Künzelsau: Formen der Erinnerung – Stolperstein-Verlegung
Gunter Demnig verlegt am Dienstag, den 3. März 2020, in Künzelsau erneut Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus. Begleitet wird die Aktion von Bürgern und Schulen. Treffpunkt ist um 9.15 Uhr am Oberen Bach, bei der Bäckerei Härdtner (ehemalige Bäckerei Kühner). Nach dem Abschluss der Verlegung findet zwischen 12 und 12.30 Uhr eine kurze Gedenkfeier in der Johanneskirche statt.
Gesprächsabend zu Erinnerungskultur
Am Vorabend der Stolperstein-Verlegung gibt es einen Gesprächsabend zur Erinnerungskultur an die früher hier lebenden Juden im Rathaus Künzelsau. Gunter Demnig bereichtet von seinen Erfahrungen, dazu Yan Wissmann über seine Forschungen nach seinen Vorfahren in Künzelsau. Moderiert wird der Abend vom Künzelsauer Stadtarchivar Stefan Kraut. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.
Die letzte Stolpersteine-Verlegung in Künzelsau
Einen Schwerpunkt der dieses Mal zu verlegenden 19 Steine bilden Personen, die mit dem jüdischen Ritus verbunden waren: Die Witwe des Parnes, des Vorstehers und Lehrers, Ida Wissmann, und die Familien Adler und Stern, die als Bäcker und Metzger koschere Nahrung anboten. Es dürfte in der Kernstadt das letzte Mal sein, dass Stolpersteine verlegt werden. Angefangen hat es 2007 mit einer Privatinitiative für den in Grafeneck ermordeten christlichen Lehrer Karl Lung – enden wird es mit dem Stein für die christliche Lehrerin und Widerstandskämpferin Clara Rupp, die von den Nazis zehn Jahre gefangen gehalten wurde und das KZ Ravensbrück überlebte. Dazwischen liegen 72 Steine für Juden, die der Nationalsozialismus vertrieben, wenn nicht sogar ermordet hat. Sämtliche Steine sind Spenden von Paten, meist Privatpersonen. Die örtlichen Schulen engagierten sich, sowie die Volkshochschule und der Verein StadtGeschichte. Der Stadtverwaltung oblag die Organisation.
Steine mit Namen und Informationen
Gunter Demnig, Jahrgang 1947, ist ein aus Berlin stammender Künstler, der seit 1992 seine Idee umsetzt, zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus Stolpersteine zu verlegen. Diese etwa zehn auf zehn Zentimeter messenden Messingplatten werden am früheren Wohnort der Betroffenen in den Boden eingelassen. Eingestanzt an der Oberseite befinden sich die Namen und wichtigen Informationen zum Schicksal der jeweiligen Person, der dieser Stein gewidmet ist. Die überwiegende Mehrheit sind Juden, aber es gibt auch Steine für Sinti, für Widerstandskämpfer oder Behinderte. 75.000 derartige Steine wurden inzwischen in Deutschland verlegt.
Großvater Selig aus Künzelsau
Yan Wissmann wurde 1992 in Brasilien geboren. Sein Urgroßvater Selig lebte in Künzelsau, war hier der jüdische Religionslehrer und Gemeindevorsteher – und der erste Stadtrat israelitischen Glaubens. Er starb 1927. Die Kinder wanderten aus, in Künzelsau bekannt war Leo, der gelegentlich aus Jerusalem zu Besuch kam. Julius, der Großvater von Yan, lebte in Brasilien. Nachdem 2013 Yan Wissmann als Austausch-Student nach Potsdam kam, entschied er sich, hier zu bleiben und sich in der bundesrepublikanischen Gesellschaft einzubringen. Ein Beitrag dazu ist es, über seine Familiengeschichte und Erfahrungen öffentliche Vorträge zu halten.
Buch über Juden von Nagelsberg
Der dritte in der Runde, Stefan Kraut, Jahrgang 1960, ist Stadthistoriker bei der Stadtverwaltung Künzelsau und Angehöriger der ältesten Künzelsauer Familie. Er ist in Montevideo geboren, aufgewachsen und lebt seit 1973 wieder im Kochertal. Seine Forschungen zu den Juden von Nagelsberg sind abgeschlossen und sollen als Buch erscheinen.
Quelle: Pressemitteilung der Stadtverwaltung Künzelsau

Gunter Demnig hat bereits im April 2017 Stolpersteine in Künzelsau verlegt. Foto: Stadtverwaltung Künzelsau.

Die Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Stadtverwaltung Künzelsau