Nina und der Thaiboxer
Eine Studentin aus Stachenhausen erzählt, warum sie sich in der Flüchtlingshilfe engagiert:
„Ich engagiere mich in der Flüchtlingshilfe, weil ich mir einen eigenen Eindruck von dem großen Thema Flüchtlinge machen möchte, das seit der großen Flüchtlingswelle 2015 nicht mehr aus unserer Medienlandschaft wegzudenken ist und doch ein Thema bleibt, das scheinbar mehr Fragen und Ängste aufwirft, als beantwortet werden.
Mit YouTube-Videos Deutsch beigebracht
Durch die Organisation Pelican, die von Professoren und Mitarbeitern meiner Fakultät in Karlsruhe ins Leben gerufen wurde, habe ich Mohammad kennengelernt. Mohammad ist mein Tandempartner aus Afghanistan. Er ist 20 Jahre alt und kam vor knapp 3 Jahren nach Deutschland. Nachdem er seinen Realschulabschluss in Deutschland nachgeholt hat, hat er sich für eine Ausbildung zum Fachinformatiker beworben und damit im September 2018 begonnen. Er hat sich bei Pelican angemeldet, weil er für die Berufsschule Hilfe in den Fächern BWL, Wirtschaftskunde und Deutsch benötigt. Da ich im Bachelor Wirtschaft studiert habe, freue ich mich natürlich sehr, ihm dabei zu helfen.
Was mich jedoch wirklich nachhaltig beeindruckt, ist die Geschichte Mohammads. Als er seinen Vater im Krieg in Afghanistan verlor, sahen Mohammad und seine Familie sich gezwungen aus ihrer Heimat zu flüchten. Im Nachbarland Iran gingen der Familie jedoch die finanziellen Mittel aus und nur Mohammad wurde die weitere Flucht ermöglicht. So ging es für ihn weiter in die Türkei, wo er in nur 5 Monaten dank seines beachtlichen Sprachtalents fließend türkisch lernte. Er reiste weiter über Griechenland, Italien und der Schweiz nach Deutschland. Sein großer Traum ist die Ausbildung des Fachinformatikers zu absolvieren und später sein eigenes IT-Unternehmen zu gründen. Wie lange sein Aufenthalt in Deutschland sein wird, ist noch unklar, denn seine Aufenthaltsgenehmigung gilt bisher nur bis zur Beendigung seiner Ausbildung. Die Möglichkeit ohne Asyl den Realschulabschluss nachzuholen und damit im Anschluss die Ausbildung zu beginnen, gab es für ihn nur in Deutschland.
Nur in Deutschland hatte er die Möglichkeit, seinen Realschulabschluss nachzuholen
Deshalb war es sein Ziel hierher zu kommen. Nachdem er sich mithilfe von YouTube-Videos Deutsch beigebracht hatte, begann er seine mittlere Reife. Nebenbei ging er seinem langjährigen Hobby, dem Thaiboxen nach. Er kämpfte so gut, dass er die deutsche Meisterschaft im September 2016 gewann. Um jedoch auf europäischer Ebene zu kämpfen, hätte er einen Aufenthalt in Deutschland gebraucht und so traf er die Entscheidung mit dem Thaiboxen aufzuhören und sich ganz auf seine bevorstehende Ausbildung zu konzentrieren. Nach fast drei Jahren in Deutschland, fiel ihm auf, dass in den deutschen Medien ein sehr negatives Bild von Flüchtlingen vorherrscht. So gründete er im November 2018 den Verein „Jugendliche ohne Grenzen Deutschland e.V.“, ein Ort kommunikativen Austauschs, frei von Religion oder Politik, der die Türen für alle Ethnizitäten öffnen soll. Mit Angeboten, beispielsweise verschiedenen Sportgruppen oder Global Villages, verfolgt der Verein zwei Ziele:
Das erste ist der Kulturaustausch, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. So fügt Mohammad hinzu: „Ich wollte, dass die Jugendlichen die Kultur von Deutschland kennenlernen, Freunde finden und ihre Sprache verbessern.“ Aber auch deutsche Jugendliche sind dazu eingeladen, an Themenabenden teilzunehmen. Mohammad plant einen Themenabend über Afghanistan zu veranstalten. An dem möchte er über die afghanische Kultur erzählen, die Geschichte Afghanistans, wie es zum Krieg kam, aber auch wer die Menschen sind, die dort leben.
Thema Flüchtlinge: „Es gibt auch gute Menschen“, sagt Mohammad
Als er in Deutschland ankam war es ihm neu, Frauen bei der Begrüßung, sowie Männern, auch die Hand zu schütteln. Bis ihn irgendwann eine Frau direkt fragte wieso er ihr nicht die Hand gäbe. Ihm war dies nicht bewusst, denn in Afghanistan umarmt man seine Freunde und küsst sich dreimal auf beide Wangen. Mohammad liegt es auch am Herzen, dass man Afghanistan nicht nur mit Krieg assoziiert, sondern auch mit leckerem Essen, riesigen Gebirgen und sieht, dass es ein facettenreiches Land ist.
Das zweite Ziel basiert auf dem Wunsch das Bild von Flüchtlingen in der Gesellschaft zu verbessern und den Flüchtlingen, die es verdient haben, die Integration zu ermöglichen. „Was in den Zeitungen über Flüchtlinge steht soll geändert werden. Es gibt auch gute Menschen, die wegen der anderen ignoriert werden. Es soll mehr Möglichkeiten geben, für die Flüchtlinge, die talentiert sind, diejenigen die sich integrieren möchten.“
Spätzle zum Kennenlernen traditioneller deutscher beziehungsweise süddeutscher Küche
„Ich helfe Mohammad sehr gerne dabei, für Schularbeiten zu lernen oder einen Brief an das Finanzamt zu schreiben. Doch vielmehr habe ich das Gefühl, dass er mir geholfen hat. Er hat mir die Augen geöffnet für das, was wirklich passiert. Für das, was wirklich wichtig ist. Nachdem er und sein Freund Shirzad mich vor einigen Wochen zum selbst gekochten afghanischen Mittagessen eingeladen haben, werde ich die beiden bald von Spätzle überzeugen. Kultureller Austausch eben.“
Text von Nina Frölich



