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„Keine Angst vor den Bürgern haben“

Am kommenden Sonntag, den 18. Oktober 2020, werden die Waldenburger Bürger zum zweiten Mal an die Wahlurnen gerufen. Beim ersten Wahlgang hatte keiner der drei Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. Herausforderer Daniel Vogelmann und der noch amtierende Bürgermeister Markus Knobel haben mittlerweile angekündigt, beim zweiten Urnengang nicht mehr antreten zu wollen.

Mit dem Danke-Schild am Fahrbahnrand

GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus hat dem verbleibenden Kandidaten, Bernd Herzog, auf den Zahn gefühlt und ihn gefragt, was ihn „zu einem geeigneten Bürgermeister macht“. Herzog daraufhin: „Das Allerwichtigste ist zunächst mal, zu den Bürgern gehen zu können. Keine Angst vor diesen zu haben“.  Bedankt hat sich Herzog bereits am Tag nach dem ersten Wahlgang: Frühmorgens stellte er sich an die Waldenburger Ortsausfahrt mit einem Danke-Schild. Und auch wenn es „ziemlich kalt“ war, so hat es der Bürgermeister-Kandidat als „schöne Erfahrung“ empfunden, wozu Brezeln und Kaffee, die ihm vorbeigebracht wurden, sicherlich auch beigetragen haben.

„Ich bin gegen Windräder hier oben“

Die Bergstadt verfügt über einen tollen Ausblick, der aber nach Herzogs Ansicht nicht ausreicht. Er will sich nach erfolgreicher Wahl vor allem um die Zukunftsfähigkeit der Stadt kümmern: Beispielsweise die Infrastruktur anpassen, junge Familien ansiedeln und für eine kontinuierliche Befahrung der Strecke zwischen Stadt und Bahnhof sorgen. Als bekennender Gegenwind-Anhänger ist Herzog allerdings gegen „Windräder hier oben“. Doch der Kandidat will noch weitere Themen ins Visier nehmen und der Stadt neuen Schwung geben: „Ich glaube auch, dass wir hier in der Hauptstraße unbedingt etwas tun müssen, was die Verkehrsberuhigung betrifft“, Auch die Wasserversorgung und der Kurpark stehen weit oben auf seiner Agenda. Er will Ressourcen nutzen, „die wir haben – ich denke da beispielsweise an unsere Türme, dass wir die öffnen für kulturelle Veranstaltungen“. Außerdem möchte er das Schloss mit integrieren sowie „eine angenehme Zusammenarbeit auch mit dem Fürsten hier pflegen“.

„Jene gewinnen, die noch nicht das Vertrauen haben“

Doch als allererste Amtshandlung möchte er nach erfolgreichem Wahlausgang „ein großes Dankeschön loslassen an alle, die mich unterstützt haben“ und er hofft, jene zu gewinnen, „die noch nicht das Vertrauen zu mir haben“. 

Text: Dr. Felix Kribus




„Die Isolationsabteilung im Künzelsauer Krankenhaus ist weiterhin auf Stand-by“

Beim Besuch von Minister Manne Lucha in Hohenlohe hat die Leiterin des Gesundheitsamtes im Landratsamt Hohenlohekreis, Dr. Antje Haack-Erdmann, über die aktuelle Situation im Kreis gesprochen. Anschließend nutzte GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus die Gunst der Stunde und sprach mit ihr über die Sorge vor einer zweiten Welle der Corona-Pandemie.

„Wir haben Angst vor einer zweiten Welle“

Dr. Haack-Erdmann erklärte, „wir haben Angst vor einer zweiten Welle, weil wir natürlich nicht wissen, was auf uns zukommt“. Man hätte jetzt zwar Erfahrungen und auch medizinische Erkenntnisse gesammelt, es sei aber nicht klar, „ob uns diese jetzt helfen bei einem neuen Ausbruch, wenn eine zweite Welle tatsächlich kommt“.

Appell an die Eigenverantwortung der Leute

Hinsichtlich der Reiserückkehrer ist die Leiterin des Gesundheitsamtes überzeugt, dass man auf diese „besonders Acht geben muss“. Man müsse sich sicher sein, „dass die Menschen, die da wiederkommen, sich der Gefahr bewusst sind, dass sie sich auch dann schützen und auch, wenn sie aus Risikogebieten kommen, testen lassen und sich danach verhalten“. Deshalb appellierte sie an die Eigenverantwortung der Leute.

Krankenzimmer sollen zu Büroräumen umgebaut werden

Dr. Haack-Erdmann erläuterte die Pläne für das stillgelegte Krankenhaus, in das eine sogenannte Taskforce einziehen soll. Die Krankenzimmer sollen zu Büroräumen umgebaut werden, in denen dann „zwischen zehn und 40 Personen abhängig von der epidemiologischen Lage gleichzeitig arbeiten können“. Gleichzeitig sei die so genannte Isolationsabteilung weiterhin auf Stand-by, „sodass diese, wenn es wieder erforderlich ist, wieder in Betrieb genommen werden kann“.

Video: Dr. Felix Kribus




„Zu kleine Einheiten sind für solch eine Herausforderung nicht geeignet“ – Interview mit Minister Manne Lucha

Während seiner Sommertour reist Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Die Grünen) durch die Lande. Am Mittwoch, den 05. August 2020, machte er auch Station in Künzelsau. In der Stadthalle informierte er sich, wie im Hohenlohekreis mit der Corona-Pandemie umgegangen wurde und wie sich Gesundheitsamt und Kreis auf eine mögliche zweite Welle vorbereiten.

Anschließend hatte GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus Gelegenheit, den Minister über die Reaktivierung von geschlossenen Krankenhäusern zumindest für die Zeit der Corona-Pandemie zu befragen und welche Pläne das Land in der Schublade hat, sollte eine zweite Welle kommen.

Gefragt, ob es nie Überlegungen gab, „im Rahmen der Corona-Pandemie eines oder mehrere der geschlossenen Krankenhäuser hier im Hohenlohekreis zumindest für diese Zeit zu reaktivieren“, meinte der Minister, das sei zu keinem Zeitpunkt entschieden gewesen, weil „gerade die große Chance eine größere Einheit mit größeren Intensivkapazitäten zu bespielen, wesentlich sinnvoller als kleine, dezentrale“ sei. Das sei auch die Erfahrung im ganzen Land, nämlich „dass zu kleine Einheiten für solch eine Herausforderung nicht geeignet wären“.

Hinsichtlich einer zweiten Welle empfahl Lucha, weiterhin achtsam zu sein: „Das Virus ist da, es ist unter uns und wir müssen alles dafür tun, dass es sich nicht unkontrolliert in der Gesamtbevölkerung verbreitet“. Im Fall der Fälle solle aber nicht mehr das ganze Land heruntergefahren werden, sondern „auf dieser Basis werden wir uns ausschließlich auf lokale und regionale Beschränkungen konzentrieren und alles dafür tun, dass keine größeren Schließungen großflächig nötig werden“.

Video: Dr. Felix Kribus




„Im Elterntraining kann ich ungünstige Verhaltensmuster aufdecken“

Klaus Weißenberger hat seit 2003 eine eigene Ergotherapiepraxis in Bad Mergentheim, wo er insbesondere auch mit Kindern und Familien arbeitet. Er beantwortete die Fragen von Nadja Fischer.

GSCHWÄTZ: Wie viele Ihrer Kinder, die Sie behandeln, haben ein Aufmerksamkeitsproblem?

Weißenberger: Ich arbeite überwiegend mit Familien, deren Kinder Aufmerksamkeitsprobleme haben, oft als Symptom einer Bindungs- und Beziehungsproblematik.

GSCHWÄTZ: Betrifft das eher Jungen oder Mädchen?

Weißenberger: Es sind überwiegend Familien mit Jungen angemeldet.

„In der schulischen Laufbahn kommen erste Konsequenzen in Form von schlechten Noten“

GSCHWÄTZ: Wie zeigen sich bei Kindern Aufmerksamkeitsprobleme?

Weißenberger: Rasches und flüchtiges Arbeiten. In der Kommunikation kurz angebunden oder Redefluss. Inadäquate Kommunikation, die Kinder wechseln die Themen. Unruhiges Verhalten, Bewegungsdrang. Widerständiges, oppositionelles Verhalten. Soziale Unsicherheit, Angst.

GSCHWÄTZ: Welche Konsequenzen hat dieses Verhalten in der schulischen Laufbahn?

Weißenberger: In der schulischen Laufbahn kommen die ersten Konsequenzen in Form von schlechten Noten. Oppositionelles Verhalten hat auch Entzug von Wärme und Nähe des/der Lehrer/in gegenüber dem Schüler/in zur Folge. Die fehlende Automatisierung von zum Beispiel Einmaleins und Leseverständnis hat zur Folge, dass darauf aufbauende Anforderungen wie Textaufgaben nicht gelöst werden können.

GSCHWÄTZ: Inwieweit fördert das soziale Umfeld, im speziellen das familiäre Alltagsleben, unruhige Kinderseelen?

Weißenberger: Innerhalb der Familie geschieht die bestmögliche Förderung für Beziehung und Bindung des Kindes. Gibt es dahingehend Probleme beim Kind, so können Eltern diese unbewusst verstärken.

„Im Elterntraining kann ich ungünstige Verhaltensmuster aufdecken“

GSCHWÄTZ: Sie arbeiten sehr stark verhaltenstherapeutisch. Das heißt, das Verhalten aller Familienbeteiligten wird mittels Videoanalyse von Ihnen evaluiert und dementsprechend verbessert.

Weißenberger: Ja, ich arbeite zu 50 Prozent mit den Eltern im Beisein des/der Kindes/Kinder. Im Elterntraining kann ich ungünstige Verhaltensmuster aufdecken und mit den Eltern passende Reaktionen einüben. Es wird der Transfer in den Alltag besprochen.

GSCHWÄTZ: Was sind typische familiäre Muster, die aus unruhigen Kindern noch unruhigere Kinder machen? Sie nennen unter anderem kein strukturierter Alltag, keine klaren Regeln, direkter Blickkontakt fehlt bei der Kommunikation.

Weißenberger: Ihre Vorschläge sind gut und bewusst. Ich mache den Eltern unbewusste Signalgebung bewusst. Bis zu 99 Prozent unserer Signalgebung ist hochautomatisiert und somit unbewusst (Gestik, Mimik, Bewegung, Stimme und vieles mehr). Sind diese Signale als elterliche Reaktion zeitnah (Sekundenfenster) zum Verhalten des Kindes, so sind sie stark steuernd. Sind diese zeitnahen Signale unpassend, so wird das ungünstige Verhalten des Kindes verstärkt.

„Es gibt Ratgeber mit konträrem Inhalt, hier wird die Unsicherheit der Eltern gefördert.“

GSCHWÄTZ: Wie kann man als Eltern seinen Teil leisten, dass Kinder im Alltag ruhiger werden?

Weißenberger: Für die Aufdeckung von verstärkenden Signalen benötige ich die Anwesenheit der Familie. Eltern können eben Besprochenes in der Lernsituation erfolgreich anwenden und sich umstellen. Es gibt zahlreiche Literatur mit richtigen Ratschlägen, die Umsetzung ohne Moderation bleibt für die Eltern schwierig. Zudem gibt es Ratgeber mit konträrem Inhalt, hier wird die Unsicherheit der Eltern gefördert. In meinem Vortrag zum Thema Konzentration mache ich zur besprochenen Theorie Rollenspiele mit meinem Kollegen. Hier kann das Publikum die Zusammenhänge zwischen unbewussten Signalen und deren Auswirkung besser verstehen.

GSCHWÄTZ: Sie arbeiten auch mit einem Punktesystem (positive / negative Konsequenzen) sowie mit einem fünf- beziehungsweise zehnstufigen Modell. Können Sie dies näher erklären?

Weißenberger: Ja. Eltern und Kinder können sich in der Therapie nicht sofort zu 100 Prozent auf neue Lerninhalte (Verhaltensweisen) umstellen. Hier benötigen sie Hilfsmittel in Form von Wochenplänen und Zielleisten. Es werden einige wenige Schwerpunkte gesetzt und eine Überforderung somit vermieden.

„Bei richtiger Dosierung verringert sich zum Beispiel die Unruhe.“

GSCHWÄTZ: Inwieweit kann Ritalin oder können andere Medikamente Kindern mit ADHS helfen?

Weißenberger: Methylphenidat ist einer der besterforschtesten Wirkstoffe. Er wird schon über Jahrzehnte teilweise mit Erfolg bei ADHS eingesetzt. Für eine sichere Diagnostik beinhaltet die Anamnese des Arztes Kinder/Jugendpsychiatrie auch eine Beobachtung von Lehrer/in. Bei richtiger Dosierung verringert sich zum Beispiel die Unruhe, die Aufmerksamkeit des Kindes kann sich stabilisieren. Optimal ist eine medikamentöse Einstellung bei gleichzeitigem Elterntraining. Hier kann es auch zu einer Verbesserung der Frustrationstoleranz, Konfliktbewältigung und der emotionalen Reife insgesamt kommen.

GSCHWÄTZ: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Fragen wurden Herrn Weißenberger schriftlich eingereicht.

Mitarbeit: Nadja Fischer

Auch physische Beweglichkeit gehört zur Ergotherapie. Foto: GSCHWÄTZ




Kretschmann: „Beeindruckend, wie der Hohenlohekreis mit der Coronakrise umgegangen ist“

Am Freitag, den 19. Juni 2020, kam Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72) auf Einladung von Landrat Dr. Matthias Neth in den Hohenlohekreis. Nach einem Besuch in Kupferzell, wo es unter anderem um die Studie des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Verbreitung ging, und anschließendem Abstecher ins Waldenburger Albert-Schweitzer-Kinderdorf, endete die Stippvisite bei Kontrollsystemhersteller Bürkert in Ingelfingen-Criesbach. Hier sprach GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus mit dem Landesvater über dessen Eindrücke und die Frage, ob Kretschmann bei der nächsten Landtagswahl 2021 nochmal antreten wird.

„Wie sie angepackt haben, um auch zur Lösung der Krise beizutragen“

Kretschmann zeigte sich sehr beeindruckt: „Der Kreis war ja sehr betroffen von der Corona-Epidemie und hat sich da sehr bewährt in dieser Krise.“ Besonders, dass „die Menschen, Institutionen und Unternehmen, die leiden, jetzt nicht nur gefragt haben, wie komme ich durch die Krise irgendwie durch, sondern wie sie angepackt haben, um auch zur Lösung der Krise beizutragen“. Das trage auch zu einer Vorbildfunktion des Hohenlohekreises für andere Landkreise bei. Insofern gehe er mit sehr guten Eindrücken aus dem Hohenlohekreis.

Ganz klar kam abschließend die Antwort auf die Frage, ob Kretschmann 2021 zur nächsten Landtagswahl antritt: „Ich trete nochmal an“, sprach’s und stieg in sein Auto um nach Stuttgart zurückzukehren.

Video: Dr. Felix Kribus




Heilbronner Professor: „Die hohe Nachfrage nach Klopapier wird nachlassen“

Professor Markus Fittinghoff erläutert im Interview mit der Hochschule Heilbronn (HHN), wie sich COVID-19 auswirkt auf die Informations- und Materialflüsse in den Unternehmen. Er ist Spezialist für Intralogistik und lehrt im Studiengang Technisches Logistikmanagement.

HHN: Professor Fittinghoff, denkt man an Intralogistik könnte einem der Gabelstapler einfallen, der im Laden Ware von A nach B transportiert. Was steckt wirklich dahinter?

Fittinghoff: Die Intralogistik umfasst alle Informations- und Materialflüsse in den Unternehmen. Kurz gesagt: alle Prozesse von der Anlieferung der Materialien, über die Weiterverarbeitung in der Produktion bis zum Versand der Fertigprodukte.

„Handelsunternehmen erreichen nie dagewesene Spitzenumsätze.“

HHN: Leidet diese Prozesskette derzeit unter der Corona-Krise?

Fittinghoff: Die Auswirkungen sind je nach Branche unterschiedlich. Im Bereich des Handels kommen die Lieferketten mit dem Nachschub kaum nach und die Lager sind in vielen Sortimentsbereichen quasi leer. Bekannte Beispiele sind Hygieneartikel und Konserven. Da sehr viele nun auch aus dem Home-Office arbeiten, ist auch eine extrem hohe Nachfrage in der Elektronik-Branche zu registrieren. Handelsunternehmen erreichen nie dagewesene Spitzenumsätze. Dagegen sind andere Branchen, allen voran die Automobilindustrie, dem Nullpunkt nahe. Sowohl die Produktion von Komponenten als auch die Endmontage stehen still. Entsprechendes gilt für die Logistik, denn auch Zulieferer arbeiten bedarfsorientiert. Man könnte sagen, die gesamten Lieferketten sind wie „eingefroren“.

„Die Nachfragen werden später unter Normalwert absinken.“

HHN: Stichwort Klopapier. Könnte die hohe Nachfrage dazu führen, dass neue Lagerflächen benötigt werden, es diese aber nicht gibt und wir so nur noch vor leeren Regalen stehen?

Fittinghoff: Das kürzlich geschehene Einlagern großer Mengen Toilettenpapier in den privaten Haushalten ist – logistisch gesehen – ein Einmaleffekt. Das Virus befällt in der Regel ja nicht ausschlaggebend den Magen-Darm-Trakt und somit wird der Prokopf-Verbrauch nicht ansteigen. Die hohen Nachfragen werden nachlassen und später sogar unter Normalwert absinken, da Haushalte erst einmal ihre angesammelten Bestände verbrauchen, bevor sie nachkaufen.

„Eine Verlagerung der Produktionsstätten nach Europa ergibt Sinn.“

HHN: Wären Ihrer Meinung nach große Supermarkt-Lagerhallen eine vorbeugende Maßnahme, um nicht wieder in so ein „Waren-Loch“ zu fallen?

Fittinghoff: Nicht wirklich. Die Haltbarkeiten von Lebensmitteln sind bekanntermaßen begrenzt. Für Frischeprodukte müsste man energetisch sehr aufwändige Kühllager bauen. Auch Konserven müssen im Fluss bleiben und Klopapier ist aus logistischer Sicht ein eher ungünstiger Artikel, da es recht viel Volumen im Lager einnimmt. Bei Produkten wie Atemschutzmasken, Einmalhandschuhen und Schutzkleidungen für den Kliniken- und Pflegebereich sieht es anders aus. Die sind länger haltbar und einfacher zu lagern. Hier rechne ich fest damit, dass künftig größere Sicherheitsbestände aufgebaut werden. Auch eine Verlagerung der Produktionsstätten zurück nach Europa ergibt aufgrund der aktuellen Erfahrungen Sinn.

„Die Digitalisierung wird einen höheren Automatisierungsgrad ermöglichen.“

HHN: Mal das Positive herausziehen: Glauben Sie, dass es dank Corona möglicherweise zu ganz neuen Lieferwegen kommen könnte?

Fittinghoff: Aus meiner Sicht werden Themen aus der Industrie 4.0 in Verbindung mit Maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz die Intralogistik und die Produktion erheblich verändern. Die Digitalisierung wird einen sehr viel höheren Automatisierungsgrad in Produktion und Intralogistik ermöglichen. Dadurch werden Verlagerungen von ganzen Produktionsstätten aus dem asiatischen Bereich zurück nach Europa wirtschaftlich. Sehr wichtig ist für die deutschen und europäischen Unternehmen dabei der Faktor Mensch.

„Jungen Menschen empfehle ich ein Studium im Bereich Logistik, Informatik und Automatisierung.“

HHN: Faktor Mensch – Studierende im Studiengang Technisches Logistikmanagement sind doch dann quasi die Retter in der Not von Morgen?

Fittinghoff: Die Unternehmen benötigen zukünftig Mitarbeiter, die den Wandel kompetent gestalten können. Jungen Menschen empfehle ich daher ein Studium im Bereich der Logistik, der Informatik und der Automatisierung. Dies alles verknüpft der Bachelor-Studiengang Technisches Logistikmanagement an der Hochschule Heilbronn. Die Studierenden lernen bei uns den Wandel zu meistern und Unternehmen größere Flexibilität zu geben.

„Es gibt spannende Projekte in unterschiedlichen Unternehmen.“

HHN: Die Hochschule Heilbronn ist bekannt dafür, sehr praxisnah auszubilden. Wie äußert sich das in Ihrem Studiengang?

Fittinghoff: Beispielsweise anhand unserer Labore. Die haben wir in den Bereichen Verpackung und Identifizierung, Werkstoffkunde, Automatisierung von Elektrotechnik über Antriebstechnik und Regelungstechnik sowie in der Fabrikplanung und Simulation. Zudem gibt es spannende Projekte direkt in unterschiedlichen Unternehmen, mit denen wir enge Kooperationen für unsere Studierenden aufgebaut haben.

„Man müsste belastbare Zahlen bekommen.“

HHN: Wird das Virus auch Ihren Lehrplan beeinflussen?

Fittinghoff: Insbesondere in der Simulation habe ich schon darüber nachgedacht, ob wir ein Corona-Modell zur Belastung der Kliniken mit Patienten in Deutschland aufsetzen könnten. Man müsste aufgrund des aktuellen Hypes allerdings belastbare Zahlen, insbesondere Aufenthaltsdauern der Patienten, dazu bekommen. Das ist im Moment etwas riskant, ich denke aber weiter darüber nach.

Quelle: Das Interview wurde von der Pressestelle der Hochschule Heilbronn zur Verfügung gestellt.




Künzelsauer HNO-Arzt Dr. Krist kritisiert Landrat: „Er möchte Künzelsau auf das Niveau von Bieringen runterfahren“

Der Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Matthias Krist hatte GSCHWÄTZ vor nicht allzu langer Zeit einen Leserbrief zukommen lassen, den wir in unserer Printausgabe abgedruckt haben – und bei dem wir noch einige Nachfragen hatten. Thema: Gesundheitsversorgung in Künzelsau. Daher haben wir den HNO-Arzt zu einem Interview zu uns in die Redaktion gebeten. Krist hat zugesagt und sprach mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann unter anderem über die schlechte Bezahlung von Fachärzten und warum er zwischen seiner Praxis in Künzelsau und dem Öhringer Krankenhaus pendelt.

GSCHWÄTZ: Dr. Krist, in Ihrem ersten Punkt in Ihrem Leserbrief weisen Sie darauf hin, dass Künzelsau kein ambulantes Problem habe. Aber wir haben doch de facto Engpässe im Rettungsdienst und eine neue Notarztpraxis, bei der der Notarzt fast nicht handlungsfähig ist (wir berichteten).

Krist: Zu einer ambulanten Versorgung gehört per Definition nicht der Rettungsdienst und nicht die Notarzt-Versorgung. Die ambulante Versorgung beinhaltet die Arztpraxen, die auch einen Notdienst haben. Wir haben aber nichts mit dem Krankenhaus zu tun. Wir sind völlig autark. Der Rettungsdienst ist ebenfalls völlig autark. Er ist sozusagen der verlängerte Arm des Krankenhauses. Wir haben seit 1945 eine gute ärztliche Versorgung hier in Künzelsau. Es gibt eigentlich keine echten Defizite. Es ist eigentlich alles vorhanden.

„Wir haben ein sehr unsoziales Kassensystem“

GSCHWÄTZ: Ob das die Patienten, die einen Kinderarzt brauchen, so unterschreiben würden? Immerhin gab es früher in Künzelsau und Ingelfingen einen Kinderarzt, nun gibt es nur noch Dr. Marcel Monn, der zwar hervorragend arbeitet, dessen Praxis aber auch sehr voll ist.

Krist: Ich muss auch in Kauf nehmen, nach Öhringen zu fahren, wenn ich zum Kinderarzt will. Ich verstehe sehr wohl, dass jemand den Kinderarzt vor Ort haben will, aber die Politik will diese gute Versorgung nicht – weder bei den Ärzten, noch beim Krankenhaus. Weil sie das Geld, das sie von den Leuten dafür einnehmen, anderweitig verwerten.

„Ich kalkuliere mit einem Nettoverdienst bei einem Kassenpatienten über drei Monate (pro Quartal) von drei Euro als Facharzt.“

GSCHWÄTZ: Inwiefern?

Krist: Wir haben ein sehr unsoziales Kassensystem. Nehmen Sie nur mal die Schweiz. Der Staat zahlt dort aus Steuermitteln aus dem gesamten Steueraufkommen die Gesundheitsversorgung und in Deutschland zahlen nur die, die arbeiten. Das ist in höchstem Maße unsozial. Man hätte mehr Geld, wenn der Staat und nicht die Bürger für all diejenigen aufkommen müsste, die nicht einzahlen. Wir haben sehr viele Leute, die nicht mehr arbeiten oder arbeiten können. Zusätzlich gibt es ein Verteilungsproblem in der Gesundheitsversorgung. Die größten Kürzungen hat der ambulante Bereich 1996 hinnehmen müssen. Wir arbeiten heute für den gleichen Umsatz wie 1978. Ich kalkuliere mit einem Nettoverdienst bei einem Kassenpatienten über drei Monate (pro Quartal) von drei Euro als Facharzt. Der reine Umsatz pro Patient liegt bei 33 bis 35 Euro. Rund 30 Euro Unkosten können Sie davon abziehen. Dann bleiben pro Patient rund drei bis fünf Euro Gewinn. Beim Hausarzt schaut es besser aus. Er fängt mit 60 Euro Umsatz an bis zu 100 Euro. 1996 hat der Hausärzteverband erwirkt, dass die Hausärzte mehr Geld bekamen. Die Fachärzte wurden dementsprechend runtergekürzt. Hinzu kommen Hausarzt-Modelle, die lukrativ und auch sinnvoll sind, aber der Mangel an Fachärzten wird kommen.

Krist wird im Jahr 2020 60 Jahre alt. Seine HNO-Praxis in Künzelsau hat er von Dr. Grell 1996 übernommen. Die Praxis wurde laut Krist seitdem ausgebaut, unter anderem kam eine große operative Abteilung dazu. Neben seiner Praxistätigkeit arbeitet Krist für das Hohenloher Krankenhaus und führt in Öhringen Operationen durch. Er sagt, er arbeitet rund 60 Stunden wöchentlich im Durchschnitt – mal mehr, mal weniger.

GSCHWÄTZ: Warum sinkt die Attraktivität für Medizinstudenten, Facharzt zu werden?

Krist: Ich habe rückblickend in den ganzen 25 Jahren keinen einzigen Tag gehabt, wo ich heimgekommen wäre und gesagt habe: Da hat sich was verbessert. Es ist alles kontinuierlich schlechter geworden. Es funktioniert trotz der politischen Vorgaben, nicht wegen. Wir Ärzte sind Lebenskünstler. In fünf oder sechs Jahren hat man die Lebenskünstler nicht mehr. Dann hat man eine andere Generation. Die macht das nicht mehr mit.

„Der Fachkräftemangel wird kommen“

GSCHWÄTZ: In Ihrem Leserbrief sind Sie absolut gegen ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) für Künzelsau. Warum?

Krist: Weil wir in dem Ärztehaus bereits sehr viele Arztpraxen haben. Ein MVZ macht dann Sinn, wenn ich noch nichts habe und Ärzten eine Möglichkeit geben will, Fuß zu fassen. Für etablierte Praxen so wie die im Ärztehaus wird durch ein MVZ alles signifikant uninteressanter, mit den daraus resultierenden Folgen für die Patientenversorgung der Zukunft.

GSCHWÄTZ: Ist das bestehende Ärztehaus nicht quasi schon ein MVZ nur unter anderem Namen?

Krist: Im Ärztehaus arbeiten alle autark und für sich. Sie zahlen lediglich Miete für die Räume. Bei einem MVZ haben Sie einen Träger (Anm. d. Red.: In Künzelsau ist es die BBT-Gruppe gemeinsam mit dem Hohenlohekreis), dem das MVZ gehört. Die Ärzte mit ihren bestehenden Arztpraxen müssten sich bereiterklären, ihre Praxen an den Träger zu verkaufen, um dann im Angestelltendasein zu arbeiten. Ich könnte meine Praxis verkaufen ans MVZ und könnte dann für diesen Träger arbeiten. Das wäre etwa kurz vor der Rente interessant. Ansonsten ist das aber absolut unattraktiv für die bestehenden Praxen. Zudem erhält ein MVZ Zuschläge pro Arzt. Dadurch kann das MVZ aggressiver auf dem Markt auftreten. Das wäre dann eine neue Konkurrenz besonders für die Hausärzte.

GSCHWÄTZ: Das MVZ in Forchtenberg wird gern als Positiv-Beispiel von diversen Kreisräten genannt.

Krist: Das MVZ in Forchtenberg ist ein privates MVZ mit einem sehr guten Geschäftsführer, der gleichzeitig auch Doktor mit einer Praxis ist. Diese Kombination gibt es selten.

„Es gibt bereits den hausärztlichen Notdienst. Dieser reicht völlig aus.“

GSCHWÄTZ: Eigentlich haben wir doch schon alle wichtigen Ärzte in dem Ärztehaus in Künzelsau vereint, oder?

Krist: Wir bräuchten noch Neurologen, einen weiteren Kinderarzt sowie zwei HNO-Ärzte.

GSCHWÄTZ: Wir bräuchten auch einen handlungsfähigen Notarzt im Sitzdienst im Krankenhaus in Künzelsau. Momentan darf der Notarzt keine Patienten versorgen, sondern nur beratend tätig sein.

Krist: Es gibt bereits den hausärztlichen Notdienst. Dieser reicht völlig aus. Man kann ihn nachts und am Wochenende immer anrufen. Diesen Notdienst gibt es nicht nur für Hausärzte, sondern auch für Fachärzte.

„Bevor die Schließung im Gespräch war, gab es mal Pläne für ein Hohenloher Krankenhaus auf der grünen Wiese – also weder in Künzelsau noch in Öhringen“

GSCHWÄTZ: Aber ist bei den Patienten hier nicht die Hemmschwelle größer, einen Hausarzt nachts aus dem Bett zu klingeln, als einfach ins Krankenhaus zu fahren, um dort versorgt zu werden?

Krist: Das Problem ist, dass mittlerweile in den Notfallambulanzen dermaßen viele sitzen, die sich einfach die Wartezeiten in den Praxen sparen wollen. Das Problem beim Hohenloher Krankenhaus ist, dass der strategisch denkbar ungünstigste Teil – nämlich Künzelsau – geschlossen wurde, weil Öhringen zu nah an Heilbronn grenzt. Bevor die Schließung im Gespräch war, gab es mal Pläne für ein Hohenloher Krankenhaus auf der grünen Wiese – also weder in Künzelsau noch in Öhringen. Dieser Neubau hätte in Neuenstein stehen können oder irgendwo an der A6 zwischen Künzelsau und Öhringen. Aber diese Pläne hatte man dann wieder verworfen.

„Er hat eine Altersresidenz aufgebaut, die eine der besten Deutschlands ist“

GSCHWÄTZ: Wie sehen Sie das neue Ärztehaus von Christian von Stetten in Schloss Stetten, das im Frühjahr fertig werden soll?

Krist: Herr von Stetten unterscheidet sich von Landrat Dr. Matthias Neth dadurch, dass alles, was er macht, klug ist. Er hat eine Altersresidenz aufgebaut, die eine der besten Deutschlands ist und daran eine Altersversorgung anzuschließen, ist nur logisch und konsequent. Wäre er in der Lage, darüber hinaus ein Facharztzentrum mit Kurzliegebetten zu etablieren, die von den Ärzten selbstständig bewirtschaftet werden können, dann wäre das Defizit, das durch die Schließung des Krankenhauses entstanden ist, weitestgehend kompensiert.

„Öhringen liegt an der falschen Stelle, da es direkt vor Heilbronn liegt.“

GSCHWÄTZ: Aber die Politik möchte diese Lösung bislang nicht, da die Ärzte, die in diesem neuen Haus arbeiten würden, dann auch eine kassenärztliche Erlaubnis haben müssten. Die deutsche Krankenhausgesellschaft (starke Lobby) müsste Betten abtreten an von Stetten. Und das will eine der stärksten Lobbys in Deutschland sicher nicht.

„Im Übrigen: Ich bin zufrieden in Künzelsau“

GSCHWÄTZ: Sie pendeln ja derzeit zwischen Ihrer Praxis und dem Öhringer Krankenhaus als weiterem Arbeitsplatz drei- bis viermal wöchentlich. Können Sie sich vorstellen, langfristig ganz nach Öhringen mit Ihrer Praxis zu gehen?

Krist: Nein, hier zumachen steht nicht zur Debatte. Wir haben eine sehr große und leistungsstarke Praxis. Ein Umzug nach Öhringen ist nicht sinnvoll. Das wäre auch mit enormen Investitionen verbunden. Im Übrigen: Ich bin zufrieden in Künzelsau.

GSCHWÄTZ: Wie schätzen Sie den Neubau in Öhringen ein? Es gibt ja kritische Stimmen, die sagen, dass er gar nicht kommen wird.

Krist: Ganz schwer zu sagen. Meine persönliche Einschätzung: Wir werden da noch so manche Überraschung erleben und mir ist nicht klar, ob da tatsächlich ein Krankenhaus gebaut wird. Öhringen liegt an der falschen Stelle, da es direkt vor Heilbronn liegt. Künzelsau wäre geografisch richtiger. Aber der Landrat möchte Künzelsau auf das Niveau von Bieringen herunterfahren.




Was würden Sie heute anders machen? Interview mit Reinhold Würth

Backstage – so heißt die Veranstaltungsreihe, die Studenten von der Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau in loser Reihenfolge veranstalten. Am Mittwoch, den 20. November 2019, war der Namensgeber der Hochschule selbst, Prof. Dr. Reinhold Würth geladen. Vor 400 Zuschauern plauderte er aus dem unternehmerischen Nähkästchen.

Anschließend hatte GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus die Gelegenheit, Reinhold Würth in einem kurzen Interview zum Unternehmertum und seinem Lieblingsthema Bildende Kunst zu befragen. Das Interview fand an der Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau statt.

Unternehmer sein habe viele Vorteile

Gefragt, ob er alles wieder so machen würde, meinte Reinhold Würth, dass er „natürlich die Annehmlichkeiten der heutigen Technik in Anspruch nehmen würde, aber vom Prinzip her würde ich nicht viel ändern“. Auf jeden Fall würde er „wieder Unternehmer sein und sich in die Arbeit einbringen mit Enthusiasmus und Begeisterung“. Denn als Unternehmer könne man „vieles selbst entscheiden, man ist unabhängig, kann gestalten, kann Dinge in Bewegung setzen“. Deshalb findet der Unternehmer, dass die Selbständigkeit erstrebenswert sei. 

Nicht nur die Kunst, auch die Musik begeistert ihn

Die andere Seite des Berufslebens war für Reinhold Würth die Bildende Kunst, die auch sein Leben geprägt habe: „Wenn ich mir mal einen Tag genommen habe, um einen Bildhauer oder Maler zu besuchen in seinem Atelier, dann war das immer etwas ganz Anderes wie die tägliche Arbeit im Beruf“. Es mache ihm eben Freude, diese Kunstwerke zu betrachten und sie auch der Öffentlichkeit vorzustellen. „Ich möchte die Kunst nicht missen“, sagte der Unternehmer. Aber auch die Musik hat es ihm angetan. Er bezeichnet sich selbst als großen Verehrer der klassischen und romantischen Musik. „Viel, viel wichtiger für die Seele und den Geist ist die Musik“, findet er. 

 




„Alles kleine Herrgöttle“ – Niedernhalls langjähriger Gemeinderat Klaus Richter plaudert aus dem lokalpolitischen Nähkästchen

Am 26. Mai 2019 ging eine Ära zu Ende. Nach 25 Jahren schaffte es Klaus Richter nicht mehr in den Niedernhaller Gemeinderat. Offen sprach er am 06. August 2019 mit uns über diese Zeit.

GSCHWÄTZ: Herr Richter, Sie waren 25 Jahre im Gemeinderat in Niedernhall tätig. Hat sich in dieser Zeit Ihrer Meinung nach etwas verändert?

Richter: Ich war ziemlich überrascht, wie sich das alles gewandelt hat – auch auf den lokalen politischen Ebenen. Streitige Auseinandersetzungen gibt es nicht mehr. Das oberste Gebot ist Harmonie. Wer sich querstellt, wird richtig gemobbt.

„Keiner traut sich, was zu sagen“

GSCHWÄTZ: Können Sie konkreter werden?

Richter: Als ich etwa moniert habe, dass der Haushalt nicht ausreichend öffentlich behandelt wurde, haben Gemeinderäte aus mehreren Nachbargemeinden zu mir gesagt: Das läuft bei uns genauso in Bezug auf die Haushaltssachen, sprich, dass gewisse Dinge allgemein nicht öffentlich besprochen werden, die aber eigentlich in eine öffentliche Sitzung gehören. Bei dem jetzigen Niedernhaller Bürgermeister Achim Beck wurde die Haushaltsdebatte nur 20 Minuten in der öffentlichen Sitzung diskutiert, bei seinem Vorgänger Emil Kalmbach wurde der Haushalt noch einmal ein bis zwei Stunden auseinandergenommen. Aber es traut sich keiner, etwas zu sagen, weil das Gremium Gemeinderat erstickt wird in Harmonie und ein geschlossenes Miteinander. Die Leute vermeiden streitige Auseinandersetzungen. Vor 25 Jahren sind im Gemeinderat die Fetzen geflogen.

Da waren richtige Haudegen drin – Unternehmer, Handwerker. Da hat man das trennen können. Heute haben Bürgermeister und Gemeinderäte das Problem, dass sie Person und Sache nicht mehr trennen. Es wird alles persönlich genommen. Nach Beendigung der Sitzung sind damals alle in die Nachsitzung gegangen – unabhängig davon, wie heiß man diskutiert hatte im Gremium. Als diese zwei Verfahren bekannt wurden, die ich gegen den Bürgermeister angestoßen habe, haben die Gemeinderäte sich meiner Ansicht nach gegen mich verschworen. Auf einmal hat mich fast keiner mehr gegrüßt. Selbst meine Listenkollegen haben mich nicht nur im Gemeinderat, sondern auch in der Öffentlichkeit komplett ignoriert. Bürgermeister Beck hat schon 2015 zu den Gemeinderäten sinngemäß angedeutet: Solange Klaus Richter mit zur Nachsitzung kommt, werde ich nicht an der Nachsitzung teilnehmen. Daraufhin durfte ich nicht mehr daran teilnehmen. Das gab es bei Emil Kalmbach nicht. Mit Achim Beck hat das angefangen. Er grüßt mich heute auch nicht, nur wenn er direkt vor mir steht. Ansonsten geht er mir aus dem Weg.

„Wer aus der Reihe tanzt, wird abgestraft“

GSCHWÄTZ: Haben Sie versucht, mit den Beteiligten darüber zu sprechen?

Richter: Anfänglich gab es noch Gemeinderäte, die versucht haben, das zu kanalisieren, aufzuklären, nachzubohren, was ich angestoßen habe. Dann sind sie auf Granit gestoßen und haben das gelassen. Eine öffentliche Erniedrigung meiner Person, wie es Bürgermeister Beck in der Weihnachtssitzung 2015 gemacht hat, war früher undenkbar. Herr Beck hat damals unter anderem gesagt: „Ein Gemeinderat ist mit meiner Arbeit nicht zufrieden und hat deshalb drei Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht. Deshalb kann ich dem Gemeinderat nichts zu Weihnachten schenken, denn schenken kommt von Herzen. Auch das Weihnachtsessen fällt aus. Schade, dass so viele Personen wegen einer Person leiden müssen.“ Ergo: Wer aus der Reihe tanzt, wird abgestraft, egal, wie legal die Methoden sind. Das ist das heutige Prinzip der Demokratie. Vor 25 Jahren hatte man vor diesen Methoden noch Angst, denn die dunkelste Zeit Deutschlands war da noch präsenter. Vor 20 bis 25 Jahren galt noch der Grundsatz im Gemeinderat: Nach der Gemeinderatssitzung bleiben die Themen und Streitigkeiten im Rathaus und gehen nicht mit nach Hause.

GSCHWÄTZ: Fehlt den heutigen Gemeinderäten Mut?

Richter: Ja. Wir haben drei Kategorien von Gemeinderäten: Die erste Gruppe unterstützt alles lautstark, was Bürgermeister Beck macht. Der zweiten Gruppe ist es egal. Die dritte Gruppe weiß, dass es so nicht richtig ist, aber sagt nichts.

„Da fielen auch viele böse Worte“

GSCHWÄTZ: War früher wirklich alles besser oder neigt man nicht automatisch zu einer gewissen Verklärung der Vergangenheit?

Richter: Ich war auch damals schon immer einer gewesen, der gesagt hat, was ihm nicht passt. Ich habe für eine Redeordnung gekämpft, damit nicht nur die alten Hasen zu Worten kommen, sondern auch die jungen. Da fielen auch viele böse Worte. Herr Kalmbach hat das aber trotzdem umgesetzt. Und obwohl die mich alle dafür hätten auf den Mond schießen können, war trotzdem klar, dass ich in den Gutachterausschuss komme aufgrund meiner Fachkompetenz als Sachverständiger. Und wenn irgendwelche baulichen Dinge zu besprechen waren, war klar, dass ich dabei bin. Heute unter Beck, als der Gutachterausschuss vor drei Jahren neu bestellt wurde, war ich zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre drin und zehn Jahre der Vorsitzende, haben meine Parteifreunde gesagt, wir wählen dich nicht. Dann habe ich mich nicht mehr aufstellen lassen.

GSCHWÄTZ: Haben Sie sie darauf angesprochen?

Richter: Ja, sie haben gemeint, dass man sich nicht so verhalte, wie ich mich verhalte und deswegen wählen sie mich nicht mehr rein. Ein ähnliches Spiel gab es dann nochmal bei dem Architektenwettbewerb zur Umnutzung der Kelter. Eine Wertungskommission wurde ins Leben gerufen, um die Vorschläge zu bewerten. Hier entsandte die Bürgerliche Wählervereinigung auch nicht mich, sondern lieber den Landwirt Lutz, der das mindestens genauso gut könne wie ich, wurde mir gesagt.

„Die Demokratie ist die streitbarste Staatsform“

GSCHWÄTZ: Demokratie heute?

Richter: Nein, wir haben keine Demokratie mehr. Wenn du mit viel Fachkompetenz in einen Gemeinderat gekommen bist, ist das damals noch wertgeschätzt worden. Wenn heute einer zu viel Ahnung hat, wird er klein gehalten, damit nicht auffällt, dass einer mehr Ahnung hat als der andere. Aber dieses Wissen wurde früher zum Wohle des Bürgers genutzt.

GSCHWÄTZ: Stichwort Harmonie.

Richter: Ich war bei der konstituierenden Sitzung des neu gewählten Kreistags in Öhringen. Von Landrat Neth und Öhringens Oberbürgermeister Michler wurde sehr ausdrücklich postuliert, wie wichtig Harmonie und Geschlossenheit sind – vermutlich im Hinblick auf die AfD. Aber dieses Prinzip gibt es nur in zwei Staatsformen: in der Monarchie und in der Diktatur. Die Demokratie ist die streitbarste Staatsform, aber nur diese bringt uns weiter. Es war interessant zu sehen, wie manche Kreisräte den CDUlern die Hand gegeben haben und an den drei AfDlern einfach vorbeiliefen – das ist auch eine Art von Mobbing.

„Es gibt keine ehrliche streitbare Kultur mehr“

GSCHWÄTZ: Leben die Politiker in ihrer eigenen Politikerblase?

Richter: Auseinandersetzungen und danach wird ein Beschluss gefasst, das geschieht nicht mehr. Es gibt keine ehrliche streitbare Kultur mehr. Auch Bürgermeister Beck versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken, weil sie alles kleine Herrgöttle sind.

GSCHWÄTZ: Wie war das für Sie, nach so vielen Jahren nicht mehr in den Gemeinderat gewählt zu werden?

Richter: Es tut mir sehr weh für die Niedernhaller Bürger, dass meine Fachkompetenz und meine streitbare Haltung weg ist und jetzt alles in großer Harmonie abläuft, aber damit kommt nicht immer das optimale Ergebnis heraus. Ich wurde ja auch als Harmoniezerstörer betitelt. Es hat mich insofern kurz getroffen, dass man in einer nichtöffentlichen Sitzung anfängt, mit mir zu brüllen: was mir einfällt und was ich mir eigentlich einbilde, wer ich bin. Ich hätte nie gedacht, dass man so miteinander umgeht. Aber die Betroffenheit hielt nur kurz an, weil ich das nicht so nah an mich herangelassen habe, weil ich gewusst habe, dass diese Aussagen nicht stimmen. Wenn dich einer persönlich angreift, dann hast du in der Sache Recht. Denn wenn du in der Sache nicht Recht hättest, dann würde er dich nicht persönlich, sondern in der Sache angreifen.

GSCHWÄTZ: Ist das Verhältnis zu den anderen Gemeinderäten nun wieder besser geworden?

Richter: Das Verhältnis weicht langsam bei dem ein oder anderen Gemeinderat auf, so dass sie mich allmählich wieder grüßen. Drei von den anderen Parteien haben sich davon aber nie mit reinziehen lassen, die haben mich immer gegrüßt.

„Moralisch eine völlige Katastrophe“

GSCHWÄTZ: Das Gerichtsverfahren bezüglich des Kerl-Areals haben Sie am Ende verloren. Rückblickend gesehen: War es das alles wert?

Richter: Moralisch gesehen ist das, was mit dem Kerl-Areal gelaufen ist, eine völlige Katastrophe gewesen. Auf dem Gelände stand ein Wohnhaus. Die dort wohnende Witwe, die vier Kinder hat und jeden Cent zweimal umdrehen muss, musste ab dem ersten Tag nach dem Verkauf sofort die Miete an die Stadt überweisen. Mehrere tausend Euro. Und die Familie Herr Kerl als ehemaliger Eigentümer hat das Areal trotz Verkaufs an die Stadt noch rund ein Jahr weiter genutzt und noch ein Jahr weiter produziert, ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Stadt beziehungsweise der Gemeinderat hat ihn pachtfrei gestellt.

Nach dem Verkauf nutzte die Firma Kerl das Grundstück der Niedernhaller Bürger, die Gebäude der Niedernhaller Bürger und die Maschinen der Niedernhaller Bürger zur weiteren Produktion, gerade so, wie wenn es keinen Verkauf gegeben hätte. Wertschöpfung meiner Schätzung nach rund eine Million Euro – nach dem Verkauf wohlgemerkt. Getreu der Lebensweisheit: Die kleinen Mieter hängt man und die großen Unternehmer lässt man laufen. Das war und ist für mich nicht vereinbar mit sozial oder gerecht.

Klaus Richter und der Niedernhaller Gemeinderat im März 2019 beim Verwaltungsgericht Stuttgart.
Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

 

 

Klaus Richter hatte nicht immer gut lachen während seiner Gemeinderatszeit. Foto: GSCHWÄTZ

Gemeinderatssitzung in Niedernhall im April 2018. Es ging unter anderem um das umstrittene Kerl-Areal. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv