Rettungsdienstler kritisiert: „Man versucht zu sparen, wo es geht“ – DRK kündigt 2 neue Rettungswachen in Kirchensall und Stachenhausen an
In der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2019 soll eine Person in Westernhausen den Notruf verständigt haben. Der Grund: Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt. Das Problem: Alle Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hohenlohe seien laut Aussage von Betroffenen zu dieser Zeit unterwegs zu anderen Einsätzen unterwegs gewesen. Daher habe schließlich ein DRK-Fahrzeug aus Möckmühl Westernhausen angefahren. „Wenn man es krachen lässt, braucht man von Möckmühl nach Westernhausen zwischern 20 und 25 Minuten“, schätzt ein Rettungsdienstler, der anonym bleiben möchte und uns diesen Fall geschildert hat. 25 Minuten für einen Schlaganfall- beziehungsweise einen Herzinfarktpatienten – Das ist lang, wo doch jede Minute zählt. Gab es derart viele Einsätze in dieser Nacht, dass das DRK keine anderen Fahrzeuge mehr vor Ort hatte, zumal Westernhausen eine eigene DRK-Rettungswache hat? Eine Stellungnahme des DRK Hohenlohe hierzu steht derzeit noch aus.
Nicht genügend Notarztfahrzeuge
Der Rettungsdienstler bemängelt, dass der Hohenlohekreis generell zu wenig Rettungsdienstfahrzeuge habe. So gäbe es nur jeweils einen Notarztwagen in Künzelsau, Öhringen und Westernhausen. Der Notarztwagen in Westernhausen sei nur tagsüber im Einsatz. Bei den Rettungswägen sehe es nicht wirklich rosiger aus. In Künzelsau und Öhringen gäbe es jeweils zwei – davon sei aber nur jeweils einer 24 Stunden im Einsatz, der andere nur tagsüber. Westernhausen habe darüber hinaus noch einen Rettungswagen im 24-Stunden-Einsatz. Das ergibt zusammen fünf Rettungswägen und drei Notarztwägen – drei der Rettungswägen und zwei der Notärztwägen sind 24 Stunden im Einsatz. Die Notarztfahrzeuge in Künzelsau und Öhringen seien 2019 erneuert worden. Reichen diese Fahrzeuge für 120.000 Einwohner des Hohenlohekreises aus? „Das reicht nicht aus für die gesamten Notfälle“, sagt der Rettungsdienstler.
Mehrere Stunden Wartezeit
Zwar gebe es seit zwei Monaten in Öhringen einen Krankentransportwagen, der auch nachts fahre. Dieser komme zum Einsatz, wenn jemand sehr hohes Fieber oder schlechte Blutwerte habe und zur Überwachung nachts in ein Krankenhaus müsse. Aber auch auf diesen Krankentransportwagen hätten Patienten schon mehrere Stunden warten müssen oder seien auf den nächsten Tag vertröstet worden. Manchmal springe auch ein Rettungswagen für den Krankentransportwagen ein, wenn dieser unterwegs ist. Allerdings fehle dieser Rettungswagen dann wieder bei nachfolgenden Einsätzen. Zudem koste ein Rettungswagen rund 400 Euro pro Einsatz. Ein Krankenwagen sei mit rund 50 Euro da schon deutlich günstiger. „Wenn man die ganzen Einsätze betrachtet, bräuchte man die doppelte Anzahl an Fahrzeugen“, so der Rettungsdienstler.
Vorgaben des Bereichsausschusses
Bernd Thierer, Kreisgeschäftsführer des DRK, verwies auf GSCHWÄTZ-Nachfrage zur Anzahl der zur Verfügung stehenden Rettungsfahrzeuge und ob diese ausreichend seien, auf den Bereichsausschusses für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis: „Die Anzahl und der zeitliche Umfang der im Hohenlohekreis vorzuhaltenden Rettungsmittel werden vom Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis festgelegt (…). Es ist festzuhalten, dass das DRK als Leistungserbringer in der Notfallrettung die Vorgaben des Bereichsausschusses umzusetzen hat. Eine Einschätzung zur Angemessenheit des Umfangs obliegt uns nicht.“
Jeder zehnte Rettungsdienst ist zu spät
Mit der Schließung des Krankenhauses Künzelsau sei das DRK „unter Zugzwang“. Nun hätten die Rettungsdienstler noch längere Wege zum nächsten Krankenhaus zu fahren und seien dadurch wiederum länger bei den Einsätzen gebunden. Insbesondere bei Fahrten nach Dörzbach oder Mulfingen seien die Einsatzkräfte lange unterwegs, moniert indes der Rettungsdienstler. Die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist, also wie lange ein Rettungswagen zum Unfallort brauchen darf, ist mit 10 bis 12 Minuten festgelegt, in Ausnahmefällen dürfe er auch 15 Minuten brauchen. Aber nicht selten halte der DRK diese Fristen nicht ein, so der Rettungsdienstler. Thierer verweist auf das Rettungsdienstgesetz des Landes Baden-Württemberg. Darin heißt es: „Die Hilfsfrist soll aus notfallmedizinischen Gründen möglichst nicht mehr als 10, höchstens 15 Minuten betragen.“ Der Rettungsdienstplan Baden-Württemberg konkretisiere diese Vorgabe wie folgt: „Die Hilfsfrist ist eine Planungsgröße. Sie ist erfüllt, wenn sie in 95 Prozent aller Einsätze im Vorjahreszeitraum im gesamten Rettungsdienstbereich eingehalten wird.“ Für 2018 sei die Hilfsfrist im Bereich der nichtnotärztlichen Rettungsmittel bei 91,6 Prozent und bei den notarztbesetzten Rettungsmitteln bei 87,4 Prozent im Hohenlohekreis. Die Zahlen klingen gut und doch war damit rund jeder zehnte Rettungsdienst zu spät am Ort des Geschehens – zumindest wenn man die vorgegebene Hilfsfrist als Messlatte nimmt.
Keine Aufstockung des Personals
Als 2017 bekannt wurde, unter welchem personellen Engpässen der DRK Hohenlohe leidet (wir berichteten), wurde postuliert, dass der Rettungsdienst im Zuge der Krankenhausschließung in Künzelsau gestärkt werden solle. Auch jetzt wurden derartige Forderungen in der Kreistagssitzungen im November 2019 wieder laut.
Personell erfolgte seitdem jedoch keine Aufstockung, wie Thierer auf GSCHWÄTZ-Nachfrage erklärt und dabei ebenfalls auf den Bereichsausschuss verweist, der dafür zuständig sei: „Die Personalvorhaltung im Bereich der Notfallrettung (Anzahl und Qualifikation der Mitarbeiter) richtet sich ausschließlich nach der vom Bereichsausschuss beschlossenen Vorhaltung der Rettungsmittel im Hohenlohekreis.“ Weiter sagt Thierer: „Es erfolgt seit 2017 keine Ausweitung der Rettungsmittel im Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis, für eine Aufstockung des Personals bestand daher kein Anlass.“ Zur Besetzung der Rettungsmittel in der Notfallrettung werden derzeit laut dem DRK-Kreisgeschäftsführer zirka 80 Mitarbeiter beim DRK beschäftigt. Der Rettungsdienstler bemängelt: „Man versucht zu sparen, wo es nur geht.“
Personell erfolgte seitdem jedoch keine Aufstockung, wie Thierer auf GSCHWÄTZ-Nachfrage erklärt und dabei ebenfalls auf den Bereichsausschuss verweist, der dafür zuständig sei: „Die Personalvorhaltung im Bereich der Notfallrettung (Anzahl und Qualifikation der Mitarbeiter) richtet sich ausschließlich nach der vom Bereichsausschuss beschlossenen Vorhaltung der Rettungsmittel im Hohenlohekreis.“ Weiter sagt Thierer: „Es erfolgt seit 2017 keine Ausweitung der Rettungsmittel im Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis, für eine Aufstockung des Personals bestand daher kein Anlass.“ Zur Besetzung der Rettungsmittel in der Notfallrettung werden derzeit laut dem DRK-Kreisgeschäftsführer zirka 80 Mitarbeiter beim DRK beschäftigt. Der Rettungsdienstler bemängelt: „Man versucht zu sparen, wo es nur geht.“
Zwar habe es keine Aufstockung gegeben, aber, so Thierer, „die Ausstattung sämtlicher bei uns eingesetzter Rettungsmittel der Notfallrettung entsprechen den Vorgaben der DIN EN für Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge und befindet sich auf dem aktuellen Stand der Technik. Eine regelmäßige Neubeschaffung erfolgt kontinuierlich im Rahmen der mit den Kostenträgern verhandelten Nutzungszeiträume.
Mangelhafte Notfallversorung
In seiner Sitzung am 04. November 2019 in Zweiflingen hat der Kreistag die Aufwertung der Rettungsdienstfahrzeuge mit „Telemedizin“ zugesichert. Dies bedeute eine gewisse Entlastung, sagt der Rettungsdienstler, weil etwa die EKG-Daten direkt in die Tablets eingelesen und an das betreffende Krankenhaus versendet werden können. Diese „digitale Dokumentation“ sei allerdings von Funklöchern abhängig, die es hierzulande zahlreiche gäbe. Selbst der Funkempfang sei teilweise so schlecht, dass der Rettungsdienst auf dem Feuerwehrkanal funke. „Das ist katastrophal“, sagt der Rettungsdienstler und zieht ein erschreckendes Fazit: Es herrsche eine mangelhafte Notfallversorgung im Hohenlohekreis.
Neue Rettungswache in Kirchensall
Nur wenige Tage nachdem GSCHWÄTZ eine Presseanfrage an das DRK bezüglich der vermeintlich mangelhaften Notfallversorgung gestellt hat, geht eine Pressemitteilung des DRK-Bereichsausschusses an alle lokalen Medien heraus. Der Bereichsausschuss verspricht darin: Der Rettungsdienst im Hohenlohekreis soll gestärkt werden.
So habe der Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis einstimmig die Errichtung eines dezentralen zusätzlichen Standortes einer neuen Rettungswache in Kirchensall (Gemeinde Neuenstein) beschlossen. Diese werde mit einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) im 12-Stunden-Tagbetrieb an 365 Tagen und mit einem Rettungswagen (RTW) im 24-Stunden-Dienstbetrieb an 365 Tagen ausgestattet werden. Eine Ausweitung der Vorhaltezeiten in der Zukunft sei möglich. Wann die Rettungswache kommen soll, steht nicht in der Pressemitteilung.
„Bessere Versorgung von Neuenstein, Kupferzell und Waldenburg“
Durch die Einrichtung der zusätzlichen Wache werden laut der Pressemitteilung insbesondere die Bereiche Neuenstein, Kupferzell und Waldenburg sowie der Gewerbepark Hohenlohe besser versorgt werden, was zu einer großen Entlastung der anderen Rettungsmittel in Künzelsau und Öhringen führe. Damit würden auch die Rettungsmittel in Künzelsau und Öhringen entlastet. Nach erfolgreicher Etablierung der Rettungswache in Kirchensall werden in einem weiteren Schritt die Vorhaltezeiten der Rettungswache Öhringen angepasst. „Wir arbeiten weiter daran, die Notfallversorgung im Hohenlohekreis zu optimieren. Die ersten Maßnahmen sollen vor allem dazu führen, dass die Hilfsfristen im ganzen Hohenlohekreis besser eingehalten werden“, erklärt Jürgen Heckmann (AOK), Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis.
„Zusätzlicher Standort trägt zur Verbesserung der Hilfsfrist bei“
Der zusätzliche Standort ist eine erste Maßnahme aus einem Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes im Hohenlohekreis, das dem Bereichsausschuss am 21. November 2019 vorgestellt wurde. In diesem hat der Gutachter verschiedene Optionen und zusätzliche Standorte für NEF und RTW simuliert und ausgewertet. Ein zusätzlicher Standort in Kirchensall – so das Ergebnis – trägt zur Verbesserung der Hilfsfrist bei, da von ihm aus viele Einsatzschwerpunkte im Hohenlohekreis schnell erreicht werden können. Damit ist der Standort Kirchensall allen anderen geprüften Standorten überlegen.
Kein Mehrbedarf an Rettungsmitteln im Raum Künzelsau
„Nach der Umsetzung werden wir kontinuierlich die Auswirkungen betrachten, um dann eventuelle weitere Maßnahmen in Betracht zu ziehen“, erklärt Heckmann weiter. Das Gutachten habe deutlich dargelegt, dass es durch die Schließung des Klinikstandortes Künzelsau keinen Mehrbedarf an Rettungsmitteln im Raum Künzelsau gibt. „Dennoch werden wir nach Evaluierung des Standorts Kirchensall auch die Einrichtung eines weiteren zusätzlichen Standortes im Nordosten des Hohenlohekreises, etwa in Stachenhausen, prüfen, um die Flächenversorgung noch weiter zu verbessern.“
Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes im Hohenlohekreis
Der Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis hat Anfang dieses Jahres ein Gutachten zur Organisation des Rettungsdienstes in Auftrag gegeben.
Ziel des Gutachtens war es, das rettungsdienstliche Leistungsgeschehen für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis zu untersuchen. Dabei stand vor allem die Optimierung in Bezug auf die Verbesserung der Hilfsfrist im Vordergrund. In der vergangenen Sitzung des Bereichsausschusses am 21. November 2019 wurde das Gutachten dem Gremium vorgestellt.
Ziel des Gutachtens war es, das rettungsdienstliche Leistungsgeschehen für den Rettungsdienstbereich Hohenlohekreis zu untersuchen. Dabei stand vor allem die Optimierung in Bezug auf die Verbesserung der Hilfsfrist im Vordergrund. In der vergangenen Sitzung des Bereichsausschusses am 21. November 2019 wurde das Gutachten dem Gremium vorgestellt.
Bereichsausschuss
In jedem Rettungsdienstbereich wird ein Bereichsausschuss für den Rettungsdienst gebildet. Mitglieder sind Vertreter der Leistungsträger, Kostenträger, Landkreise, Feuerwehr sowie ein Leitender Notarzt des Rettungsdienstbereiches, ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung sowie Vertreter der Krankenhäuser.
Dem Bereichsausschuss obliegt die Beobachtung und Beratung der Angelegenheiten des Rettungsdienstes im Rettungsdienstbereich sowie deren Regelung mit Ausnahme der Luftrettung. Dazu gehört unter anderem die Festlegung von Vermittlungsentgelten für die Integrierte Leitstelle, die planerische Sicherstellung der notärztlichen Versorgung einschließlich der Gewinnung von Ärzten und die Bestimmung des Organisatorischen Leiters Rettungsdienst.
Dem Bereichsausschuss obliegt die Beobachtung und Beratung der Angelegenheiten des Rettungsdienstes im Rettungsdienstbereich sowie deren Regelung mit Ausnahme der Luftrettung. Dazu gehört unter anderem die Festlegung von Vermittlungsentgelten für die Integrierte Leitstelle, die planerische Sicherstellung der notärztlichen Versorgung einschließlich der Gewinnung von Ärzten und die Bestimmung des Organisatorischen Leiters Rettungsdienst.
Quelle: Pressemitteilung des Bereichsausschusses
Notfallversorgung in Künzelsau
Eine wichtige Anlaufstelle in Künzelsau ist das neue Gesundheitszentrum in den Räumen des ehemaligen Krankenhauses Künzelsau. Außerhalb der Praxiszeiten leisten dort der ärztliche Präsenzdienst (Notarzt im Sitzdienst) sowie die Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung ärztliche Hilfe.
Die Erreichbarkeit des ärztlichen Sitzdienstes, der sich im Zwischenbau des ersten Obergeschosses befindet, ist wie folgt: Montag, Dienstag und Donnerstag von 18 Uhr bis 8 Uhr am Folgetag sowie Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag und feiertags von 14 Uhr bis 8 Uhr am Folgetag.
Die Erreichbarkeit der Kassenärztlichen Bereitschaftspraxis, die sich im Erdgeschoss befindet, ist wie folgt: Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 8 Uhr bis 14 Uhr.
Quelle: Künzelsauer Nachrichten und Flyer der BBT-Gruppe
Die Erreichbarkeit der Kassenärztlichen Bereitschaftspraxis, die sich im Erdgeschoss befindet, ist wie folgt: Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 8 Uhr bis 14 Uhr.
Quelle: Künzelsauer Nachrichten und Flyer der BBT-Gruppe
https://www.gschwaetz.de/2019/11/16/wenn-dann-muss-es-was-gscheits-sei-und-koin-halbgorener-scheiss/