Ein Besuch im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg.
Es ist ruhig an diesem Morgen im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg. Die 58 Kinder der sechs Familien, die zurzeit hier leben, sind in der Schule oder im Kindergarten. „Am Nachmittag herrscht hier schon mehr Trubel“, sagt Eva Seibel, Pressereferentin der Einrichtung. Dann spielen die Kinder auf der verkehrsberuhigten Straße oder malen, basteln und kochen im so genannten Treff.
Zu ihren eigenen drei Kindern kamen sieben weitere dazu
Gegründet 1957 von Margarete Gutöhrlein und inspiriert von Albert Schweitzer gibt der Verein schutzbedürftigen Kindern ein Zuhause. Bundesweit gibt es zehn solcher Einrichtungen.
Auch Kerstin Fellger und ihr Mann Markus Pachmann sind seit 2015 Kinderdorf-Eltern. Zu ihren eigenen drei Kindern kamen sieben weitere dazu. „Es ist eine Herausforderung, die das ganze Leben umkrempelt“, sagt die gelernte Altenpflegerin und Erzieherin. Zunächst arbeitete sie als Erzieherin im Dorf. Ihr Mann gab dann den Anstoß für die Entscheidung, Kinderdorf-Eltern zu werden. Er arbeitet zwar extern als Schreiner, „doch der Papa ist das absolute Idol und besonders für die Jungs sehr wichtig“, erklärt die 39-Jährige.

Einen Familienurlaub planen? Eine logistische Meisterleistung für Kerstin Fellger.
Foto: GSCHWÄTZ / Sonja Bossert
Ein Elternteil muss Erzieher sein oder eine sozialpädagogische Ausbildung haben
Auch das gehört zum Konzept des Kinderdorfs: Betreut werden die Kinder von Paaren, mit einem Mann als Vorbild, das sei besonders für die Jungs wichtig. Ein Elternteil muss Erzieher sein oder eine sozialpädagogische Ausbildung haben. Mittlerweile haben sich Kerstin Fellger und ihre Familie eingelebt. Vor allem für ihre jüngste Tochter, die zehnjährige Lara, sieht sie Vorteile: „Sie hat jetzt immer jemanden zum Spielen.“ Der 17-jährige Sohn Lukas dagegen ist der coole Held der Rasselbande. Unterstützung im Alltag geben eine Hauswirtschafterin und Erzieher. Erlebnis- und Freizeitpädagogen bieten nachmittags ein Programm, ein Zirkuspädagoge trainiert mit den Kindern und eine Musikpädagogin gibt Unterricht. Die ab Zehnjährigen betreiben einmal im Monat ein Café.
Wichtig ist eine konstante Bezugsperson
Es sind Kinder aus Problemfamilien, deren Eltern sich nicht kümmern können oder wollen, die im Kinderdorf ein neues Zuhause finden. Das ging teilweise so weit, dass die Kinder nicht einmal ausreichend zu essen bekamen. Die Kinder werden vom Jugendamt aus ihren Familien genommen und können, wenn sie das entsprechende Alter haben und es Platz gibt, im Kinderdorf leben. Es gibt die Möglichkeit eines begleiteten Umgangs mit den leiblichen Eltern. Um den Start zu erleichtern, lernen sich alle schon vor dem Einzug kennen. Wichtig ist eine konstante Bezugsperson – die Eltern sollen ihre Rolle ganz bewusst leben. So sagen die Kinder mittlerweile Mama zu Kerstin Fellger.
„Hier hat man eine richtig echte Mama“
Der Alltag der Großfamilie sieht aus wie der jeder Familie – nur in anderen Dimensionen. Die zwei Waschmaschinen im Haus drehen sich ständig und die Kleidung wird in acht Körbe einsortiert. Eine logistische Meisterleistung ist die Fahrt in den Sommerurlaub. In der Woche zuvor gibt es viel zu tun: Listen schreiben, einpacken, kontrollieren, ob auch wirklich alles im Auto ist. Um abzuschalten, fährt die Hausmutter auch mal mit ihrer Ursprungsfamilie alleine weg. Doch länger als fünf Tage war das bis jetzt noch nicht. Auf Rituale legt Kerstin Fellger viel Wert – gemeinsame Mahlzeiten und Geburtstagsfeiern etwa. Einmal in der Woche räumen alle zusammen die Kinderzimmer auf. So lernen die Kinder Familienalltag kennen, den sie zuvor nicht hatten. Ein echtes Familienprojekt ist der Stall in Schwäbisch Hall, in dem acht eigene Pferde stehen. Mehrmals in der Woche fährt die Hausmutter dorthin, immer begleitet von einigen Kindern. Die Kinder leben gern im Dorf. Fragt man, sagen sie „weil man hier gutes Essen kriegt“, oder „weil Papa alles repariert und man nie allein ist“. Aber das Schönste für Kerstin Fellger ist die Antwort des Jüngsten: „Hier hat man eine richtig echte Mama“.