Dörrenzimmern: „Eine Frau wurde zu Boden gestoßen, getreten und gewürgt“ – Andrea Bühler spricht über häusliche Gewalt – Auch auf dem Land ein Thema
Es geschieht innerhalb der scheinbar sicheren eigenen Familie“, sagt Andrea Bühler vom Frauen- und Schutzhaus im Hohenlohekreis. Am Sonntag, den 08. März 2020, anlässlich des Weltfrauentages, hielt sie gemeinsam mit Pfarrerin Sabine Focken eine Doppelpredigt in der Kilianskirche in Dörrenzimmern zum Thema häusliche Gewalt.
In der Stadt nicht mehr häusliche Gewalt wie auf dem Land
„Bei uns ist das doch kein Thema.“ Mit diesem Satz aus der Gemeinde wurde Sabine Focken vorab konfrontiert. Die Pfarrerin betont in ihrer Predigt: „Schön wäre, wenn das so ist.“ Sie betont aber auch: „Schön wäre aber auch, wenn Menschen sich trauen, es sichtbar zu machen, damit man helfen kann.“ Gemeindemitglied Jürgen Zoller aus Stachenhausen möchte nach der Predigt von Andrea Bühler wissen, ob es nicht mehr Fälle häuslicher Gewalt in der Stadt gäbe als auf dem Land, da die Anonymität in der Stadt doch viel höher sei. Auf dem Land müsse man schließlich Angst haben, sofort sein Gesicht zu verlieren, wenn so etwas herauskomme. Andrea Bühler schüttelt den Kopf. Gerade auf dem Land, in dem viele in ihren Einfamilienhäuschen leben, könne man sich mehr zurückziehen, als in einem Mehrfamilienhaus, antwortet sie.
Demütigung, auch psychische, zählt zu häuslicher Gewalt
Doch wo fängt überhaupt häusliche Gewalt an? „Ich nenne Ihnen hierfür ein paar Beispiele“, beginnt Andrea Bühler ihre Predigt. „Eine Frau, die zu uns gekommen ist, wurde zuvor von ihrem Mann zu Boden gestoßen, in den Bauch getreten, geohrfeigt und gewürgt. Eine andere Frau erfuhr sexuelle Gewalt, sie wurde vergewaltigt und hat sich lange nicht getraut, davon zu berichten, weil sie sich so geschämt hat.“ Bei einer anderen betroffenen Frau habe das Geld, das sie von ihrem Mann bekommen hat, nicht für die Schulsachen der Kinder gereicht. Aber auch psychische Gewalt zähle zu häuslicher Gewalt: einschüchtern, drohen, Kontrollsucht – das alles falle ebenfalls unter diesen Begriff.
Bühler betont: „Nur weil häusliche Gewalt im privaten geschieht, ist das dennoch keine private Gewalt.“ Es geht jedoch, so Sabine Focken, „nicht um den Zeigefinger, sondern um die Hilfe und das In-Ordnung-bringen.“
„Aus Sicherheitsgründen in ein weiter entferntes Haus“
22 Frauen und 44 Kinder waren laut Andrea Bühler 2019 im Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis. Von ihnen stamme aber nur ein kleiner Teil aus dem Hohenlohischen, denn so, Büher, „aus Sicherheitsgründen müssen sie oft in ein weiter entferntes Haus“. In dem Haus leben die Frauen oft mehrere Monate mit ihren Kindern auf einem Zimmer, bis sie einen Neuanfang geschafft haben mit einer neuen Wohnung. Den Wohn- und Essbereich teilen sie sich mit anderen Frauen, es ist eine Art Wohngemeinschaft. Momentan arbeiten dort drei Teilzeitkräfte, eine Vertretungsstelle sowie acht ehrenamtliche Mitarbeiter. Das Landratsamt zahlt dem Frauen- und Kinderschutzhaus einen Tagessatz. Die Personalkosten werden nach den Belegungstagen abgerechnet. Das Frauenhaus ist darüber hinaus auf Spenden angewiesen.
Ein Drittel der Fälle aus dem Akademikermilieu
Erschreckend sind die Zahlen, die Andrea Bühler als Info-Banner mitgebracht hat. Danach macht laut einer anonymen Befragung des Bundesfamilienministeriums von 2015 jede vierte Frau und jedes fünfte Kind in Deutschland in ihrem beziehungsweise seinem Leben Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Würde man diese Zahlen für Ingelfingen – einer Gemeinde mit über 5.000 Einwohnern herunterrechnen – würde das bedeuten, 600 Frauen wären jährlich betroffen – ungeachtet der vielen Taten, die geschehen und nicht gemeldet werden. Sabine Focken betont, dass diese Taten „nichts mit Migranten“ zu tun habe. Ein Drittel der Fälle komme aus dem Akademikermilieu. Häusliche Gewalt ist laut Bühler, „das größte Verletzungsrisiko“ bei Frauen zwischen 16 und 24 Jahren und es treten damit mehr Frauen in Berührung als mit Krebs. Auch „Alte, Kranke, Menschen mit den Behinderung und Männer werden Opfer häuslicher Gewalt“, so Bühler, inzwischen gäbe es drei Männerhäuser in Deutschland. Wobei Männer oft von anderen Männern Gewalt erfahren.
„Ich möchte Frauen ermutigen, zu erkennen, wie stark sie sind“
Das Frauen- und Kinderschutzhaus ist entstanden, weil sich damals Frauen durchgesetzt haben, dass man so ein Haus hier braucht. Denn die damalige Ansicht war vielleicht manch einer heutigen nicht ganz unähnlich: Bei uns gibt es das nicht, also brauchen wir auch so ein Haus nicht. Zu Beginn war daher ehrenamtliches Engagement von Frauen beim Aufbau vorherrschend. Manche der Frauen, die Zuflucht gefunden haben im Frauenhaus, kehren in ihr altes Leben zurück und stehen dann irgendwann wieder vor der Tür des Hauses. „Es ist einfach ein wahnsinnig schwerer Schritt zu gehen – ohne finanzielle Absicherung, während die Konflikte weitergehen über die Kinder“, erklärt Andra Bühler, die seit zwölf Jahren im Frauenhaus arbeitet. „Ich möchte Frauen ermutigen, dass sie erkennen, wie stark sie sind und wie wertvoll. Mit vielen Frauen habe ich mitgelacht und mitgeweint, wie haben Anträge ausgefüllt, ich habe kulturelle Unterschiede kennengelernt. Wir wollen allen Opfern von Gewalt den Rücken stärken und zeigen, dass sie nicht alleine sind. Und wir wollen, dass man hinschaut, damit häusliche Gewalt gestoppt wird.“
Notfallnummer
Sind Sie Opfer von häuslicher Gewalt? Das Frauenhaus des Hohenlohekreises erreichen Sie unter: 07940/58 95 4. Wenn Sie sich in einer akuten Notlage befinden, rufen Sie die Polizei: 110. Seit 2002 gibt es das „Gewaltschutzgesetz“, danach kann dem Täter ein so genannter „Platzverweis“ erteilt werden. Der Täter darf unter anderem die Wohnung des Opfers nicht mehr betreten – auch wenn ein gemeinsamer Haushalt vorliegt. Weitere Informationen zum Gewaltschutzgesetz lesen Sie auf der Seite des Bundesjustizministeriums: https://www.gesetze-im-internet.de/gewschg/BJNR351310001.html

Andrea Bühler möchte den Frauen Mut machen. Foto: GSCHWÄTZ

Andrea Bühler (links), Pfarrerin Sabine Focken (3. von links) im Gespräch mit Besuchern des Gottesdienstes. Foto: GSCHWÄTZ

Bräche man die deutschlandweiten Zahlen von 2015 auf Ingelfingen herunter, würde das bedeuten, dass rund 600 Frauen betroffen wären von häuslicher Gewalt. Foto: GSCHWÄTZ

Infobanner in der Kirche zeigen die erschreckenden Zahlen. Foto: GSCHWÄTZ

„Spirale der Gewalt“. Foto: GSCHWÄTZ

Kilianskirche in Dörrenzimmern. Foto: GSCHWÄTZ

Andrea Bühler vom Frauen- und Kinderschutzhaus in der Kilianskirche in Dörrenzimmern am 08. März 2020. Foto: GSCHWÄTZ
















