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  • Einige Heimbewohner, Angehörige und Mitarbeiter sind mit den Nerven am Ende. Foto: unsplash

Aufstand im Altenheim Krautheim – Der Pflege-Skandal

// BBT-Gruppe verspricht Besserung

„Es tut mir so leid.“ Gertruds* Stimme zittert, wenn sie über ihren Beruf spricht. Sie ist ausgebrannt. „Die Zustände haben sich in den vergangenen Jahren merklich verschlechtert“, sagt sie. Sie hat das Gefühl, sie wird ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht – den alten Menschen nicht mehr gerecht. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Altenheim in Krautheim. Was sie sagt, geht einem auch als Unbeteiligter unter die Haut.

Altenpflegerin Gertrud: „Die Patienten schreien“

„Die Patienten schreien im wahrsten Sinn nach Liebe“, berichtet sie. Doch dafür, für Umarmungen, für Gespräche bleibe keine Zeit. Im Gegenteil: „Wenn demenzkranke Patienten schreien, werden sie einfach kurzerhand auf ihr Zimmer geschoben und die Tür zugemacht.“ Das zumindest berichtet eine Angehörige, Anneliese Riegler aus Krautheim, die ihre Mutter in dem Heim hat. Gertrud bestätigt auf GSCHWÄTZ-Nachfrage dieses Vorgehen und erklärt: „Durch das Schreien werden andere Patienten gestört.“ Die Mitarbeiter wiederum hätten gar nicht die Zeit, sich um
die Patienten zu kümmern. „Man kann seinen Job gar nicht mehr richtig machen“, sagt Gertrud. Viele, die herumschreien, seien demenzkrank. „Die bräuchten eigentlich eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Dies jedoch könne das kleine Team gar nicht leisten.

Krautheim liegt im idyllischen Jagsttal. (Hier zu sehen: Die Burg.) Doch die Idylle trügt. Foto: GSCHWÄTZ

Zwei Mitarbeiter für über 20 Senioren

Früher hätten sie mehrere Azubis gehabt, jetzt sei nur noch ein Lehrling da, eine Azubine, die gerade 16 Jahre geworden sei und bereits voll mitarbeiten müsse, berichtet Gertrud. Im Altenheim in Krautheim, das zur Hohenlohe Krankenhaus gGmbH und damit wiederum zur BBT-Gruppe gehört (staatlich/kirchliche Trägerschaft), gibt es rund 45 Plätze – verteilt auf zwei Stockwerke, so Getrud. Zwei bis drei Mitarbeiter (darunter Minijobber und Teilzeitkräfte) kümmern sich laut Gertrud und Anneliese Riegler um jeweils ein Stockwerk mit teilweise über 20 Patienten. Manchmal,
berichtet Riegler, „bleibt keine Zeit, um die Heimbewohner zu duschen, dann gibt’s Katzenwäsche“.

300 bis 400 Überstunden

Viele der Mitarbeiter seien an ihr Leistungslimit gekommen, seien krank, überarbeitet, hätten gekündigt oder häufen bis zu 300 oder 400 Überstunden an. Neue Mitarbeiter werden immer seltener eingestellt, weil „die eben auch nicht einfach so von den Bäumen hüpfen“, erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie viel eine Teilzeitkraft im Pflegebereich verdient (um die 1.000 Euro
brutto). Unter diesen Bedingungen „kann man seinen Job nicht mehr richtig machen“. Das ist es, was Gertrud am meisten belastet.

Im März 2018 wenden sich die Angehörigen der Heimbewohner in einem Beschwerdebrief an den kaufmännischen Direktor, an Herbert Trudel. Dieses Schreiben liegt GSCHWÄTZ vor. Darin heißt es unter anderem: „Wir zahlen einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, damit sie [unsere Angehörigen] gut versorgt sind. […] Wir haben in zehn Jahren viele Heimleitungen kommen
und gehen sehen. […] Das Pflegepersonal (mit Doppelschichten) ist an ihre Grenzen gekommen. […] Es wird immer mehr an Personal gespart“, obwohl die Bewohner teilweise in höhere Pflegegrade eingestuft werden und dadurch auch mehr Pflege benötigen. „Seit Wochen sehen wir oft nur eine Person in der Küche“, die für alle Heimbewohner das Essen zubereiten solle. Riegler und auch Mitarbeiterin Gertrud berichten unabhängig voneinander gegenüber GSCHWÄTZ, dass sich auch das Essen an sich verschlechtert habe, dass die Heimbewohner teilweise dünne Suppen bekämen. Frisches Brot beim örtlichen Bäcker kaufe die neue Heimleitung nicht mehr ein, sondern stattdessen Essen bei günstigen Supermarktketten. „Es wird an allen Ecken und Enden gespart“, lautet das Fazit auch von Mitarbeiterin Gertrud.

Mitarbeiter, Angehörige und Heimbewohner gehen auf die Barrikaden. Foto: unsplash

Angehörige: „Seit Wochen sehen wir oft nur eine Person in der Küche“

Herbert Trudel antwortet nur wenige Tage später. Trudels Schreiben liegt der Redaktion GSCHWÄTZ ebenfalls vor. Darin heißt es: „Betroffen haben Herr Mächtlen und ich Ihre Beschwerde […] zur Kenntnis genommen.“ Trudel verweist darauf, diese Beschwerden bei der nächsten Angehörigenversammlung am 11. April 2018 anzusprechen. Riegler wiederum teilte GSCHWÄTZ mit, dass es auch nach dieser Versammlung zu keinerlei Verbesserung gekommen sei. Im Gegenteil. „Der Zustand hat sich verschlechtert. Das Personal ist ständig unterbesetzt. Gutes Personal hat gekündigt.“ Ein weiteres Ärgernis: „Die Räume sind dreckig und schmutzig“, erzählt Anneliese Riegler. Eine externe Firma sei für die Reinigung der Räume zuständig. Aber vermutlich werde auch hier gespart.

Rund 3.000 Euro für einen Platz im Altenheim

Rund 3.000 Euro zahlen Angehörige im Schnitt für einen Heimplatz in Krautheim. Sind alle 45 Plätze in Krautheim belegt, wären das monatliche Umsätze von 135.000 Euro. Nun sollen die Pflege-Entgelte nochmal angehoben werden, wie Einrichtungsleiter Maximilian Mächtlen in einem Schreiben an die Angehörigen der Heimbewohner ankündigte. Hierzu lud er alle Angehörigen
zum nächsten Angehörigentreffen ein. Am 24. September 2018 war es soweit. An diesem Abend entlud sich, was sich über Monate und teilweise Jahre angestaut hatte.

An diesem Abend entlud sich, was sich über Monate und teilweise Jahre angestaut hatte

17 Menschen waren zur Versammlung gekommen, darunter drei Heimbewohner. Rund die Hälfte meldete sich zu Wort und beschwerte sich bei Trudel und Mächtlen. Die Vorwürfe reihten sich wie Perlen aneinander. Fünf „gute“ Pflegekräfte hätten gekündigt. Zwei Hilfskräfte aus Mazedonien, die fast kein Deutsch können, seien stattdessen eingestellt worden. Das Essen lies angesichts vieler Heimbewohner, die sowieso schon Probleme mit dem Magen hatten, zu wünschen übrig. Von übersäuertem Ochsenmaulsalat war die Rede und Vollkornbrot, das viele schlicht nicht mehr
essen könnten. Und überhaupt: Das Personal habe zu wenig Zeit, um die Menschen nach Bedarf zu füttern. Die Jalousien würden nicht repariert werden, so dass die Heimbewohner teils im Dunkeln sitzen müssten.

Alte sitzen im Dunkeln, Mitarbeiter haben nur noch Zeit für Katzenwäsche

Und: Es fehle eine offene, transparente, kritische Kommunikation über all diese Misstände. Jemand sprach von „Betrug“ angesichts der Tatsache, dass die Heimbewohner beziehungsweise
die Angehörigen nun auch noch mehrere hundert Euro mehr für den Heimplatz bezahlen müssen. Wohin fließe das Geld?, wollte jemand wissen. Trudel und Mächtlen verwiesen indes darauf, dass ab dem 01. Oktober 2018 zwei neue Pflegekräfte kommen würden und zusätzlich eine Nachtwache. Aber der vorgegebene Stellenschlüssel müsse eingehalten werden. Mächtlen verwies auf die Vorgaben der Kranken- und Sozialkassen. In einem halben Jahr wollen sie zum nächsten Angehörigentreffen einladen. Ein Heimbewohner im Rollstuhl schüttelte nur frustriert den Kopf und meinte: „Hier wird doch sowieso nur geredet, aber nichts kommt heraus.“ – „So schaffen wir das nicht“, meinte eine andere Stimme. Seit dem letzten Treffen, überhaupt die letzten Jahre, habe sich nichts verbessert, kritisierte eine weitere Stimme. Jahrelang seien diese Missstände schon vorgetragen worden. Doch nichts sei passiert. Im Gegenteil.

Mitarbeiter haben teilweise keine Zeit mehr, die Heimbewohner zu duschen. Dann gibt es Katzenwäsche. Foto: adobe stock

GSCHWÄTZ die BBT-Gruppe als Mehrheitseigner der Hohenloher Seniorenheime um eine Stellungnahme gebeten. Der BBT-Gruppe äusserte sich nicht überrascht und betont, dass bereits erste Schritte zur Verbesserung der Situation eingeleitet wurden:

BBT-Gruppe stimmt zu: „Es gibt Handlungsbedarf“

„Bereits kurz nach Übernahme der Verantwortung für die Seniorenheime der Hohenloher Seniorenbetreuung (HSB) haben wir uns intensiv mit der Situation dort beschäftigt.  Von Mitte Juni bis Mitte Juli fanden in allen stationären Senioreneinrichtungen interne Audits statt. Dabei wurden intensive Gespräche mit den Einrichtungsleitungen, Wohnbereichsleitungen und PDL über die Infrastruktur der Gebäude, über die Personalsituation sowie die aktuellen Berichte der Heimaufsicht und des MDK geführt. Auf der Grundlage dieser Audits haben wir Konzepte für die Weiterentwicklung der Senioreneinrichtungen erstellt, die gemeinsame Standards zur Qualitätssicherung, zu Personalmanagement und Personalentwicklung beinhalten. Wir sind nun dabei, diese Konzepte Schritt für Schritt umzusetzen und haben bereits erste Sofortmaßnahmen eingeleitet“, beschreibt BBT-Regionalleiter Thomas Wigant die Situation. „Das ist allerdings ein kontinuierlicher Prozess, der nicht immer sofort nach außen sichtbar ist. Im Altenheim  Krautheim stehen wir vor einigen besonderen Herausforderungen, es gibt Handlungsbedarf und wir haben bereits damit begonnen, uns dem zu stellen.“

Zu wenig Personal in der Pflege

Die BBT-Gruppe verweist auf die derzeit deutschlandweite Situation, dass Pflegepersonal überall Mangelware sei.

„Gut ausgebildetes Pflegepersonal ist nach unserer Ansicht für eine gute Pflege in unseren Senioreneinrichtungen unverzichtbar. Bundesweit fehlen allein in der Altenpflege mehrere tausend Fachkräfte und gerade in ländlichen Regionen ist es schwierig, ausreichend Pflegefachkräfte zu finden. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass die Suche nach qualifiziertem Pflegepersonal in den Einrichtungen der HSB durch die Löhne nach einem niedrigeren Haustarif in den vergangenen Jahren zusätzlich erschwert wurde. Dieser Herausforderung stellen wir uns – gerade auch im Sinne einer guten Versorgung für unsere Bewohner.  Zurzeit führen wir Tarifgespräche mit der Gewerkschaft verdi und dem Betriebsrat, die eine schrittweise Annäherung an den Tarif des öffentlichen Dienstes und damit eine Rückkehr in den Flächentarif zum Ziel haben. Diese Gespräche stehen jetzt kurz vor einem Abschluss“, so der Regionalleiter der BBT-Gruppe Thomas Weber. „Wichtiges Anliegen ist es dabei für uns als Verantwortliche, einen guten Ausgleich zu finden zwischen  – einerseits – unserer erklärten Absicht, die Löhne und Gehälter für unsere Mitarbeiter künftig schrittweise an den Tarif des TVÖD anzupassen und  – andererseits – die finanzielle Belastung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner beziehungsweise deren Angehörige in Grenzen zu halten“, so Thomas Weber weiter. „Gute Pflege muss uns – auch als Gesellschaft insgesamt – etwas wert sein. Dieser Schritt ist für uns eine Grundlage sowohl für die künftige Gewinnung als auch die Bindung von qualifizierten Pflegenden, die bereits in unseren Einrichtungen arbeiten.“

„Dabei sind die vorgegeben Pflegeschlüssel orientiert an den Pflegegraden Bewohner für uns verbindlich und werden auch durch die Kostenträger und die Heimaufsicht extern kontrolliert“, unterstreicht der kaufmännische Direktor der HSB Herbert Trudel. „Im Altenheim Krautheim  waren im ersten Halbjahr 2018 – bei monatlichen Schwankungen – im Schnitt 0,3 VK mehr Pflegepersonal beschäftigt, als vom vereinbarten Pflegeschlüssel verlangt. Dabei gab es allerdings auch Personalwechsel. Fünf Mitarbeiter haben uns verlassen. Dafür wurden sechs Mitarbeiter neu eingestellt, darunter zwei ausgebildete mazedonische Pflegekräfte mit Sprachniveau B2, die mit wöchentlichem Sprachunterricht unterstützt werden, um ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.“

BBT-Gruppe verspricht, Jalousien zu reparieren und gesteht Mängel in der Sauberkeit der Räume ein

„In einigen – auch von Ihnen angeführten – Fällen haben wir im Altenheim Krautheim bereits Sofortmaßnahmen eingeleitet: Tatsächlich war die Qualität der Reinigungsfirma auch aus unserer Sicht nicht ausreichend. Nachdem unsere Interventionen bei der Firma nicht die gewünschten Besserungen erzielten, werden wir in Kürze die Gebäudereinigung wieder selbst übernehmen. Auch die Reparatur der Jalousien in einigen Zimmern hat in dieser Woche bereits begonnen“, heißt es in der Antwort auf unsere Presseanfrage. In einem Punkt jedoch betont BBT, dass es keine Mängel gab:

„Den Vorwurf, am Essen zu sparen, weisen wir entschieden zurück. Das Essen stellt aus unserer Sicht für unsere Bewohner einen wesentlichen Bestandteil der Lebensqualität dar“, so der kaufmännische Direktor der HSB Herbert Trudel weiter. „Die Speiseplanung erfolgt  durch unsere qualifizierte Hauswirtschaftsleiterin nach ernährungswissenschaftlichen  Gesichtspunkten und den Bewohnerbedürfnissen und -wünschen. Es gibt daher keine ‚dünnen Suppen‘. Sicher schmecken nicht immer alle Speisen jedem Bewohner. Wir versuchen daher soweit es geht, auch den individuellen Essenswünschen nachzukommen. Deshalb ist es auch wichtig. etwa beim Brot abwechselnde Angebote zu machen, ob von örtlichen Bäckereien oder von anderen Lieferanten. Generell legen wir Wert darauf, unsere Lebensmittel (zum Beispiel Brot, Wurst, Säfte) auch von örtlichen und regionalen Lieferanten zu  beziehen.“

BBT: „Den Vorwurf, beim Essen zu sparen, weisen wir entschieden zurück“

„Wir nehmen alle von den Angehörigen genannten Hinweise sehr ernst und beziehen sie gezielt in unser Qualitätsmanagement mit ein“, betont Regionalleiter Thomas Wigant. „Rückmeldungen der Bewohner und Angehörigen – am besten im direkten Gespräch mit den zuständigen Verantwortlichen in den Senioreneinrichtungen – sind wichtig, damit wir konkrete Maßnahmen zu einer weiteren Verbesserung einleiten können. Daran arbeiten wir und wir setzen dabei auf einen guten Dialog mit unseren Bewohnern und deren Angehörigen.

Kaum einer glaubt noch an eine Verbesserung, es werde nur immer schlechter, schlagen Angehörige, Heimbewohner und Mitarbeiter Alarm

Der Frust und die Enttäuschung sind groß in Krautheim, denn kaum glaubt an eine Verbesserung der Situation, viele Mitarbeiter, aber auch Angehörige sind am Ende ihrer
Kräfte. „Wir alle sind alle fix und fertig“, sagte Anneliese Riegler gegenüber GSCHWÄTZ.

 

BBT-Gruppe bleibt Frage nach den Gehältern der Geschäftsführung offen

Die BBT-Gruppe hat der Redaktion GSCHWÄTZ  in kürzester Zeit umfassend und auch selbstkritisch geantwortet. Die einzige Frage, die sie offen lies, war die Frage, wie viel die Geschäftsführung verdient.

Wieviel verdient die Geschäftsführung? Foto: adobe unstock

Altenheime in Hohenlohe

Die Hohenloher Krankenhaus gGmbH (HK) führt laut dem Geschäftsbericht von 2016 zwei Altenheime. Die Hohenloher Seniorenbetreuung gGmbH (HS) führt sechs weitere Seniorenzentren im
Landkreis. Die HS ist ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der HK. Laut dem Geschäftsbericht 2016 erwirtschafteten die Altenheime in Öhringen und Krautheim einen Überschuss von 129.000 Euro. Vergleichbare Zahlen zu den anderen Altenheimen, wie etwa Krautheim, werden in dem Bericht nicht einzeln aufgeführt. In diesem Geschäftsbericht verwies der damalige Geschäftsführer Jürgen Schopf auf die schlechte finanzielle Entwicklung der HK insgesamt und die Entscheidung des Kreistages, Mittel aus dem Krankenhausstrukturfonds zu beantragen.
Die Annahme der Mittel ging später mit der Schließung des Krankenhausstandortes in Künzelsau einher.

 

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