1

„Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss“

Am 27. Oktober 2021 hatte Künzelsau prominenten Besuch. Michael Reh, der in den Vereinigten Staaten erfolgreich als Modefotograf arbeitet, stellte im Rahmen einer Lesung sein Buch Katharsis in der gut besuchten Stadthalle vor. Darin verarbeitet er den sexuellen Missbrauch, den er in sehr jungen Jahren durch seine Tante erfahren hat. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann hat er anschließend in einem Interview im Hotel Anne-Sophie in Künzelsau von den Auswirkungen, die dieser Missbrauch auf ihn hatte, erzählt. Im ersten Teil ging es um seine Kindheit und wie er seine Erlebnisse verarbeitet hat. Im zweiten Teil erzählt er von seiner letzten Begegnung mit seiner Tante, den Gesprächsversuchen mit seinem Vater und wie es für ihn heute ist, eine Beziehung zu führen.

Gil Ofarim ist ein guter Freund von Michael Reh. Foto: privat

Auf einem Apfelbauernhof, 10 Kilometer vom nächsten Edeka entfernt

Michael Reh: Diese Lesung ist seit einem Jahr geplant oder sollte letztes Jahr auch schon stattfinden. Da saß ich dann da im Corona-Lockdown in Deutschland mit einer kleinen Reisetasche und konnte auch nicht weg. Ich hätte nach Amerika zurückgehen können. Da wäre ich aber dann vom Regen in die Traufe gekommen, Miami war ja Hochburg von Covid. Also bin ich zu einem Freund auf einen Apfelbauernhof gefahren, wo der nächste Edeka zehn Kilometer entfernt war. Dann habe ich ein neues Buch geschrieben, anstatt auf eine Lesereise zu gehen. Ein Nord-Krimi namens Asta, der aber auch durchaus nach Süddeutschland passt. Es ist aber nicht nur ein Krimi, in dem ein Serienkiller sein Unwesen treibt, sondern da geht es auch wieder um familiäre Strukturen und wie sie sich verändern. Da müssen sich auch die fiktiven Charaktere Dingen stellen, die müssen sich auch entscheiden, wie sie weitergehen, indem sie mit diesen Morden konfrontiert werden. Sie müssen sich hinterfragen: Was habe ich damit zu tun? Wie reagiere ich darauf? Ändere ich mich? Katharsis und Asta haben durchaus was gemeinsam. Es geht immer um Selbstfindung. Meine Figuren müssen sich in irgendeiner Form finden.

Auch Pamela Anderson hatte Michael Reh schon vor seiner Linse. Foto: privat

„Du kannst noch so weit gehen, es bleibt in dir drin“

GSCHWÄTZ: War das auch eine Art Selbstfindung, als du beschlossen hast, in die Vereinigten Staaten auszuwandern?

Michael Reh: Das war unbewusst. Es ist ja schon lange her. Aber vielleicht habe ich Distanz gesucht.

GSCHWÄTZ: Vielleicht auch eine andere Kultur, eine vermeintlich leichtere?

Michael Reh: Das ist keine leichtere, bloß eine andere. Leichter ist die nicht, die kommt nur leichter rüber, weil die Amerikaner kommunikativer im ersten Miteinander sind. Auch wenn die Deutschen immer sagen, die Amis sind oberflächlich – was sie auch sind –  aber es macht ein erstes Miteinander einfacher. Ich bin nach Amerika gegangen, bestimmt unbewusst, unbewusst, um weit weg zu gehen. Um diese Sache vielleicht zu verarbeiten. Aber du kannst noch so weit weggehen – bis ans Ende der Welt. Es bleibt in dir drin. Das heißt, die Verarbeitung muss irgendwann stattfinden, aber vielleicht war die Distanz erstmal hilfreich. Amerika war bestimmt oder ist immer noch extrem wichtig.

Beim Power-Yoga findet Michael Reh Ruhe, aus der er Kraft schöpft. Foto: privat

„Ich kann aus dieser Ruhe eine gewisse Kraft schöpfen“

GSCHWÄTZ: Ich habe gelesen, dass Du Yoga machst, um zu entspannen.

Michael Reh: Ja, ich mache sowieso sehr viel Sport, immer schon, mein ganzes Leben lang. Ich konzentriere mich dann in dem Moment, ähnlich wie beim Schreiben, ganz auf ein Thema, was gut für mich ist, und ich kann da aus dieser Ruhe und aus dieser Konstellation eine gewisse Kraft schöpfen, um wieder an die Themen des realen Lebens heranzugehen. Ich mache sehr viel Power-Yoga mit schnellen Abläufen, das ist schon ein richtiger Sport. Nach 90 Minuten kannst du dich auch da in die Ecke stellen, weil es so anstrengend ist. Aber das ist genau richtig für mich. Für meine Seele und für meinen Körper.

 

„Da habe ich sehr viel Zeit mit mir verbracht“

GSCHWÄTZ: Dir schreiben ja auch viele Überlebende. Schaffst du das, all die Zuschriften zu beantworten?

Michael Reh: In der Pandemie ja, da hatte ich die Zeit und habe fast alle beantwortet. Aber das war schon auch ein emotionaler Kraftakt. In dieser Zeit war ich ja sieben Monate auf dem Apfelbauernhof mit einem Hund und zwei Freunden in Deutschland. Da habe ich auch nicht viele Leute gesehen und hatte wirklich viel, viel Zeit, was ich ganz gut fand, dass ich viel Zeit hatte und Ruhe. Dann bin ich nach Miami zurück im September 2020 und dann war ich noch mal neun Monate durch Corona sehr by myself. Ich habe ein schönes Haus in Miami Beach mit einer Dachterrasse, das Meer ist nur drei Straßen entfernt. Man konnte auch sehr viel Fahrrad fahren. Aber trotzdem war da die Pandemie, es war Lockdown, da habe ich sehr viel Zeit mit mit mir verbracht und hab jeden Tag sechs Stunden geschrieben.

„Das hat mich kaputtgemacht“

GSCHWÄTZ: Welche Emotionen hast du denn all die Jahre mit dir herumgetragen? Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit? Vielleicht auch das Wort verzeihen, das im Raum steht?

Michael Reh: Das ist eine ganz wichtige Frage und eine gute Frage. Du musst bedenken, dass all diese Emotionen in den vergangenen 30 Jahren da waren, nur immer unterschiedlich ausgeprägt. Über allem liegt erst mal, wenn Menschen wütend sind. Also da ist die Wut und die ist wichtig, dass man erst mal wütend wird und sagt: Da ist mir was passiert, das war ungerecht, das war übergreifend, das hat mich kaputt gemacht. Man muss erst mal wütend sein, um aus dieser Wut Energie zu schöpfen. Dann muss man schauen: Was liegt unter der Wut? Da liegt dann oft die Trauer darüber, was mit einem passiert ist. Und die Trauer beinhaltet Mitgefühl, auch für sich selbst empfinden. Mitleid ist kein gutes Wort, Mitgefühl ist ein besseres Wort. Wir müssen auch darauf achten, was für eine Sprache wir benutzen, wenn wir an diese Themen herangehen. Überlebender. Mitgefühl. Nicht Mitleid. Nicht Opfer. Es ist ein langsamer Prozess. Es geht nicht von heute auf morgen. Man braucht Zeit. Aber da wir in einer Zeit leben, in der sich das Thema ein bisschen öffnet für die Öffentlichkeit, weil man mehr Literatur hat. Man kann sich im Internet schlau machen. Es gibt Menschen wie mich, die öffentlich darüber reden. Ich hoffe – es ist wirklich mein tiefstes Anliegen – dass ich irgendjemandem helfen kann durch das, was ich mache und das, was ich erzähle. All das hätte mir damals extrem geholfen, hätte ich da irgendwie so jemand gehabt, der gesagt hat: Mir ist das auch passiert. Ich bin nicht alleine auf dieser Welt. Das ist so extrem wichtig, weil man in Scham, Schande in die Isolation getrieben wird.

Michael Reh arbeitet in New York als Fotograf. Foto: privat

 

„Natürlich ist das schmerzhaft“

GSCHWÄTZ: Du hattest auch innerhalb deiner Familie einen schweren Stand damit. Da gibt es bestimmt auch den ein oder anderen Gedanken, dass man seinen Eltern vielleicht auch Vorwürfe macht diesbezüglich, dass sie da nichts gemerkt haben oder die Augen verschlossen hatten. Dein Vater hat eine ganz spezielle Rolle dabei eingenommen. Ist das immernoch sehr schmerzhaft für dich?

Michael Reh: Natürlich ist es das. Wir reden ja über mein Leben und nicht übers Wetter. Natürlich ist das schmerzhaft. Ich finde das ganz, ganz furchtbar. Das Thema des weggeschmissen Lebens, also, dass man nicht miteinander kommuniziert und deswegen kommuniziere ich ja auch, weil ich das nicht kenne und nicht gelernt habe früher. Und ich finde das so furchtbar. Mein Vater war ein traumatisiertes Kriegskind, ein Nazivater, missbraucht von einem Nachbarsjungen, missbraucht von einem Knecht. Und dann wird er auch noch von der gleichen Frau missbraucht wie ich. Und dann sagt er dir: Es ist es nicht passiert, du lügst. Was mein Vater Anfang der 90er Jahre gesagt hat, weil er es gar nicht aushalten konnte, der musste sich schützen davor und hat gesagt: Das gibt’s nicht. Der Junge ist schwer erziehbar. Und so weiter.

„Was glaubt ihr denn, was in der Pandemie los war?“

GSCHWÄTZ: Zweifelt man in einer solchen Situation nicht an seinem eigenen Verstand?

Michael Reh: Ich habe erst kurz nach seinem Tod erfahren, dass seine Schwägerin, meine Tante, die 18 Jahre älter war als er, ihn auch missbraucht hat. Nicht so wie mich. Nur kurz und ich glaube, es war auch nur ein- oder zweimal. Und dennoch, das hat damit nichts zu tun. Missbrauch bleibt Missbrauch. Also der Vater muss seinen Sohn opfern in dem Sinne, um seine Ruhe zu behalten. Es ist so ein schmerzhaftes Thema und es ist so, weil es eben die Familie betrifft, und der meiste Missbrauch findet innerhalb der Familie statt. Ganz ehrlich, was glaubt ihr denn, was in der Pandemie los war? Was wir noch gar nicht wissen. Die Weltgesundheitsorganisation geht von einer Million Überlebenden von sexuellem Missbrauch aus. Das wären heruntergebrochen zwei Kinder in jeder Schulklasse, die das erfahren.

„Man muss sich hinterfragen: Warum habe ich nicht zugehört?“

GSCHWÄTZ: Ich möchte gerne nochmal kurz auf deinen Vater zurückzukommen. Hast du dich jemals mit deinem Vater aussprechen können?

Michael Reh: Ich habe es versucht, ja. In den 1990ern das erste Mal. Da hat er gesagt: Das denkst du dir aus. 2004 ist er nicht gekommen. 2005 hatten wir eine Möglichkeit und haben uns getroffen, dann waren wir kurz in Kontakt. Dann ebbte das aber sehr schnell wieder ab, weil mein Vater auch merkte, dass ich natürlich auch eine Bedürftigkeit hatte nach einem Vater, obwohl ich ein erwachsener Mann war. Aber man bleibt ja Kind. Das konnte er nicht erfüllen. Und dann hat er mich besucht und das uferte dann so weit aus, dass ich wissen wollte, warum haben wir diesen Kontakt? Und er hat dann wieder angefangen und sagte: Du bist ein ungewolltes Kind deiner Mutter. Meine Mutter war bereits 15 Jahre tot. Also Eigenverantwortung übernehmen. Das ist ja auch schwierig. Und wenn jemand in der Familie einen Überlebenden hat, muss man sich hinterfragen: Was habe ich falsch gemacht? Warum habe ich nicht zugehört?

„Ich bin nicht mehr wütend“

Der erfolgreiche Modefotograf Michael Reh wurde als Kind jahrelang von seiner Tante missbraucht. Foto: GSCHWÄTZ

GSCHWÄTZ: Also er hat eigentlich versucht, durch psychische Abertung von seinen Problemen abzulenken?

Michael Reh: Einmal das und ich glaube, der konnte das alles überhaupt nicht aushalten. Das ist genau das gleiche, was meine Schwester jetzt macht. Ich habe eine Schwester, die ist ein Jahr älter, die macht das gleiche. Sie erträgt es nicht.

GSCHWÄTZ: Es ist bewundernswert, wieviel Verständnis du trotz allem noch für deinen Vater und deine Schwester hast.

Michael Reh: Das ist aber auch eine Geschichte, die sich entwickelt hat. Verstehen, Strukturen Prozesse erkennen. Warum handelt jemand, wieso handelt jemand so? Akzeptieren ist eine andere Sache. Bin ich wütend drüber? Nicht mehr. Ich weiß, ich kann was, warum soll ich wütend auf meinen Vater sein? Warum soll ich wütend auf meine Schwester sein? Es bringt ja nichts.

„Ich wusste, ich lass dich gehen“

Heute ist er nicht mehr wütend auf seinen Vater. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Du hast mit deiner Tante abgeschlossen, es gab kein Gerichtsverfahren.

Michael Reh: Nein, das war damals verjährt. Ich konnte nicht zivil- oder strafrechtlich gegen sie angehen. Deswegen habe ich das Familiengericht angerufen. Da war kein einfacher Weg. Ich  weiß nicht, ob es Karma gibt, aber ich glaube an Energien zwischen Menschen, dass wir alle energetisch sehr miteinander verbunden sind. Ich komme aus einem kleinen Ort im Ruhrpott und da habe ich sie 2009 oder 2010 nochmal gesehen, an ihrem Schlafzimmerfenster, in dem Raum, wo sie mich missbraucht hat. Sie saß da, ich wusste, sie war im Rollstuhl, sie war auch schon leicht dement. Irgendwie kreuzten sich unsere Blicke und keine Ahnung, ob sie mich erkannt hat oder nicht. Aber das war der Moment, wo ich dachte. Nein, ich wusste, ich fühlte, ich lass dich gehen, weil ich kann dich nicht in mir behalten, wenn ich dich in mir behalte, frisst mich das auf und es ist wie Krebs und das möchte ich nicht. Ich lass dich gehen. Sie ist sieben oder acht Jahre später gestorben. Ich habe in der Nacht, bevor sie starb, geträumt, sie stirbt. Ich bin dann auch ein halbes Jahr darauf in in meinen Heimatort gegangen und wollte in diese Wohnung, in dieses Haus. Ich wusste nicht wie, denn sie war tot und ich kannte die Erben nicht. Das hat aber funktioniert, weil ich die Erbin dann traf. Zufällig an dem Tag, an dem ich in dem Ort war, vor dem Haus. Ja, das war schon a very spooky Situation. Ich habe also das ganze Haus noch mal mit ihr sehen können, weil ich wissen wollte, ob meine Bilder stimmen. Und die stimmten alle hundertprozentig.

„Du gehst aus dir raus, weil du es nicht erträgst“

GSCHWÄTZ: War das nicht auch so ein bisschen eine Schreckensbefreiung, noch mal da hinzugehen?

Michael Reh: Das war eine Bestätigung. Ich wollte wissen, ob meine Bilder stimmen von der Wohnung, von dem Gefühl, was die Wohnung hatte, wo was stand. Oder auch mein Unterbewusstsein, ob das mir Streiche spielt, das hat es aber nicht. Ich bin ja ein sehr visueller Mensch, bin ja Fotograf geworden, und es war alles noch genau so. Da stand das Telefon an der gleichen Stelle, die Couch, das Kreuz an der Wand. Es prägt sich alles ein. Du gehst ja, wenn das passiert, aus deinem Körper raus und projizierst dich im Gegenstand oder ein Objekt. Du gehst aus dir raus, weil du es nicht erträgst. Und ich hatte mich in so eine Puppe oder in das Kreuz mit Jesus an der Wand projiziert. Das heißt, da passierte nichts mit mir, sondern ich war abgespalten. Vereisung, Abspaltung, auch ein ganz ein großes Thema bei Missbrauch.

„Das hat mich extrem beeinflusst“

GSCHWÄTZ: Inwieweit hat es dann deine Sexualität geprägt danach?

Michael Reh: Da antworte ich mit einer Gegenfrage. Was glaubst du, wie deine Sexualität sich geprägt hätte, wenn du mit fünf oder sechs Sexualität als kriminell übergreifend, als Vergewaltigung und Todesdrohung empfunden hättest?

GSCHWÄTZ: Da ist vermutlich schon die Einordnung schwer: Was ist normal? Und wie müsste es sein? Auch wenn die Liebe der Eltern fehlt, dann in eine Beziehung zu starten und prinzipiell alles neu zu lernen.

Michael Reh: Wenn man es überhaupt lernen kann? Es gibt ja Liebe und Sexualität und Beziehung und Freundschaft. Das sind ja alles sehr unterschiedliche Begriffe. Ich würde mal sagen, es hat mich so beeinflusst, dass es natürlich schwierig war, Vertrauen zu fassen. Sexualität hat für mich unendlich viel mit Vertrauen zu tun. Früher konnte mich keinervon hinten umarmen. Da bin ich schon ausgeflippt. Beeinflusst hat mich das natürlich extrem.

„Das Leben ist immer Bewegung, Veränderung“

GSCHWÄTZ: Konntest du dann oder kannst du Beziehungen langfristig führen?

Michael Reh: Kurzfristig geht schon mal super (lacht). Langfristig ja, das geht auch. Ich bin seit neun Jahren allein und denke mir, schauen wir mal, was noch kommt. Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Das Leben ist immer Bewegung, immer Veränderung und und das ist das, was mir jeden Tag Hoffnung gibt oder meinen Pragmatismus nährt. Jeder Tag und das meine ich wirklich ernst. Ich stehe morgens auf und denke mir aber: Treffe ich auf was, das mich heute berührt? Das ist eine ganz große Lebensquelle für mich. Da muss man nicht durch die Welt touren oder jeden Tag in einer anderen Stadt sein. Das ist eher stressig. Sondern was passiert heute? Wenn es nur ein ganz kleiner Moment ist. So kleine Momente, bei denen ich denke: Ah! Was gelernt, was gefühlt, was verändert.

GSCHWÄTZ: Michael, ich danke dir für deine Zeit, die du dir für uns genommen hast, für das Interview. Und wenn Sie, liebe Leser:innen und liebe Zuschauer:innen, noch mehr erfahren möchten über das Thema oder wenn Sie selbst Hilfe brauchen oder Fragen haben, dann gibt es in Künzelsau eine Beratungsstelle, die heißt Infokoop. Die befindet sich am oberen Bach in Künzelsau und da stehen die Mitarbeiter:innen Ihnen immer zur Verfügung. Trauen Sie sich, haben Sie Mut.

Bücher von Michael Reh

Michael Reh hat bislang zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt Katharsis. Darin verarbeitet der Fotograf den sexuellen Missbrauch in Romanform. Das zweite Buch von ihm heißt Asta. Es ist ein Kriminalroman, der ebenfalls innerfamiliäre Beziehungsebenen beleuchtet.

 

Der zweite Roman von Michael Reh, Asta, ist ein Krimi.

Ganz entspannt: Autor und Fotograf Michael Reh im Dialog mit dem Publikum. Foto: GSCHWÄTZ

Gut besucht: Lesung von Michael Reh ind er Künzelsauer Stadthalle, Foto: GSCHWÄTZ




Es ist nie vorbei

Am 27. Oktober 2021 hatte Künzelsau prominenten Besuch. Michael Reh, der in den Vereinigten Staaten als erfolgreicher Modefotograf arbeitet, stellte im Rahmen einer Lesung sein Buch Katharsis in der gut besuchten Stadthalle vor. Darin verarbeitet er den sexuellen Missbrauch, den er in seiner Kindheit über Jahre durch seine Tante erfahren hat.

Ganz entspannt: Autor und Fotograf Michael Reh im Dialog. Foto: GSCHWÄTZ

 

 

GSCHWÄTZ: Michael, wie waren gestern die Reaktionen hier in Künzelsau auf dein Buch?

Arbeit als Aufklärer

Michael Reh: Es hat mir sehr gut gefallen. Es ist immer bei einer Lesung bei diesem Thema natürlich schwierig. Ich bin ein bisschen nervös, wenn es anfängt, weil ich ja nicht übers Wetter rede, aber das geht dann ganz schnell weg. Ich sage auch, es ist ein miteinander, ich rede ganz viel vorher, woher ich komme und was ich beabsichtige mit meiner Arbeit als Aufklärer.

„Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden?“

GSCHWÄTZ: Das heißt, es sind auch viele Menschen im Publikum, die selbst betroffen sind?

Michael Reh: in irgendeiner Form. Das habe ich auch vorher gefragt. Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden, weil es eine sehr persönliche Frage ist und viele Menschen das auch nicht öffentlich machen wollen. Aber es waren sehr viele Leute, die mit dem Thema arbeiten und Sozialarbeiter natürlich von Infokkoop in Künzelsau und vom Kinderdorf in Waldenburg.

8 Jahre Missbrauch

GSCHWÄTZ: Du wurdest ab deinem vierten Lebensjahr bis zum 12. Lebensjahr missbraucht. Das ist eine lange Zeit.

Michael Reh: Es hat immer wieder stattgefunden über die Jahre. Also nicht täglich natürlich. Aber jedes Mal, wenn ich in die Obhut meiner Tante gegeben wurde, was sehr oft passierte, dann wurde sie übergriffig und hat mich missbraucht mit allem, was dazugehört. Ich weiß nicht, inwiefern wir hier ganz offen reden können, aber vom Oralverkehr bis zur Interaktion als Mann hat alles stattgefunden. Die meisten Menschen können sich ja nicht vorstellen, wie eine Frau missbraucht. Wie das aussieht, sie hat ja keinen Penis und kann selbst nicht penetrieren. Aber da gibt es sehr viele andere Möglichkeiten, man kann mit Gegenständen penetrieren, Oralverkehr und so weiter. Das ist auch alles über die Jahre immer wieder vorgekommen.

„Wenn du darüber redest, bringe ich dich um“

GSCHWÄTZ: Du warst ja damals ein kleiner unschuldiger Junge, der vermutlich auch Vertrauen zu dieser Frau hatte. Wann kam der Punkt, als du überlegt oder gemerkt hast, dass das nicht normal ist, was da geschieht, dass möglicherweise Grenzen überschritten werden?

Michael Reh: Natürlich kannst du mit viereinhalb nicht erkennen oder benennen, was da gemacht wird. Du kannst es nur erfühlen, du weißt, dass das, was da gemacht wird gegen deinen Willen passiert, übergreifend ist, kriminell. Und wenn du dich dagegen wehrst, dann wird dir gesagt: Wenn du darüber redest, bringe ich dich um. So, das heißt, sofort wird der Deckel draufgehalten. Man kann sich nicht mitteilen. Man kann nicht sagen: Ich bin gerade sexuell missbraucht worden, weil du das noch nicht so in Worte fassen kannst als Kind. Du weißt nur, dass das, was passiert, vollkommen falsch ist, Angst auslöst.

„Ich hatte kein Vertrauen in meine Eltern“

Hast du trotzdem versucht, zumindest deinen Eltern zu vermitteln, dass du da nicht mehr hin willst?

Michael Reh: Bei mir ist es ja sehr lange her. Ende der 60er Jahre bis in die 70er Jahre hinein. Ich komme aus einem katholischen Elternhaus. Ich hatte kein Vertrauen in dem Sinne zu meinen Eltern. Das war ein sehr distanziertes Verhältnis. Kein emotionales Verhältnis also, wie man es von Familie kennt. Ich kenne das nicht. Familie, Liebe und Nähe, Vertrauen, Zuneigung. Ich finde es toll, wenn ich Eltern sehe, die mit den Kindern liebevoll umgehen. Das kenne ich nicht. Ich sehe das nur.

GSCHWÄTZ: Hast du aus diesem Grund auch keine Kinder? Aus Angst, etwa keine Liebe weitergeben zu können?

Michael Reh: Ja, ich glaube schon. Ich habe früher immer gedacht, denen gebe ich dann so viel Mist mit oder so viel unverarbeitete Geschichten. Heute denke ich, ich wäre ein guter Vater, heute bin ich jedoch 59. Aber ich arbeite ganz viel mit jungen Menschen zusammen, in meinem Job natürlich. Und da kann ich etwas weitergeben. Obwohl ich immer, wenn ich kleine Kinder sehe, denke, schade eigentlich. Also Eltern, Kinder, diese Liebe weiterzugeben, diese Liebe zu bekommen, ist natürlich Wahnsinn.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer darüber sprechen“

GSCHWÄTZ: Aber dafür hast du jetzt auch irgendwo deine Rolle gefunden, indem du Missbrauchsopfern auf der ganzen Welt eine Stimme gibst und Mut machst, damit nach außen zu gehen.

Michael Reh: Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer über dieses Thema sprechen. Egal ob sie schwul sind oder hetero. Die Männer reden über das Thema nicht, weil sie entmannt wurden. Das passt in unsere Gesellschaft aber nicht rein. Du sagtest gerade Mut. Das wird auch so oft gesagt und dann denke ich Ja, Mut. Für mich ist das kein Mut in dem Sinne. Ich habe da auch nie drüber nachgedacht, sondern es ist eine Notwendigkeit. Ich muss das machen. Ich empfinde es als eine Aufgabe, das nach außen zu tragen und vielleicht anderen damit auch eine Stimme zu geben.

„Ich bin weggelaufen“

GSCHWÄTZ: Warum hat der Missbrauch bei Dir dann mit 12 Jahren aufgehört?

Michael Reh: Ich war zu alt. Wahrscheinlich kam in die Pubertät und ich war an einem Punkt, an dem ich mich gewehrt habe. Ich bin weggelaufen, als sie weg war. Das war an Ostern 1974. Meine Eltern hatten mich dahingegeben, bevor sie nach Rom gefahren sind. Und ich wurde bei dieser Frau, meiner Tante Hanne, abgegeben und sie hat es wieder probiert, dann bin ich raus vor ein Auto gelaufen auf der Straße und dachte, wenn ich vor ein Auto laufe, komme ich ins Krankenhaus, dann kann sie nicht ran. Und dann hörte es auf. Dann hat sie wahrscheinlich auch irgendwie mitgekriegt:Okay, da läuft nichts mehr. Der Junge fängt an, in anderen Dimensionen zu denken und sich zu wehren.

„Ich habe das verdrängt wie viele andere“

GSCHWÄTZ: Dann kam die Pubertät.

Michael Reh: Ich war ein Spätzünder. Ich habe mich weiterhin zurückgezogen und dann hatte ich das ganz, ganz große Glück in der neunten Klasse sitzen zu bleiben, wegen Mathematik. Aber Mathe war nicht das eigentliche Problem. Ich musste aus dieser Klasse raus, in der ich gemobbt wurde. Ich musste aus dieser Situation raus, in der ich immer drin war und bekam eine ganz wunderbare Klasse und lernte wunderbare Mitschüler kennen, wurde Klassensprecher und hatte eine Clique und die haben mich getragen, mit denen bin ich teilweise heute noch befreundet. Und da merkte ich, wie ich allmählich aus dieser Vereisung und aus dieser Isolation rauskam. Das Trauma des Missbrauchs. Ich habe das verdrängt, wie viele Missbrauchte oder Überlebende von Missbrauch. Erst mit Mitte 20 kamen die Erinnerungen wirklich extrem zurück. Dann habe ich angefangen mit Therapie und Arbeit. Dann brach das Ganze ganz extrem Anfang der 90er auf, als meine Mutter starb, was mich sehr traumatisierte. Dann war alles wieder da.

„Eine Therapie ist extrem wichtig“

GSCHWÄTZ: Was rätst Du Missbrauchsopfern und Angehörigen?

Michael Reh: Eine Therapie ist extrem wichtig, das kann ich nur jedem empfehlen. Ich fand immer, in Deutschland ist manchmal Therapie ja noch so ein bisschen verpönt. Ich habe in New York eine Therapie gemacht und hatte eine wunderbare Therapeutin. Eva Welsh hieß sie. Sie hat mir sehr, sehr geholfen. Therapie ist eine Lebensschule. Sie hat mir Sachen erklärt oder mich auf Dinge hingewiesen, die ich selber nicht erkannte. Sie  hat immer gesagt: Das bist du und ich zeige dir dich selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Das heißt, du kannst deine Geschichte anders sehen und anders leben und fühlen. Sie hat mich sehr behutsam an diese Missbrauchserinnerungen, die ja extrem negativ und sehr stark waren, herangeführt.

„Ich schlafe total schlecht“

GSCHWÄTZ: Hattest Du Albträume davon?

Michael Reh: Ja, ich habe schon seit 30 Jahren nicht geschlafen. Ich schlafe total schlecht. Es hat sich jetzt verändert, seitdem ich das  Buch geschrieben habe, Katharsis, und meine Erinnerung in einer Romanform erzählt habe. Als ich das im Februar 2020 bei Bettina Böttinger im Kölner Treff vorgestellt und öffentlich gemacht habe, seitdem habe ich eine sehr große Veränderung erlebt in mir selbst und meine Albträume sind weniger geworden. Ich schlafe immer noch nicht so gut, aber es ist besser geworden. Der Missbrauch begleitet dich dein ganzes Leben. Ich lese diese Berichte in der Zeitung. Mann missbraucht Kind, es kommt eventuell zu einer Verhandlung. Man wird meistens auf Bewährung ausgesprochen, weil Missbrauch ein Vergehen und kein Verbrechen war – bis zum letzten Jahr in der deutschen Rechtsprechung. Man braucht Zeugen, es gibt eine Verjährungsfrist und so weiter und so fort. Aber anyway, wenn er dann trotzdem verurteilt wird, zahlt er meinetwegen noch ein bisschen Geld und Schluss. Das ist der große Unterschied und das wissen die meisten Leute nicht. Wie oft habe ich diesen Spruch gehört: Nun ist doch mal gut. Nein, es ist nie gut.

Mit 40 Jahren beruft Michael Reh ein Familiengericht ein

GSCHWÄTZ: Mit 40 Jahren hast du dein eigenes Familiengericht einberufen. Das war auch keine einfache Sache, weil du ziemlich isoliert dastandest. Dieses Glaubwürdigkeitsproblem  haben ja viele Überlebende [Michael Reh legt Wert darauf, dass man nicht von Opfer spricht, sondern von Überlebenden], die sich erst einmal rechtfertigen oder andere überzeigen müssen. Das ist ja auch ein Riesenproblem bei Missbrauchsopfern, dass sie erst einmal Angst haben, dass ihnen gar nicht geglaubt wird.

„Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, sie hat mich vergewaltigt“

Michael Reh: Ich kann nur zustimmen zu allem, was du gesagt hast. Du bist schuld, du hast was falsch gemacht, du kommst an und störst die Ordnung. Es ist nicht die Frage im Falle eines Missbrauchs. Na ja, du hast mit dem Hintern gewackelt, oder? Die hatte dich nur am Hintern getätschelt oder so. Das Problem ist, dass ein Verbrechen stattfand – egal wie lange es zurückliegt. Und das hat etwas mit dir gemacht. Jemand hat etwas mit mir gemacht, ich nicht mit ihr. Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, die hat mich vergewaltigt. Und deswegen sage ich: Nennt euch nicht Opfer, nennt euch Überlebende, sonst bleibst du in der Opferrolle auch innerlich, emotional.

 

Das war der 1. Teil des Videointerviews von GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann mit Michael Reh. Der zweite Teil, indem es unter anderem um das von Michael Reh einberufene Familiengericht und die Rolle seines Vaters geht, folgt in Kürze.

Bücher von Michael Reh

Michael Reh hat bislang zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt Katharsis. Darin verarbeitet der Fotograf den sexuellen Missbrauch in Romanform. Das zweite Buch von ihm heißt Asta. Es ist ein Kriminalroman, der ebenfalls innerfamiliäre Beziehungsebenen beleuchtet.

Der zweite Roman von Michael Reh, Asta, ist ein Krimi.

 




Eltern wegen schweren sexuellen Missbrauchs an ihren eigenen drei und vier Jahre alten Töchtern vor Gericht – Mutter soll Fotos davon gemacht haben

Ab Freitag, den 04. September 2020, 09 Uhr, beginnt vor der zweiten großen Strafkammer des Heilbronner Landgerichts ein Prozess, bei dem Eltern angeklagt sind, ihr drei und vier Jahre alten Töchter schwer missbraucht zu haben.

Geschlechtsverkehr

Den angeklagten Eltern liegt insbesondere zur Last, sie hätten in den Jahren 2014 und 2015 in Möckmühl Sexualstraftaten zu Lasten der Nebenklägerinnen, ihren gemeinsamen Töchtern, begangen, als diese erst rund drei bis vier Jahre alt gewesen seien. Es geht bezüglich des angeklagten Vaters insoweit um sexuellen Missbrauch in drei Fällen, hiervon in zwei Fällen Handverkehr und in einem Fall Geschlechtsverkehr. Bei einem der Fälle des Handverkehrs habe die angeklagte Mutter Fotos gefertigt.

Die Kammer hat die Angeklagten, ihre Verteidiger, die Nebenklägerinnen, ihren anwaltlichen Vertreter, 17 Zeugen und eine Sachverständige geladen.

Fortsetzungstermine

Freitag, 4. September 2020, 09:00 Uhr

Montag, 7. September 2020, 09:00 Uhr

Freitag, 11. September 2020, 09:00 Uhr

Dienstag, 15. September 2020, 13:30 Uhr

 

 

 




„Überall waren die Chantré-Flaschen versteckt, in der Küche, in der Garage, in der Abstellkammer“

Am Freitag, den 10. Juli 2020, hat vor der 15. Großen Jugendkammer am Landgericht Heilbronn die Ex-Ehefrau eines 63-jährigen Mannes ausgesagt. Dieser wird beschuldigt, zwischen November 2008 und Dezember 2013 in seiner Wohnung in Dörzbach seine Enkelin mindestens 63 Mal schwer sexuell missbraucht zu haben (GSCHWÄTZ berichtete https://www.gschwaetz.de/2020/07/06/seitdem-spreche-ich-nichts-mehr-mit-ihr-63-jaehriger-soll-enkelin-in-mindestens-63-faellen-sexuell-missbraucht-haben/ ). Nach dem sie der Vorsitzende Richter Dr. Martin Liebisch auf ihr Zeugnisverweigerungsgericht hingewiesen hatte, wollte sie dennoch aussagen.

Sie würdigten sich keines Blickes

Das Ehepaar, das sich vor dem Heilbronner Landgericht keines Blickes würdigte, war seit 1978 verheiratet und hat zwei Kinder groß gezogen. Die Eheleute trennten sich 2018, seit 02. Juni 2020 sind sie geschieden. Der Grund für die Trennung: Streit, Sauferei des Mannes, Unzufriedenheit. Sie könne ihm nicht mehr vertrauen. Die Frau verneinte aber die Frage, ob er sie jemals betrogen habe. Im Laufe der Jahre sei ihr Sexualleben zwar unregelmäßiger geworden, aber er habe sie nie bedrängt.

Streit, Sauferei, Unzufriedenheit

Unter der Woche sei der Lkw-Fahrer ständig unterwegs gewesen. An den Wochenenden zuhause aber habe er schon früh am Morgen nach Alkohol gerochen. Sie wisse nicht, wie viel er getrunken hat, ist sich aber sicher, dass er jeden Tag zur Flasche griff. Bereits 2017 sei sie zeitweise aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. „Er hat eine Therapie angefangen, Tabletten gegen den Alkohol bekommen und nichts mehr getrunken“, sagte die 59-Jährige. Deshalb sei sie zu ihm zurückgekehrt. Aber dann hätte er die Therapie abgebrochen und wieder angefangen zu trinken. „Überall waren die Chantré-Flaschen versteckt, in der Küche, in der Garage, in der Abstellkammer“, erinnert sie sich.

Unter Depressionen gelitten und oft heftig gezittert

Auch sonst sei das Verhältnis zu dem Mann, den sie bereits als 17-Jährige kennengelernt hatte, schwierig gewesen. „Er wollte immer Recht haben, sonst war er sauer“, sagt die Exfrau. „Man konnte nicht mit ihm reden.“ Am Anfang ihrer Beziehung hätten sie viel zusammen unternommen. Auch die beiden jüngeren Schwestern der Frau hätten sie oft mitgenommen. Als sie von Rumänien nach Deutschland gezogen seien, sei es zu Problemen gekommen. „Wir haben eine Wohnung gekauft, mussten sie aber nach fünf bis sechs Jahren wieder abgeben“, blickt die zweifache Mutter zurück. Damals hätte ihr Ex-Mann unter Depressionen gelitten und oft heftig gezittert. Er aber wollte nicht zum Arzt gehen und irgendwann sei es wieder besser geworden. Richtig glücklich sei sie nie mit ihm gewesen. „Wir waren nur am Wochenende zusammen, sonst war er als Lkw-Fahrer ständig unterwegs“, sagt sie. Sie hätten selten etwas gemeinsam unternommen. Für sie es nicht einfach gewesen, unter der Woche allein zu sein mit den beiden Kindern und gleichzeitiger Berufstätigkeit.

Oma bekam von dem Missbrauch laut eigenen Aussagen nichts mit

Die  Tochter ihres Sohnes, ihre Enkelin, sei aber immer gerne zu den Großeltern gekommen. Nur als ihre Eltern sich haben scheiden lassen – damals war sie etwa sechs Jahre alt – sei sie rund ein halbes Jahr nicht gekommen. Danach aber wieder regelmäßig. Von dem Missbrauch selbst will die Frau nichts mitbekommen haben. „Ich kann mich erinnern, dass sich die beiden nach dem Mittagessen immer hingelegt haben“, sagt die Oma. Das sei nichts Besonders gewesen. Als das Mädchen älter geworden sei, sei sie nicht mehr so oft gekommen, was sie wunderte. Erst im November 2019 hätte ihre ehemalige Schwiegertochter bei ihr angerufen und von den Vorwürfen des Mädchens erzählt. Als sie sich mit den beiden getroffen habe, hätte die Enkelin aber nicht viel gesagt. „Sie hat geweint und konnte nicht reden“, so die Oma. Aber sie hätte gesagt, wo es passiert sei.

Text: Sonja Bossert

 




„Wie ein normaler Mensch – ein Bierchen am Feierabend“

Am Prozessauftakt am Montag, den 06. Juli 2020, um einen 63-Jährigen, der seine Enkelin über Jahre in Dörzbach mindestens 63 Mal schwer sexuell missbraucht haben soll (wir berichteten), konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Angeklagte scheinbar weder verstehen kann, warum seine Frau sich hat von ihm nach 40 Ehejahren vor rund zwei Jahren scheiden lassen, noch, dass seine Tochter ihn angezeigt hat. Zudem wollte er, so gewann man den Eindruck, dem Staatsanwalt wegen der im Raum stehenden Taten widersprechen, sein Anwalt hielt ihn jedoch zurück und betonte, dass sein Mandant keine Angaben zur Sache machen werde.

Aussage Opa gegen Enkelin

Man muss natürlich abwarten, inwieweit Walter W. tatsächlich diesen schweren sexuellen Missbrauch begangen hat. Schuldig ist jemand erst, wenn seine Schuld bewiesen ist. Fakt ist aber: Wenn eine Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht hätte, würde erst gar keine Anklage erhoben. Sicher, die vermeintlichen Taten sind schon einige Jahre her, DNA-Beweise sind daher vermutlich eher unwahrscheinlich. Es steht damit letzten Endes Aussage gegen Aussage. Opa gegen Enkelin. Und da wären wir auch schon beim Thema. Warum sollte eine Enkelin ihren eigenen Opa bezichtigen, wenn die Taten nicht stattgefunden haben?

„Ich bin allein mit allen Schulden geblieben“

Einen Eindruck von dem Opfer konnte man sich bislang nicht machen. Die heute 17- oder 18-Jährige war nicht anwesend beim Prozessauftakt. Ihre Aussage wird aller Voraussicht nach unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Aber man konnte sich ein erstes Bild des Opas machen. Walter W. bezeichnete etwa den derzeitigen Kontakt zu seinem Sohn als gut. Auf die Nachfrage von Richter Dr. Martin Liebisch, wie oft sie denn Kontakt gehabt hätten, seitdem der Sohn in Kanada lebt, meinte der Angeklagte, so ein- bis zweimal in den vergangenen zwei oder drei Jahren, seitdem er in Kanada ist. Für Walter W. ist diese Beziehung gut. Sicher, jeder definiert eine gute Beziehung zu seinen Kindern anders. Auch sein Unverständnis für das Auseinanderbrechen seiner Ehe kann von so manch einem Prozessbeobachter nicht nachvollzogen werden. Zwar war er mit seiner Frau fast 40 Jahre verheiratet, aber welche Großmutter und gleichzeitig Ehefrau verzeiht derartige Taten, wenn sie davon erfährt? Walter W. dagegen kommentiert nur trocken: „Ich bin allein mit allen Schulden geblieben.“ Auch scheint er nicht glücklich damit zu sein, dass seine Tochter nichts mehr mit ihm spricht – die Tochter, deren Tochter wiederum das vermeintliche Opfer dieses Missbrauchs ist. Auch bei diesen Umständen scheint sich das Verständnis von Walter W. in Grenzen zu halten.

Der Angeklagte scheint seine eigene Wahrheit zu haben

Der Angeklagte hinterlässt bei den Prozesbeobachtern den Eindruck, dass er insgesamt seine eigene Wahrheit hat, vermutlich auch seine eigene Wahrheit bezüglich der massiven sexuellen Übergriffe. Falls er sich noch zur Sache äussert, darf man gespannt sein, wie er diese Taten erklärt oder ob er sich sogar völlig von ihnen distanziert.

Schulden beim Schwiegersohn

Auch beim Thema Schulden und Alkohol macht Walter W. keine überzeugende Figur. Darauf angesprochen zählt er seine Schulden auf, die er hat beziehungsweise hatte, unter anderem rund 7.000 Euro an seinen Schwiegersohn, davon einen Teil Mietzahlungen. Eine Immobile, die er ursprünglich als Eigentumswohnung gekauft hatte, konnte er nicht mehr abbezahlen und musste sie nach acht Jahren abstoßen. Richter Liebisch befragt Walter W. auch zum Thema Alkohol und ob er viel trinkt. Walter W. winkt ab und verweist auf seine Lkw-Fahrer-Tätigkeit und dass er noch nie seinen Führerschein hat abgeben müssen. Unter anderem bei der Speditionsfirma Rüdinger sei er mehrere Jahre beschäftigt gewesen. Aber auch bei diversen anderen Speditionsfirmen. Sein letztes Monatsnettogehalt betrug zwischen 1.500 und 1.600 Euro. Aber sicher, Alkohohl trinke er, aber nur „wie ein normaler Mensch – ein Bierchen am Feierabend“, in der Garage habe immer ein Kasten mit 0,33-Flaschen gestanden. Da sei er nach Feierbaned einen Stopp eingelegt, habe ein Bier getrunken und sei dann ins Haus. Mehr nicht. Aus den Akten gehe allerdings ein etwas anderer Umgang mit Alkohol hervor, bemerkt Richter Liebisch.

Angeklagter Walter W, am Prozessauftakt am Montag, den 06. Juni 2020. Foto: GSCHWÄTZ

 




„Seitdem spreche ich nichts mehr mit ihr “ – 63-Jähriger soll Enkelin in mindestens 63 Fällen sexuell missbraucht haben

Im Landgericht Heilbronn wird seit Montag, den 06. Juli 2020, der Fall eines 63-Jährigen verhandelt, der seine Enkelin in mindestens 63  Fällen schwer sexuell missbraucht und einmal vergewaltigt haben haben soll. Die Taten sollen in Dörzbach in der Wohnung der Großeltern stattgefunden haben. In der 15. Großen Jugendkammer fand heute der Prozessauftakt statt. Der Beschuldigte verdeckte sein Gesicht, als er den Großen Strafkammersaal betrat, mit einer Mappe. Der Angeklagte Walter W. hat graumelierte kurze Haare und trug zum Prozessauftakt ein dunkelblaues Hemd, Jeans und blaue dunkle Schuhe.

In der Regel küsste er sie auf den Mund

Die Taten sollen laut dem Staatsanwalt stattgefunden haben, als die Enkelin zwischen sechs und elf Jahre alt gewesen war. Zwischen November 2008 und Dezember 2013 soll der Opa den Mittagsschlaf der Enkelin genutzt haben und ihr ins Schlafzimmer gefolgt sein. In der Regel küsste er sie auf den Mund, knetete ihre Brüste und entkleidete das Mädchen. Daraufhin soll er mit ihr ungeschützten analen Geschlechtsverkehr vollzogen haben. Die Enkelin ordnete dies in jüngeren Jahren zunächst als normale Beziehung zwischen Opa und Enkelkind ein und ließ, so der Staatsanwalt, „die Taten über sich ergehen“. Mit elf Jahren widersetzte sie sich jedoch dem Großvater bewusst, stieß ihn von sich weg und sagte, dass sie das nicht mehr wolle. Daraufhin habe der gelernte Lkw-Fahrer sie aufs Bett geworfen und abermals ungeschützten analen Geschlechtsverkehr mit ihr vollzogen. Dieser Tatbestand gilt vor Gericht dann nicht mehr länger als sexueller Missbrauch, sondern wegen der klaren Willensäußerung des Opfers als Vergewaltigung. Von weiteren Taten habe Walter W. aber dann Abstand genommen.

„Besonders erniedrigend“

Die von Staatsanwalt Joachim Müller-Kapteina als „besonders erniedrigend“ bezeichnete Taten nahm Walter W. zunächst ohne ein große erkennbare Gefühlsregung hin, als der Vorsitzende Richter Dr. Martin Liebisch ihn jedoch ansprach, um mit ihm eigentlich über sein bisheriges Leben zu sprechen, wollte der Angeklagte schon ansetzen und zu den Vorwürfen des Staatsanwaltes Stellung nehmen, sein Anwalt ergriff jedoch das Wort und sagte, dass Walter W. heute nur Angaben zur Person und nicht zur Sache machen werde.

Dolmetscher wird hinzugezogen

Da Walter W. aus Rumänien stammt, wurde sicherheitshalber ein Dolmetscher hinzugezogen. Walter W. wuchs in Medeas, Rumänien, mit Eltern und zwei Brüdern auf. Er war das so genannte „Sandwichkind“. Seine Mutter war Arbeiterin in einer Fabrik, der Vater konnte wegen einer TBC-Erkrankung bereits mit 48 Jahren nicht mehr arbeiten. Seine Eltern verstarben, als er noch im Wehrdienst in Rumänien war.

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes zog er nach Deutschland. Er hatte verschiedene Stellen bei unterschiedlichen Speditionsfirmen als Lkw-Fahrer. Zwischendurch war er immer mal wieder arbeitslos. Mit seiner Frau, mit der er zwei Kinder hat, war er 40 Jahre verheiratet. Vor zwei Jahren verließ sie ihn, was für ihn nicht wirklich nachvollziehbar war. Seine Frau zog zu ihrer gemeinsamen Tochter nach Dörzbach. Walter W. lebt derzeit in Bad Mergentheim.

Mit seinem Sohn, der mittlerweile in Kanada lebe, verstünde er sich gut, sagt Walter W. auf Nachfrage aus. Ein bis zweimal innerhalb von zwei oder drei Jahren hätten sie miteinander telefoniert. Seine Tochter hat ihn wegen der vermeintlichen Vergehen an der Tochter angezeigt. Seitdem „spreche ich nichts mehr mit ihr“.

Am Mittwoch ist der zweite Verhandlungstag. Wenn die heute 17- oder 18jährige Enkelin aussagt, wird dies aller Voraussicht nach unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen.

 




Opa soll Enkelin jahrelang sexuell missbraucht haben

Am Montag, den 06. Juli 2002, 14 Uhr, beginnt vor der großen Jugendkammer als Jugendschutzkammer der Prozess gegen einen Mann, dem zur Last gelegt wird, seine Enkelin über Jahre sexuell missbraucht zu haben.

Dem Angeklagten liegt zur Last, er habe die Nebenklägerin, seine Enkelin, im Zeitraum von November 2008 bis Dezember 2013 zwischen sechs und elf Jahre alt, in Dörzbach  monatlich sexuell missbraucht, indem er Analverkehr mit ihr vollzogen habe. Beim letzten der 63 Fälle habe die Nebenklägerin ihn von sich weggestoßen, der Angeklagte habe sein Verlangen dann gewaltsam befriedigt. Dieser letzte Fall ist tateinheitlich als Vergewaltigung angeklagt.

Seit dem 16. Januar 2020 befindet sich der Angeklagte in Untersuchungshaft.

Weitere Prozesstermine für diesen Fall sind anberaumt auf:

 

Mittwoch, den 8. Juli 2020, 09 Uhr

Freitag, den 10. Juli 2020, 09 Uhr

Dienstag, 28. Juli 2020, 09 Uhr

Donnerstag, den 30. Juli 2020, 09 Uhr

Montag, den 3. August 2020, 09 Uhr

Mittwoch, den 5. August 2020, 09 Uhr

           

Die Kammer hat den Angeklagten, seinen Verteidiger, die Nebenklägerin, ihren anwaltlichen Vertreter, zehn Zeugen und zwei Sachverständige geladen.

 

 

 

 




21-Jähriger in U-Haft – Vorwurf des sexuellen Missbrauchs an Kindern zwischen zwei und neun Jahren im Raum

In den vergangenen 14-Tagen kam es im Bereich Nordheim und Lauffen am Neckar zu mehreren schweren Straftaten. Ein 21-jähriger Togolese führte in der Öffentlichkeit mehrere exhibitionistische und sexuelle Handlungen vor Passanten aus. Unter diesen befanden sich auch Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis neun Jahren. Bei seinen Taten entblößte sich der Mann und führte teilweise sexuelle Handlungen an sich durch.

Der von der Staatsanwaltschaft Heilbronn beantragte Haftbefehl wurde durch das Amtsgericht Heilbronn in Vollzug gesetzt. Der 21-Jährige wurde am Dienstag in eine Justizvollzugsanstalt überstellt und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Heilbronn und des Polizeipräsidiums Heilbronn vom 10.06.2020

Auch in Külsheim ereignete sich zumindest ein Versuch des sexuellen Missbrauches eines Kindes. Das geht aus einer gemeinsamen Pressemitteilungen der Staatsanwaltschaft Mosbach und des Polizeipräsidiums Heilbronn hervor.

Mann hielt 10-Jährigen fest

Am Montagnachmittag, den 08. Juni 2020, kam es in Külsheim in unmittelbarer Nähe des Rewe-Marktes zu einer schweren Straftat. Gegen 15.25 Uhr sprach ein 37-jähriger Mann drei auf dem dortigen Parkplatz gemeinsam spielende Kinder in der Prinz-Eugen-Straße an. Unter einem Vorwand lockte der Mann einen der drei Jungen zu sich. In der Folge hielt der Mann den 10-jährigen Jungen fest und brachte ihn zu einer schlecht einsehbaren Böschung des dortigen Fußweges. Noch ehe er die geplanten sexuellen Handlungen an dem Kind vornehmen konnte, kam ein aufmerksamer Passant dem 10-Jährigen zu Hilfe.

Der 37-jährige Deutsche wurde direkt nach der Tat durch die Polizei festgenommen. Der von der Staatsanwaltschaft Mosbach beantragte Haftbefehl wurde durch das Amtsgericht Tauberbischofsheim in Vollzug gesetzt. Am Dienstag wurde er einer Justizvollzugsanstalt zugeführt und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Die Kriminalpolizei sucht nun Zeugen dieser Tat und bittet diese, sich bei der Polizei zu melden. Zudem werden weitere Geschädigte und Zeugen ähnlicher Vorfälle in diesem Bereich gebeten, sich zu melden. Hinweise werden von der Kriminalpolizei in Tauberbischofsheim, Telefon 07131 104 – 4444, entgegengenommen.




Sexueller Missbrauch Heilbronn/Jagsthausen: Schmerzensgeld und ein Geständnis

Der zweite Verhandlungstag im Fall von Helmut N.*., dem sexueller Missbrauch und sexuell motivierte Quälerei von Kindern und Schutzbefohlenen’ vorgeworfen wird, begann am Freitag, den 08. November 2019, um 9 Uhr.

Beim ersten Verhandlungstag belehrte der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl den Angeklagten, „dass er insgesamt das Recht zu schweigen hat“ und sowohl zu den persönlichen Verhältnissen als auch den Vorwürfen keine Angaben machen müsse. Helmut N. möchte aber. Aber nicht heute.

Am ersten Verhandlungstag am 31. Oktober 2019 (wir berichteten) einigten sich Haberzettel und Wolfgang H’s Verteidiger, Christian Bonorden, bereits auf ein Verständigungsgespräch am ersten Verhandlungstag, an dem auch die die Nebenklägervertreterin Tanja Haberzettl-Prach sowie die Staatsanwältin Christiane Knaul teilnahmen. In dieser Stunde, in der das Gespräch stattfand, solle man sich auf ein Täter-Opfer-Ausgleich geeinigt haben. Helmut N. wird seinem Sohn Schmerzensgeld zahlen und laut heutigen Stand ein Geständnis ablegen. Die Summe des Schmerzensgeldes ist nicht bekannt.

Helmut N* will am nächsten Verhandlungstag, der auf den 29. November 2019 angesetzt ist, ein Geständnis ablegen. Der Prozess würde damit abgekürzt und keine Zeugen, außer einen Polizisten, geladen werden. Das Urteil soll dann auch direkt am 29. November 2019 gefällt werden.

*Der Name wurde von der Redaktion aufgrund des Opferschutzes komplett geändert




Jagsthausen: Vaterliebe ohne Erbarmen

Vor dem Landgericht Heilbronn hat der Prozess gegen einen 58-Jährigen aus einer Jagsttalgemeinde begonnen, der seinen Sohn sexuell missbraucht und schwer misshandelt haben soll.

Mutter erschien nicht vor Gericht

Es ist nur schwer zu ertragen, was die Staatsanwaltschaft am Landgericht Heilbronn dem Angeklagten Helmut N.* vorwirft: sexueller Missbrauch und sexuell motivierte Quälereien von Kindern und Schutzbefohlenen in den Jahren von 1992 bis 2005. Das Opfer: der eigene Sohn Daniel*. Es soll mit Oralverkehr im Kindesalter begonnen und erst im Jugendalter des Sohnes geendet haben. Seit dem 21. Februar 2019 sitzt der 58-Jährige deshalb in U-Haft. Am Donnerstag, den 31. Oktober 2019, hat der Prozess vor der achten Großen Strafkammer des Landgerichts begonnen.

Anscheinend auch Übergriffe auf die Tochter

Die Familie des Angeklagten war nicht zum Prozessauftakt erschienen. Der Sohn tritt bei dem Prozess als Nebenkläger auf, ließ sich aber von Rechtsanwältin Tanja Haberzettl-Prach vertreten. „Das ist auch gewollt so“, sagte diese. Die Frau von Helmut N. hatte zwar ihr Kommen zugesagt, war dann aber nicht im Gericht.

Viele Vergehen seien bereits verjährt

Bereits vor dem nun in der Anklage genannten Zeitraum soll es Übergriffe des Vaters unter anderem auch gegen die Tochter Franziska* gegeben haben. Doch zahlreiche der Taten ließen sich nicht mehr konkretisieren, viele weitere Vergehen seien bereits verjährt, so Staatsanwältin Christiane Knauel beim Verlesen der Anklageschrift. Auch das genaue Datum der nun angeklagten zehn Taten lasse sich nicht mehr bestimmen. „Es kam dem Angeklagten nur darauf an, sich sexuelle Befriedigung zu verschaffen“, sagte die Staatsanwältin. „Das Alter seiner Kinder war ihm selbstredend bekannt.“

Mit fünf Jahren soll alles begonnen haben

Die nun dem Angeklagten vorgeworfenen Taten sollen begonnen haben, als Daniel noch keine fünf Jahre alt war, und bis kurz vor dessen 18. Geburtstag gegangen sein – zunächst in der Wohnung der vierköpfigen Familie und dann im neuen Haus. Beim ersten Übergriff soll der Vater den Penis des Kindes gestreichelt und diesen in den Mund genommen haben, der Junge musste dann das Gleiche bei seinem Vater tun. Bei einer weiteren Tat soll der Vater mit einem Finger oder mit einem weiteren Gegenstand in den After des Jungen eingedrungen sein. Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt zwischen dem 11. Dezember 1999 und dem 5. Januar 2001 sollen sich diese Taten fortgesetzt haben. Als die Mutter und die Schwester nicht zuhause waren, soll es zu den Übergriffen des Vaters gegen Daniel im elterlichen Schlafzimmer sowie im Kinderzimmer des Sohnes gekommen sein.

Plastikschlauch in den Penis

Bei zwei nicht näher bestimmbaren Zeitpunkten – aber spätestens mit Beginn des 15. Lebensjahres von Daniel bis kurz vor dessen 18. Geburtstag –  soll der Vater im Garagenkeller oder im Hobbyraum des Hauses einen dünnen Plastikschlauch in den Penis des Sohnes eingeführt haben, bis Urin kam. „Dies verursachte bei Daniel, wie dem Angeklagten bewusst war, ganz erhebliche Schmerzen, dies kümmerte ihn jedoch auf gefühllose und fremdes Leid missachtende Weise nicht“, sagte Staatsanwältin Knauel. „Es kam ihm ausschließlich darauf an, sich einen sexuellen Reiz zu verschaffen.“ Dabei hätte Helmut N. jeweils billigend in Kauf genommen, seinen Sohn der Gefahr einer erheblichen Schädigung der seelischen Entwicklung auszusetzen, wie die Anklägerin weiter ausführte. Der Sohn sei durch die Behandlung durch seinen Vater völlig verängstigt gewesen.

Gefesselt auf einen Stuhl

Bei zwei weiteren Übergriffen soll der Vater den Sohn mit einer Hundeleine oder einem Spanngurt auf einen Stuhl gefesselt haben, dessen Sitzfläche herausnehmbar war. „Der dem Angeklagten völlig schutzlos preisgegebene Sohn saß nackt und gefesselt auf der Stuhlkonstruktion, während Helmut N. ihn zu seiner eigenen sexuellen Befriedigung mit einem eigens umgebauten Rasierapparat am Penis stimulierte“, verlas Staatsanwältin Knauel.

Mit Stromstößen malträtiert

Zudem soll der Vater, ein gelernter Elektrotechniker, den Transformator einer Märklin-Eisenbahn so umgebaut haben, dass er damit bei zwei Übergriffen seinem Sohn während dessen 17. Lebensjahres im Genitalbereich Stromstöße verabreichen konnte. „Dies ließ der verängstigte Daniel geschehen, da er sich aufgrund der früheren Übergriffe vor Gewalttätigkeiten des Angeklagten fürchtete“, so die Staatsanwältin. Bereits in der Vergangenheit hätte Helmut N. den Sohn mit der Faust in den Rücken geschlagen. „Durch die Stromstöße verursachte Helmut N. sich wiederholendes Leiden und starke Schmerzen und ging mit einer gefühllosen und fremdes Leiden missachtenden Gesinnung vor“, führte Knauel weiter aus. „Wobei er zumindest billigend in Kauf nahm, Daniel durch jene Behandlung der Gefahr einer erheblichen Schädigung der seelischen Entwicklung auszusetzen.“

Angeklagter ein kleiner, unscheinbarer Mann

Während der Ausführungen der Staatsanwältin saß der eher kleine und unscheinbare Helmut N. ruhig neben seinem Verteidiger. Der Mann im grauen Anzug mit Brille und Halbglatze hörte sich weitgehend reglos an, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Lediglich zu seinen persönlichen Daten machte der 58-Jährige Angaben.

Möglichkeit einer Schmerzensgeld-Zahlung

Der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl belehrte den Angeklagten, „dass er insgesamt das Recht zu schweigen hat“ und sowohl zu den persönlichen Verhältnissen als auch den Vorwürfen keine Angaben machen müsse. Haberzettl forderte den Verteidiger Christian Bonorden dazu auf, darzulegen, wie die Verteidigungsstrategie aussehen werde. „Bevor Herr N. hier etwas sagt, ist es mit ihm abgesprochen, dass ich hiermit anrege, dass in Verständigungsgespräche eingetreten wird“, erwiderte Bonorden. „Also ein Erörterungsgespräch halten wir auch für sinnvoll“, sagte Richter Haberzettl. „Ob daraus dann ein Verständigungsgespräch werden kann, wird sich im weiteren Verlauf zeigen“, so Haberzettl weiter. Da auch die Vertreterin der Nebenklage ihre Bereitschaft signalisierte, zogen sich die Kammer, der Verteidiger, die Nebenklägervertreterin sowie die Staatsanwältin für über eine Stunde zurück.

„Das waren sehr zielführende Gespräche“, sagte Haberzettl anschließend. „Dabei haben wir erfahren, dass Sie, Herr N., bereit sind, in diesem Verfahren dafür zu sorgen, dass ihr Sohn nicht aussagen muss“, führte der Richter weiter aus. „Wir haben das sehr positiv bewertet.“ Der Inhalt der Gespräche solle aber erst am nächsten Verhandlungstag am Freitag, den 8. November 2019, bekanntgegeben werden. „Es läuft aber darauf hinaus, dass man sich auch zivilrechtlich einigen kann, dass also ein Schmerzensgeld gezahlt wird und ein Täter-Opfer-Ausgleich stattfindet.“ An diesem Tag werde die Kammer einen Verständigungsvorschlag machen, „der Ihnen eine gesicherte Rechtsposition verschafft“, so Haberzettl weiter. „Dann gibt es einen Strafkorridor, von dem wir nicht mehr abweichen.“ Auf dieser Grundlage könne die Verteidigung dann ihr Prozessverhalten ausrichten. Haberzettl gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass am nächsten Verhandlungstag ein Vergleich abgeschlossen werden könne, der dann zu Protokoll genommen werde.

Aktuell sind für dieses Verfahren acht Verhandlungstage angesetzt. Es werden voraussichtlich zwölf Zeugen und ein Sachverständiger gehört.

*Die Namen der Beteiligten hat die Redaktion aufgrund des Opferschutzes komplett geändert

Helmut N. muss sich vor dem Landgericht Heilbronn wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs und sexuell motivierten Quälereien von Kindern und Schutzbefohlenen verantworten. Foto: GSCHWÄTZ