbenen Mann getrennt hatte beziehungsweise trennen wollte) und zu den Gründen für den Auszug gefragt, berichtet er knapp von Streitereien der Eltern, die gehäuft auftraten, als er in der Pubertät war. Worum es bei den Streitigkeiten der Eltern genau ging, wisse er nicht – ebenso wenig wusste er von einem angeblichen Aufenthalt seiner Mutter in der psychiatrischen Klinik in Weinsberg.

Ihm war keine Depression bekannt

Im Gegensatz zu den Freundinnen, die am Vormittag des heutigen Verhandlungstages aussagten, dass Elisabeth vor allem seit Anfang 2018 sehr depressiv schien, hat Stephan S. ein anderes Bild von seiner Mutter. Seine Mutter sei zwar „sehr niedergeschlagen“ gewesen, als sie mit 58 Jahren aufgehört hat zu arbeiten und auch nach dem Krebstod seines Vater vor rund zehn Jahren. Aber ansonsten war sie bis zuletzt eine „lebenslustige“ Person, die „viel kommuniziert“ habe. Jetzt, in der Justizvollzugsanstalt [JVA], sei es „natürlich eine sehr bedrückende Situation“, aber ob meine Mutter wegen der JVA-Situation oder wegen etwas anderem bedrückt war, kann ich so nicht beurteilen“. Das Thema Depression kommt bei Stephan S. Äusserungen nicht vor.

Nina S. wiederrum, die Freundin von Stephan S., berichtet in ihrer Zeugenvernehmung von einer gedrückteren Stimmung von Elisabeth S., die ihr und auch Stephan S. vor allem im Winter um die Weihnachtszeit auffiel.. Während Nina S. Elisabeth S. hauptächlich an Ostern und Weihnachten sah, besuchte Stephan S. seine Mutter laut eigenen Aussagen alle sechs bis acht Wochen. Oft habe er dann Dinge wie etwa den Fernseher repariert oder im Garten etwas instandgesetzt.

Am Ostermontag habe er seine Mutter das letzte Mal vor dem Tod des Kindes gesehen, sagt er. Während der Ostertage war er bei Elisabeth. Sie habe ihm gegenüber weder über Verlustängste Ole gegenüber geklagt, noch darüber, dass sie traurig darüber sei, dass ihr Bruder mit seiner Familie an Ostern nicht anwesend war. Anders als zu ihren Freundinnen, die zuvor ausgesagt haben, habe Elisabeth sich ihm gegenüber nicht in diesem Sinne geäussert, sonden, ganz im Gegenteil, gesagt, dass sie sich für die Familie ihres Bruders sogar freue, dass sie über Ostern nach Japan fliegen. Unmut habe sie lediglich bezüglich der Entrümpelung ihres Keller geäussert, die der Bruder von Elisabeth S. in Angriff genommen habe vor Ostern. Der Sohn habe bereits Jahre zuvor schon ein- oder zweimal den Keller der Mutter entrümpelt und kannte das leidige Thema bereits.

„Könnte es sein, dass es ihrer Mutter schwer fiel, mit Ihnen über Dinge zu reden, die sie belastet?“, hakt Richter Kleinschroth nach. Laut den Beschreibungen des Sohnes entsteht das Bild einer Mutter-Sohn-Beziehung, die zwar telefonisch, über WhatsApp und regelmäßige Besuche aufrechterhalten wurde, wodurch beide miteinander in kontinuierlichem Austausch standen, aber die Gespräche eher oberflächlicher Natur waren. Ihre Ängste und Sorgen hat Elisabeth S. eher ihren engsten Freundinnen anvertraut.

„Bitte verzeih mir, Stephan“

Richter Roland Kleinschroth liest einen Abschiedsbrief vor, der in dem Haus von Elisabeth S. gefunden wurde und adressiert ist an ihren Sohn. Der Inhalt: „Bitte verzeih‘ mir, Stephan. Ich habe dich sehr lieb. Ich bin nur sehr verzweifelt. Denke nicht schlecht über mich. Ich bin nur eine Belastung für dich.“ Ob sich Stephan S. erklären könne, warum seine Mutter solche Zeilen geschrieben habe, fragt Richter Kleinschroth. „Vielleicht wegen Ostern oder meiner Krankheit [Anm. d. Red.: Stephan S. hatte ein vorübergehende, sehr schmerzhafte, aber nicht lebensbedrohliche Krankheit]“, spekuliert Stephan S.. Richter Kleinschroth bohrt weiter und zeigt ihm das große Küchenmesser, das mitten im kleinen Flur auf einer Kiste im Obergeschoss im Haus seiner Mutter bei Entdeckung der Leiche lag. Der Sohn erklärt, dass seine Mutter der Familie mal an Weihnachten erklärt habe, dass sie aus Angst vor Einbrechern eine Schrotflinte des Vaters hinter der Tür versteckt hat und ein Küchenmesser im Schlafzimmer. „Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Mutter sich mit dem Messer hätte etwas antun können?“, fragt Richter Kleinschroth. Nein, eher mit Tabletten, antwortet der Sohn. Die Zeugin Edeltraud M. und laut dem Sohn, engste Vertraute, hatte in ihrer Zeugenaussage zuvor zu Protokoll gegeben, dass sich Elisabeth S. tatsächlich früher einmal mit Tabletten das nehmen wollte – das wisse sie allerdings nur von dem inzwischen verstorbenen Ehemann von Elisabeth S..

Stephan S. wurde auch zu seinem Alibi in der Tatnacht befragt – unter anderem weil ein Auto mit Münchner Kennzeichen in der Straße zu Elisabeth S. Haus in der besagten Zeit geparkt hat. Stephan S. erzhählt, er habe am Freitag, den 27. April den Boden des Arbeitszimmers seiner Wohnung in München mit eingelassen. Danach habe er mit seiner Freundin abends, nachdem diese vom Sport zurückgekommen war, gegessen und dann noch ferngeschaut. Am nächsten Tag hätten sie gemeinsam gefrühstück, bevor der Anruf von seiner Tante gekommen sei, dass ein Unglück passiert sei. Er und seine Freundin hätten daraufhin ihre Sachen gepackt und seien zu seinem Onkel nach Niedernhall gefahren. Dazwischen habe er zwei- oder dreimal versucht, seine Mutter auf dem Handy anzurufen, habe aber niemanden erreicht. Freundin Nina S. stützt sein Alibi in der Tatnacht mit fast denselben Worten.

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