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Nichts wird mehr so sein, wie es mal war

„Am Anfang waren alle Besuche verboten“, erinnert sich Sabine Focken im Rahmen eines Couchgesprächs mit Dr. Sandra Hartmann über die Rolle der Kirche in der Pandemie. Im ersten Teil des Interviews sprach die 62-Jährige offen über den anfänglichen Rückzug ihrer Gemeindemitglieder und wie sie auch sich und ihre Arbeit neu definieren musste, um den veränderten Gegebenheiten gerecht zu werden.

Um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden

Im zweiten Teil des Couchgesprächs geht es nun darum, welche Projekte die Gemeindemitglieder in Dörrenzimmern und Stachenhausen während der Pandemie ins Leben gerufen haben, um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden.

Das wurde dann so eine Art Bewegung

„Am Anfang waren alle Besuche verboten. Daher hat unser Besuchskreisteam jeden Senior und jede Seniorin in der Gemeinde kontaktiert und gefragt: „Hast du einen Bibelspruch, der dir gut tut?  Das wurde dann eine Art Bewegung. So haben wir angefangen, den Glauben wieder nach vorne zu holen“, erzählt Sabine Focken mit sichtlicher Begeisterung. Herausgekommen ist ein kleines Büchlein mit vielen Lieblingsstellen aus der Bibel und selbstgemalten Bildern.

Auch sie selbst haderte immer wieder

Aber so einfach war es nicht immer während der Pandemie. Auch sie selbst haderte immer wieder, wie auch andere Menschen in ihrer Gemeinde. „Am Anfang waren wir naiv. Wir dachten: Nach der ersten Welle haben wir sicher das Meiste überstanden. Dann kam die nächste und die nächste Welle. Das hat auch bei mir früher Frust ausgelöst. Jetzt entspanne ich mich schneller und warte ab.“ Dankbar ist Sabine Focken, weil sich viele Türen nicht nur geschlossen, sondern auch geöffnet haben in dieser Zeit. „Ich habe Gott als aktiv Handelnden erlebt, etwa durch die vielen Impulse, die ich von anderen bekommen habe, als ich zunächst still wurde.“

Nichts wird mehr so sein, wie es mal war

Sie sieht auch jetzt nicht das große Ende der Pandemie nahen, sondern weiß, dass nach einer derartigen Ausnahmezeit nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Man kann die Zeit nicht einfach zurückdrehen, auch wenn sich viele nach diesem Zustand sehnen. aber nicht nur hinsichtlich Corona, auch hinsichtlich vieler anderer Dinge wie dem Klimawandel bedarf es nun einem großen Veränderungswillen: „Ich glaube, wir brauchen einen großen Umbruch in der Gesellschaft. Wir müssen alle vom Konsum runter.“

„Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin“

Und genau darin sieht sie die Energie, die eine derartige Krise auch freisetzen kann: „Da ist so eine Kraft in dem Ausgebremst-Sein drin.“ Die Gemeinde wurde erfinderisch, um ihre Mitglieder in der Pandemie trotz Abstandsgebote und Ängste zu erreichen. Das Kirchenteam verteilte Osterbriefe an alle Senioren, jeden Sonntag werden bis heute die Predigten und Lieder per WhatsApp verschickt. Mitte-der-Woche-Impulse ebenso. Anfangs kam sich Sabine Focken komisch vor, am Schreibtisch zu sitzen und ihre Predigt in ihr Handy zu sprechen, um sie danach per WhatsApp zu verschicken. Heute lacht sie, wenn sie an die Anfänge des digitalen Umbruchs zurückdenkt.

Beispiel eines Mitte-der-Woche-Impuls, den Sabine Focken per WhatsApp verschickt.

„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“

„Christliche Botschaften muss man hier viel kürzer und in nichtkirchlicher Sprache auf den Punkt bringen“, habe sie dabei gelernt. Auf der gleichen Spur ist sie als Hochschulseelsorgerin in Künzelsau mit ihrem Instagram-Account genannt „Soulfood“ (seelische Nahrung, zu finden auf Instagram unter: Instagram: soulfood_hhn). Zudem sind Glaubensabende entstanden, zunächst als Gemeindeangebot gedacht, coronabedingt gestrichen und aus großer Lust im Kirchengemeinderat ganz neu entwickelt. „Gemeinsam sind wir sprachfähiger geworden in Sachen Glauben und sind sehr gespannt, wie es damit in der Gemeinde weitergeht.“

Die Diskussion, ob Gottesdienste auch in Hochzeiten der Pandemie stattfinden dürfen – Sabine Focken hat hierzu eine klare Meinung

Was ihr während unseres Gesprächs wichtig ist, immer wieder zu betonen, dass nicht nur in ihrer Gemeinde viel geleistet wurde und sich einiges geändert hat, sondern überall. Und dass ganz viele Menschen daran beteiligt waren und sind.

Immer wieder gab und gibt es Diskussionen auch im Hohenlohekreis, ob Gottesdienste in den Höhepunkten der Pandemie noch stattfinden dürfen oder nicht. „Wir haben hier klare Richtlinien des Oberkirchenrates gehabt“, sagt Focken. Diese orientierten sich an den Inzidenzen. Innerhalb dieser Regeln gab es für die Gemeinden jedoch Entscheidungsspielräume. Sabine Focken: „Wir haben uns angesichts unserer großen Kirche immer für so viel wie möglich Präsenz entschieden ABER gleichzeitiger Berücksichtigung der SicherheitErst wenn Apotheken und Arztpraxen schließen müssen, dann muss auch die Kirche ihre Pforten zu machen, denn die Menschen brauchen einen Glauben beziehungsweise Glaubensangebote in dieser Zeit. Das ist Fockens klare Meinung dazu. Denn: „Glaube stärkt das Immunsystem“, davon ist die Pfarrerin überzeugt.

Solosängerteam singt von der Empore

Nicht alle in ihrer Gemeinde sehen das so beziehungsweise hatten den Wunsch, einen Gottesdienst zu besuchen. Das Schichtmodell (2 Gottesdienste hintereinander, um einer vollen Kirche entgegenzuwirken) stellten sie wieder ein, da die Angst unter den Gemeindemitgliedern zu groß vor Ansteckung war. Es blieb daher bei einem Gottesdienst. Während die Gemeindemitglieder in der Kirche nicht singen dürfen wegen der Coronaverordnung, hat Dörrenzimmern seit Beginn ein Solosängerteam hierfür, das von der Empore singt. Das ist erlaubt.

Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe mit den neuesten kirchlichen Nachrichten für die jüngsten Gemeindemitglieder

Viel hat sich getan in diesen zwei Jahren, bunt bemalte Glaubenssteine wurden um die Kirche gelegt, der Kirchplatz hat ein von den Konfirmanden gebautes Insektenhotel bekommen, ein neu gegründeter Zwergentreff unter der Leitung von Eva-Maria Schmidt trifft sich immer draußen, es gibt eine Kirchenmäuse-WhatsApp-Gruppe  die die jüngsten Gemeindemitglieder über Neuigkeiten in der Kirche informiert, umgesetzt von Nicole Vogt von den Hochholzhöfen und Renate Denner vom Eschenhof. „GoodNews“ (gute Nachrichten = frohe Botschaft) war im vergangenen Jahr ein zeitlich begrenztes, aber sehr erfolgreiches WhatsApp-Gruppen-Angebot für Kinder und Jugendliche. Hier durfte jeder gute Nachrichten einstellen. „Glaube stärkt, auch die Jugend braucht Stärke, vor allem für die Aufgaben, die noch anstehen“, sagt die Pfarrerin.

Meditative Gottesdienste

Raus in die Natur ging es beim Osterweg in Stachenhausen oder bei der von Mädchen aus dem Ort gestalteten Kirchenrallye in Dörrenzimmern. Holger Hartmann vom evangelischen Jugendwerk (ejk) schaute mit seinem EJK-Mobil vorbei und töpferte mit den Kindern. Es fanden meditative Gottesdienste mit Sabine Otterbach statt, um zur Ruhe zu kommen.

Sabine Focken erlebte und erlebt in dieser Zeit als Pfarrerin eine viel intensivere Seelsorge. „Über den Glauben passiert so viel Gesundung. Wir brauchen mehr Glauben in unserem Land, er muss wieder neu entdeckt werden.“

„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen“

Das Seniorenkreis-Team schenkte jedem Senior und jeder Seniorin in der Gemeinde in der Adventszeit eine Kerze mit einem Tannenzweig und einer Karte, auf der stand: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen.“

Focken weiß um die schwindenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Aber sie sieht in der Pandemie auch eine Chance, alte Verkrustungen abzuschütteln. „Man entdeckt andere, neue Dinge, die vielleicht sogar besser als die alten sind und vor allem merkt man, wie gut es ist, die Kraft und den Segen Gottes zu brauchen und zu finden.“

 




Dörrenzimmern: „Eine Frau wurde zu Boden gestoßen, getreten und gewürgt“ – Andrea Bühler spricht über häusliche Gewalt – Auch auf dem Land ein Thema

Es geschieht innerhalb der scheinbar sicheren eigenen Familie“, sagt Andrea Bühler vom Frauen- und Schutzhaus im Hohenlohekreis. Am Sonntag, den 08. März 2020, anlässlich des Weltfrauentages, hielt sie gemeinsam mit Pfarrerin Sabine Focken eine Doppelpredigt in der Kilianskirche in Dörrenzimmern zum Thema häusliche Gewalt.

In der Stadt nicht mehr häusliche Gewalt wie auf dem Land

„Bei uns ist das doch kein Thema.“ Mit diesem Satz aus der Gemeinde wurde Sabine Focken vorab konfrontiert. Die Pfarrerin betont in ihrer Predigt: „Schön wäre, wenn das so ist.“ Sie betont aber auch: „Schön wäre aber auch, wenn Menschen sich trauen, es sichtbar zu machen, damit man helfen kann.“ Gemeindemitglied Jürgen Zoller aus Stachenhausen möchte nach der Predigt von Andrea Bühler wissen, ob es nicht mehr Fälle häuslicher Gewalt in der Stadt gäbe als auf dem Land, da die Anonymität in der Stadt doch viel höher sei. Auf dem Land müsse man schließlich Angst haben, sofort sein Gesicht zu verlieren, wenn so etwas herauskomme. Andrea Bühler schüttelt den Kopf. Gerade auf dem Land, in dem viele in ihren Einfamilienhäuschen leben, könne man sich mehr zurückziehen, als in einem Mehrfamilienhaus, antwortet sie.

Demütigung, auch psychische, zählt zu häuslicher Gewalt

Doch wo fängt überhaupt häusliche Gewalt an? „Ich nenne Ihnen hierfür ein paar Beispiele“, beginnt Andrea Bühler ihre Predigt. „Eine Frau, die zu uns gekommen ist, wurde zuvor von ihrem Mann zu Boden gestoßen, in den Bauch getreten, geohrfeigt und gewürgt. Eine andere Frau erfuhr sexuelle Gewalt, sie wurde vergewaltigt und hat sich lange nicht getraut, davon zu berichten, weil sie sich so geschämt hat.“ Bei einer anderen betroffenen Frau habe das Geld, das sie von ihrem Mann bekommen hat, nicht für die Schulsachen der Kinder gereicht. Aber auch psychische Gewalt zähle zu häuslicher Gewalt: einschüchtern, drohen, Kontrollsucht – das alles falle ebenfalls unter diesen Begriff.

Bühler betont: „Nur weil häusliche Gewalt im privaten geschieht, ist das dennoch keine private Gewalt.“ Es geht jedoch, so Sabine Focken, „nicht um den Zeigefinger, sondern um die Hilfe und das In-Ordnung-bringen.“

„Aus Sicherheitsgründen in ein weiter entferntes Haus“

22 Frauen und 44 Kinder waren laut Andrea Bühler 2019 im Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis. Von ihnen stamme aber nur ein kleiner Teil aus dem Hohenlohischen, denn so, Büher, „aus Sicherheitsgründen müssen sie oft in ein weiter entferntes Haus“. In dem Haus leben die Frauen oft mehrere Monate mit ihren Kindern auf einem Zimmer, bis sie einen Neuanfang geschafft haben mit einer neuen Wohnung. Den Wohn- und Essbereich teilen sie sich mit anderen Frauen, es ist eine Art Wohngemeinschaft. Momentan arbeiten dort drei Teilzeitkräfte, eine Vertretungsstelle  sowie acht ehrenamtliche Mitarbeiter. Das Landratsamt zahlt dem Frauen- und Kinderschutzhaus einen Tagessatz. Die Personalkosten werden nach den Belegungstagen abgerechnet. Das Frauenhaus ist darüber hinaus auf Spenden angewiesen.

Ein Drittel der Fälle aus dem Akademikermilieu

Erschreckend sind die Zahlen, die Andrea Bühler als Info-Banner mitgebracht hat. Danach macht laut einer anonymen Befragung des Bundesfamilienministeriums von 2015 jede vierte Frau und jedes fünfte Kind in Deutschland in ihrem beziehungsweise seinem Leben Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Würde man diese Zahlen für Ingelfingen – einer Gemeinde mit über 5.000 Einwohnern herunterrechnen – würde das bedeuten, 600 Frauen wären jährlich betroffen – ungeachtet der vielen Taten, die geschehen und nicht gemeldet werden. Sabine Focken betont, dass diese Taten „nichts mit Migranten“ zu tun habe. Ein Drittel der Fälle komme aus dem Akademikermilieu. Häusliche Gewalt ist laut Bühler, „das größte Verletzungsrisiko“ bei Frauen zwischen 16 und 24 Jahren und es treten damit mehr Frauen in Berührung als mit Krebs. Auch „Alte, Kranke, Menschen mit den Behinderung und Männer werden Opfer häuslicher Gewalt“, so Bühler, inzwischen gäbe es drei Männerhäuser in Deutschland. Wobei Männer oft von anderen Männern Gewalt erfahren.

„Ich möchte Frauen ermutigen, zu erkennen, wie stark sie sind“

Das Frauen- und Kinderschutzhaus ist entstanden, weil sich damals Frauen durchgesetzt haben, dass man so ein Haus hier braucht. Denn die damalige Ansicht war vielleicht manch einer heutigen nicht ganz unähnlich: Bei uns gibt es das nicht, also brauchen wir auch so ein Haus nicht. Zu Beginn war daher ehrenamtliches Engagement von Frauen beim Aufbau vorherrschend.  Manche der Frauen, die Zuflucht gefunden haben im Frauenhaus, kehren in ihr altes Leben zurück und stehen dann irgendwann wieder vor der Tür des Hauses. „Es ist einfach ein wahnsinnig schwerer Schritt zu gehen – ohne finanzielle Absicherung, während die Konflikte weitergehen über die Kinder“, erklärt Andra Bühler, die seit zwölf Jahren im Frauenhaus arbeitet. „Ich möchte Frauen ermutigen, dass sie erkennen, wie stark sie sind und wie wertvoll. Mit vielen Frauen habe ich mitgelacht und mitgeweint, wie haben Anträge ausgefüllt, ich habe kulturelle Unterschiede kennengelernt. Wir wollen allen Opfern von Gewalt den Rücken stärken und zeigen, dass sie nicht alleine sind. Und wir wollen, dass man hinschaut, damit häusliche Gewalt gestoppt wird.“

Notfallnummer

Sind Sie Opfer von häuslicher Gewalt? Das Frauenhaus des Hohenlohekreises erreichen Sie unter: 07940/58 95 4. Wenn Sie sich in einer akuten Notlage befinden, rufen Sie die Polizei: 110. Seit 2002 gibt es das „Gewaltschutzgesetz“, danach kann dem Täter ein so genannter „Platzverweis“ erteilt werden. Der Täter darf unter anderem die Wohnung des Opfers nicht mehr betreten – auch wenn ein gemeinsamer Haushalt vorliegt. Weitere Informationen zum Gewaltschutzgesetz lesen Sie auf der Seite des Bundesjustizministeriums: https://www.gesetze-im-internet.de/gewschg/BJNR351310001.html

Andrea Bühler möchte den Frauen Mut machen. Foto: GSCHWÄTZ

Andrea Bühler (links), Pfarrerin Sabine Focken (3. von links) im Gespräch mit Besuchern des Gottesdienstes. Foto: GSCHWÄTZ

Bräche man die deutschlandweiten Zahlen von 2015 auf Ingelfingen herunter, würde das bedeuten, dass rund 600 Frauen betroffen wären von häuslicher Gewalt. Foto: GSCHWÄTZ

Infobanner in der Kirche zeigen die erschreckenden Zahlen. Foto: GSCHWÄTZ

„Spirale der Gewalt“. Foto: GSCHWÄTZ

Kilianskirche in Dörrenzimmern. Foto: GSCHWÄTZ

Andrea Bühler vom Frauen- und Kinderschutzhaus in der Kilianskirche in Dörrenzimmern am 08. März 2020. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




Pfarrerin Sabine Focken kritisiert Umgang mit Schöpfung: „Es hat dazu geführt, dass uns die Erde um die Ohren fliegt“

Beim Mahnfeuer, zu dem Landwirte am 04. Januar 2020 nach Stachenhausen eingeladen hatten (wir berichteten), sprachen nicht nur Landwirte Klartext. Auch Sabine Focken, die Pfarrerin in Stachenhausen und Dörrenzimmern ist, äusserte sich klar und deutlich.

Klimaveränderungen machen Landwirten zu schaffen

Landwirt Heinrich Stier aus Stachenhausen verwies während des Mahnfeuers auf klimatische Veränderungen, mit denen Betriebe zu kämpfen hätten – die Trockenheit im vergangenen Jahr etwa. „So wie jetzt das Klima ist und sich verändert, müssen wir auch mehr Futterreserven und Geldreserven schaffen, weil wir davon ausgehen, dass diese Klimaschwankungen immer extremer werden.“ Er wisse nicht, wie „wir das schaffen sollen, gewisse Reserven zusammenzubringen.“

„Landwirtschaft wird über die Maßen verantwortlich gemacht“

Sabine Focken, Pfarrerin von der Gemeinde Dörrenzimmern-Stachenhausen, sieht die Kritik der Bauern mit gemischten Gefühlen: „Es ist viel leichter für Menschen, Schuldvorwürfe in die einzelnen Richtungen zu machen.“ Es sei aber ein „überkomplexes Problem“ zwischen Landwirten, Verbrauchern, der Politik, der Industrie, dem Handel, da wirklich zusammenzukommen. Das eigentliche Problem sei, dass „wir einen Umgang mit der Schöpfung haben, der dazu führt, dass uns die Erde um die Ohren fliegt“. Aber Focken nimmt dabei auch die Landwirte in Schutz: „Im Moment wird die Landwirtschaft über die Maßen für den Klimawandel verantwortlich gemacht.“

„Man muss an der Basis für mehr Verständnis sorgen“

„Neue Preisgestaltung, ein anderer Umgang mit der Natur – Wir brauchen eine neue Richtung und die auszuhandeln“, das sei schwierig, so Focken. Daher sei sie selbst auch vor Ort zu dem Mahnfeuer gekommen. Wie können Landwirte und Verbraucher anders, besser kommunizieren, „um neue Modelle anzufangen und nicht zu warten, bis die Politik endlich handelt und auf der höheren Ebene etwas passiert, sondern man muss an der Basis für Verständnis zu sorgen.“ Direktvermarktung quasi. Dazu gehöre auch „neue Bilder in unsere Köpfe zu kriegen, dass wir bereit sind, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben.“

„Ohne Landwirte geht es nicht“

Landwirt Sascha Sahm ist aufgefallen, dass in der Presse sehr wenig über die Mahnfeuer und die Demonstrationen berichtet wurde. Da mache sich dann das Gefühl bei den Landwirten breit, „dass man es nicht haben möchte, dass wir auf uns aufmerksam machen“, schildert er. Er wünsche sich von der Politik, dass man auf sie zugehe und mit ihnen redet: „Dass wir auch mit an den Tisch dürfen und gefragt werden, wenn Gesetze gemacht werden. Dafür kämpfen wir jetzt, dass wir auch gehört werden und es Gesetze sind, die auch umsetzbar sind.“

Auf die Frage, ob Landwirtsein überhaupt noch ein angenehmer Beruf sei, argumentiert Simon Gutheiß: „Ohne Landwirte geht es nicht. Ich bin damit groß geworden und mir hat es seit eh und je Spaß gemacht. Das ist der Beruf für welchen ich jeden Tag aufstehen möchte.“ Er hat sich auch schon andere Bereiche angeschaut, die seien aber nichts für ihn gewesen. An der Landwirtschaft gefalle ihm „die Abwechslung“. Es sei nicht so wie in den Firmen, in denen man immer denselben Ablauf habe und akkordmäßig arbeiten müsse.

 




Bauer predigt das, was er selbst nicht beherrscht

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann zur Predigt von Ingelfingens Bürgermeister in der Kirche in Dörrenzimmern (wir berichteten, siehe Beitrag unten)

Es ist eine schöne Idee mit der neuen Gottesdienst-Reihe, die Dörrenzimmerns Pfarrerin Sabine Focken ins Leben gerufen hat. Es predigen Menschen aus der Gemeinde gemeinsam mit der
Pfarrerin über Dinge, die Ihnen wichtig sind. Bürgermeister Bauer über ein ehrliches Miteinander, im September Jens Sprügel über Werte. Zu einer reinen Selbstdarstellung sollte diese Predigt jedoch nicht genutzt werden und zu Propagandazwecken schon gar nicht. Es kam nicht umsonst vor über 100 Jahren zur strikten Trennung von Staat und Kirche. Selbstkritik anstatt Selbstbeweihräucherung wäre an diesem Sonntag ein schönes Zeichen gewesen. Aber gut, jeder nutzt die pastorale Bühne, wie er mag. Auch das ist ja Zeichen genug.

Jeder nutzt die pastorale Bühne, wie er mag

Ein ehrliches Miteinander, dazu gehört auch, kritische Dinge auszusprechen und auszuhalten. Das tut manchmal weh, aber der Wahrheit ins Auge zu sehen ist wichtig. Auch wir sollten uns nach unserem Tun noch in die Augen sehen, miteinander sprechen können. Wir sollten nicht nur auf der pastoralen Bühne, sondern auch hinter den Kulissen jeden mit Anstand und Respekt behandeln. Es ist schade, dass am Sonntag das Thema „ehrliches Miteinander“ nicht wirklich ehrlich aufgearbeitet wurde. Und stattdessen Gefühle wie Angst und Wut spürbar waren. Bauer predigt davon, dass die Menschen „ehrlich, gerecht und friedlich miteinander umgehen“. sollen Aber geht er selbst mit seinen Mitmenschen ehrlich, gerecht und friedlich um?

Bei diversen Vorfällen, auch in der jüngeren Vergangenheit, hat er die Beherrschung verloren. Auf für Ingelfingen wichtige Veranstaltungen kommt er nicht oder nicht mehr – man erinnere sich nur an die große Prunksitzung in Ingelfingen, die von so vielen Gemeindemitgliedern gestemmt werden. Man erinnere sich an den Vorfall, als er unlängst ein Bußgeld an eine Ingelfingerin wegen Nötigung im Straßenverkehr zahlen musste. Auf den Vorfall von uns angesprochen, behauptete er, die Polizei und die Staatsanwaltschaft würden lügen und auch wir lügen, wenn wir den Vorfall veröffentlichen. Bei einer Veröffentlichung werde er uns anzeigen, waren seine Worte. Man muss daher umso mehr schmunzeln, dass Michael Bauer sich ausgerechnet das Thema „ehrliches Miteinander“ für seine Predigt ausgesucht hat und dabei Worte wie „friedliches Miteinander“ verwendet. Ein Meister der Selbstbeherrschung sieht wahrlich anders aus.

Ist die Kirche der richtige Ort für solche Äußerungen?

Es ist in Ordnung, wenn Michael Bauer seine Meinung über unsere Berichterstattung äußert – ob das im Rahmen einer Predigt als Gast in einer Kirche sein muss, sei dahingestellt. Wir haben mehrfach kritisch über ihn berichtet, das ist richtig. Aber es gab eben auch diverse Anlässe, ihn als Bürgermeister kritisch unter die Lupe zu nehmen – auch und vor allem als lokale Presse. Wir diskutieren gern über unsere Berichterstattung und haben auch nach dem Gottesdienst versucht, mit Bauer in einen Dialog zu treten, aber er beließ es bei einem: „Mit Ihnen spreche ich nicht.“

Alles wird gut, Herr Bauer

Bei jedem einzelnen unserer Beiträge haben wir ihm vorab die Möglichkeit eingeräumt, sich zu äußern, mit uns und in diesem Zuge auch mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Bislang hat er jeden Dialog verweigert oder hat uns gedroht. Bei Themen, die das öffentliche Interesse berühren, gibt er auf Nachfrage keine Auskunft. Die Mariannenstraße etwa sollte seit Mitte Mai 2019 eigentlich als Einbahnstraße durch Ingelfingen führen. Doch lediglich die Parkplätze hierfür wurden eingezeichnet. Getan hat sich seitdem nichts. Kommt die Einbahnstraße nun oder nicht? Michael Bauer schweigt. Sein gutes Recht als Bürgermeister? Eben nicht.

Diverse Menschen kritisieren seinen Umgang im zwischenmenschlichen Miteinander, seinen harten Ton – eben das, was er nun an anderen während seiner Predigt kritisiert hat. Fast schon könnte er einem leid tun, weil man, wie er da so stand hinter der Kanzel, gespürt hat, wie zerrüttet er innerlich ist. Aber ganz unschuldig ist er daran nicht.

Das Gute aber ist: Man kann immer wieder von vorne anfangen, es besser machen. Jede harte Schale hat ihren Ursprung und fast schon mag man ihn an der Hand nehmen und sagen: „Alles wird gut.“ Man muss es nur wollen.

 




„Glauben sie nicht jedem Gschwätz“

Ingelfingens Bürgermeister Michael Bauer predigt in der Kirche in Dörrenzimmern

„Heute hier vorne zu stehen und zu predigen, ist eine Herausforderung für mich“, sagte Ingelfingens Bürgermeister Michael Bauer. Ein ungewohntes Bild präsentierte sich den Gottesdienstbesuchern am Sonntag, den 07. Juli 2019. Der Rathauschef predigte zusammen mit Dörrenzimmerns Pfarrerin Sabine Focken in der Kilianskirche in Dörrenzimmern. Eingeladen hatte Focken. Bauer suchte das Thema aus: „Ehrliches Miteinander“.
Die Kirchenreihen waren an einem Sonntagmorgen ungewöhnlich voll. Besonders „bibelfest“ sei er nicht, gab Bauer gleich zu Beginn ganz ehrlich zu. Aber dank einer befreundeten Religionslehrerin habe er eine passende Bibelstelle gefunden, in welcher es unter anderem heiße: „Rede der eine mit dem anderen Wahrheit.“

Gut gefüllt waren die Kirchenbänke an diesem Sonntagmorgen. Bürgermeister Bauer selbst wollte nicht von der Redaktion des Magazins GSCHWÄTZ fotografiert werden und verzichtete auch auf ein Gespräch im Anschluss. Foto // GSCHWÄTZ Foto: GSCHWÄTZ

Bauer fordert, „ehrlich, gerecht und friedlich miteinander umzugehen“

Die Menschen sollen „ehrlich, gerecht und friedlich miteinander umgehen“, forderte Bauer. Dies sei auch sein „Wegbegleiter und seine Richtschnur“. Man müsse seine Meinung offen äußern, auch wenn „geäußerte Wahrheiten nicht immer gefallen“.

Leider „schwindet das ehrliche Miteinander immer mehr“, bedauert Bauer. „Manche biegen sich auch ihre eigene Wahrheit zurecht. Vielleicht liegt es auch an den modernen digitalen Medien, wo Halbwahrheiten verbreitet werden. Es gibt auch bewusst Menschen unter uns, die Halbwahrheiten verbreiten. Glauben Sie nicht jedem Gschwätz“, forderte Bauer final auf.

„Zum Glück ist Ingelfingen nicht geprägt von Neid und Missgunst“

„Es gibt heutzutage fast keine Entscheidung mehr, die heute nicht lautstark kritisiert wird.“ Die richtigen Entscheidungen zu treffen, welche eine Kommune fit für die Zukunft machen, falle nicht immer leicht. „Deshalb werde ich weiter sagen, was ich denke und tun, was ich sage.“ Zum Glück seien Ingelfingen und seine Teilorte „nicht geprägt von Neid, Missgunst und Intoleranz.“ Bauer endet mit einem Verweis auf eine Studie, dass Ehrlichkeit zugleich einhergehe mit einem höheren Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes.

Dieses Stichwort griff Pfarrerin Focken in ihrer direkt am Anschluss folgenden Predigt auf: „Das ist ein starkes Zielbild. Ehrlichkeit bringt wirtschaftliche Vorteile. In Ehrlichkeit zu leben tut auch gut. Ich kann mich verlassen auf den anderen. Wenn ich weiß, dass jemand freundlich ist und hintenrum im Dorf schwätzt er etwas anderes, tut das nicht gut. Aber ich glaube, das hat es zu allen Zeiten gegeben.“
Focken fragte sich deshalb: „Warum sagen die Menschen die Wahrheit immer mal wieder nicht?“ Ihre Antwort: „Die Wahrheit muss man sich leisten können.“ Wenn die Angst da sei, zu kurz zu kommen, wenn man in seinem Leben gelernt habe, ohnmächtig zu sein, wenn man Sorge habe, nicht gut dazustehen und dumm dargestellt zu werden.

„Es gibt auch bewusst Menschen unter uns, die Halbwahrheiten verbreiten“

Die Liebe sei mit der Wahrheit eng verbunden: „Wenn ich zu allererst mich selbst liebe, kann ich wahr sein lassen, was sowieso wahr ist.“ Und man könne dann die Angst der anderen wahrnehmen, die Dünnhäutigkeit, ohne die Finger in die Wunde zu legen. Ich verzichte auf Bloßstellen des Anderen, weil ich merke, wie weh mir das selber tun würde.“ Focken verweist darauf, dass man manche Dinge auch ungewollt stärker macht, in dem man den Fokus darauf legt: „Demonstrationen gegen den Rechtsradikalismus taugen nichts, weil wir denen dadurch mehr Kraft geben.“

Neue Gottesdienstreihe

Am Sonntag, den 07. Juli 2019, 09.30 Uhr, predigten Bürgermeister Michael Bauer und Pfarrerin Sabine Focken gemeinsam in der Kirche in Ingelfingen-Dörrenzimmern. Das Thema lautete: „Ehrliches Miteinander“. Sabine Focken verweist darauf, dass derartige Gottesdienste künftig in loser Folge immer wieder im Kirchenjahr stattfinden sollen. Das Prinzip sei stets dasselbe, so Focken. „Jemand predigt mit mir zusammen, wählt das Thema, schreibt den ersten Teil und ich lege den zweiten Teil dazu.“
Am 29. September 2019 ist Jens Sprügel zu Gast in der Kirche Dörrenzimmern. Er hat das Thema „Werte“ gewählt.

Auch Frau Chef, Michael Bauers Frau, lauschte ihrem Mann während seiner Predigt. Foto: GSCHWÄTZ

Die Kirchenreihen waren voll besetzt beim Gottesdienst mit dem Bürgermeister. Foto: GSCHWÄTZ