1

Und ab geht´s in die Miesen

Es geht gewaltig in den Keller. Wies der Saldo des Finanzmittelbestandes in diesem Jahr noch ein Plus von 439.000 Euro auf, verändert sich der Finanzierungsmittelbestand im Haushalt 2019 auf Minus 68.000 Euro. Damit purzelt der Hohenloher Haushalt 507.000 Euro in den Keller.

In der Kreistagssitzung am 05. November 2018 in Ingelfingen spricht Landrat Dr. Matthias Neth die Themen an, die großen Anteil daran haben, dass das Defizit wächst: Das Hohenloher Krankenhaus und der bevorstehende Neubau des Landratsamtes.

 

Baustelle Krankenhaus: Keine konkreten Pläne für Künzelsaus Gesundheitsversorgung

 

„Ich erinnere mich gut an meine zweite Arbeitswoche, als unser damaliger Geschäftsführer mir die Zahlen vorgestellt hat“, sagte Neth im Bezug auf das Krankenhaus. „Von da war doch allen klar, was auf uns als Kreis zukommen würde, nämlich eine umfassende Neustrukturierung.“ Neth ist seit 2013 Landrat. Bislang war die offizielle Aussage, dass das Krankenhaus in Künzelsau 2022/2023 geschlossen wird – wenn Öhringens Neubau steht. Angesichts der mittlerweile sehr schlechten Bettenbelegung im Zuge der Schließungsverkündungen droht Künzelsau möglicherweise bereits ein früheres Aus – die Bürgerinitiative befürchtet, dass das Künzelsauer Krankenhaus bereits 2019 schließen könnte (siehe S. 8). Bezüglich der Ausgestaltung des Medizinzentrums in Künzelsau gibt es bislang keine konkreteren Pläne. Auch diese Ausgestaltung koste Geld, betonte der Landrat. Der Neubau in Öhringen indes soll nach wie vor in den nächsten drei bis vier Jahren stehen, so der Zeitplan.

 

Baustelle Seniorenheime

 

Zu den derzeitigen Zuständen in den Hohenloher Senioreneinrichtungen sagte Neth: „Ein besonderes Augenmerk muss auch den kreiseigenen Senioreneinrichtungen im Hohenlohekreis und deren Weiterentwicklung gelten. Es ist und bleibt schwierig, ausreichend Pflegefachkräfte zu finden.“ Selbstkritisch fügt er hinzu: „Der niedrigere Haustarif für die Beschäftigten im Krankenhaus und den Senioreneinrichtungen in den vergangenen Jahren hat dies nicht wirklich begünstigt.“ Er verweist auf die Geschäftsführung, die nun Tarifgespräche mit der Gewerkschaft verdi und dem Betriebsrat geführt habe mit dem Ziel, sich „an den Tarif des öffentlichen Dienstes und damit eine Rückkehr in den Flächentarif schrittweise anzunähern“.  Wann die Gehälter in welcher Form erhöht werden, blieb offen.

 

Baustelle Landratsamt: Wesentlich teurer als geplant

 

Wesentlich teurer wird womöglich der Neubau des Landratsamtes. Darauf weisen Landrat Neth und Kämmerer Michael Schellmann hin. Die Gründe liegen unter anderem in einer, so Neth, „zum Teil veralteten Machbarkeitsstudie“ von 2012 bis 2015. Auch im Bereich der Kostenkalkulation (angesetzt waren für den Neubau bislang 56,6 Millionen Euro) von 2015 dürfte sich „einiges verändert haben“. Denn: Durch die Preissteigerungen im Baugewerbe können Mehrkosten von mehreren Millionen Euro entstehen, sagt Kämmerer Schellmann.

 

Derzeit steht immernoch nicht fest, wo das neue Landratsamt, – oder auch vom Landratsamt als „Kreishaus“ bezeichnete – nun gebaut werden soll. Möglich wären an der gleichen Stelle wie das jetzige Landratsamt oder in der Nähe des Kauflands. Die Preisgerichtssitzung hierzu ist Mitte Dezember 2018. Manche Kreistagsmitglieder monieren die schleppende Vorgehensweise bezüglich des Neubaus. Neth nimmt hierzu Stellung: „Ein Kreisrat hat mir vor kurzem gesagt: „Hätte man 2012 statt der Machbarkeitsstudie lieber gleich einen Architekten beauftragt. Dann stünde das neue Landratsamt heute ohne aktuelle Baupreissteigerungen.“ Neth indes lässt sich durch derartige Kritik nicht aus der Ruhe bringen: „Kommunalpolitik braucht aber eben etwas Zeit. Aus heutiger Sicht gestaltet sich unsere Zeitachse so, dass wir frühestens 2022 in die Bauphase einsteigen können und ein Bezug Ende 2024 realistisch erscheint.“ Neht freut sich über die starke Unterstützung der Stadt Künzelsau bei diesem Projekt: „Ich freue mich, dass Herr Bürgermeister Neumann und der Künzelsauer Stadtrat klar formuliert haben, dass die gute Unterbringung des Kreishauses Priorität eins genießt. Diese Aussage ist und bleibt die Grundlage für den Wettbewerb.“

 

Baustelle Unterrichtsausfall

 

Landrat Neth betonte in seiner Rede, dass die ausreichende Versorgung mit qualifizierten Lehrkräften an den Schulen eigentlich kein Landkreis-Thema sei [Anm. d. Red.: Dafür ist das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig]. Dennoch weiß er: „Schon jetzt führt die mangelhafte Personalausstattung zu Stundenausfällen. An unseren SBBZs (Anm. d. Red.: sonderpädagogische Bildungseinrichtungen wie etwa die Geschwister-Scholl-Schule in Künzelsau] musste im laufenden Haushaltsjahr teilweise Nachmittagsunterricht aufgrund fehlender Lehrkräfte gestrichen werden. Hier ist das Land in der Pflicht, eine gleichmäßige Unterrichtsversorgung aller Schulen im Land – vor allem in ländlichen Regionen – sicherzustellen. Es kann nicht sein, dass an SBBZs, insbesondere in den Sprachförderungsschulen, Unterrichtsstunden ausfallen.“ Inwieweit Neth diese Kritik auch nach Stuttgart trug, ist nicht bekannt. Betroffene Eltern  machten jedoch in einer großen Unterschriftenaktion, die im November 2018 endete, auf die Missstände in einer solchen Schule in Künzelsau aufmerksam. Auf den Listen stand, dass diese gesammelten Unterschriften an Landrat Neth und an Stuttgarts Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann weitergeleitet werden.

 

Baustelle NVH

 

Das Thema Nahverkehr betrifft viele Schüler im Hohenlohekreis. Neth verweist hierzu auf die „geplante Direktvergabe unserer Verkehre an den NVH. […] Nächstes Jahr werden wir die Subvergabe der Fahrleistungen durch den NVH als weiteren Meilenstein abschließen können und den NVH in die Zukunft führen. Wirtschaftlich kann dieses Thema massive Auswirkungen haben.“ Sprich: Der Hohenlohekreis vergibt die Verkehre an den NVH, dieser wiederum vergibt die Fahrten an Busunternehmen, die sich für diese Fahrten anbieten können. Das Busunternehmen Metzger aus Künzelsau etwa fährt unter anderem auch Schulbuslinien wie die Linie 13.

Der NVH steht bereits seit Jahren in der Kritik, dass er Schulen nicht unterrichtsgerecht anfährt, so dass manche Schüler zu spät in die Schulen kommen oder bei Unterrichtsende kein Bus gestellt werden kann. Dieses Thema schnitt der Landrat jedoch nicht an.

 

Vierspuriger Ausbau B19

 

Die B19 als wichtige Verbindungsstraße zur Autobahn A6 und nach Schwäbisch Hall soll nach Ansicht des Landrats vierspurig ausgebaut werden. Neth betonte allerdings auch bei diesem Thema: „Das liegt jedoch nicht in der Entscheidung des Kreises, sondern in der Sache des Bundes. Daher hat das Straßenbauamt des Landratsamtes eine umfangreiche Verkehrsstudie durchgeführt. Mit den sich daraus ergebenden Maßnahmen verbessert sich die Leistungsfähigkeit der B19.“ Wie diese Maßnahmen konkret ausschauen, ist noch nicht näher bekannt.

 

Über 25 Prozent des Hohenloher Haushalts fließt in Mitarbeitergehälter

 

Über 25 Prozent (35,86 Millionen Euro zuzüglich Personalnebenkosten) der finanziellen Aufwendungen des Kreises fließt laut Kreiskämmerer Schellmann in Personalkosten und  Versorgungsaufwendungen. Da ist rund jeder vierte Euro. Die   Anzahl   der   Planstellen   erhöhe  sich   um rund 15 Stellen. 3,5 Stellen entfallen dabei auf die Kernverwaltung, der Rest entfalle  auf die Eigenbetriebe. „Im Asylbereich hat sich die Situation weiter entspannt, so dass dort weitere Stellen abgebaut werden   konnten.“    Zusätzliche   Stellen   seien unter anderem im   Personal-   und   Organisationsamt,   im   Kämmereiamt,      im      Gebäudemanagement,      im      Sozialamt,      im      Jugendamt,      im     Straßenverkehrsamt und im Straßenbauamt notwendig.

 

Derzeit arbeiten 960 Mitarbeiter im Landratsamt.




Krankenhaus Künzelsau: Aus schon 2019? Basiskonzept für die Kreisstadt steht

Am heutigen Montag, den 10. Dezember 2018, trifft sich der Kreistag des Hohenlohekreises um 15.30 Uhr in Bretzfeld und man darf jetzt schon gespannt sein, welche Entscheidungen an der heutigen Kreistagssitzung gefällt werden. Tagesordnungspunkt Nummer eins ist das Hohenloher Krankenhaus. Konkret: wie es in Künzelsau und Öhringen mit der Gesundheitsversorgung weitergehen soll.

Im Vorfeld äusserten sich bereits diverse Stimmen. Die Bürgerinitiative zum Erhalt des HK (BI) befürchtet, dass heute das vorzeitige Aus für das Krankenhaus in Künzelsau beschlossen wird. Geplant war bislang, das Künzelsauer Krankenhaus noch bis 2022/23 offenzuhalten – so lange, bis in Öhringen der Neubau steht. Angesichts der schwächelnden Patienten- und Personalzahlen nach Verkündigung des Aus‘ für Künzelsaus Krankenhaus sei eine frühere Schließung möglicherweise heute Gesprächs- wenn nicht sogar Entscheidungsthema (siehe offener Brief von der BI an Landrat Dr. Matthias Neth weiter unten im Text), vermutet die BI.

Ute Emig-Lange, Pressesprecherin der BBT-Gruppe (die BBT-Gruppe hält seit März 2018 die Mehrheitsanteile der HK), sagt auf GSCHWÄTZ.Nachfrage, dass mehrere Konzepte für Künzelsau im Raum stünden, aber der Kreistag letztendlich die Entscheidung darüber fälle, ob und wenn ja, welches Konzept angenommen werde.

Demonstration vor dem Krankenhaus Künzelsau zum Erhalt des Krankenhausstandortes.
Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Tagespsychiatrische Klinik soll bleiben

Die Sitzungsvorlage des Landratsamtes des Hohenlohekreises zu diesem Tagesordnungspunkt ist relativ kurz und bleibt eher unkonkret. Sie umfasst eine DIN-A4-Seite. Darin heißt es unter anderem, dass dieses Konzept aus einem Basismodell bestehe. „Ergänzend sind weitere kostenpflichtige Bausteine nach dem Bestellerprinzip möglich.“ Für das Gesundheitszentrum in Künzelsau „ist im Basismodell von Beginn an die Gründung eines medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) mit verschiedenen Disziplinen vorgesehen. Daneben ist der Fortbestand der tagespsychiatrischen Klinik  berücksichtigt.“ Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist: Wird das derzeit bereits existierende Ärztehaus, das sich nun zu einem MVZ wandeln soll, auch zusätzliche medizinische Angebote für die Bevölkerung bereithalten oder fragt die BI zu Recht in ihrem offenen Brief, ob sich die Künzelsauer nun mit dem bereits bestehenden Ärztehaus nun zufriedengeben müssen.

Kostenpflichtige Bausteine können darüberhinaus angeboten werden

Weiter heißt es: „Auch über die Errichtung/Organisation einer Kurzzeitpflege und die Abbildung der Notfallversorgung über das Maß der rettungsdienstlichen Angebote hinaus“ soll der Kreistag entscheiden. Ein weiterer heikler Punkt dabei ist die akutstationäre Versorgung von Patienten: „Mit der Etablierung eines Gesundheitszentrums in Künzelsau, aber auch wegen der Entwicklung der letzten Monate am Standort Künzelsau ist gleichzeitig zu entscheiden, ob an der jetzigen Beschlusslage zum Zeitpunkt der Konzentration der akutstationären Versorgung am Standort Öhringen festgehalten wird.“

Ob eine akutstationäre Versorgung von Patienten (unter anderem Notfallversorgung mit Über-Nacht-Überwachung) bereits früher nur noch in Öhringen möglich sein wird, wird sich möglicherweise in der heutigen Kreistagssitzung entscheiden.

 

Auch GSCHWÄTZ wird vor Ort sein.

Offener Brief der BI an Landrat Neth

Die BI hat angesichts der neuesten Entwicklungen bezüglich des Hohenloher Krankenhauses einen offenen Brief an Dr. Matthias Neth geschrieben. Diesen drucken wir an dieser Stelle leicht gekürzt ab:

„Man scheint sich mit dem Ärztehaus zufriedenzugeben“

„Mehr als zwei Jahre sind vergangen, als Dr. Neth in einer Versammlung verkündete, dass der Hohenlohekreis nur mit zwei starken Standorten die Gesundheitsversorgung gewährleisten kann. Keine sechs Monate später stellte sich Landrat Neth erneut vor die Mitarbeiter, um zu verkünden, dass der Standort Künzelsau geschlossen werden muss, da beide Häuser nicht zu finanzieren seien. Schon damals fragte sich die BI, ob die Aussage sechs Monate vorher nur ein Lippenbekenntnis war, um das Vertrauen der Mitarbeiter zu erschleichen.

Nun, zwei Jahre später, sehen wir eine Wiederholung. Es wird nach politischen Möglichkeiten gesucht, um den Standort Künzelsau schneller zu schließen. Wird doch der Kreistag auch darauf wieder gut vorbereitet. Das auch dass Versprechen, den Standort Künzelsau bis Fertigstellung des Neubaus in Öhringen, zu erhalten, nicht ernst gemeint war, wird jetzt sicher auch dem letzten klar.

Jetzt versucht man die Bürger zu überzeugen mit einer Flut von Millionen. Wir fragen uns: Wer hat da vor einem Jahr gerechnet? Sollte der Ausgleich auf die nächsten Jahre tatsächlich so viele Millionen verschlingen, was bleibt denn da noch von den 50 Millionen aus dem Strukturfonds übrig?

Wir sehen die neuesten Entwicklungen kritisch, tritt jetzt doch das ein, was wir bereits letztes Jahr vermutet haben und was seiner Zeit eine Rednerin und ehemalige Mitarbeiterin der Tagesklinik auf einer Demo auch ausgesprochen hat, nämlich das geplante Aus für 2019 – so wurde es vom damaligen Geschäftsführer der HK [Anm. d. Red.: Hohenloher Krankenhaus gGmbH] gegenüber der Tagesklinik kommuniziert. Gehört hat das natürlich niemand gern, wurde die Rednerin damals von einem Kreistagsmitglied abgestraft, in dem ihr damaliger Arbeitgeber informiert wurde, ungeachtet dessen, dass wir in Deutschland Redefreiheit haben.

Auch zu den Aussagen bezüglich eines Gesundheitszentrums kann man sich nur wundern. Man scheint sich damit zufrieden zu geben, was man im Ärztehaus schon hat. [….].

Es ist traurig, dass die Patienten heutzutage keine Stimme mehr haben und die Versorgung vollkommen egal scheint, auch die Meinung niedergelassener Ärzte ist scheinbar nichts mehr wert.

Wir wünschen nun der BBT-Gruppe viel Erfolg bei der anstehenden Zertifizierung der Stroke Unit, die man nun endlich nach 1,5 Jahren mal angeht. Schließlich war die Verlegung der Stroke Unit von Künzelsau nach Öhringen ganz eilig seiner Zeit.“

Landrat verzichtet auf Stellungnahme

Landrat Dr. Matthias Neth. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Wir haben Dr. Matthias Neth das Schreiben weitergeleitet mit der Bitte um eine Stellungnahme. Seine Pressesprecherin Silke Bartholomä hat für ihn geantwortet: „Das Schreiben, das Sie uns übersendet haben, ist – wie Sie sicherlich wissen – ein Posting auf einer einschlägigen Facebook-Seite zum Thema Künzelsauer Krankenhaus. Es ist an keiner Stelle als „offener Brief“ gekennzeichnet, hat keinen genauen Adressaten, keinen Absender und ist in keinem Medium veröffentlicht worden. Facebook als soziales Netzwerk fällt nicht unter diesen Begriff, da es keine Medien produziert und keinerlei Kontrollfunktion übernimmt. Es ist dem Landratsamt Hohenlohekreis auf keinem üblichen Weg zugegangen. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir zu einer anonymen Meinungsäußerung keine Stellung nehmen.“




Mazedonische Altenpflegerin (32) freut sich über Chance in Krautheim

Linelita Ajeti lächelt, ist höflich, ruhig und erklärt auf Deutsch, dass sie derzeit ein Anerkennungsjahr zur Pflegehelferin im Altenheim Krautheim macht. Die 32-Jährige kommt aus Mazedonien und ist seit zwei Monaten in Deutschland. Woher sie so gut Deutsch sprechen kann, möchten wir von ihr wissen. Sie habe einen sechsmonatigen Deutschkurs in ihrer Heimat besucht. Im Juli 2018 war sie dann für ein Praktikum in Deutschland. Zuvor habe sie in Mazedonien die medizinische Mittelschule beendet, dann unter anderem als Apothekerin gearbeitet. Über eine Agentur sei sie schließlich hierher nach Krautheim gekommen. „Die Arbeit mit den Senioren macht mir Spaß“, sagt sie und lächelt. Im Januar 2019 steht die Prüfung zur Fachkraft zur Altenpflegerin an. Linelita Ajeti könnte der Schlüssel zu dem Pflegeproblem sein, das sich momentan in ganz Deutschland auftut – ein akuter Mangel an Fachkräften in den Altenheimen. Aber manche sehen sie auch als Bedrohung – eine Bedrohung aus dem Ausland, die den hier lebenden Deutschen den Arbeitsplatz streitig machen könnte, ganz nach dem Motto: Billige Arbeitskräfte aus dem Ausland bevorzugt.

Altenheim Krautheim. Foto: GSCHWÄTZ

BBT-Pressesprecherin Ute Emig-Lange schüttelt bei diesen Gedanken den Kopf und verweist anhand des Beispiels Linelita Ajeti darauf, dass sie nach der Prüfung zur Fachkraft zur Altenpflegerin ganz regulär bezahlt werde, wie jeder andere Mitarbeiter auch. Also nichts mit billig. Emig-Lange und Heike Stadtmüller, die neue Leitung in Krautheim, sind froh über Menschen wie Ajeti, da die Bewerbungen im Pflegebereich immer weniger werden. Umso erfreulicher daher, dass Stadtmüller fast zeitnah mit ihrem Beginn zum 01. Dezember 2018 eine Bewerbung von einer Pflegefachkraft aus der Region auf dem Tisch liegen hatte. Zwar kann die Bewerberin immer erst ab 8 Uhr morgens zur Arbeit kommen wegen der Kindergartenöffnungszeiten ihrer Kinder, aber Stadtmüller ist flexibel: „Jetzt strukturieren wir uns so um, dass das klappt.“ Man müsse angesichts des Personalmangels in der Pflege einfach etwas umdenken, so Stadtmüller.

Auch männliches Pflegepersonal ist rar. Michael, „Mickey“ Scholz, ist so ein Veteran unter lauter Kolleginnen im Altenheim Krautheim. Er arbeitet als Betreuer in Teilzeit (60 Prozent) und ist nun schon im siebten Jahr in Krautheim beschäftigt. Ehrenamtlich ist er auch öfter mal mit den Bewohnern zugange und hat mit ihnen unter anderem schon ein großes Gebilde aus Gips und Holz, das die Jungfrau Maria und Jesus zeigt, entstehen lassen. Das Gebilde schmückt derzeit den Flur des Altenheimes.

Michael Scholz ist Betreuer im Altenheim in Krautheim.
Foto: GSCHWÄTZ

Mit dem Bus braucht Linelita Ajeti rund 20 Stunden bis in ihre Heimat, mit dem Flugzeug sind es gerade mal zwei. Im Dezember macht sie eine Woche Urlaub in ihrer Heimat. Sie freut sich, ihre Familie wiederzusehen. Aber sie freut sich auch, wieder zurückzukommen zu ihren Senioren.

 

 

BBt übernimmt Mehrheitsanteile an Hohenloher Seniorenbetreuung. Lesen Sie mehr

 




Ole bekommt ein Gesicht

Der dritte Verhandlungstag am 05. Dezember 2018 am Landgericht Heilbronn im Prozess um Elisabeth S. endet nach 49 Minuten. Staatsanwalt Lustig kritisiert Pflichtverteidigerin Stiefel-Bechdolf wegen ihrer Zeugenbefragung von vergangenen Freitag. Zudem möchte er eine neue Zeugin in dem Prozess vorladen, die etwas sagen könne „zu der Wesensänderung“ von Elisabeth S.. Zudem wurden die Videos des Tatorts gezeigt, in denen auch der tote Ole in Nahaufnahme zu sehen ist.

Um seinen Kopf herum lag Spielzeug

Kriminalkommissar Oliver W., (28), der die Videos am Tatort gemacht hat, hat die Videos vor Gericht kommentiert. Das erste Video zeigt den gepflegten Garten des kleinen Einfamilienhäuschens. Nicht alle Kellerfenster waren verschlossen. Mindestens eines war gekippt. Die Terrasse war aufgeräumt, der Vorhang mit Blick in das Wohnzimmer war halb zur Seite geschoben, so dass man in das Wohnzimmer sehen konnte. Es gab keine Einbruchsspuren.
Das zweite Video zeigt unter anderem den Hauseingang und den Keller. Im Flur stand eine grüne Gießkanne. Der Keller schien, so W., als „Ablageort“ für diverse Gegenstände zu dienen. Viele Kisten mit Kleidung standen in Reih und Glied in Regalen im Keller, auch diverse Kleiderständer mit Kleidern befanden sich in den Kellerräumen. Daneben diverse Bücher, Koffer, Konserven, andere Lebensmittel wie Mehl und Schokolade. Die Räumlichkeiten wirkten nicht vollgemüllt, da alles nach einer gewissen Ordnung aufgeräumt war, aber Elisabeth S. schien viel gesammelt und aufgehoben zu haben.
Das dritte Video zeigt den toten Ole (7) im Wohnzimmer liegend. Die Leiche war weitestgehend mit einem weißen Tuch abgedeckt. Lediglich der Kopf lag frei. Ole hatte kurze braune Haare. Seine Haut war leicht bläulich verfärbt, ebenso die Lippen. Um seinen Kopf herum lag Spielzeug. „Aus Pietätsgründen“ werde auf die Präsentation von Obduktionsfotos des Jungen verzichtet, so der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth. Er betonte allerdings, dass es wichtig sei, die Videos zu zeigen, „solange wir nicht genau wissen, was passiert ist“.
Was hat dieses Küchenmesser im Flur zu suchen?
W. filmte auch das Obergeschoss. Auffällig war ein größeres metallfarbenes Küchenmesser, das im Flur im Obergeschoss auf einer Kiste lag. Es schien unbenutzt, aber völlig deplatziert. Die Frage drängt sich auf: Wurde Ole damit möglicherweise bedroht?
Im Schlafzimmer war der Rolladen bei Tatortbegehung heruntergelassen. Die Bettwäsche war zerwühlt, als ob jemand darin geschlafen hätte. Entgegen der Erzählungen der Eltern war der Rolladen im oberen Badezimmer nicht heruntergelassen.
Ein lilafarbenes Handtuch hing über dem Waschbecken. Die Badewanne war fast bis zum Rand mit klarem Wasser gefüllt.
Staatsanwalt kritisiert Verteidigerin
Elisabeth S. zeigte bei der Präsentation der Filme nahezu keine Regung. Die Eltern von Ole waren heute wie auch am vergangenen Freitag nicht anwesend. Die Pflichtverteidigerin von Elisabeth S., Anke Stiefel-Bechdolf, war heute krankheitsbedingt ebenfalls nicht anwesend, weswegen die Zeugen, die man heute eigentlich hätte noch befragen wollen, nun zu einem anderen Zeitpunkt geladen werden. Staatsanwalt Harald Lustig kritisierte die abwesende Stiefel-Bechdolf wegen ihrer Zeugenbefragung am vergangenen Freitag. Eine Mitinhaftierte von Elisabeth S. wurde an diesem Freitag vor Gericht befragt (wir berichteten) und sagte aus, dass Elisabeth S. ihr gestanden habe, den Jungen erwürgt zu haben. Lustig kritisierte in diesem Zusammenhang, dass Stiefel-Bechdolf  sich in ihrer Zeugenbefragung unter anderem auf Berichte des Fernsehsenders Welt (früher N-TV) berief, die in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd gelaufen wären. Lustig sieht es kritisch, sich auf Berichte zu beziehen, deren Inhalt im Gerichtssaal nicht direkt nachprüfbar seien.
Zusätzliche Zeugin soll geladen werden
Am Ende des heutigen Verhandlungstages plädierte Staatsanwalt Lustig noch dafür, eine weitere Zeugin vorzuladen, da diese Angaben machen könne bezüglich einer „Wesensänderung“ von Elisabeth S.. Richter Kleinschroth wollte sich hierzu noch nicht festlegen.



Wie in einem Horrorfilm: Eltern von Ole erleben Fürchterliches

Es ist eine bizarre Szene, die Susanne T. (41) schildert. Sie sei die Treppe hinaufgegangen. Im Schlafzimmer sei alles dunkel gewesen. „Dann bin ich Richtung Bad gegangen.“ Auch dort sei alles dunkel gewesen. „Vom Türrahmen sah ich schon, dass Wasser in der Badewanne war. Und zwar ziemlich hoch.“ Und darauf trieb Ole. Ihr einziges Kind. Sieben Jahre. Und er war tot.

Was sich liest wie der Anfang eines Horrorfilms, durchlebte die in Künzelsau wohnhafte Grundschullehrerin Susanne T. tatsächlich. Und zwar am Samstagvormittag, den 28. April 2018. Am 27. November 2018 begann im Landgericht Heilbronn nun der Prozess gegen die Ersatzoma Elisabeth S. aus Künzelsau, in deren Haus Ole von seinen Eltern tot aufgefunden wurde.

Susanne T. hat ihre lockigen braunen Haare vor Gericht hochgesteckt, trägt einen schwarzen Rollkragenpullover. Sie wird als erste Zeugin in dem Prozess vernommen. Insgesamt hat das Landgericht derzeit acht weitere Verhandlungstermine anberaumt. Die Staatsanwaltschaft hat gegen Elisabeth S. Anklage wegen Verdachts auf Totschlag erhoben. Sie soll den Jungen getötet haben, den sie seit rund fünf Jahren als Ersatzoma häufig in ihrer Obhut hatte. Das Tatmotiv könnte, so die Staatsanwaltschaft, Verlustangst gewesen sein – die Sorge, den Jungen, je größer er wird, irgendwann nicht mehr betreuen zu dürfen: „Aus anfänglichen täglichen Kontakten mit Übernachtungen im Haus gab es nach der Einschulung weniger Kontakte. Die langen Trennungsphasen hielt sie nicht mehr aus.“ Im Badezimmer habe Elisabeth S. den Jungen erwürgt und anschließend das Kind tot in die Badewanne gelegt. Ob dies wirklich so war, gilt es nun zu prüfen. Gutachter sollen im Laufe des Prozesses gehört werden, die Auskunft darüber geben sollen, wie sie den Gesundheitszustand von Elisabeth S. einschätzen.

Am ersten Verhandlungstag, der insgesamt über sieben Stunden dauerte, sagten die Mutter und der Vater des getöteten Jungen sowie ein Nachbar von Elisabeth S. aus, der beim Finden des Kindes dabei war. Elisabeth S. schwieg während des ersten Verhandlungstages, vermied jeglichen Blickkontakt zu den Eltern und zeigte ansonsten auch wenig Regung. In ihrem schwarz-grau-weißen Kostüm saß die zierliche kleine Frau mit den weissen schulterlangen Haaren in leicht eingesunkener Haltung neben ihrer Anwältin Anke Stiefel-Bechdolf und hörte sich an, wie die Eltern nacheinander davon berichteten, wie sie den Jungen in ihrem Haus vorfanden. Der Vater wird die Geschichte sehr sachlich erzählen, die Mutter sehr emotional, Tränen werden fließen. Und der Richter wird am Ende beiden empfehlen, die Therapie, die sie nach dem Tod ihres Jungen gemacht haben, noch ein wenig länger zu machen.

Mutter: „Er war so kalt, so furchtbar kalt“

Susanne T. schrie, als sie ihren Sohn sah. Ole im Schlafanzug, mit Socken an den Füßen. Sie versuchte – so glaubt sie sich zu erinnern -, ihn aus dem Wasser zu ziehen, aber es gelang ihr nicht. Ihr Mann, Dr. Jens T., (45) gibt später zu Protokoll, dass er diesen markerschütternden Schrei seiner Frau wohl nie vergessen werde. Der Nachbar, der nach Jens T. als Zeuge befragt wird, wird ebenfalls sagen, dass ihn dieser Schrei noch heute verfolgt. Jens T. rannte die Treppe in den ersten Stock hinauf zu seiner Frau, sah seinen Jungen, mit dem Gesicht nach oben treibend, als ob er schlief, hob ihn aus dem Wasser, trug ihn ins Wohnzimmer nach unten ins Erdgeschoss und legte ihn sanft auf dem Boden ab, mit der Hoffnung, das der Sohn vielleicht doch noch lebe. „Ich habe mich neben Ole gelegt. Er war so kalt, so furchtbar kalt. Ich wollte ihn wärmen“, sagt die Mutter unter Tränen. Immer wieder ringt sie in ihrer knapp zweistündigen Befragung um Fassung. Immer wieder spricht sie Elisabeth S. direkt an, fragt: „Warum, Elisabeth? Ich will doch nur wissen, warum? Jeden Tag liege ich heulend in meinem Bett, weil mein Sonnenschein weg ist.“ Doch Elisabeth schweigt.

Der Vater, Justiziar bei einer großen Künzelsauer Firma, soll mit den Händen gegen die Wände getrommelt und geschrien haben: „Mein Junge, mein Junge.“ Elisabeth S. war nicht zu Hause, als die Eltern Ole fanden.
Was ist in der Tatnacht geschehen?
Spulen wir die Zeit ein wenig zurück, lassen wir Ole nochmal 1,5 Jahre alt sein. Die Mutter berichtet, dass sie nach Oles Geburt ein Jahr mit ihm zu Hause geblieben ist, dann habe sie wieder angefangen, vormittags in ihrer Grundschule zu arbeiten. Ole ging in die Kindertagestätte, sei jedoch häufig krank gewesen. Erkältungen wechselten sich mit grippalen Infekten ab, bis ihnen der Kinderarzt geraten habe, Ole zwei bis drei Monate nicht mehr in die Kita zu bringen, bis sich sein Immunsystem stabilisiert habe. Wer sollte aber auf Ole aufpassen? Die Großeltern väterlicherseits wohnten in Rostock. Susannes Mutter war verstorben, der Vater hatte Multiple Sklerose. Susannes Chefin vermittelte den Kontakt zu Elisabeth S., eine ehemalige Krankenschwester, Witwe.

Obwohl Ole ein eher zurückhaltendes Kind gewesen sei, vor allem gegenüber Fremden, verstanden sich Elisabeth und Ole von Anfang an sehr gut, erzählen beide Eltern bei ihren jeweiligen Befragungen. „Die Chemie hat einfach gepasst“, sagt der Vater. „Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen Ole und Elisabeth“, gibt die Mutter an.

Elisabeth S., die in Rente war, und deren einziger Sohn als freischaffender Fotograf in München lebte, nahm den Babysitterjob an. Für 7,50 Euro in der Stunde. Über die Jahre wurde aus Elisabeth S. „Oma Elisabeth“, wie Ole sie nannte, und Ole wurde für sie eine Art Ersatzenkel, da sie selbst keine Enkel hatte.

Die heute 70-Jährige betreute den anfangs Zweijährigen, wenn Susanne morgens arbeitete, auf Fortbildungen ging oder Ole krank war und nicht in den Kindergarten konnte. Auch übernachten durfte Ole des Öfteren bei Oma Elisabeth und freute sich immer, wenn er zu ihr gehen durfte, so die Eltern. „Oma macht heute wieder Programm mit mir“, pflegte Ole stolz zu verkünden, bevor er seine Sachen für den Besuch bei der Ersatzoma packte.

Auch Susanne T. fühlte sich wohl bei Elisabeth, aß dort auch mal zu Mittag, sie tranken Kaffee oder machten Ausflüge zusammen. Bezüglich dem möglichen Tatmotiv, der Angst von Elisabeth S., den Jungen irgendwann zu verlieren, betonte Susanne: „Es stand nie zur Debatte, dass wir den Kontakt zu ihr einstellen. Elisabeth gehörte zur Familie und auch Elisabeth sah uns als Teil ihrer Familie an“, glaubt Susanne T.. Aber sicher habe sich einiges verändert. Ole kam in die Schule, traf sich mit Freunden, ging ins Karate und Tennis.

„War Elisabeth S. psychisch auffällig oder ist sie im Laufe der Zeit psychisch auffällig geworden?“, wollte der vorsitzende Richter Roland Kleinschroth von Susanne T. wissen. „Elisabeth war manchmal traurig und antriebslos und hat das mit dem Tod ihres Mannes begründet“, erzählt sie. „Elisabeth hatte auch eine Sammelleidenschaft – von Geschirr über Kleidung bis hin zu Büchern“. Aber nichts dergleichen sei besorgniserregend gewesen oder gar so besorgniserregend, dass sie ihr Kind nicht mehr hätten bei Elisabeth lassen mögen. Auch als die Frontzähne von Elisabeth S. gezogen wurden, sei dies zwar schwer für die alte Dame gewesen, bis sie künstliche Zähne bekommen hatte. Aber sie sei in kein auffällig depressives Loch gefallen. „Zu uns hat auch keiner gesagt, wir sollen Ole da nicht mehr hingeben“, betonen beide. Auch der Nachbar, Claus H., der seit vierzig Jahren Haus an Haus neben Elisabeth S. wohnt, sagt in seiner Zeugenvernehmung, dass ihm kein psychisch auffälliger Zustand oder eine Wesensveränderung von Elisabeth S. aufgefallen sei. Aber natürlich sei der Tod ihres Mannes nicht leicht zu verkraften gewesen.

 Notrufzentrale wirkte extrem flapsig

Claus H. (54) spielte eine wichtige Rolle an dem besagten Samstag, der für die Eltern Susanne und Jens alles verändern sollte. Er schloss dem Ehepaar die Türe zu Elisabeths Haus auf. Er war der Dritte, der den toten Jungen zu Gesicht bekam – wenn man den Mörder nicht mitzählt. „Mir ist danach der Kreislauf weggesackt“, berichtet er vor Gericht, mit zitternder Stimme. Claus H. hat den Notruf an diesem Tag abgesetzt. Der Notruf wird vor Gericht vorgespielt. Dabei macht die Rettungsdienstleitstelle einen etwas unglücklichen Eindruck. Stark atmend und völlig aufgelöst stammelt Claus H. ins Telefon: „Wir brauchen einen Notarzt. Hier gibt es vermutlich einen Suizid. Hier ist ein Junge, der vermutlich unter Wasser gelegen ist.“ Es folgen sehr lapidare Worte von dem einem zum anderen Notruf-Ansprechpartner in der Leitstelle und am Ende erhält Claus H. die flapsige, recht träge gesprochene Antwort: „Ja, is‘ ok. Wir schicken einen los.“

„Warum sind Sie in Ihrem ersten Impuls von einem Suizid ausgegangen?“ will der Staatsanwalt von dem Nachbarn wissen. Weil sich Claus H. nie habe vorstellen können, dass Elisabeth S. dem Jungen etwas habe antun können. Erst sei er daher von einem Unglücksfall ausgegangen. Dann von einem Suizid der Frau, die den Jungen dabei mit in den Tod genommen habe. Dennoch habe er sie zuvor nie als suizidgefährdet eingeschätzt. Claus H. wirkt noch immer stark mitgenommen von den Ereignissen: „Dieses grundsätzliche Vertrauen zu Menschen habe „stark gelitten“, sagt er. Kann er sich tatsächlich so getäuscht haben in seiner Nachbarin? Hat diese Frau einen Jungen ermordet? Auch die Eltern des Jungen, Susanne und Jens, berichten nur Positives von Elisabeth vor Gericht. Die zwei großen Fragen nach dem WIE und WARUM stehen nach wie vor unbeantwortet im Raum. Wer hat Ole und warum in eine fast randvoll mit Wasser gefüllte Wanne gelegt? War es Elisabeth? Sollten Spuren verwischt werden?

Es wird nicht nur von Elisabeth S. gesprochen. Immer wieder kommen der Richter und auch der Staatsanwalt auf Elisabeths Sohn, Stephan S., zu sprechen, der als freier Fotograf in München lebt, unverheiratet und kinderlos, was Elisabeth S. laut der Aussage von Oles Vater ein wenig bedauerte. Den Sohn habe er zweimal persönlich getroffen, unter anderem bei einem Geburtstag, es müsse wohl der Geburtstag von Elisabeth S. gewesen sein, erinnert sich Jens T.. Da habe ihn der Sohn gefragt: „Ist das hier eine feindliche Übernahme?“ Jens T. sei nicht auf diese Frage eingegangen. War der Sohn eifersüchtig auf das Verhältnis zwischen seiner Mutter und der Familie T.? Er hätte keinen Grund dazu gehabt. Die Eltern des verstorbenen Jungen berichten, dass Elisabeth einen sehr engen Kontakt mit regelmäßigen Telefonaten zu ihrem Sohn gepflegt habe. Dieser Eindruck sei ihnen zumindest vermittelt worden. Laut einem Gutachter, der zu Beginn der Verhandlung den Lebenslauf von Elisabeth S. vorträgt, wurde dem Sohn bereits vor über zwei Jahren das Elternhaus überschrieben. Stephan S. soll im Laufe des Prozesses ebenfalls noch als Zeuge vor Gericht gehört werden – ebenso die Künzelsauer Ärztin, die Ole untersucht hat. Richter Kleinschroth berichtet von „Verletzungen im Halsbereich mit bläulichen Verfärbungen der Haut“, die an dem toten Jungen festgestellt wurden.

Am Donnerstag, einen Tag bevor die Eltern Ole das letzte Mal zu Elisabeth S. bringen, verbringt der Vater den Abend mit Ole, macht noch Mathe-Hausaufgaben mit ihm und erinnert sich an „schöne Stunden“. Am Freitag holt ihn seine Mutter um 16 Uhr vom Tennis ab. Gegen 17 Uhr habe sie ihn bei Elisabeth abgeliefert – mit Essen im Gepäck. Würstchen, Brötchen, weil Elisabeth angerufen habe, dass sie keine Zeit gehabt habe, einkaufen zu gehen. Sie möge dem Jungnen doch bitte etwas zu essen mitgeben. Das sei öfter vorgekommen und daher nichts Ungewöhnliches gewesen, sagt Susanne T..

Als Elisabeth S. an diesem Freitag Susanne und Ole die Türe öffnet, steckt sie noch, wie sie selbst entschuldigend formuliert, in „Schaffkleidung“. Unter anderem hatte sie ein altes T-Shirt von Susanne T. an. Es hatte ein Loch und sie erklärte Susanne T., dass sie das Shirt an ihrem Rosenstock im Garten aufgerissen habe. Sie sei gut gelaunt gewesen, erinnert sich Susanne T., regelrecht „euphorisch“. Aber Elisabeth habe sich immer gefreut, wenn sie Ole gesehen habe.

Um 19.44 Uhr lacht Ole noch in Elisabeths Handykamera

Ole ging ins Wohnzimmer und suchte sich eine Beschäftigung. Die Mutter ging. Was danach geschah, weiss nur Elisabeth S.. Die Spurensicherung hat auf ihrem Handy viele Fotos von Ole gefunden, zwei Bilder sind an diesem Freitag geschossen worden. Um 19.44 Uhr. Ole sitzt in seinem Schafanzug, mit Socken an den Füßen, auf ihrem Wohnzimmersofa und lacht in ihre Handykamera.

Das Konzert, zu dem das Ehepaar T. an diesem Freitagabend mit Freunden gegangen seien, sei schön gewesen, erzählt Susanne T.. Sie selbst habe zwar ihr Handy nicht dabei gehabt, es seien aber auch keine Anrufe in Abwesenheit von Elisabeth S. darauf verzeichnet gewesen. Auch Oles Vater Jens T. erhielt in dieser Nacht laut eigenen Aussagen keine Anrufe von der Ersatz-Oma auf sein Handy.

Am Samstagmorgen lief das Ehepaar in die Stadt, um Ole abzuholen. Susanne T. wollte noch ein Geburtstagsgeschenk für einen Kindergeburtstag kaufen, an dem Ole am Nachmittag eingeladen war. Der Vater wollte schon einmal Ole bei Elisabeth S. abholen. Sie trennten sich. Der Vater berichtet, wie er geklingelt habe, aber niemand die Tür geöffnet habe. Da die Klingel von Elisabeth S. öfter mal nicht funktioniert habe beziehungsweise nicht zu hören war, sei er zum Wohnzimmerfenster auf der hinteren Seite des Hauses gelaufen, um zu klopfen. Hinter dem Wohnzimmerfenster sah er Spielsachen herumliegen. Über dem Wohnzimmerfenster war das Schlafzimmerfenster. Die Rollläden waren noch heruntergelassen. Zunächst dachte der Vater: Vielleicht schlafen die beiden noch. Er ging zurück in die Stadt, aber offensichtlich beschlich ihn schon ein merkwürdiges Gefühl, denn er äusserte gegenüber seiner Frau: „Das ist komisch. Da macht keiner auf.“ Sie gehen gemeinsam wieder zum Haus von Elisabeth S.. Auch Susanne geht in den Garten, schaut durchs Wohnzimmerfenster, sieht Oles Turnbeutel und Kassetten im Wohnzimmer liegen. Auch sie bemerkt den heruntergelassenen Rollladen im Schlafzimmerfenster. Oles Vater ruft bei Elisabeth S. auf dem Handy an, kann aber niemanden erreichen.
Er klingelt beim Nachbarn, berichtet von den Umständen und fragt, ob er einen Schlüssel zu Elisabeths Haus haben könnte. Claus H. bejaht, geht aber selbst mit und schließt auf. Während Claus H. nach Elisabeth ruft und zunächst im Keller nach dem Rechten schaut, geht Susanne T. Richtung Schlafzimmer in den ersten Stock. Direkt daneben befindet sich das Badezimmer.

 

ALLE HINTERGRÜNDIGE LESEN SIE IN UNSERER NEUEN PRINTAUSGABE – erhältlich bei allen unseren Vertriebspartnern im Hohenlohekreis.https://www.gschwaetz.de/wo-gibt-es-gschwaetz-zu-kaufen/

 

 




Er war kein Heiliger

Am 31. Oktober ist Reformationstag. Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen in lateinischer Sprache an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben. Martin Luther spaltete die christliche Kirche und heute noch die Gemüter.

Mut hatte Martin Luther (1483 – 1546) ohne Zweifel. Nicht jeder stemmt sich so laut gegen die regierende Obrigkeit, wie es Luther vor 500 Jahren getan hat. Zwar ist umstritten, ob der Augustinerpater damals wirklich seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittemberg hämmerte. Gewiss ist aber, dass er die Kirche lautstark kritisierte und zu einer Erneuerung ihrer aufrief.

 

Luther prangert den Ablasshandel scharf an

 

Damals versprach die Kirche den Menschen, dass sie sich gegen eine Zahlung von einem bestimmten „Ablass“ von ihren Sünden freikaufen konnten. Diese Praktik des Ablasshandels prangerte Luther scharf an und formulierte in einem seiner bekanntesten Schriften „Von der Freiheith eines Christenmenschen“ (1520), dass weder Kirchgänge noch Pilgerreisen, sondern allein der Glaube an das Evangelium die Menschen freimachen könne: „Dementsprechend hilft es der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie es die Priester und Geistlichen tun, auch nicht, wenn er sich in Kirchen und an heiligen Orten aufhält. (…) Denn all die genannten Stücke, Tätigkeiten und Handlungsweisen kann auch ein böser Mensch an sich haben und ausüben, ein Blender und Heuchler.(….)“ Martin Luther hat die Kirche aber letztendlich nicht als eine Einheit reformiert, wie es sein Wunsch gewesen war. Er hat durch seine Thesen letzten Endes die Spaltung vorangetrieben. Neben der römisch-katholischen Kirche entstand eine liberalere evangelische Kirche.

 

So liberal war Luther zu seiner Zeit jedoch nicht. Er war ein begnadeter Redner und ein, wie würde man heute sagen, sauguter PR-Stratege und brachte seine Ansichten unter das breite Volk. Aber er wetterte auch gegen Minderheiten, angebliche Zauberinnen, denen man den Gar aus machen müsse, gegen Juden und Frauen.

 

Der Reformator war ein Christenmensch

 

So heißt es in seiner Schrift „Von den Juden und den Lügen: „Was wollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? […] Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. (…) Zum Dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten. Zum Vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.“ Der Reformator war ein Christenmensch. Andere Religionen waren des Teufels. Er war radikal in seinen Ansichten. Würde heutzutage jemand solche Reden schwingen, würde man ihn vermutlich als Fundamentalisten bezeichnen. Auch gegen Frauen hat Luther losgeledert: „Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Podex und weite Hüften, daß sie sollen stille sitzen.“ (zitiert nach Arnulf Zitelmann,1997: „Widerrufen kann ich nicht. Die Lebensgeschichte des Marthin Luther“).

 

„Luther hatte Glück mit seiner entlaufenen Nonne.“

 

Als Ehemann betrachtet war er jedoch sehr fortschrittlich, wie Ute Schäfer in der Südwestpresse 2015 über „Luther als Superstar der Reformation“ schrieb: „Luther hatte Glück mit seiner entlaufenen Nonne. „Die Lutherin“ war geschäftstüchtig und fleißig und hatte ein Händchen fürs Geld. Sie war es, die den Riesenhaushalt am Laufen und Luther den Rücken frei hielt, was dieser mit viel Dankbarkeit würdigte. Er nannte seine Frau deshalb oftmals liebevoll „Herr Käthe“. Katharina von Bora war ihrem Mann gleichberechtigte Partnerin und wurde, damals durchaus unüblich, als Alleinerbin eingesetzt.“

 

Luther war zu dieser Zeit allerdings nicht der einzige Reformator. Johannes Brenz  (1499 – 1570) setzte etwa die Reformation in Schwäbisch Hall durch. Der Stuttgarter gilt als der Architekt der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Daneben gab es noch zahlreiche weitere Reformatoren.

 




Pflegekräfte: Sie haben unseren höchsten Respekt verdient

Der Pflegeskandal im Altenheim Krautheim beschäftigt auch weiterhin die Bürger in Hohenlohe. Die dort arbeitenden Pflegekräfte wurden nach unserer Berichterstattung darauf angesprochen, ob sie überfordert mit ihrer Arbeit wären beziehungsweise schlechte Arbeit leisten würden. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann macht in ihrem Kommentar nochmal deutlich, dass die schlechte Situation in der Pflege nichts mit schlechten Mitarbeitern zu tun hat. Im Gegenteil. Diese leisten eine Arbeit, die höchsten Respekt verdient.

GSCHWÄTZ – Das Magazin | Für Sie vor Ort | Wir lieben unser Ländle | www.gschwaetz.de | Auch als Abo direkt in den Briefkasten

 




Eine Schande für das reiche Deutschland – Kommentar zum Pflegeskandal in Krautheim

Kommentar von GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann zu dem vom Magazin GSCHWÄTZ aufgedeckten Pflegeskandal im Altenheim Krautheim. Hartmann verurteilt darin scharf die Misstände in einem derart reichen Industriestandort wie Deutschland und hat am Ende nur eine entscheidende Frage an die Verantwortlichen.

 

GSCHWÄTZ – Das Magazin | Der beste Lokaljournalismus aller Zeiten | Aufdecken wo andere abdecken | Abonniert unser Printmagazin und werdet Teil der GSCHWÄTZ-Community | www.gschwaetz.de/shop

 

 




Ist das noch ein Apfel? Unser täglich Brot: genmanipuliertes Essen

Jeder möchte sich gesund ernähren. Aber das ist gar nicht so einfach. Denn: Ein schöner Apfel ist nicht gleich ein gesunder Apfel. Was keiner sieht: Die Gentechnik hat sich tief in unser Essen gefressen. Und wir konsumieren genmanipulierte Nahrung, ohne es zu wissen. Der aus Künzelsau stammende Wissenschaftler Jürgen Binder warnt in seinen Büchern „Sicherheitsrisiko Gentechnik“ und „Genfood“ vor den gesundheitsschädlichen Folgen von genetisch verändertem Essen.

„Die Ratten hatten Magenbluten.“

Binder kritisiert vor allem eine mächtige profitorientierte Nahrungslobby und die in seinen Augen wenigen unzulänglichen Studien, die es mit diesen so genannten GM-Pflanzen [Anm. d. Red.: genveränderte Pflanzen] gibt. Im Grunde gebe es nur eine Studie, die so genannte Flavr-Savr-Tomate-Studie, aus der man damals, so Binder, schlussfolgerte, dass die GM-Pflanzen für Tiere nicht schädlich sei. Die FDA (Food and Drug Administration) habe daraufhin entschieden, aus GM-Pflanzen hergestellte Nahrungsmittel auch ohne biologische Untersuchung zu genehmigen. Aber selbst bei dieser Starterstudie sei nicht alles glatt gelaufen, wie die Autoren feststellten: „Bei Gewebeuntersuchungen an den zwanzig weiblichen Ratten, die mit GM-Tomaten gefüttert worden waren, hatten Pathologen im Magen von über zehn Tieren erosionshafte negrotische Veränderungen entdeckt. „Die Ratten hatten Magenbluten.“ Während des Versuchs seien sieben der vierzig Ratten, die GM-Tomaten bekommen hatten, gestorben. Weiterhin beklagen die Professoren, dass es bislang keine humane klinische Untersuchung gegeben habe. Sprich: Welche Auswirkung
GM-Pflanzen auf den Menschen haben, sei nie getestet worden.

„Die Produktion gentechnisch veränderter Pflanzen ist ein gigantischer, unkontrollierbarer und misslungener Versuch mit völlig unberechenbarem Ausgang.“

Binders Fazit: „Es wachsen mehrere Milliarden transgenhaltiger Pflanzen in der Natur, von denen wir kaum etwas wissen.“ Der US-amerikanische Professor Barry Commoner kritisierte schon früh: „Wenn man berücksichtigt, dass sich unerwartete Auswirkungen wahrscheinlich nur langsam entfalten, müssten diese Pflanzen über Generationen hinweg beobachtet werden. Mangels ständiger Beobachtung und Analyse nehmen wir es jedoch nicht wahr, wenn sich irgendein Problem andeutet.“ Sein Fazit: „Die Produktion gentechnisch veränderter Pflanzen ist ein gigantischer, unkontrollierbarer und misslungener Versuch mit völlig unberechenbarem Ausgang.“ Auch das Argument, dass ja nur ein bestimmer Teil der Pflanzen genverändert ist, lassen die Autoren nicht zählen. Denn: „Gefährlich ist der neue Zweig der GM-Technologie, weil die GM-Pflanzen (hauptsächlich Mais, Tabak und Bananen), im Freien angebaut werden“ und daher über die Kreuzbestäubung die reale Gefahr bestehe eine „unvermeidbare Vermischung“ mit herkömmlichen Pflanzen. Damit wandern die GM-Pflanzen direkt auf unseren Teller, ohne dass es jemand merkt.

Der Einfluss auf die Umwelt sei radikal

Das Argument der Anbieter: Die Transgene würden im Darm zerfallen und seien daher unschädlich für den Menschen. Das sei jedoch nicht korrekt, sagen Professor Dr. Árpád Pusztai und Professor Dr. Susan Bardóz in dem Buch „Sicherheitsrisiko Gentechnik“. Es sei noch nicht bekannt, wie Transgene den Körper verändern werden und können, bemängeln die beiden Autoren. Aber auch der Einfluss auf die Umwelt sei radikal. „In GM-Pflanzen kommen „Transgene sowohl als Baktieren als auch als Viren vor, und zwar in Kombinationen, die es in der Natur so noch nie gegeben hat“.

„Die neue Volkskrankheit heißt Allergie.“

Was aber bedeutet das? „Wenn in der Natur ein Transgen freigesetzt wird, dann lässt es sich nie wieder einschränken, ausschalten oder zurückrufen. Die GM-Technologie ist bei Pflanzen unumkehrbar“, sagen die beiden Autoren. Und was bedeutet das für den Menschen? Die Professoren stellen fest: „Anscheinend ist die allergisierende Wirkung die Achillesferse der GM-Technologie.“
Sprich: „Die neue Volkskrankheit heißt Allergie.“




Aufstand im Altenheim Krautheim – Der Pflege-Skandal

// BBT-Gruppe verspricht Besserung

„Es tut mir so leid.“ Gertruds* Stimme zittert, wenn sie über ihren Beruf spricht. Sie ist ausgebrannt. „Die Zustände haben sich in den vergangenen Jahren merklich verschlechtert“, sagt sie. Sie hat das Gefühl, sie wird ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht – den alten Menschen nicht mehr gerecht. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Altenheim in Krautheim. Was sie sagt, geht einem auch als Unbeteiligter unter die Haut.

Altenpflegerin Gertrud: „Die Patienten schreien“

„Die Patienten schreien im wahrsten Sinn nach Liebe“, berichtet sie. Doch dafür, für Umarmungen, für Gespräche bleibe keine Zeit. Im Gegenteil: „Wenn demenzkranke Patienten schreien, werden sie einfach kurzerhand auf ihr Zimmer geschoben und die Tür zugemacht.“ Das zumindest berichtet eine Angehörige, Anneliese Riegler aus Krautheim, die ihre Mutter in dem Heim hat. Gertrud bestätigt auf GSCHWÄTZ-Nachfrage dieses Vorgehen und erklärt: „Durch das Schreien werden andere Patienten gestört.“ Die Mitarbeiter wiederum hätten gar nicht die Zeit, sich um
die Patienten zu kümmern. „Man kann seinen Job gar nicht mehr richtig machen“, sagt Gertrud. Viele, die herumschreien, seien demenzkrank. „Die bräuchten eigentlich eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Dies jedoch könne das kleine Team gar nicht leisten.

Krautheim liegt im idyllischen Jagsttal. (Hier zu sehen: Die Burg.) Doch die Idylle trügt. Foto: GSCHWÄTZ

Zwei Mitarbeiter für über 20 Senioren

Früher hätten sie mehrere Azubis gehabt, jetzt sei nur noch ein Lehrling da, eine Azubine, die gerade 16 Jahre geworden sei und bereits voll mitarbeiten müsse, berichtet Gertrud. Im Altenheim in Krautheim, das zur Hohenlohe Krankenhaus gGmbH und damit wiederum zur BBT-Gruppe gehört (staatlich/kirchliche Trägerschaft), gibt es rund 45 Plätze – verteilt auf zwei Stockwerke, so Getrud. Zwei bis drei Mitarbeiter (darunter Minijobber und Teilzeitkräfte) kümmern sich laut Gertrud und Anneliese Riegler um jeweils ein Stockwerk mit teilweise über 20 Patienten. Manchmal,
berichtet Riegler, „bleibt keine Zeit, um die Heimbewohner zu duschen, dann gibt’s Katzenwäsche“.

300 bis 400 Überstunden

Viele der Mitarbeiter seien an ihr Leistungslimit gekommen, seien krank, überarbeitet, hätten gekündigt oder häufen bis zu 300 oder 400 Überstunden an. Neue Mitarbeiter werden immer seltener eingestellt, weil „die eben auch nicht einfach so von den Bäumen hüpfen“, erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie viel eine Teilzeitkraft im Pflegebereich verdient (um die 1.000 Euro
brutto). Unter diesen Bedingungen „kann man seinen Job nicht mehr richtig machen“. Das ist es, was Gertrud am meisten belastet.

Im März 2018 wenden sich die Angehörigen der Heimbewohner in einem Beschwerdebrief an den kaufmännischen Direktor, an Herbert Trudel. Dieses Schreiben liegt GSCHWÄTZ vor. Darin heißt es unter anderem: „Wir zahlen einen nicht unerheblichen Beitrag dafür, damit sie [unsere Angehörigen] gut versorgt sind. […] Wir haben in zehn Jahren viele Heimleitungen kommen
und gehen sehen. […] Das Pflegepersonal (mit Doppelschichten) ist an ihre Grenzen gekommen. […] Es wird immer mehr an Personal gespart“, obwohl die Bewohner teilweise in höhere Pflegegrade eingestuft werden und dadurch auch mehr Pflege benötigen. „Seit Wochen sehen wir oft nur eine Person in der Küche“, die für alle Heimbewohner das Essen zubereiten solle. Riegler und auch Mitarbeiterin Gertrud berichten unabhängig voneinander gegenüber GSCHWÄTZ, dass sich auch das Essen an sich verschlechtert habe, dass die Heimbewohner teilweise dünne Suppen bekämen. Frisches Brot beim örtlichen Bäcker kaufe die neue Heimleitung nicht mehr ein, sondern stattdessen Essen bei günstigen Supermarktketten. „Es wird an allen Ecken und Enden gespart“, lautet das Fazit auch von Mitarbeiterin Gertrud.

Mitarbeiter, Angehörige und Heimbewohner gehen auf die Barrikaden. Foto: unsplash

Angehörige: „Seit Wochen sehen wir oft nur eine Person in der Küche“

Herbert Trudel antwortet nur wenige Tage später. Trudels Schreiben liegt der Redaktion GSCHWÄTZ ebenfalls vor. Darin heißt es: „Betroffen haben Herr Mächtlen und ich Ihre Beschwerde […] zur Kenntnis genommen.“ Trudel verweist darauf, diese Beschwerden bei der nächsten Angehörigenversammlung am 11. April 2018 anzusprechen. Riegler wiederum teilte GSCHWÄTZ mit, dass es auch nach dieser Versammlung zu keinerlei Verbesserung gekommen sei. Im Gegenteil. „Der Zustand hat sich verschlechtert. Das Personal ist ständig unterbesetzt. Gutes Personal hat gekündigt.“ Ein weiteres Ärgernis: „Die Räume sind dreckig und schmutzig“, erzählt Anneliese Riegler. Eine externe Firma sei für die Reinigung der Räume zuständig. Aber vermutlich werde auch hier gespart.

Rund 3.000 Euro für einen Platz im Altenheim

Rund 3.000 Euro zahlen Angehörige im Schnitt für einen Heimplatz in Krautheim. Sind alle 45 Plätze in Krautheim belegt, wären das monatliche Umsätze von 135.000 Euro. Nun sollen die Pflege-Entgelte nochmal angehoben werden, wie Einrichtungsleiter Maximilian Mächtlen in einem Schreiben an die Angehörigen der Heimbewohner ankündigte. Hierzu lud er alle Angehörigen
zum nächsten Angehörigentreffen ein. Am 24. September 2018 war es soweit. An diesem Abend entlud sich, was sich über Monate und teilweise Jahre angestaut hatte.

An diesem Abend entlud sich, was sich über Monate und teilweise Jahre angestaut hatte

17 Menschen waren zur Versammlung gekommen, darunter drei Heimbewohner. Rund die Hälfte meldete sich zu Wort und beschwerte sich bei Trudel und Mächtlen. Die Vorwürfe reihten sich wie Perlen aneinander. Fünf „gute“ Pflegekräfte hätten gekündigt. Zwei Hilfskräfte aus Mazedonien, die fast kein Deutsch können, seien stattdessen eingestellt worden. Das Essen lies angesichts vieler Heimbewohner, die sowieso schon Probleme mit dem Magen hatten, zu wünschen übrig. Von übersäuertem Ochsenmaulsalat war die Rede und Vollkornbrot, das viele schlicht nicht mehr
essen könnten. Und überhaupt: Das Personal habe zu wenig Zeit, um die Menschen nach Bedarf zu füttern. Die Jalousien würden nicht repariert werden, so dass die Heimbewohner teils im Dunkeln sitzen müssten.

Alte sitzen im Dunkeln, Mitarbeiter haben nur noch Zeit für Katzenwäsche

Und: Es fehle eine offene, transparente, kritische Kommunikation über all diese Misstände. Jemand sprach von „Betrug“ angesichts der Tatsache, dass die Heimbewohner beziehungsweise
die Angehörigen nun auch noch mehrere hundert Euro mehr für den Heimplatz bezahlen müssen. Wohin fließe das Geld?, wollte jemand wissen. Trudel und Mächtlen verwiesen indes darauf, dass ab dem 01. Oktober 2018 zwei neue Pflegekräfte kommen würden und zusätzlich eine Nachtwache. Aber der vorgegebene Stellenschlüssel müsse eingehalten werden. Mächtlen verwies auf die Vorgaben der Kranken- und Sozialkassen. In einem halben Jahr wollen sie zum nächsten Angehörigentreffen einladen. Ein Heimbewohner im Rollstuhl schüttelte nur frustriert den Kopf und meinte: „Hier wird doch sowieso nur geredet, aber nichts kommt heraus.“ – „So schaffen wir das nicht“, meinte eine andere Stimme. Seit dem letzten Treffen, überhaupt die letzten Jahre, habe sich nichts verbessert, kritisierte eine weitere Stimme. Jahrelang seien diese Missstände schon vorgetragen worden. Doch nichts sei passiert. Im Gegenteil.

Mitarbeiter haben teilweise keine Zeit mehr, die Heimbewohner zu duschen. Dann gibt es Katzenwäsche. Foto: adobe stock

GSCHWÄTZ die BBT-Gruppe als Mehrheitseigner der Hohenloher Seniorenheime um eine Stellungnahme gebeten. Der BBT-Gruppe äusserte sich nicht überrascht und betont, dass bereits erste Schritte zur Verbesserung der Situation eingeleitet wurden:

BBT-Gruppe stimmt zu: „Es gibt Handlungsbedarf“

„Bereits kurz nach Übernahme der Verantwortung für die Seniorenheime der Hohenloher Seniorenbetreuung (HSB) haben wir uns intensiv mit der Situation dort beschäftigt.  Von Mitte Juni bis Mitte Juli fanden in allen stationären Senioreneinrichtungen interne Audits statt. Dabei wurden intensive Gespräche mit den Einrichtungsleitungen, Wohnbereichsleitungen und PDL über die Infrastruktur der Gebäude, über die Personalsituation sowie die aktuellen Berichte der Heimaufsicht und des MDK geführt. Auf der Grundlage dieser Audits haben wir Konzepte für die Weiterentwicklung der Senioreneinrichtungen erstellt, die gemeinsame Standards zur Qualitätssicherung, zu Personalmanagement und Personalentwicklung beinhalten. Wir sind nun dabei, diese Konzepte Schritt für Schritt umzusetzen und haben bereits erste Sofortmaßnahmen eingeleitet“, beschreibt BBT-Regionalleiter Thomas Wigant die Situation. „Das ist allerdings ein kontinuierlicher Prozess, der nicht immer sofort nach außen sichtbar ist. Im Altenheim  Krautheim stehen wir vor einigen besonderen Herausforderungen, es gibt Handlungsbedarf und wir haben bereits damit begonnen, uns dem zu stellen.“

Zu wenig Personal in der Pflege

Die BBT-Gruppe verweist auf die derzeit deutschlandweite Situation, dass Pflegepersonal überall Mangelware sei.

„Gut ausgebildetes Pflegepersonal ist nach unserer Ansicht für eine gute Pflege in unseren Senioreneinrichtungen unverzichtbar. Bundesweit fehlen allein in der Altenpflege mehrere tausend Fachkräfte und gerade in ländlichen Regionen ist es schwierig, ausreichend Pflegefachkräfte zu finden. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass die Suche nach qualifiziertem Pflegepersonal in den Einrichtungen der HSB durch die Löhne nach einem niedrigeren Haustarif in den vergangenen Jahren zusätzlich erschwert wurde. Dieser Herausforderung stellen wir uns – gerade auch im Sinne einer guten Versorgung für unsere Bewohner.  Zurzeit führen wir Tarifgespräche mit der Gewerkschaft verdi und dem Betriebsrat, die eine schrittweise Annäherung an den Tarif des öffentlichen Dienstes und damit eine Rückkehr in den Flächentarif zum Ziel haben. Diese Gespräche stehen jetzt kurz vor einem Abschluss“, so der Regionalleiter der BBT-Gruppe Thomas Weber. „Wichtiges Anliegen ist es dabei für uns als Verantwortliche, einen guten Ausgleich zu finden zwischen  – einerseits – unserer erklärten Absicht, die Löhne und Gehälter für unsere Mitarbeiter künftig schrittweise an den Tarif des TVÖD anzupassen und  – andererseits – die finanzielle Belastung für unsere Bewohnerinnen und Bewohner beziehungsweise deren Angehörige in Grenzen zu halten“, so Thomas Weber weiter. „Gute Pflege muss uns – auch als Gesellschaft insgesamt – etwas wert sein. Dieser Schritt ist für uns eine Grundlage sowohl für die künftige Gewinnung als auch die Bindung von qualifizierten Pflegenden, die bereits in unseren Einrichtungen arbeiten.“

„Dabei sind die vorgegeben Pflegeschlüssel orientiert an den Pflegegraden Bewohner für uns verbindlich und werden auch durch die Kostenträger und die Heimaufsicht extern kontrolliert“, unterstreicht der kaufmännische Direktor der HSB Herbert Trudel. „Im Altenheim Krautheim  waren im ersten Halbjahr 2018 – bei monatlichen Schwankungen – im Schnitt 0,3 VK mehr Pflegepersonal beschäftigt, als vom vereinbarten Pflegeschlüssel verlangt. Dabei gab es allerdings auch Personalwechsel. Fünf Mitarbeiter haben uns verlassen. Dafür wurden sechs Mitarbeiter neu eingestellt, darunter zwei ausgebildete mazedonische Pflegekräfte mit Sprachniveau B2, die mit wöchentlichem Sprachunterricht unterstützt werden, um ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.“

BBT-Gruppe verspricht, Jalousien zu reparieren und gesteht Mängel in der Sauberkeit der Räume ein

„In einigen – auch von Ihnen angeführten – Fällen haben wir im Altenheim Krautheim bereits Sofortmaßnahmen eingeleitet: Tatsächlich war die Qualität der Reinigungsfirma auch aus unserer Sicht nicht ausreichend. Nachdem unsere Interventionen bei der Firma nicht die gewünschten Besserungen erzielten, werden wir in Kürze die Gebäudereinigung wieder selbst übernehmen. Auch die Reparatur der Jalousien in einigen Zimmern hat in dieser Woche bereits begonnen“, heißt es in der Antwort auf unsere Presseanfrage. In einem Punkt jedoch betont BBT, dass es keine Mängel gab:

„Den Vorwurf, am Essen zu sparen, weisen wir entschieden zurück. Das Essen stellt aus unserer Sicht für unsere Bewohner einen wesentlichen Bestandteil der Lebensqualität dar“, so der kaufmännische Direktor der HSB Herbert Trudel weiter. „Die Speiseplanung erfolgt  durch unsere qualifizierte Hauswirtschaftsleiterin nach ernährungswissenschaftlichen  Gesichtspunkten und den Bewohnerbedürfnissen und -wünschen. Es gibt daher keine ‚dünnen Suppen‘. Sicher schmecken nicht immer alle Speisen jedem Bewohner. Wir versuchen daher soweit es geht, auch den individuellen Essenswünschen nachzukommen. Deshalb ist es auch wichtig. etwa beim Brot abwechselnde Angebote zu machen, ob von örtlichen Bäckereien oder von anderen Lieferanten. Generell legen wir Wert darauf, unsere Lebensmittel (zum Beispiel Brot, Wurst, Säfte) auch von örtlichen und regionalen Lieferanten zu  beziehen.“

BBT: „Den Vorwurf, beim Essen zu sparen, weisen wir entschieden zurück“

„Wir nehmen alle von den Angehörigen genannten Hinweise sehr ernst und beziehen sie gezielt in unser Qualitätsmanagement mit ein“, betont Regionalleiter Thomas Wigant. „Rückmeldungen der Bewohner und Angehörigen – am besten im direkten Gespräch mit den zuständigen Verantwortlichen in den Senioreneinrichtungen – sind wichtig, damit wir konkrete Maßnahmen zu einer weiteren Verbesserung einleiten können. Daran arbeiten wir und wir setzen dabei auf einen guten Dialog mit unseren Bewohnern und deren Angehörigen.

Kaum einer glaubt noch an eine Verbesserung, es werde nur immer schlechter, schlagen Angehörige, Heimbewohner und Mitarbeiter Alarm

Der Frust und die Enttäuschung sind groß in Krautheim, denn kaum glaubt an eine Verbesserung der Situation, viele Mitarbeiter, aber auch Angehörige sind am Ende ihrer
Kräfte. „Wir alle sind alle fix und fertig“, sagte Anneliese Riegler gegenüber GSCHWÄTZ.

 

BBT-Gruppe bleibt Frage nach den Gehältern der Geschäftsführung offen

Die BBT-Gruppe hat der Redaktion GSCHWÄTZ  in kürzester Zeit umfassend und auch selbstkritisch geantwortet. Die einzige Frage, die sie offen lies, war die Frage, wie viel die Geschäftsführung verdient.

Wieviel verdient die Geschäftsführung? Foto: adobe unstock

Altenheime in Hohenlohe

Die Hohenloher Krankenhaus gGmbH (HK) führt laut dem Geschäftsbericht von 2016 zwei Altenheime. Die Hohenloher Seniorenbetreuung gGmbH (HS) führt sechs weitere Seniorenzentren im
Landkreis. Die HS ist ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der HK. Laut dem Geschäftsbericht 2016 erwirtschafteten die Altenheime in Öhringen und Krautheim einen Überschuss von 129.000 Euro. Vergleichbare Zahlen zu den anderen Altenheimen, wie etwa Krautheim, werden in dem Bericht nicht einzeln aufgeführt. In diesem Geschäftsbericht verwies der damalige Geschäftsführer Jürgen Schopf auf die schlechte finanzielle Entwicklung der HK insgesamt und die Entscheidung des Kreistages, Mittel aus dem Krankenhausstrukturfonds zu beantragen.
Die Annahme der Mittel ging später mit der Schließung des Krankenhausstandortes in Künzelsau einher.

 

Mehr Informationen gibt es in unserer aktuellen Oktober-Ausgabe überall im Einzelhandel oder bestellbar auf www.gschwaetz.de

// Mehr wissen // Wir lieben unser Ländle //