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  • Als ihr Mann ein Messer vor den Augen der Kinder zückte, zog Magdalena die Reissleine. Foto. adobe stock

Er schlug sie brutal

Geschlagen. Getreten. Mit Worten gedemütigt. So ergeht es vielen Frauen in Deutschland – nicht nur in Großstädten, auch im Ländle. Oft geschieht all dies, ohne dass
Außenstehende es bemerken.

Magdalena K.* gehört zu den Frauen, die häusliche Gewalt erfahren mussten. Die junge Frau wuchs bei einer Pflegefamilie auf. Mit 16 kam sie in ein Heim. Dort lernte sie Marc kennen und wurde schwanger. Sie heirateten, alles schien perfekt. Doch dem war nicht so. Marc schrie sie an, wurde immer aggressiver und schlug sie brutal. Nach zwei Jahren flüchtete sich Magdalena in ein Frauen- und Kinderschutzhaus. Die schwierige Frage: Wie fliehe ich aus dem Gefängnis zu Hause? Vielen Frauen fehlt der Mut, die Zuversicht. Und einige lieben ihren Partner trotz den Misshandlungen.

Ehrenamtlich tätige Frauen wollten den verängstigten Frauen den Schritt in ein neues, vielleicht sogar sorgenfreies Leben ermöglichen. Deshalb gründeten sie 1991 den Verein „Frauen helfen Frauen“ im Hohenlohekreis. Sie führten ein Notruftelefon ein und boten Frauen eine erste Anlaufstelle vor Ort. Nur drei Jahre später wurde das Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis gegründet. 15 Jahre lang konnte dieses soziale Projekt durch ehrenamtliche Helfer gestemmt werden. Seit Juli 2009 steht nun der Albert-Schweitzer-Kinderdorf-Verein als Träger hinter dem Frauenhaus. Zwei Sozialpädagoginnen und eine Erzieherin sind angestellt. Die Leiterin des Frauenhauses, Andrea Bühler, sagt: „Wir nehmen nur Frauen auf, die Gewalt erlebt haben oder bei denen eine akute Bedrohung vorliegt.“ Die betroffenen Frauen müssen selber wollen, sie können nicht zum Gang ins Frauenhaus gezwungen werden. „Den letzten Schritt muss die Frau selber machen“, so Bühler.

Die Plätze im Frauen- und Kinderschutzaus im Hohenlohekreis sind begrenzt. So fasst das Haus, dessen Adresse streng geheim ist, gerade einmal zehn Plätze, verteilt auf fünf Schlafzimmer. Besuch ist strikt untersagt. Nicht einmal enge Freunde und Verwandte dürfen vorbeikommen. Zu groß wäre die Gefahr, dass auch die gewalttätigen Ehemänner und Lebenspartner die Frauen aufsuchen und bedrohen könnten.

Ohne Schuhe stand sie vor uns

Zunächst einmal meldet sich die Frau unter der Hotline des Frauenhauses: 07940 / 58 954. Muss es schnell gehen, wird eine sofortige Unterbringung eingeleitet. In Einzelfällen muss die Polizei hinzugerufen werden, um die Frau in Sicherheit zu bringen. In der Vergangenheit kamen Frauen in diesen Fällen ohne jegliches Hab und Gut an. Eine Frau hatte nicht einmal Schuhe an. Da
brauchen die Mitarbeiter des Frauen- und Kinderschutzhauses viel Einfühlungsvermögen und psychologisches Geschick. Bühler erklärt: „Wir sind erst einmal auf der Seite der Frau, das ist unsere Botschaft.“

Das Selbstbewusstsein in Scherben

Anders als bei der Polizei werden keine Fragen nach Schuld und Unschuld gestellt, sondern die Frauen sollen sich geborgen fühlen und Vertrauen fassen. Viele Neuankömmlinge trauen sich nichts zu. Sie wurden jahrelang unterdrückt, das Selbstbewusstsein ist hinüber. Manche Frauen suchen ein Frauenhaus in ihrer unmittelbaren Heimat auf. Andere wiederum lassen Familie und Freunde zurück und wechseln in eine ihnen fremde Stadt. „Die meisten wechseln den Ort vor allem aus Sicherheitsgründen“, beschreibt Bühler den Weggang mancher Frauen. Es gäbe aber auch diejenigen Frauen, die nach zwei oder drei Tagen wieder nach Hause aufbrechen. Ihr Mann hätte sich entschuldigt, er würde sich ändern, die Kindern wollen zurück: Ausreden gibt es viele. Wer sich jedoch entscheidet, zu bleiben, möchte sich ein eigenständiges Leben aufbauen. Das ist derzeit im Hohenlohekreis schwer, denn der Wohnungsmarkt ist erschöpft.

Im Alkohol suchte sie Trost

Viele Frauen beziehen Hartz vier, haben Kinder, sind von vielen Vermietern nicht gern gesehen. Es gibt eine Absage nach der anderen. Magdalena ging nach ihrem ersten Aufenthalt im Frauenhaus in ihre Heimatstadt zurück. Im Alkohol suchte sie Trost, wurde abhängig. Dann traf sie Stefan und bekam mit dem neuen Mann an ihrer Seite zwei Kinder. Wieder schien alles perfekt. Er überhäufte sie mit Geschenken, machte sie glücklich. Doch auch er wurde gewalttätig. Noch schlimmer war der Psychoterror, dem Magdalena ausgesetzt war. Eines Tages fand sie Drogen im Garten. Schmerzlich wurde ihr klar, dass Stefan mit Rauschgift handelte und auch selbst abhängig war. Der Höhepunkt der Leidensgeschichte war erreicht, als Stefan vor den Augen der zitternden Söhne ein Küchenmesser in den Tisch rammte. Um sich selbst, insbesondere aber die Kinder zu schützen, suchte Magdalena erneut Hilfe in einem Frauen- und Kinderschutzhaus.

Vor den Augen der zitternden Kinder

Sechs Monate lang wird den Frauen das Leben in dieser Art Heim bezahlt. Danach endet der Geldfl uss vom Landratsamt, die Verantwortlichen müssen eine Begründung für eine weitere Beherbergung abgeben. Flavia da Silva-Matzick kümmert sich überwiegend um die mitgebrachten Kinder und Jugendlichen. „Die brauchen jemanden zum Zuhören“, resümiert sie ihre Hauptaufgabe. Sie nimmt sich die Zeit, bietet den hilflosen Kindern eine Schulter zum Anlehnen. Außerdem bringt sie den Nachwuchs auf andere Gedanken, macht Ausflüge, spielt und bastelt. Darüber hinaus ist Flavia Vermittler zwischen der Mutter und den Schulen und Kindergärten. Sie geht mit den Familien Schulsachen einkaufen, bringt die Kinder zur Schule und holt sie
wieder ab – wenn dies denn gewünscht wird. „Die Kinder bringen Hoffnung mit“,sagt sie. Und Bühler fügt hinzu: „Hoffnung, dass sich etwas verändert.“ Auch Magdalena steht heute mit beiden Beinen im Leben. Sie bewältigt Krisen ohne Alkohol, wohnt in einer kleinen Wohnung. Sie ist stolz auf ihre wunderbaren Kinder und würde mit ihnen gerne wie eine ganz normale Mutter in die Stadt zum Eis essen gehen oder ins Schwimmbad – wäre da nicht die Angst, Stefan könnte ihr auflauern und ihr und den Kindern etwas antun.

 

 

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