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Schüler (13) kritisiert: „Man möchte, dass mehr Menschen Bus fahren, aber die Buspläne sind Müll“

Politisch korrekt wünschten sich die Ganerben-Schüler, die am Donnerstag, den 23. Januar 2020, zu Gast im Rathaus waren und Bürgermeister Stefan Neumann Ideen für Künzelsau vorschlagen durften, eine grüne Lunge für die Kreisstadt – mit großen Bäumen, Wildblumen und vielleicht noch dem ein oder anderen Bienenhotel (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2020/01/23/ganerben-achtklaessler-fragen-buergermeister-neumann-warum-hat-die-realschule-whiteboards-und-wir-nicht/ ). Als der offizielle Programmteil sich dem Ende entgegenneigte und eine lockere Fragerunde eingeläutet wurde, stellten einige Schüler Fragen den praktischen Alltag betreffend. Warum gibt es an unserer Schule keine I-Pads? Warum hat die Realschule Whiteboards und wir noch normale Tafeln – trotz einer Millionen-Renovierung und -Sanierung des Ganerben-Gymnasiums vor nicht allzu langer Zeit. Und auch der Nahverkehr nervte einige Schüler gewaltig.

Schüler sind die Hauptkunden und damit die Haupteinnahmequelle des NVH

„Man möchte, dass mehr Menschen Bus fahren, aber die Buspläne sind Müll. Wir müssen eine halbe Stunde nach der Nachmittagsschule auf unsere Busse warten und verpassen teilweise unsere Anschlussbusse in Waldenburg. Warum bekommt man es als Nahverkehr nicht hin, dass Busse fahren, wenn man sie braucht?“, fragt etwa Severin (13).

Bürgermeister Stefan Neumann gab in diesem Zuge zu Bedenken, dass die Kunden des NVH immerhin rund 80 Prozent Schüler seien. Gleichzeitig aber betonte Neumann, dass der Hohenlohekreis schon jetzt viel Geld in den Nahverkehr investiere: „NVH kostet unheimlich viel Geld. Der Hohenlohekreis setzt unheimlich viel Geld hinein. Das müsste von Landesseite kommen.“ Gleichzeitig verwies er auf die europaweite Ausschreibung der NCV-Fahrten. Sprich: Europaweit können sich Unternehmen für diese Busfahrten bewerben. So fahren auch mittlerweile längst nicht mehr nur Busunternehmen aus der Region die Busse, sondern deutschland- wenn nicht sogar europaweit, weil diese günstiger sind und letzten Endes den Zuschlag bekommen. Eine Schülerin merkt an: „Uns ist auch aufgefallen, dass die Busse bei längeren Wartezeiten die Motoren laufen lassen. Das ist ja auch nicht so umweltfreundlich.“

Ingelfingen kennt die Problematik

Das Problem mit den Unterrichtszeiten und den nicht immer übereinstimmenden Busfahrplänen gibt es schon seit einigen Jahren – nicht nur in Künzelsau. Unter anderem auch in Ingelfingen gibt es zahlreiche Mamis, die jeden Montag um 15.30 Uhr zur Georg-Fahrbach-Schule fahren, um dort ihre Kinder abzuholen, weil für viele Teilortkinder kein Bus fährt. In Gretazeiten eigentlich ein Unding.

Auch der Lehrerin der Achtklässler, Michelle Kinbacher (31), ist dieser Mangel aufgefallen. Kinbacher wohnt in Heilbronn: „Was ich wirklich vermisse in Künzelsau, ist eine bessere Nahverkehrsinfrastutkur“, sagt sie. „Wenn wir Exkursionen machen, brauchen wir einen Reisebus oder Eltern müssen fahren“, weil es keine Möglichkeiten gäbe, mit dem öffentlichem Nahverkehr größere Sprünge zu machen.

Carsharing für Künzelsau

Dabei zeigen sich die Achtklässler an diesem Vormittag im Rathaus sehr grün und würden auch gerne grüner leben – wenn es denn so einfach wäre. Ein Schüler erzählte: „In Stuttgart gibt es jetzt auch Elektroroller, die man übers Handy mieten kann.“ Auch die Stadt habe sich diesbezüglich bereits Gedanken gemacht. Neumann erklärte darauf: „Wir überlegen Car-Sharing in unserem Städtenetzwerk Künzelsau – Öhringen -Schwäbisch Hall – Crailsheim. Außerdem bekommt jeder Student zum Studienstart ein Fahrrad von uns geschenkt.“ Zudem will das Regierungspräsidium Stuttgart laut Neumann noch in diesem Jahr entscheiden, ob die alte Bahnstrecke der einstigen Kochertalbahn wiederbelebt werde.

Einkaufsbeutel für Gemeinderäte

Generell finden die Ganerben-Schüler eine umweltfreundliche Stadt gut. Auszeichnungen für Schulen, Kindergärten und Haushalte, die gut Müll trennen und Strom sparen, können sie sich vorstellen. Auch Neumann findet die Idee gut und spinnt die Idee weiter zu einem Wettbewerb zwischen Schulen und Kindergärten. Dennoch betonte der Rathauschef, dass es auf jeden einzelnen ankomme: „Jeder kann etwas ändern. Wo kaufe ich ein? Brauche ich das wirklich? Das Thema umweltfreundliche Stadt ist sehr vielschichtig. Was bedeutet eigentlich klimaneutral und welche Maßnahmen setzen wir darunter?“ Als Weihnachtsgeschenk gab es laut dem Bürgermeister für die Gemeinderäte in diesem Zuge Einkaufsbeutel, um künftig plastikfrei unterwegs zu sein.

Bäume pflanzen

Darüber hinaus verwende das Rathaus Recyclingpapier zum Drucken. Stromsparlampen sollen kommen. Zudem soll dem Gemeinderat vorgeschlagen werden, die Schulen mit Photovoltaik zu bestücken, damit „wir unseren Strom selber produzieren und verbrauchen“.

Eine Schülerin fände Baumpflanzaktionen toll. Neumann verwies auf eine Aktion der Stadtverwaltung in der Vergangenheit mit der Pflanzung von 1.000 kleinen Bäumchen. „Das wollen wir im Stadtwald fortführen.“ In diesem Zuge könne man sich dann auch mehr Bäume für die Innenstadt überlegen.

Energiesparlampen sollen die alten Scheinwerfer laut Stefan Neumann bald ersetzen. Foto: GSCHWÄTZ

Die Schüler hatten einige Fragen im Gepäck. Foto: GSCHWÄTZ

Bürgermeister Stefan Neumann hörte sich die einzelnen Ideen der Schüler an. Foto: GSCHWÄTZ

So sieht es also im Sitzungssaal im dritten Stock im Rathaus aus. Foto: GSCHWÄTZ




Ganerben-Achtklässler fragen Bürgermeister Neumann: Warum hat die Realschule Whiteboards und wir nicht?

„Ein Kreidebomben-Festival wäre cool, ein Freizeitpark oder ein Musikfestival.“ Im Sitzungssaal im Rathaus sprudelt es nur so vor Ideen für Künzelsau. Achtklässler des Ganerben-Gymnasiums sind am Donnerstag, den 23. Januar 2020, zu Besuch im Rathaus gewesen und haben sich Gedanken über ihre „Traumstadt“ gemacht. Was fehlt in Künzelsau? Was wünscht sich die Jugend?

Mehr Einkaufsmöglichkeiten wünschen sich die Jugendlichen. Foto: GSCHWÄTZ

Licht aus. Spot an. „Stellt euch vor, ihr lauft morgens zur Schule. Ihr seid müde. Auf einmal hält neben euch ein Elektrobus. Der Busfahrer bittet euch, einzusteigen und fährt mit euch in eure Traumstadt. Dort gibt es überall kostenfreies W-Lan. Die Stadt hat wegen eines Festes allen Schülern schulfrei gegeben. Der Bus hält nun mitten im Zentrum und ihr staunt nicht schlecht, als ihr aussteigt und…“, lässt Nico Oesterwind (24), freier Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung,  die Schüler in dem abgedunkelten Sitzungssaal träumen. Dann geht das Licht wieder an. Nun sind die Schüler in Kleingruppen gefragt, ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Die Veranstaltung ist eine Aktion der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg – in Zusammenarbeit mit den Lehrern des Ganerben-Gymnasiums und Mitarbeitern der Stadtverwaltung Künzelsau. Michel Salzer von der Landeszentrale (26) erklärt: „In der Kommunalpolitik können Jugendliche bereits sehr früh Dinge gestalten. Ab 16 Jahren dürfen sie hier schließlich auch wählen.“ Dieses Interesse möchten sie bei den 13- und 14-Jährigen wecken. In Kleingruppen erarbeiten die Schüler Ideen für die Kreisstadt.

Wie wäre es mit einem Freizeitpark oder einem Festival in Künzelsau? Diese Achtklässler hatten viele kreative Ideen. Foto: GSCHWÄTZ

Mehr Festivals oder doch lieber eine grüne Lunge für Künzelsau – oder würde auch beides gehen?

In Gruppe eins geht es sehr lebhaft zu, aber Mateo (14) aus Künzelsau, Mattis (13) aus Kupferzell, Franziska aus Kocherstetten (13), Julia aus Waldenburg (13), Stella aus Künzelsau-Taläcker (13) und Sofia aus Gaisbach (13) sind sich schnell einig. Ein Kreidebomben-Festival oder ein Musikfestival täte Künzelsau gut. „Wenn wir Konzerte hier veranstalten, dann kommen auch mehr Menschen nach Künzelsau“, versucht Mateo die anderen in seiner Gruppe von seiner Idee zu überzeugen. Aber auch ein kostenloser Nahverkehr beziehungsweise generell ein besserer Nahverkehr  ist im Gespräch und dass es zu wenig Einkaufsmöglichkeiten in Künzelsau gibt. Am Ende aber stellen sie den anderen Schülergruppen ihre Festival-Idee vor. Julia (13) aus Waldenburg erkärt: „Wir haben uns für ein Musikfestival entschieden. Es gibt ja schon das Würth-Open-Air. Aber die Musik mag nicht jeder. Durch das Festival wird auch die Stadt attraktiver und es kommen auch mehr nach Künzelsau. Wenn die Stadt größer wird, werden auch mehr Steuern eingenommen, es könnten mehr neue Läden angezogen werden. Auch der Bürgermeister profitiert davon, denn seine Chancen steigen, dass er wiedergewählt wird.“

Bürgermeister Stefan Neumann sprach mit den Schülern die besten Ideen durch und nahm sich dabei viel Zeit. Foto: GSCHWÄTZ

„Es gab auch schon fliegende Autos als Ideen. Aber wir lenken die Schüler dahin, dass sie realistische Ideen vorschlagen sollen, denn am Ende werden nur vier Ideen dem Bürgermeister zur Umsetzung vorgestellt“, erklärt Nico Oesterwind. Oesterwind studiert eigentlich Erwachsenenbildung im Masterstudium. Seit zweieinhalb Jahren führt er daneben mit anderen Mitarbeitern der Landeszentrale derartige Veranstaltungen bei interessierten Stadtverwaltungen in Nordwürttemberg durch. Aber oft hieße es dann seitens der Bürgermeister: „Wir haben kein Geld oder der Bürgermeister hat keinen Einfluss darauf“, ob ein H&M in die Stadt kommt. Jugendliche wünschen sich laut Oesterwind häufig einen Park, mehr Einkaufsmöglichkeiten und mehr Angebote für die Jugend. Auch bei den Achtklässlern des Ganerben-Gymnasiums setzt sich am Ende der Park als TOP-eins-Idee für Künzelsau durch. Bürgermeister Stefan Neumann verweist auf den Wertwiesenpark, den es gibt. Die Schüler verweisen darauf, dass sie gerne mehr  Grün hätten, mit Bäumen, Blumen und Plätzen zum Laufen, Joggen und sich aufhalten. Gruppe sechs, die diese Idee geboren hat, erklärt: „In Künzelsau gibt es keine große Grünfläche. Deshalb haben wir uns für einen Park entschieden. Das ist für jüngere und ältere Menschen toll, aber auch für Tiere und Pflanzen. Das könnte dann auch ein Veranstaltungsort für Festivals sein. Das Kocherfreibad ist ja nicht so schön. Stattdessen wäre hier ein idealer Ort für einen Park.“ Schülerin Finni (13) von Gaisbach findet die Idee gut, weil der Park viele Ideen beinhalte wie Umwelt, Platz für Festivals. Und auch von den Kosten halte sich ein Park in Grenzen. Eine weitere Schülerin schlägt vor, in dem Park Beete mit Wildblumen für Insekten anzulegen und Bienenhotels aufzustellen.

Neumann: „Bei H&M haben wir schon mehrfach angeklopft“

Michelle Kinbacher (31), Gemeinschaftskunde-Lehrerin am Ganerben-Gymnasium, findet das Rathaus-Projekt super, denn: „Klasse acht ist das erste Jahr, in dem die Schüler Gemeinschaftskunde haben. So kann man ihnen vermitteln, dass Politik nichts abgehobenes ist, sondern auch vor der Haustüre passiert und dass Politik jeden etwas angeht.“ Und: „Wann kommt man schon mal ins Rathaus?“

So sieht es also im Sitzungssaal im dritten Stock im Rathaus aus. Foto: GSCHWÄTZ

Die Schüler plädieren für ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum und eine umweltfreundliche Stadt

Bereits in den einzelnen Kleingruppen lernen die Schüler, ihre Idee zu erklären und versuchen, die anderen mit ihrer Idee zu überzeugen – ganz ähnlich wie in der Politik. Letzten Endes schaffen es sieben Ideen ins Halbfinale. Neben der Festival-Idee der Gruppe eins hat sich die Gruppe zwei für ein Krankenhaus entschieden, damit „es weniger Kranke und Tote gibt, weil die medizinische Versorgung dadurch erhöht wird“. Gruppe drei plädierte für „eine umweltfreundliche Stadt mit mehr Elektrobussen.“ Gruppe vier forderte mehr Einkaufsläden beziehungsweise ein Einkaufszentrum mit Geschäften wie H&M, Intersport, Nike oder einem coolen Schuhladen. „Es ist ist auch spritsparender, das man nicht immer nach Heilbronn zum Einkaufen fahren muss“, erklären die Schüler ihre Idee. Zudem „spricht es jede Altersgruppe an“. Bürgermeister Neumann findet die Idee gut, gibt aber zu Bedenken, dass es nicht immer einfach ist, Firmen zu motivieren, in Künzelsau eine Filiale zu eröffnen: „“Wir versuchen die Firmen anzusprechen. Bei H&M haben wir schon mehrmals angeklopft. Wir sind größer als ein Dorf, aber kleiner als eine Stadt. Aber wir haben trotzdem viel zu bieten. Wir versuchen ihnen, den Standort hier schmackhaft zu machen.“ Severein aus Waldenburg (13) fragt, warum man für das Einkaufszentrum nicht das Areal nutzt, das frei wird, wenn Ziehl-Abegg mit seinem markant blauen Gebäude der Künzelsauer Innenstadt Lebewohl sagt. Neumann erklärt, dass es hierfür noch keinen genauen Zeitplan gäbe und man daher auch noch nicht konkret planen könne.

Severin aus Waldenburg (13, links) hatte einige Fragen an Bürgermeister Neumann. Foto: GSCHWÄTZ

Mountainbikestrecke, neue Rutschen im Hallenbad & eine weitere Ausgehmöglichkeit soll es mittelfristig geben

Konkreter wird Neumann bei Projekten für Jugendliche, die derzeit bereits in Planung für Künzelsau sind. Unter anderem soll es eine Moutainbikestrecke von Taläcker nach Künzelsau geben.  Zudem soll auch die Rutsche im Hallenbad erneuert werden. Eine Reifenrutsche fände der Bürgermeister persönlich gut, aber er entscheide das ja nicht allein, sagt er und verweist dabei auf den Gemeinderat. Auch soll es in absehbarer Zeit eine Ausgehmöglichkeit in Form einer Disko oder eines Clubs geben.

Tablets in den Schulen wünschen sich die Schüler

Neben ihren Ideen vorstellen, dürfen die Schüler Bürgermeister Neumann auch Fragen stellen. Ein Schüler möchte wissen: „Warum hat die Realschule Whiteboards und das Ganerben-Gymnasium Tafeln?“ – „Weil die Schulen das für sich entscheiden“, was sie brauchen, erklärt Bürgermeister Neumann. Julia Knobel, stellvertretende Hauptamtsleiterin in Künzelsau, verweist darauf, dass das Ganerben sich hinsichtlich des „Medienentwicklungsplanes erst noch am Anfang“ befände. „Aber da kommen in den kommenden Jahren noch ein paar Dinge dazu“. – „Die Lehrer sagen uns, dass Tablets zu teuer sind und sich das die Stadtverwaltung nicht leisten könne. Stimmt das?“, hakt ein weiterer Schüler nach. Knobel betont: „Die Vorschläge kommen nicht von uns, sondern von den Schulen. Diese wenden sich an die Stadt mit dem Bedarf, den sie haben.“

Neumann: „Künzelsauer wollen etwas bewegen“

Auf die Frage, warum es sich lohnt in Künzelsau zu leben, sagte Neumann: „Weil die Menschen hier toll sind. Man spricht ja den Hohenlohern auch eine gewisse Schlitzohrigkeit zu. Die Künzelsauer aber sind noch mal ein besonderer Schlag, unheimlich herzlich und sie wollen auch was bewegen. Man findet hier Menschen, mit denen man was reißen kann.“ Und was läuft derzeit hier nicht so gut? „Es gefällt mir nicht, wo wir gerade stehen hinsichtlich dem Thema Gesundheit. Hier passiert derzeit zu wenig. Das geht mir zu langsam. Das ist ein Hauptthema in diesem Jahr. Hier wollen wir eine Verbesserung. Und wenn es ein Gesundheitszentrum gibt, dann eines, das diesen Namen auch verdient hat.“

Wie geht Kommunalpolitik? Die Ganerben-Schüler zeigten sich sehr interessiert und hatten auch einige kritische Fragen im Gepäck. Foto: GSCHWÄTZ

 

Schülerinnen stellen Bürgermeister Stefan Neumann (3. von links) ihre Ideen für Künzelsau vor. Foto: GSCHWÄTZ

Diese Achtklässler sprachen sich letzten Endes für einen Park in Künzelsau aus. Foto: GSCHWÄTZ




Ernest, du altes Haus – Auflösung unseres Gewinnspiels

Ein Säufer war er, wie unterschiedliche Quellen berichten. Aber wohl ein charmanter. Das Haus, das wir Ihnen am 04. Januar 2020 im Rahmen unseres Gewinnspiels gezeigt haben, steht in Key West, Florida (USA) und gehörte einem der wohl berühmtesten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten: Ernest Hemingway. Allerdings hat er sich das Haus finanziell nicht selbst erarbeitet, sondern der damals noch junge Schriftsteller und seine damalige Ehefrau waren auf eine sehr große Finanzspritze des Onkels seiner Ehefrau angewiesen.

Depressionen bestimmten sein Leben

Es sollte nicht die letzte Ehefrau von Hemingway bleiben – und auch nicht sein letzter Wohnsitz – wohl aber sein kreativster. Hier entstanden laut der öffentlichen Führung, die in dem Haus in der heutigen Zeit angeboten wird, rund 70 Prozent seiner gesamten Werke. Insgesamt vier Ehefrauen verschliss der in jungen sehr gut aussehende Schriftsteller im Laufe seines Lebens, bis er in tiefste Depression verfallen seinem Leben mit einem Schusswaffe mit gerade mal 61 Jahren ein Ende setzte. Hemingway kannte sich aus mit Schusswaffen, war er doch begeisterter Jäger und Sammler. Diese Tragik steht im Widerspruch zu seinem erfolgreichen Schriftstellerleben, in dem er alle Preise abräumte, die es gab, unter anderem den Literaturnobelpreis und den Pulitzerpreis für seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Zahlreiche seiner Filme wurden in Hollywood verfilmt, doch nicht immer gefiel ihm das Ende. Hemingway mochte keine Happy Endings, weswegen er teilweise nicht mal die Filme anschaute, die auf seinen Romanen basieren verfilmt wurden, aber dann für Hollywood doch etwas abgeändert wurden.

Er verschliss vier Ehefrauen

Der wohl bekannteste Roman „Der alte Mann und das Meer“, das er rund zehn Jahre vor seinem Tod schrieb, gibt eine Vorschau, wie sein Leben enden wird. In dem Roman hatte ein alter Mann kein Glück mehr beim Angeln und jüngere Fischer waren erfolgreicher, aber der Alte wollte es ein letztes Mal wissen und fuhr hinaus auf das Meer. Dort hatte er tatsächlich Glück und angelte einen riesigen Karpfen. Dieser wurde jedoch, bis er wieder zurück an Land war, von Haien bis auf das Skelett gefressen. Im wahren Leben zog sich Hemingway aufgrund seiner Depression immer weiter aus der Öffentlichkeit zurück und lebte in Kuba. Als die Vereinigten Staaten und Kuba einen Handelskrieg begannen, musste zurück in die Staaten und alles bis dato Geschriebene in Kuba zurücklassen. Zeit seines Lebens kehrte er nicht mehr nach Kuba zurück.

Heute ist das Haus ein Museum, die eigentlichen Besitzer sind jedoch die zahlreichen Katzen mit ihren sechs Zehen an jedem Fuß, die dort auf höchstem Niveau leben. Es sind die Navhfahren von Hemingways Katzen. Sie haben sich zu einem wahren Besuchermagneten gemausert.

Herzlichen Glückwunsch an alle unsere Gewinner unseres Gewinnspiels. Ihr habt wieder zahlreich mitgemacht. Wir hoffen, Euch gefällt unser exklusives GSCHWÄTZ-Notizbuch, DIN-A5, in türkis.

Der Swimmingpool war damals der größte in Key West, seine zweite Ehefrau ließ ihn bauen, Hemingway war verärgert wegen der hohen Baukosten. Foto: GSCHWÄTZ

Das Haus steht inmitten eines tropischen Gartens. Foto: GSCHWÄTZ

Katzen mit sechs Zehen an jeder Pfote leben in dem Haus und auf dem Gelände. Foto: GSCHWÄTZ

Erinnerung an verstorbene Katzen, die er oftmals nach bekannten Persönlichkeiten benannte. Foto: GSCHWÄTZ

Schreibmaschine in Hemingways Haus. Foto: GSCHWÄTZ

Der berühmte Schriftsteller in jungen Jahren. Foto: GSCHWÄTZ

Eines von zwei Badezimmern. Foto: GSCHWÄTZ

Katzen schlafen heute in Hemingways Bett. Touristen streicheln die Katzen. Foto: GSCHWÄTZ

Mit Vollbart (rechts) ist er vielen bekannt. Foto: GSCHWÄTZ

Viele seiner Romane wurden verfilmt. Foto: GSCHWÄTZ

Küche.

Jagtrophäen hingen bei Hemingway, dem begeisterten Jäger, an den Wänden. Hier zu sehen: Sein Arbeitszimmer in einem kleinen Häuschen neben seinem Haus. Foto: GSCHWÄTZ




Rettungsdienstler kritisiert: „Man versucht zu sparen, wo es geht“ – DRK kündigt 2 neue Rettungswachen in Kirchensall und Stachenhausen an

In der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2019 soll eine Person in Westernhausen den Notruf verständigt haben. Der Grund: Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt. Das Problem: Alle Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hohenlohe seien laut Aussage von Betroffenen zu dieser Zeit unterwegs zu anderen Einsätzen unterwegs gewesen. Daher habe schließlich ein DRK-Fahrzeug aus Möckmühl Westernhausen angefahren.  „Wenn man es krachen lässt, braucht man von Möckmühl nach Westernhausen zwischern 20 und 25 Minuten“, schätzt ein Rettungsdienstler, der anonym bleiben möchte und uns diesen Fall geschildert hat. 25 Minuten für einen Schlaganfall- beziehungsweise einen Herzinfarktpatienten – Das ist lang, wo doch jede Minute zählt. Gab es derart viele Einsätze in dieser Nacht, dass das DRK keine anderen Fahrzeuge mehr vor Ort hatte, zumal Westernhausen eine eigene DRK-Rettungswache hat? Eine Stellungnahme des DRK Hohenlohe hierzu steht derzeit noch aus.
Nicht genügend Notarztfahrzeuge
Der Rettungsdienstler bemängelt, dass der Hohenlohekreis generell zu wenig Rettungsdienstfahrzeuge habe. So gäbe es nur jeweils einen Notarztwagen in Künzelsau, Öhringen und Westernhausen. Der Notarztwagen in Westernhausen sei nur tagsüber im Einsatz. Bei den Rettungswägen sehe es nicht wirklich rosiger aus. In Künzelsau und Öhringen gäbe es jeweils zwei – davon sei aber nur jeweils einer 24 Stunden im Einsatz, der andere nur tagsüber. Westernhausen habe darüber hinaus noch einen Rettungswagen im 24-Stunden-Einsatz. Das ergibt zusammen fünf Rettungswägen und drei Notarztwägen –  drei der Rettungswägen und zwei der Notärztwägen sind 24 Stunden im Einsatz. Die Notarztfahrzeuge in Künzelsau und Öhringen seien 2019 erneuert worden. Reichen diese Fahrzeuge für 120.000 Einwohner des Hohenlohekreises aus? „Das reicht nicht aus für die gesamten Notfälle“, sagt der Rettungsdienstler.
Mehrere Stunden Wartezeit
Zwar gebe es seit zwei Monaten in Öhringen einen Krankentransportwagen, der auch nachts fahre. Dieser komme zum Einsatz, wenn jemand sehr hohes Fieber oder schlechte Blutwerte habe und zur Überwachung nachts in ein Krankenhaus müsse. Aber auch auf diesen Krankentransportwagen hätten Patienten schon mehrere Stunden warten müssen oder seien auf den nächsten Tag vertröstet worden. Manchmal springe auch ein Rettungswagen für den Krankentransportwagen ein, wenn dieser unterwegs ist. Allerdings fehle dieser Rettungswagen dann wieder bei nachfolgenden Einsätzen. Zudem koste ein Rettungswagen rund 400 Euro pro Einsatz. Ein Krankenwagen sei mit rund 50 Euro da schon deutlich günstiger. „Wenn man die ganzen Einsätze betrachtet, bräuchte man die doppelte Anzahl an Fahrzeugen“, so der Rettungsdienstler.
Vorgaben des Bereichsausschusses
Bernd Thierer, Kreisgeschäftsführer des DRK, verwies auf GSCHWÄTZ-Nachfrage zur Anzahl der zur Verfügung stehenden Rettungsfahrzeuge und ob diese ausreichend seien, auf den Bereichsausschusses für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis: „Die Anzahl und der zeitliche Umfang der im Hohenlohekreis vorzuhaltenden Rettungsmittel werden vom Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis festgelegt (…). Es ist festzuhalten, dass das DRK als Leistungserbringer in der Notfallrettung die Vorgaben des Bereichsausschusses umzusetzen hat. Eine Einschätzung zur Angemessenheit des Umfangs obliegt uns nicht.“ 
Jeder zehnte Rettungsdienst ist zu spät
Mit der Schließung des Krankenhauses Künzelsau sei das DRK „unter Zugzwang“. Nun hätten die Rettungsdienstler noch längere Wege zum nächsten Krankenhaus zu fahren und seien dadurch wiederum länger bei den Einsätzen gebunden. Insbesondere bei Fahrten nach Dörzbach oder Mulfingen seien die Einsatzkräfte lange unterwegs, moniert indes der Rettungsdienstler. Die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist, also wie lange ein Rettungswagen zum Unfallort brauchen darf, ist mit 10 bis 12 Minuten festgelegt, in Ausnahmefällen dürfe er auch 15 Minuten brauchen. Aber nicht selten halte der DRK diese Fristen nicht ein, so der Rettungsdienstler. Thierer verweist  auf das Rettungsdienstgesetz des Landes Baden-Württemberg. Darin heißt es: „Die Hilfsfrist soll aus notfallmedizinischen Gründen möglichst nicht mehr als 10, höchstens 15 Minuten betragen.“ Der Rettungsdienstplan Baden-Württemberg konkretisiere diese Vorgabe wie folgt: „Die Hilfsfrist ist eine Planungsgröße. Sie ist erfüllt, wenn sie in 95 Prozent aller Einsätze im Vorjahreszeitraum im gesamten Rettungsdienstbereich eingehalten wird.“ Für 2018 sei die Hilfsfrist im Bereich der nichtnotärztlichen Rettungsmittel bei 91,6 Prozent und bei den notarztbesetzten Rettungsmitteln bei 87,4 Prozent im Hohenlohekreis. Die Zahlen klingen gut und doch war damit rund jeder zehnte Rettungsdienst zu spät am Ort des Geschehens – zumindest wenn man die vorgegebene Hilfsfrist als Messlatte nimmt.
Keine Aufstockung des Personals
Als 2017 bekannt wurde, unter welchem personellen Engpässen der DRK Hohenlohe leidet (wir berichteten), wurde postuliert, dass der Rettungsdienst im Zuge der Krankenhausschließung in Künzelsau gestärkt werden solle. Auch jetzt wurden derartige Forderungen in der Kreistagssitzungen im November 2019 wieder laut.
Personell erfolgte seitdem jedoch keine Aufstockung, wie Thierer auf GSCHWÄTZ-Nachfrage erklärt und dabei ebenfalls auf den Bereichsausschuss verweist, der dafür zuständig sei: „Die Personalvorhaltung im Bereich der Notfallrettung (Anzahl und Qualifikation der Mitarbeiter) richtet sich ausschließlich nach der vom Bereichsausschuss beschlossenen Vorhaltung der Rettungsmittel im Hohenlohekreis.“ Weiter sagt Thierer: „Es erfolgt seit 2017 keine Ausweitung der Rettungsmittel im Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis, für eine Aufstockung des Personals bestand daher kein Anlass.“ Zur Besetzung der Rettungsmittel in der Notfallrettung werden derzeit laut dem DRK-Kreisgeschäftsführer zirka 80 Mitarbeiter beim DRK beschäftigt. Der Rettungsdienstler bemängelt: „Man versucht zu sparen, wo es nur geht.“
Zwar habe es keine Aufstockung gegeben, aber, so Thierer, „die Ausstattung sämtlicher bei uns eingesetzter Rettungsmittel der Notfallrettung entsprechen den Vorgaben der DIN EN für Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge und befindet sich auf dem aktuellen Stand der Technik.  Eine regelmäßige Neubeschaffung erfolgt kontinuierlich im Rahmen der mit den Kostenträgern verhandelten Nutzungszeiträume.
Mangelhafte Notfallversorung
In seiner Sitzung am 04. November 2019 in Zweiflingen hat der Kreistag die Aufwertung der Rettungsdienstfahrzeuge mit „Telemedizin“ zugesichert. Dies bedeute eine gewisse Entlastung, sagt der Rettungsdienstler, weil etwa die EKG-Daten direkt in die Tablets eingelesen und an das betreffende Krankenhaus versendet werden können. Diese „digitale Dokumentation“ sei allerdings von Funklöchern abhängig, die es hierzulande zahlreiche gäbe. Selbst der Funkempfang sei teilweise so schlecht, dass der Rettungsdienst auf dem Feuerwehrkanal funke. „Das ist katastrophal“, sagt der Rettungsdienstler und zieht ein erschreckendes Fazit: Es herrsche eine mangelhafte Notfallversorgung im Hohenlohekreis.
Neue Rettungswache in Kirchensall
Nur wenige Tage nachdem GSCHWÄTZ eine Presseanfrage an das DRK bezüglich der vermeintlich mangelhaften Notfallversorgung gestellt hat, geht eine Pressemitteilung des DRK-Bereichsausschusses an alle lokalen Medien heraus. Der Bereichsausschuss verspricht darin: Der Rettungsdienst im Hohenlohekreis soll gestärkt werden.
So habe der Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis einstimmig die Errichtung eines dezentralen zusätzlichen Standortes einer neuen Rettungswache in Kirchensall (Gemeinde Neuenstein) beschlossen. Diese werde mit einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) im 12-Stunden-Tagbetrieb an 365 Tagen und mit einem Rettungswagen (RTW) im 24-Stunden-Dienstbetrieb an 365 Tagen ausgestattet werden. Eine Ausweitung der Vorhaltezeiten in der Zukunft sei möglich. Wann die Rettungswache kommen soll, steht nicht in der Pressemitteilung.
„Bessere Versorgung von Neuenstein, Kupferzell und Waldenburg“
Durch die Einrichtung der zusätzlichen Wache werden laut der Pressemitteilung insbesondere die Bereiche Neuenstein, Kupferzell und Waldenburg sowie der Gewerbepark Hohenlohe besser versorgt werden, was zu einer großen Entlastung der anderen Rettungsmittel in Künzelsau und Öhringen führe. Damit würden auch die Rettungsmittel in Künzelsau und Öhringen entlastet. Nach erfolgreicher Etablierung der Rettungswache in Kirchensall werden in einem weiteren Schritt die Vorhaltezeiten der Rettungswache Öhringen angepasst. „Wir arbeiten weiter daran, die Notfallversorgung im Hohenlohekreis zu optimieren. Die ersten Maßnahmen sollen vor allem dazu führen, dass die Hilfsfristen im ganzen Hohenlohekreis besser eingehalten werden“, erklärt Jürgen Heckmann (AOK), Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis.
„Zusätzlicher Standort trägt zur Verbesserung der Hilfsfrist bei“
Der zusätzliche Standort ist eine erste Maßnahme aus einem Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes im Hohenlohekreis, das dem Bereichsausschuss am 21. November 2019 vorgestellt wurde. In diesem hat der Gutachter verschiedene Optionen und zusätzliche Standorte für NEF und RTW simuliert und ausgewertet. Ein zusätzlicher Standort in Kirchensall – so das Ergebnis – trägt zur Verbesserung der Hilfsfrist bei, da von ihm aus viele Einsatzschwerpunkte im Hohenlohekreis schnell erreicht werden können. Damit ist der Standort Kirchensall allen anderen geprüften Standorten überlegen.
Kein Mehrbedarf an Rettungsmitteln im Raum Künzelsau
„Nach der Umsetzung werden wir kontinuierlich die Auswirkungen betrachten, um dann eventuelle weitere Maßnahmen in Betracht zu ziehen“, erklärt Heckmann weiter. Das Gutachten habe deutlich dargelegt, dass es durch die Schließung des Klinikstandortes Künzelsau keinen Mehrbedarf an Rettungsmitteln im Raum Künzelsau gibt. „Dennoch werden wir nach Evaluierung des Standorts Kirchensall auch die Einrichtung eines weiteren zusätzlichen Standortes im Nordosten des Hohenlohekreises, etwa in Stachenhausen, prüfen, um die Flächenversorgung noch weiter zu verbessern.“
Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes im Hohenlohekreis
Der Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis hat Anfang dieses Jahres ein Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes in Auftrag gegeben.
Ziel des Gutachtens war es, das rettungsdienstliche Leistungsgeschehen für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis zu untersuchen. Dabei stand vor allem die Optimierung in Bezug auf die Verbesserung der Hilfsfrist im Vordergrund. In der vergangenen Sitzung des Bereichsausschusses am 21. November 2019 wurde das Gutachten dem Gremium vorgestellt.

Bereichsausschuss
In jedem Rettungsdienstbereich wird ein Bereichsausschuss für den Rettungsdienst gebildet. Mitglieder sind Vertreter der Leistungsträger, Kostenträger, Landkreise, Feuerwehr sowie ein Leitender Notarzt des Rettungsdienstbereiches, ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung sowie Vertreter der Krankenhäuser.
Dem Bereichsausschuss obliegt die Beobachtung und Beratung der Angelegenheiten des Rettungsdienstes im Rettungsdienstbereich sowie deren Regelung mit Ausnahme der Luftrettung. Dazu gehört unter anderem die Festlegung von Vermittlungsentgelten für die Integrierte Leitstelle, die planerische Sicherstellung der notärztlichen Versorgung einschließlich der Gewinnung von Ärzten und die Bestimmung des Organisatorischen Leiters Rettungsdienst.
Quelle: Pressemitteilung des Bereichsausschusses
Notfallversorgung in Künzelsau   
Eine wichtige Anlaufstelle in Künzelsau ist das neue Gesundheitszentrum in den Räumen des ehemaligen Krankenhauses Künzelsau. Außerhalb der Praxiszeiten leisten dort der ärztliche Präsenzdienst (Notarzt im Sitzdienst) sowie die Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung ärztliche Hilfe.
Die Erreichbarkeit des ärztlichen Sitzdienstes, der sich im Zwischenbau des ersten Obergeschosses befindet, ist wie folgt: Montag, Dienstag und Donnerstag von 18 Uhr bis 8 Uhr am Folgetag sowie Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag und feiertags von 14 Uhr bis 8 Uhr am Folgetag.
Die Erreichbarkeit der Kassenärztlichen Bereitschaftspraxis, die sich im Erdgeschoss befindet, ist wie folgt: Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 8 Uhr bis 14 Uhr.
Quelle: Künzelsauer Nachrichten und Flyer der BBT-Gruppe
https://www.gschwaetz.de/2019/12/04/erinnert-ein-wenig-an-zimbabwe-zu-besuch-beim-neuen-notarzt-im-krankenhaus-kuenzelsau/
https://www.gschwaetz.de/2019/11/16/wenn-dann-muss-es-was-gscheits-sei-und-koin-halbgorener-scheiss/
 



Reinhold Würth warnt vor Drittem Weltkrieg

Reinhold Würth hat es getan. Der Künzelsauer Unternehmer hat unlängst in einem Interview im Rahmen der ARD-Dokumentation „Irgendwer zahlt immer“ vor einem Dritten Weltkrieg gewarnt. Die Anzeichen erinnern an die Vorboten des Ersten und Zweiten Weltkrieges sagte er.
Tatsächlich gibt es in Deutschland, Europa und der Welt eine stetig wachsende Unzufriedenheit der Bürger mit der regierenden Klasse. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Tatsächlich gibt es auch einiges, was die regierenden Politiker anders, ja, besser machen könnten. Nehmen wir nur mal das Sozialwesen mit Krankenhäusern und Altenheimen, das schon lange nicht mehr als Sozialwesen betrachtet wird, sondern als Wirtschaftsbereiche, die gewinnbringend arbeiten sollen – finanziert und bezahlt durch die Bürger. Und im Zweifelsfall, wenn nicht noch Gewinn herausspringt für den Staat, geschlossen.

Aber nun erleben wir einen Umbruch. Wir haben diese Woche gleich zweimal erlebt, dass nicht immer alle Entscheidungen abgesegnet und durchgewunken werden, sondern kritisch hinterfragt und abgelehnt. Der Kreistag hat es vorgemacht und gibt dem Notfallkonzept Künzelsau eine verlängerte Chance. Achim Becks Antrag auf Schließung nach nur drei Monaten wurde abgeschmettert. Ingelfingens Gemeinderat hat gezeigt, wieviel Kraft ein Gemeinderat haben kann. Er hat sich gegen den Vorschlag der Stadtverwaltung für eine Einbahnstraße abgelehnt. Beide Male wurde im Sinne des Volkes entschieden. Das sind wahre Volksvertreter. Dann fühlen sich die Bürger auch wieder gehört.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann



 




„Können wir das kritische Stimmungsbild in der Bevölkerung ignorieren?“ Ingelfingens Gemeinderat argumentiert klug und hat bereits eine Vision

Vielleicht waren es die Planungsskizzen, mehr Fragen aufwarfen, als sie beantworteten. Vielleicht war es das nicht eindeutig klare Umfrageergebnis, vielleicht die scharfe Kritik der Gewerbetreibenden, die vorausging, die die Kreisräte in Ingelfingen letzten Endes dazu bewogen hat, mit großer Mehrheit ihre Hände gegen die Einbahnstraße zu heben. Aber sie haben sich damit gegen die hauchdünne Mehrheit der Umfrage entschieden, die die Stadtverwaltung bei den Bewohnern der Mariannenstraße und des Hohenbergs durchgeführt hat. Etwas, das für Bürgermeister Michael Bauer nicht in Frage kam. Er hob – gemeinsam mit drei Gemeinderäten (Kathrin Ehrmann, Erich Landes und Dr. Ulrich Baum) seine Hand für die Einbahnstraße. Zu wenig für eine Mehrheit. Fast alle anderen – 13 an der Zahl – der abstimmungsberechtigten und anwesenden Gemeinderäte (Philipp Streckfuß und Stephan Müller von der FWV waren entschuldigt) stimmten dagegen. Gemeinderätin Karin Hagdorn (SPD) enthielt sich.

Bauer akzeptierte das demokratisch gefällte Urteil und versprach, dass  – auf Bitten mehrerer Gemeinderäte – die innerstädtische Modernisierung damit nicht komplett vom Tisch sei, sondern lediglich bessere Alternativen geprüft werden.

Bürgermeister Bauer: „Man kann auch anderer Meinung sein, aber ich finde, wir haben das richtig gemacht“

Vorausgegangen war eine zweistündige Diskussion der Gemeinderäte um das Für und Wider einer Einbahnstraße – wobei das Wider eindeutig einen wesentlich höheren Anteil an Wortmeldungen für sich verbuchen konnte. Bürgermeister Michael Bauer musste nicht nur einmal kritische Fragen beantworten, unter anderem: „Wieviel sind Ihnen die Gewerbetreibenden wert?“ Antwort Bauer: „Mir sind alle Gewerbetreibenden gleich viel wert – ganz egal, ob er einen oder 100 Arbeitsplätze schafft.“ Die Umfrage der Stadtverwaltung stand bereits vor dem Abend massiv in der Kritik, unter anderem weil nur die Bewohner der Mariannenstraße und des Hohenbergs befragt worden seien. Die Antwort Bauers: „Wo fangen wir an, wo hören wir auf?“ Des Weiteren wurde bereits vor der Sondersitzung bemängelt, dass nicht pro Kopf abgestimmt wurde, sondern pro Haushalt. Hier argumentierte Bauer: „Das ist ganz einfach: weil es keine Wahl ist. Es war eine Abstimmung. Man kann sie akzeptieren oder auch nicht. Das ist Demokratie. Dann müsste man sich auch die Frage stellen: An welchem Wahlrecht orientieren wir uns? Kommunalwahlen oder Bundestagswahlen? Ab 16 Jahren oder ab 18 Jahren?“ Sein Fazit: „Man kann auch anderer Meinung sein, aber ich bin der Meinung, wir haben das richtig gemacht.“

Rund 1 Million Kosten Umbau zur Einbahnstraße

Aber nicht nur die Befragung der Stadtverwaltung im Vorhinein, auch die wenigen Zahlen , die vor der Sondersitzung seitens der Stadtverwaltung bekannt gemacht wurden, stieß dem ein oder anderen Gemeinderat sauer auf. Gemeinderat Bernd Bauer zweifelte an der Korrektheit des Verfahrensablaufes: „Hätten die Zahlen, unter anderem die anberaumten Baukosten, uns nicht bereits eine Woche vor der Sitzung zugänglich gemacht werden müssen?“, fragte er. Die Zahlen, wieviel der dauerhafte Umbau der Einbahnstaße kosten soll, lagen der Stadtverwaltung selbst erst wenige Tage zuvor vor, argumentierte Bauer. Warum aber dann die dringend anberaumte Sondersitzung?, fragte Gemeinderat Dr. Clemens Dirscherl. Sprich: Warum nicht erst dem Gemeinderat die Zahlen vorlegen, damit sich dieser dann in Ruhe ein Bild machen und entscheiden kann. Zumal die Umbaukosten nicht gering sind. Bürgermeister Bauer betonte bei Nennung der Zahlen, dass es sich dabei von dem Planungsbüro Karajan lediglich um „einen Hüftschuss“ handelt und Dr. Karajan an diesen Zahlen auch nicht festgenagelt werden wolle. Rund eine Million Euro solle der Umbau kosten. „Gehen wir mal von unseren Erfahrungswerten aus“, fuhr Bürgermeister Bauer fort, seien davon rund 80 Prozent förderfähige Kosten, also rund 800.000 Euro. Die verbleibenden 200.000 Euro trage zu 100 Prozent die Stadt Ingelfingen. Von den rund 800.000 Euro würden rund 60 Prozent vom Land gefördert werden. So blieben für die Stadt etwas mehr als 500.000 Euro selbst zu tragen. Da die Gemeinderäte auch die an die Leinwand projizierten Skizzen kritisierten und dass es bislang noch keine konkreten Pläne gebe, wie die Einbahnstraße denn später ausschauen solle und man daher auch nicht wirklich wüsste, worüber man abstimme, sagte Bauer, dass die Erarbeitung konkreterer Pläne nochmals rund 50.000 Euro kosten würden.

Für diverse Gemeinderäte wäre das große Plus, nämlich das Mehr an Parkplätzen, wie Bürgermeister Bauer betonte, zu wenig an Vorteilen. Die Nachteile einer Einbahnstraße würden überwiegen. Dr. Dirscherl: „Wenn die Vision bei den Parkplätzen hängenbleibt, ist das städtepolitisch zu kurz gedacht.“ Zudem sei er als Gemeinderat ständig kritisch auf die Einbahnstraße angesprochen worden. Es habe keine einzige positive Rückmeldung gegeben. Daher fragte er: „Können wir das kritische Stimmungsbild in der Bevölkerung ignorieren?“ Bei diesem Satz ließ er das Stichwort „Politikverdrossenheit“ fallen.

Alle,  einschließlich Bürgermeister Bauer, waren sich darüber einig, dass es bedauernswert sei, dass kein klareres Ergebnis bei der Befragung der Anwohner herausgekommen sei. „Ich hätte mir gewünscht, dass bei der Umfrage eine deutlichere Richtung herauskommt“, so Bürgermeister Bauer. Gemeinderätin Karin Hagdorn (SPD) bedauerte die geringe Rückläuferquote von rund 58 Prozent: „Das ist wir beim Brexit oder der SPD:Die Hälfte der Leute hat gesagt: Was geht mich das überhaupt an?“

„Das ist wir beim Brexit oder der SPD: Die Hälfte der Leute hat gesagt: Was geht mich das überhaupt an?“

Bürgermeister Bauer machte indes keinen Hehl daraus, wie er abstimmen werde. Es sei „gelebte Demokratie“, wenn man „der Mehrheitsmeinung folgt“ und verwies damit auf den hauchdünnen Vorsprung an Einbahnstraßen-Befürwortern (36 zu 33 Haushalten bei der Befragung, wir berichteten). Hans Wallner (SPD) sieht das anders: „Ich hätte mir eine satte Mehrheit gewünscht.“ Er bemängelte, dass Bürgermeister Bauer heute viel von den Vorteilen einer Einbahnstraße gesprochen habe, aber „dass die Gewerbetreibenden Umsatzeinbußen dadurch erleiden, „scheint hier gar keine Rolle zu spielen. Das ist noch immer eine Haupteinkaufsstraße für mich. Wie lange wollen wir weitermachen – bis gar kein Laden mehr da ist? So etwas widerspricht auch unseren Wahlversprechen“, sagte Wallner und bezog sich damit auf die Aussagen vor der Wahl zur Stärkung des örtlichen Gewerbes. Zudem bemängelte er, dass der Testversuch Einbahnstraße zu keiner Verkehrsberuhigung geführt habe, sondern dass der Verkehr lediglich verlagert worden sei und zusätzliche Extrarunden für die Autofahrer eher mehr Verkehr mit sich brächten. Zudem, so bemängeln andere Gemeinderäte, unter anderem Sven Wolpert (CDU), sei die Mariannenstraße zu eng für eine Einbahnstraße, Busse, Paketdienstleister und Müllautos würden die Straße dann tagtäglich verstopfen.

„Wenn die Vorteile nicht gravierend überwiegen, müssen wir die Bremse reinhauen.“

Für Gemeinderate Bernd Bauer war klar: Anhand der dürftigen Datenlage und der noch zu klärenden offenen Fragen gehöre die Entscheidung vertagt. Bürgermeister Bauer sah das anders: „Ich fände es ganz schlecht, wenn wir die Entscheidung noch länger herauszögern würden.“ Er möchte endlich wieder etwas Ruhe in der Sache haben – unabhängig davon, wie die Entscheidung nun ausfalle.

Gemeinderat Dr. Ulrich Baum (FWV) plädierte für die Einbahnstraße: „Wir sind im Wettkampf mit den anderen Gemeinden.“ Die Frage sei: „sehen wir uns in zehn oder 20 Jahren? Wir müssen gestalten, wir müssen in unserer Entwicklung etwas tun. Die Einbahnstraße ist eine große Chance. Ansonsten wird der große Wurf in den nächsten zehn Jahren nicht kommen.“ Aber er sagte auch: „Wenn die Vorteile nicht gravierend überwiegen, müssen wir die Bremse reinhauen.“ Ähnlich sah das Markus-Peter Hammel (FWV): „Ich sehe derzeit den Vorteil für eine Einbahnstraße nicht.“ Gemeinderat Erich Landes (FWV) sprach sich hingegen für eine Einbahnstraße aus: „Am Anfang ist der Aufschrei immer groß.“ Aber es sei eben alles eine Sache der Gewohnheit. Hans Wallner (SPD) sah die Sachlage anders: „Wir vergeben uns die Chance, uns andere, möglicherweise besseren Konzepte anzuschauen.“

Fördergelder könnte es auch ohne die Einbahnstraße geben

Im Verlauf des Abends und je näher die Abstimmung rückte, war man sich einig, dass es gut war, einen solchen Probelauf Einbahnstraße gestartet zu haben. Immer mehr Gemeinderäte,  unter anderem Rainer Horndacher (CDU) plädierten jedoch dafür, dass man – selbst wenn man gegen die Einbahnstraße stimme – doch bitte weiter an einem städtebaulichen und einem Verkehrskonzept für die Ingelfinger Innenstadt arbeiten solle, aber Alternativen für eine Einbahnstraße aufgeworfen werden müssten. So solle, wenn möglich, der Busverkehr aus der Mariannenstraße langfristig verband werden Richtung Landesstraße. Dies solle die Stadtverwaltung mit dem Land Baden-Württemberg doch bitte hinsichtlich der Machbarkeit abklären. Bürgermeister Bauer sagte zu, dass er dies abklärt, betonte aber, dass Stuttgart möglicherweise mit dem Wegfall der Einbahnstraße keinen Grund dafür sehen werde, die Bushaltestellen langfristig zu verlegen. Dies sei schließlich auch eine Kostenfrage. Ob die zu Beginn in den Raum gestellten Fördergelder vom Land Baden-Württemberg abhingen von der Umsetzung der Einbahnstraße, wollten diverse Gemeinderäte von Bürgermeister Bauer wissen. Dieser verneinte, betonte aber gleichzeitig, dass diese Fördergelder nicht für eine Belagserneuerung ausgeschüttet würden, sondern für „städtebauliche Konzepte“ oder verkehrstechnische Verbesserungen“. Bürgermeister Bauer versicherte: „Wir haben dieses Sanierungsgebiet und wir wollen da auch weitermachen.“

Ideen für Ingelfingens Innenstadt haben die Gemeinderäte reichlich

Visionen hatten diverse Gemeinderäte, was sie sich für die Mariannenstraße vorstellen könnten: verkehrsberuhigte Zone, Tempo 30, Schritttempo, Blumenkübel als Raserbremse fielen hier unter anderem als Stichworte. Dr. Baum benutzte das eindrückliche Bild (eigentlich für die Umsetzung der Einbahnstraße): „den öffentlichen Raum möblieren“

Der Ingelfinger Gemeinderat hat sich an seiner Sondersitzung zur Einbahnstraße am Dienstag, den 10. Dezember 2019 von seiner argumentativ starken Seite gezeigt. Demokratie wurde hier bestmöglich gelebt.

Bürgermeister Bauer entschuldigt sich

Besonders hängengeblieben sind die Bemerkungen von Gemeinderat Dr. Dirscherl an diesem Abend. Er kritisierte die seines Erachtens despektierliche Wortwahl von Bürgermeister Bauer. Bauer hatte den Absender eines Schreibens an die Gemeinderäte unter anderem in der Gemeinderatssitzung mehrfach als „Schreiberling“ tituliert und zu einem Gemeinderat spitz bemerkt: „Wenn Sie richtig zugehört haben.“ Dirschel stellte klar: „Dieser Duktus geht nicht.“ Bürgermeister Bauer verwies darauf, dass er sich für das Wort „Schreiberling“ entschuldigt habe.

Die Sondersitzung war im Christian-Bürkert-Saal im Schwarzen Hof. Foto: GSCHWÄTZ

Über zwei Stunden diskutierten die Gemeinderäte über die Einbahnstraße. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




Ingelfingen: Gemeinderat stimmt mit großer Mehrheit gegen die Einbahnstraße

Paukenschlag in Ingelfingen: Der Gemeinderat stimmte in der heutigen Sondersitzung am Dienstag, den 10. Dezember 2019, mit großer Mehrheit gegen die von der Stadtverwaltung empfohlene langfristige Umwandlung der Mariannenstraße zu einer Einbahnstraße. Bürgermeister Michael Bauer legte dem Gemeinderat in der heutigen Sondersitzung nahe, sich an dem Ergebnis der zuvor von der Stadtverwaltung durchgeführten Umfrage zu orientieren. Beim Umfrageegerbnis wurden die Haushalte in der Mariannenstraße und an der Straße Am Hohenberg befragt. Das Ergebnis: Mit einem hauchdünnen Vorsprung von drei Haushalten überwog die Mehrheit pro Einbahnstraße. Allerdings wurde nur rund jeder zweite Fragebogen überhaupt beantwortet. Zudem kritisierten einige Anwohner, dass nicht alle Einwohner Ingelfingens abstimmen durften. Vorausgegangen waren zudem Proteste der dort ansässigen Gewerbetreibenden (wir berichteten).

Insgesamt stimmten Bürgermeister Michael Bauer und drei (Katrin Ehrmann, Erich Landes und Dr. Ulrich Baum) von 23 Gemeinderäten für die Einbahnstraße, 13 dagegen, es gab eine Enthaltung. Vier Gemeinderäte durften nicht abstimmen wegen Befangenheit, unter anderem Susanne Schmezer und Michael Heink als Anwohner und Gewerbetreibende. Überraschenderweise wurden auch Bernd Weidner und Holger Kunze (alle CDU) von der Abstimmung ausgeschlossen, weil, erklärt die Stadtverwaltung, sie Verwandtschaft zweiten Grades in der Mariannenstraße haben. Dr. Ulrich Baum von der Freien Wählern hingegen durfte an der Abstimmung teilnehmen, obwohl Anwesende bemängelten, dass eines seiner Grundstücke an die Mariannenstraße angrenzt. Zwei Gemeinderäte (Stephan Müller und Philipp Streckfuß, beide FWV) waren an der heutigen Abstimmung entschuldigt.

Aufgrund des knappen Abstimmungsergebnisses sprachen sich einige Gemeinderäte für eine Betrachtung von Alternativen für eine innerstädtische Verbesserung aus. Angesprochen wurden dabei unter anderem die Möglichkeiten einer Tempo-30-Zone und Blumenkübel als Tempobremser. Zudem sollen, wenn möglich, die Bushaltestellen langfristig nach aussen, etwa an die Landesstraße verlagert werden.

Viele Besucher waren erschienen. Foto: GSCHWÄTZ



 




Da werden Sie geholfen – Wir haben den neuen Notarzt im Krankenhaus Künzelsau getestet

Nachdem wir schon einiges über den neuen Notarzt in Künzelsau gehört haben, der seinen so genannten Sitzdienst im Zuge der Schließung des Künzelsauer Krankenhauses Mitte November 2019 aufgenommen hat, wollten wir uns selbst ein Bild machen. Wie gut ist dieser Notarzt im Sitzdienst? Was kann er? Was darf er? Wo hockt er?

Die Suche nach dem Eingang

Im Eingangsflur des HK liegt ein Handy mit einem Zettel. Foto: privat

Mein erster Besuch beim Notarzt schlägt fehl – denn ich finde seine Praxis nicht. Es ist Mittwoch gegen 20.30 Uhr. Ich weiß, dass der neue Notarzt seine Praxis irgendwo im Krankenhaus beziehungsweise in einem Zwischengebäude im Krankenhaus hat. Als ich vor dem Krankenhauseingang stehe, verweist ein Schriftzug und ein Pfeil auf den geschlossenen verglasten Eingangsschiebetüren auf die orange leuchtende Nachtglocke, die man betätigen solle. Die Nachtglocke befindet sich rechts neben den Eingangstüren und erinnert von ihrem Erscheinungsbild an eine gewöhnliche Türsprechanlage. Ich betätigte mehrmals die Nachtglocke, aber nichts rührt sich. Unsicher geworden, ob das überhaupt der richtige Eingang ist, schaue ich nach rechts und nach links, ob es einen Nebeneingang gibt zur Notarztpraxis gibt – ohne Erfolg. Das Ärztehaus ist dunkel, daher gehe ich nicht bis zum Eingang, sondern laufe hinunter zum unteren Eingang der Apotheke Medikün an der Stettenstraße. Vielleicht ist ja dort der Eingang zur Praxis. Auch hier erwartet mich eine Notdienstglocke, die ich zwar betätige, aber schon ahne, dass diese Glocke nur für die Notfallapotheken gedacht ist.

Also geht meine Suche weiter. Ich laufe Richtung Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die gegenüber vom Krankenhausgebäude ist. Wenn ich in großer gesundheitlicher Not wäre, würde ich vermutlich jetzt direkt zum DRK laufen und beim Rettungsdienst um Hilfe bitten. Ich finde noch zwei weitere Krankenhauseingänge entlang der Stettenstraße – einer ist der Lieferanteneingang. Auf dieser Türe steht: „Zutritt für Unbefugte verboten.“ Auch die davon nur unweit entfernte andere Tür ist verschlossen. Also gebe ich für diesen Abend auf. Am nächsten Tag erkundige ich mich bei ehemaligem Krankenhauspersonal, wie ich zu der Notarztpraxis im Krankenhaus gelange. Ich bekomme die Auskunft, dass ich einfach zum Haupteingang hineinlaufen muss, dann gäbe es Hinweisschilder. Komisch. Ich stand doch direkt vor den großen Glas-Schiebetüren am Eingang, aber diese gingen nicht auf. Also noch ein Versuch, dieses Mal aber mitten in der Nacht.

2. Versuch – Nachts um drei Uhr in Künzelsau

Beim ersten Versuch öffnete sich die Schiebetüre des Haupteinganges nicht. Foto: privat

Es ist Donnerstagnacht, 28. November 2019. Gegen 03 Uhr gehe ich mit so starker Migräne wie noch nie zum Haupteingang des ehemaligen Krankenhaus in Künzelsau. Die Schiebetüren öffnen sich. Ich laufe hinein. Über der ehemaligen Empfangs/-Infotheke des Krankenhauses hängt ein rotes Schild, das mir den Weg in die Notfallpraxis weist. Es folgen weitere handgeschriebene Schilder, ich laufe entlang von Absperrbändern links Richtung Aufzug. Der Notarzt ist im ersten Stock, steht in etwas krakeliger Handschrift im Aufzug geschrieben. Im ersten Stock erwarten mich wieder Absperrbänder. Die Praxis von Dr. Kühn ist ausgeschildert. Ist das zugleich die Notfallpraxis?, frage ich mich. Ich betrete den erleuchteten Vorraum einer Praxis. Es ist gespenstisch still. Ein schmaler Flur führt an mehreren Türen vorbei. Eine der ersten Türen hat einen Zugangscode. Neben dieser Tür klebt ein Schildchen. Darauf steht „Notarzt“. Eine Klingel gibt es nicht beziehungsweise ich sehe zumindest keine. Ich rufe ein paar Mal: „Hallo?“. Es bleibt still. Unschlüssig, ob ich hier überhaupt richtig bin, verlasse ich die Praxis, gehe entlang der Absperrbänder wieder zum Aufzug, fahre nach unten und rufe auch hier nochmal: „Hallo?“ Als ich Richtung Ausgang gehe, fällt mir ein kleines Tischchen auf, das im Flur zwischen Foyer und Eingangstür an der Wand steht. Ein handgeschriebener Zettel liegt darauf, auf dem geschrieben steht: „Bitte Telefon Nr. 00151XXXXX975 anrufen. Sie werden dann abgeholt.“ Daneben liegt mit einem Klebeband umwickeltes älteres Handy. Ich wähle mit dem Telefon die angegebene Nummer. Nach ein paar Minuten meldet sich ein Mann. Ich sage ihm, dass ich starke Migräne habe. Er meint, er kommt gleich runter zum Eingang, ich solle dort warten.

Der Notarzt verweist mich zum Krankenhaus nach Schwäbisch Hall

Nach ein paar Minuten steht mir ein älterer Herr in einer orangerot-gelben Notarzt-Kleidung gegenüber. Ich folge ihm in den ersten Stock. Wir erreichen die Praxis, in der ich vorher schon stand. Ich solle auf einem der wenigen Stühle, die wie Wartezimmer-Stühle im Flur aufgereiht sind, hinsetzen. Ich setze mich, er nimmt mir gegenüber Platz. Ich erkläre ihm, was ich habe. Er sagt mir, dass er nicht viel tun könne. Ob ich nicht wisse, dass das Krankenhaus inzwischen geschlossen ist. Dafür sei er hier, um die Menschen, die das nicht wissen, zu informieren. Er sitzt mir noch immer im Flur gegenüber, wartet und schaut mich an. Ich sage mit leicht gequälter Miene: „Ok. Was mache ich denn jetzt?“ Habe er vielleicht stärkere Schmerzmittel als die Dolormin Migräne, die ich zu Hause habe, aber die nicht geholfen haben. Er verneint, er habe keine Medikamente hier. Aber da meine gewöhnlichen Schmerzmittel nicht ausreichen, würde er jetzt einen Krankenwagen rufen, der mich ins Krankenhaus bringt. Er zückt bereits sein Handy, um zu wählen. Ich frage, in welches Krankenhaus er mich bringen lässt. Schwäbisch Hall in die Neurologie, sagt er. Ich stottere, dass mir das jetzt doch alles etwas schnell geht. Er überlegt, schaut mich an, nennt ein Medikament und fragt, ob ich das Medikament kenne. Ich verneine, sage, dass ich eigentlich nur sehr selten Medikamente nehme. Er sagt, ich solle hier warten, er komme gleich zurück. 2 Minuten vergehen, 5 Minuten vergehen. Ich stehe auf, gehe nach Hause, lege mich erschöpft ins Bett und schlafe ein.

Vieles ist sehr notdürftig ausgeschildert. Foto: GSCHWÄTZ

Der Notarzt hat sehr gut reagiert, nur die handgeschriebenen Zettel wirken wie in Zimbabwe

Fazit: Für das, dass dieser Notarzt mich weder behandeln noch Medikamente aushändigen darf, hat er meines Erachtens das getan, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten hätte tun können. Ich fand es gut, dass er mich nicht in irgendein Krankenhaus hat fahren lassen wollen, sondern in die Neurologie nach Schwäbisch Hall. Zudem glaube ich persönlich, dass eine Leitstelle bei dem Anruf eines Notarztes schnell reagiert und sofort einen Krankenwagen losschickt. Wenn ich als Privatperson angerufen und über starke Migräne geklagt hätte, hätte das vielleicht weniger Eindruck gemacht. Auch kann es hilfreich sein, sich den Rat des Notarztes zu holen, welches Krankenhaus am geeignetsten für das jeweilige Krankheitsbild ist. Dennoch darf man nicht vergessen, welche Außenwirkung ein Notarzt im Sitzdienst hat. Es wird damit nach außen eventuell suggeriert, dass er kranke Menschen behandeln kann. Aber: Das darf er eigentlich nicht. Sprich: Habe ich etwa erste Anzeichen eines Schlaganfalles, verliere ich vielleicht wertvolle Zeit, wenn ich in diese Praxis gehe, anstatt direkt den Rettungsdienst anzurufen.

500.000 Euro – für was genau?

Was auch mehr als fraglich ist: Über 500.000 Euro soll dieser Notarzt im Sitzdienst jährlich laut diversen Kreisräten kosten (wir berichteten). Man fragt sich: Was genau kostet 500.000 Euro? Klar, der Notarzt verdient im Monat Summe X. Aber ansonsten gibt es weder eine richtige Praxis (ich saß auf einem alten Wartezimmerstuhl im Flur einer bereits bestehenden Praxis), noch eine anständige Beschilderung. Handgeschriebene Zettel weisen den Weg. Hier wurde schon mal nicht mit Geld um sich geworfen. Das alte Handy im Flur kann auch nicht viel gekostet haben. Das Ganze wirkt eher so, als ob diese Notarzt-Praxis provisorisch eingerichtet wurde – obwohl es genug Zeit geben hätte, zumindest keine handschriftlichen Wegweiser auszulegen. Es scheint vielmehr so, als ob man dieser Praxis sowieso kein langes Bestandsrecht zu Teil werden lassen möchte. Ansonsten hätte man es von Anfang an ordentlicher gemacht.

 

 

 

 




„Alles kleine Herrgöttle“ – Niedernhalls langjähriger Gemeinderat Klaus Richter plaudert aus dem lokalpolitischen Nähkästchen

Am 26. Mai 2019 ging eine Ära zu Ende. Nach 25 Jahren schaffte es Klaus Richter nicht mehr in den Niedernhaller Gemeinderat. Offen sprach er am 06. August 2019 mit uns über diese Zeit.

GSCHWÄTZ: Herr Richter, Sie waren 25 Jahre im Gemeinderat in Niedernhall tätig. Hat sich in dieser Zeit Ihrer Meinung nach etwas verändert?

Richter: Ich war ziemlich überrascht, wie sich das alles gewandelt hat – auch auf den lokalen politischen Ebenen. Streitige Auseinandersetzungen gibt es nicht mehr. Das oberste Gebot ist Harmonie. Wer sich querstellt, wird richtig gemobbt.

„Keiner traut sich, was zu sagen“

GSCHWÄTZ: Können Sie konkreter werden?

Richter: Als ich etwa moniert habe, dass der Haushalt nicht ausreichend öffentlich behandelt wurde, haben Gemeinderäte aus mehreren Nachbargemeinden zu mir gesagt: Das läuft bei uns genauso in Bezug auf die Haushaltssachen, sprich, dass gewisse Dinge allgemein nicht öffentlich besprochen werden, die aber eigentlich in eine öffentliche Sitzung gehören. Bei dem jetzigen Niedernhaller Bürgermeister Achim Beck wurde die Haushaltsdebatte nur 20 Minuten in der öffentlichen Sitzung diskutiert, bei seinem Vorgänger Emil Kalmbach wurde der Haushalt noch einmal ein bis zwei Stunden auseinandergenommen. Aber es traut sich keiner, etwas zu sagen, weil das Gremium Gemeinderat erstickt wird in Harmonie und ein geschlossenes Miteinander. Die Leute vermeiden streitige Auseinandersetzungen. Vor 25 Jahren sind im Gemeinderat die Fetzen geflogen.

Da waren richtige Haudegen drin – Unternehmer, Handwerker. Da hat man das trennen können. Heute haben Bürgermeister und Gemeinderäte das Problem, dass sie Person und Sache nicht mehr trennen. Es wird alles persönlich genommen. Nach Beendigung der Sitzung sind damals alle in die Nachsitzung gegangen – unabhängig davon, wie heiß man diskutiert hatte im Gremium. Als diese zwei Verfahren bekannt wurden, die ich gegen den Bürgermeister angestoßen habe, haben die Gemeinderäte sich meiner Ansicht nach gegen mich verschworen. Auf einmal hat mich fast keiner mehr gegrüßt. Selbst meine Listenkollegen haben mich nicht nur im Gemeinderat, sondern auch in der Öffentlichkeit komplett ignoriert. Bürgermeister Beck hat schon 2015 zu den Gemeinderäten sinngemäß angedeutet: Solange Klaus Richter mit zur Nachsitzung kommt, werde ich nicht an der Nachsitzung teilnehmen. Daraufhin durfte ich nicht mehr daran teilnehmen. Das gab es bei Emil Kalmbach nicht. Mit Achim Beck hat das angefangen. Er grüßt mich heute auch nicht, nur wenn er direkt vor mir steht. Ansonsten geht er mir aus dem Weg.

„Wer aus der Reihe tanzt, wird abgestraft“

GSCHWÄTZ: Haben Sie versucht, mit den Beteiligten darüber zu sprechen?

Richter: Anfänglich gab es noch Gemeinderäte, die versucht haben, das zu kanalisieren, aufzuklären, nachzubohren, was ich angestoßen habe. Dann sind sie auf Granit gestoßen und haben das gelassen. Eine öffentliche Erniedrigung meiner Person, wie es Bürgermeister Beck in der Weihnachtssitzung 2015 gemacht hat, war früher undenkbar. Herr Beck hat damals unter anderem gesagt: „Ein Gemeinderat ist mit meiner Arbeit nicht zufrieden und hat deshalb drei Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht. Deshalb kann ich dem Gemeinderat nichts zu Weihnachten schenken, denn schenken kommt von Herzen. Auch das Weihnachtsessen fällt aus. Schade, dass so viele Personen wegen einer Person leiden müssen.“ Ergo: Wer aus der Reihe tanzt, wird abgestraft, egal, wie legal die Methoden sind. Das ist das heutige Prinzip der Demokratie. Vor 25 Jahren hatte man vor diesen Methoden noch Angst, denn die dunkelste Zeit Deutschlands war da noch präsenter. Vor 20 bis 25 Jahren galt noch der Grundsatz im Gemeinderat: Nach der Gemeinderatssitzung bleiben die Themen und Streitigkeiten im Rathaus und gehen nicht mit nach Hause.

GSCHWÄTZ: Fehlt den heutigen Gemeinderäten Mut?

Richter: Ja. Wir haben drei Kategorien von Gemeinderäten: Die erste Gruppe unterstützt alles lautstark, was Bürgermeister Beck macht. Der zweiten Gruppe ist es egal. Die dritte Gruppe weiß, dass es so nicht richtig ist, aber sagt nichts.

„Da fielen auch viele böse Worte“

GSCHWÄTZ: War früher wirklich alles besser oder neigt man nicht automatisch zu einer gewissen Verklärung der Vergangenheit?

Richter: Ich war auch damals schon immer einer gewesen, der gesagt hat, was ihm nicht passt. Ich habe für eine Redeordnung gekämpft, damit nicht nur die alten Hasen zu Worten kommen, sondern auch die jungen. Da fielen auch viele böse Worte. Herr Kalmbach hat das aber trotzdem umgesetzt. Und obwohl die mich alle dafür hätten auf den Mond schießen können, war trotzdem klar, dass ich in den Gutachterausschuss komme aufgrund meiner Fachkompetenz als Sachverständiger. Und wenn irgendwelche baulichen Dinge zu besprechen waren, war klar, dass ich dabei bin. Heute unter Beck, als der Gutachterausschuss vor drei Jahren neu bestellt wurde, war ich zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre drin und zehn Jahre der Vorsitzende, haben meine Parteifreunde gesagt, wir wählen dich nicht. Dann habe ich mich nicht mehr aufstellen lassen.

GSCHWÄTZ: Haben Sie sie darauf angesprochen?

Richter: Ja, sie haben gemeint, dass man sich nicht so verhalte, wie ich mich verhalte und deswegen wählen sie mich nicht mehr rein. Ein ähnliches Spiel gab es dann nochmal bei dem Architektenwettbewerb zur Umnutzung der Kelter. Eine Wertungskommission wurde ins Leben gerufen, um die Vorschläge zu bewerten. Hier entsandte die Bürgerliche Wählervereinigung auch nicht mich, sondern lieber den Landwirt Lutz, der das mindestens genauso gut könne wie ich, wurde mir gesagt.

„Die Demokratie ist die streitbarste Staatsform“

GSCHWÄTZ: Demokratie heute?

Richter: Nein, wir haben keine Demokratie mehr. Wenn du mit viel Fachkompetenz in einen Gemeinderat gekommen bist, ist das damals noch wertgeschätzt worden. Wenn heute einer zu viel Ahnung hat, wird er klein gehalten, damit nicht auffällt, dass einer mehr Ahnung hat als der andere. Aber dieses Wissen wurde früher zum Wohle des Bürgers genutzt.

GSCHWÄTZ: Stichwort Harmonie.

Richter: Ich war bei der konstituierenden Sitzung des neu gewählten Kreistags in Öhringen. Von Landrat Neth und Öhringens Oberbürgermeister Michler wurde sehr ausdrücklich postuliert, wie wichtig Harmonie und Geschlossenheit sind – vermutlich im Hinblick auf die AfD. Aber dieses Prinzip gibt es nur in zwei Staatsformen: in der Monarchie und in der Diktatur. Die Demokratie ist die streitbarste Staatsform, aber nur diese bringt uns weiter. Es war interessant zu sehen, wie manche Kreisräte den CDUlern die Hand gegeben haben und an den drei AfDlern einfach vorbeiliefen – das ist auch eine Art von Mobbing.

„Es gibt keine ehrliche streitbare Kultur mehr“

GSCHWÄTZ: Leben die Politiker in ihrer eigenen Politikerblase?

Richter: Auseinandersetzungen und danach wird ein Beschluss gefasst, das geschieht nicht mehr. Es gibt keine ehrliche streitbare Kultur mehr. Auch Bürgermeister Beck versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken, weil sie alles kleine Herrgöttle sind.

GSCHWÄTZ: Wie war das für Sie, nach so vielen Jahren nicht mehr in den Gemeinderat gewählt zu werden?

Richter: Es tut mir sehr weh für die Niedernhaller Bürger, dass meine Fachkompetenz und meine streitbare Haltung weg ist und jetzt alles in großer Harmonie abläuft, aber damit kommt nicht immer das optimale Ergebnis heraus. Ich wurde ja auch als Harmoniezerstörer betitelt. Es hat mich insofern kurz getroffen, dass man in einer nichtöffentlichen Sitzung anfängt, mit mir zu brüllen: was mir einfällt und was ich mir eigentlich einbilde, wer ich bin. Ich hätte nie gedacht, dass man so miteinander umgeht. Aber die Betroffenheit hielt nur kurz an, weil ich das nicht so nah an mich herangelassen habe, weil ich gewusst habe, dass diese Aussagen nicht stimmen. Wenn dich einer persönlich angreift, dann hast du in der Sache Recht. Denn wenn du in der Sache nicht Recht hättest, dann würde er dich nicht persönlich, sondern in der Sache angreifen.

GSCHWÄTZ: Ist das Verhältnis zu den anderen Gemeinderäten nun wieder besser geworden?

Richter: Das Verhältnis weicht langsam bei dem ein oder anderen Gemeinderat auf, so dass sie mich allmählich wieder grüßen. Drei von den anderen Parteien haben sich davon aber nie mit reinziehen lassen, die haben mich immer gegrüßt.

„Moralisch eine völlige Katastrophe“

GSCHWÄTZ: Das Gerichtsverfahren bezüglich des Kerl-Areals haben Sie am Ende verloren. Rückblickend gesehen: War es das alles wert?

Richter: Moralisch gesehen ist das, was mit dem Kerl-Areal gelaufen ist, eine völlige Katastrophe gewesen. Auf dem Gelände stand ein Wohnhaus. Die dort wohnende Witwe, die vier Kinder hat und jeden Cent zweimal umdrehen muss, musste ab dem ersten Tag nach dem Verkauf sofort die Miete an die Stadt überweisen. Mehrere tausend Euro. Und die Familie Herr Kerl als ehemaliger Eigentümer hat das Areal trotz Verkaufs an die Stadt noch rund ein Jahr weiter genutzt und noch ein Jahr weiter produziert, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Stadt beziehungsweise der Gemeinderat hat ihn pachtfrei gestellt.

Nach dem Verkauf nutzte die Firma Kerl das Grundstück der Niedernhaller Bürger, die Gebäude der Niedernhaller Bürger und die Maschinen der Niedernhaller Bürger zur weiteren Produktion, gerade so, wie wenn es keinen Verkauf gegeben hätte. Wertschöpfung meiner Schätzung nach rund eine Million Euro – nach dem Verkauf wohlgemerkt. Getreu der Lebensweisheit: Die kleinen Mieter hängt man und die großen Unternehmer lässt man laufen. Das war und ist für mich nicht vereinbar mit sozial oder gerecht.

Klaus Richter und der Niedernhaller Gemeinderat im März 2019 beim Verwaltungsgericht Stuttgart.
Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

 

 

Klaus Richter hatte nicht immer gut lachen während seiner Gemeinderatszeit. Foto: GSCHWÄTZ

Gemeinderatssitzung in Niedernhall im April 2018. Es ging unter anderem um das umstrittene Kerl-Areal. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv




Das Ende des Kapitalismus – Greta vs. Friedrich

Friedrich Merz hat unlängst historische Sätze geäussert – zu einer historischen Person. Auf Greta Thunbergs Satz: „Ihr habt meine Jugend geraubt“ antwortete er sinngemäß: „Nein. Ganz im Gegenteil. Eure Generation hatte die beste Jugend, die es je gab in diesem Teil der Welt.“https://www.merkur.de/politik/greta-thunberg-friedrich-merz-cdu-parteitag-leipzig-merkel-akk-fridays-zr-13241303.html Diese beiden Aussagen zeigen eines ganz deutlich: Wie immens groß der Graben zwischen der alten Generation Merz und der neuen Generation Thunberg ist.

Anführerin einer globalen Bewegung

Denn: Sie haben völlig unterschiedliche Wertvorstellungen. Nach den Weltkriegen erlebte die Generation Merz den Aufstieg des Kapitalismus weltweit, der die Freiheit und die Wirtschaft hoch hielt. Getreu dem Motto: Höher, schneller weiter. Lediglich in den 1970er Jahren wurde das Wirtschaftswachstum kurzzeitig nicht mehr gefeiert, sondern von Teilen der Bürger verachtet. Aber für den Großteil galt weiterhin: Wir streben nach Konsum. Nun also Greta, die in der Ellen-Show in den Vereinigten Staaten sagte, sie kaufe sich erst etwas, wenn sie wirklich etwas Neues braucht https://www.youtube.com/watch?v=rsNskDfd5CM – und sie ist damit keine Außenseiterin (mehr), sondern die Anführerin einer globalen Bewegung, die in anderen, ideellen Dingen ihr Glück findet und nicht im Kauf neuer Güter. Nur mal kurz die Welt retten, heißt das minimalistische Ziel, dass sie sich gesteckt hat – oder zumindest so viel dafür tun, wie es ihr möglich ist.

Völlig unterschiedliche Wertvorstellungen

Für viele der Generation Greta zählt heute eben nicht mehr: Wer hat das neueste Handy und den größten Fernseher? Im Gegenteil. Mittlerweile gibt es eine gewisse Scham davor, zu sagen, dass man in den Urlaub fliegt, dass der neue Fernseher nochmal eine Nummer größer als das Vorgängermodell sein musste. Was aber zählt für die Generation Greta? Nachhaltigkeit. Einen möglichst kleine Fußbadruck auf dieser Erde zu hinterlassen. Nachzudenken darüber, was man wirklich braucht. Umweltschonend einkaufen. Weniger Plastik. Fair trade unterstützen. Weniger Fleisch essen. Eben: weniger egoistisch leben, sondern sich mehr Gedanken darüber machen, von wem und wie die Sachen produziert werden und was nach der Nutzung mit ihnen passiert – im Einklang mit der Natur. Lange habe ich diesen Satz nicht mehr geschrieben. „Im Einklang mit der Natur“ – Das klingt eher nach einer Esoterik-Gruppe, aber es ist tatsächlich ein neues Lebensgefühl.

Ich persönlich habe mir mit 16 Jahren nie solche Gedanken gemacht. Deswegen: Hut ab für eine politische Generation, eine Generation Greta, die so wenig materialistisch eingestellt ist und denen diese Dinge so herzlich egal sind, dass der Satz von Friedrich Merz nur eines zeigt: Er hat nicht im Mindesten verstanden, was dieser Generation wirklich wichtig ist.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann