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„Was mich so erschreckt hat: Wie schnell und leicht das ging“

30 Jahre, ungewollt schwanger, alleinerziehend. Damals am Existenzminium lebend. Als Manuela H. (Name von der Redaktion auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt) bereits in der vierten Woche gefühlt hat, dass sie schwanger war, konnte sie es kaum glauben. Immerhin hat sie mit der Pille verhütet, aber ein Pillenwechsel sei möglicherweise der Grund für die Schwangerschaft gewesen, vermutet sie bei unserem Interview mit ihr zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Der Frauenarzt bestätigt das Gefühl der Hohenloherin, dass sie schwanger ist, mit einem Schwangerschaftstest. Manuela erinnert sich noch gut an diesen Moment: „Ich habe damals erstmal gar nichts gedacht, außer: Scheiße, scheiße, scheiße.“

Der vermeintliche Kindsvater: „Das muss weg“

„Ich bin wahrscheinlich schwanger“ sagt sie zu dem Vater des Kindes, mit welchem sie damals eine Liaison hatte, und wartet auf seine Reaktion. Die kommt prompt: „Das muss weg. Wenn du das wegmachen lässt, bin ich auf jeden Fall für dich da. So sollten wir unsere Beziehung nicht starten.“ 2 Wochen lang wurde Manuela H. vom vermeintlichen Kindsvater unter Druck gesetzt, mal mit Drohungen, mal mit Versprechungen über eine gemeinsame Zukunft.

2 Wochen, um eine Entscheidung zu treffen

Nach zwei Wochen bestätigte der Frauenarzt die Schwangerschaft. Manuela H. hatte zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung, die Schwangerschaft zu beenden, bereits getroffen. Der Frauenarzt hat Manuela gesagt, wo man einen Abbruch durchführen kann. Sie hat sich dann in einer Klinik in Heilbronn vorgestellt. Das war in der neunten Schwangerschaftswoche. Bis zur zwölften konnte sie abtreiben. „Ich fand mich die ganze Zeit furchtbar. Ich fand das schlimm“, sagt sie rückblickend.

Von einer Bekannten hat Manuela gehört, dass es auch Medikamente für einen Schwangerschaftsabbruch gebe, die man einnehmen könne. Aber das sei ihr nicht angeboten worden.

Routine in der Klinik

In der Klinik sei das alles schließlich wie eine traurige Routine gewesen, berichtet die gelernte Industriekauffrau. Dort erhielt sie nach einer Erklärung über den Ablauf des Abbruches einen Termin in 2 Wochen. Zu diesem Termin sollte sie eine Bescheinigung von ProFamilia mitbringen. Der zuständige Arzt informierte auch über die entstehenden Kosten und dass diese vom Bund übernommen werden würde, falls Manuela H. unter einer bestimmten Einkommensgrenze liegt. Dies sollte sie über ihre gesetzliche Krankenkasse erfragen und gegebenenfalls abwickeln.

„Das fand ich widerlich“

Sie wurde auch darauf hingewiesen, dass falls sie den Termin weniger als 24 Stunden vorher absagen würde und sich somit kurz zuvor gegen den Eingriff entscheidet, sie trotzdem die Kosten des Abbruchs zahlen müsse. Das kann Manuela bis heute nicht nachvollziehen. „Das fand ich widerlich. Da müsste die Klinik das doch fördern nach dem Motto: Sie hat sich für das Leben entschieden.“

ProFamilia hat in ihren Augen versagt

Das als „ergebnisoffen“ deklarierte Gespräch mit Mitarbeiter:innen von ProFamilia in Öhringen sei relativ schnell vorbei gewesen. „Ich habe gesagt: Ich will es [das Kind] nicht.“ Dann hatte ich die Bescheinigung.“ Manuela hätte sich im Nachhinein mehr Nachfragen von Seiten ProFamilia gewünscht, mehr Nennung von Alternativen in ihrer Situation wie Adoption, welche Unterstützung könnte die Familie / Verwandtschaft leisten, wenn sie sich doch für das Kind entscheidet? Doch Fragen bleiben laut Manuela weitestgehend aus. „Es wurde nicht versucht, mich umzustimmen“, bedauert sie heute.

„Ich hätte mehr nachdenken müssen“

Aber hätte es damals wirklich etwas an der Entscheidung geändert? Manuela ist sich sicher: „Ja. Nachfragen und Optionen für andere Möglichkeiten hätten mich zum Nachdenken bewegt. Sätze wie: Die Entscheidung, die du da triffst, beeinflusst dein ganzes Leben‘, hätten mich vielleicht schon nochmal innehalten lassen. In dem Moment war ich mir dessen nicht bewusst, dass mich diese Entscheidung mein ganzes Leben begleiten wird. Es ist nicht: Ah, weg. Und dann ist es aus deinem Kopf draußen. Es holt dich immer wieder ein.“

„Diese Entscheidung begleitet dein ganzes Leben“

Auch ProFamilia hat in ihren Augen versagt. Gerne hätte sie nach dem Abbruch mit jemandem darüber gesprochen, um es zu verarbeiten: „Es wäre schön gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das wird schlimm danach, lass uns einen Termin vereinbaren.'“

Handtuch und Bettlaken von zu Hause

Der vermeintliche Kindsvater hat Manuela in die Klinik gefahren. „In der Sekunde dachte ich noch: Er will doch mit mir zusammen sein.“ Morgens vor dem Abbruch hat sie ein Medikament einnehmen müssen, das den Muttermund weich werden lässt. Kurze Zeit später musste sie sich übergeben. Ein Bettlaken und ein Handtuch musste sie von Zuhause mitnehmen, die dreckige Wäsche hat sie danach wieder mit nach Hause genommen. Manuela, auf dem gynäkogolischen Stuhl sitzend, wurde für den Eingriff vollnarkotisiert, der Arzt hat sie nicht vorher gefragt: „Sind Sie sich wirklich sicher?“

10-minütiger Eingriff

10 Minuten hat der Eingriff für Manuela gefühlt gedauert. Der Embryo wurde abgesaugt. Manuela ist im Aufwachraum zu sich gekommen, neben ihr der vermeintliche Kindsvater. Sie bekommt Dokumente für ihren Frauenarzt. Blutungen treten auf und Unterleibsschmerzen.

„In dem Moment war ich erstmal froh, dass es vorbei war“

„Das ganze Ausmaß wird dir erst Wochen, wenn nicht sogar Jahre später bewusst. In dem Moment war ich erstmal froh, dass es vorbei war“, schildert sie ihre Gefühle nach dem Eingriff. Ein halbes Jahr später hat der vermeintliche Kindsvater die Liaison beendet. Manuela hat in dieser Zeit viel getrunken und geweint. Ihr Hausarzt verschreibt ihr Antidepressiva, sie macht eine Gesprächstherapie. „Ich war danach in psychologischer Beratung wegen der missbräuchlichen Beziehung zu meinem damaligen Freund.“

„Mich hat erschrocken, wie schnell und leicht das ging“

Für Manuela ist es heute, Jahre später, wichtig, dass Frauen selbst bestimmen, was mit ihrem Körper geschieht. „Wir sollten jedoch differenzieren: Es gibt Schwangerschaftsabbrüche nach einem Missbrauch, nach einer Vergewaltigung. Aber ein Schwangerschaftsabbruch ist keine Verhütungsmethode. Deshalb muss es hohe Hürden dafür geben. Was mich so erschreckt hat: Wie schnell und leicht das ging. Ich habe es auf dem Silbertablett serviert bekommen.“ Für die Mutter von inzwischen zwei Kindern ist klar, dass sie sich heute für das Kind entschieden, hätte: „Ganz egal, wie erfolgreich ich heute bin, das Kind wäre es mehr wert gewesen. Irgendwie wäre es auch gegangen.“

Das Interview führte GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann

Beratungsstellen und Praxen in der Nähe sowie weitere Informationen gibt es hier:

https://www.familienplanung.de/schwangerschaftskonflikt/schwangerschaftsabbruch/schwangerschaftsabbruch-praxen-kliniken-einrichtungen/

https://www.profamilia.de/themen/schwangerschaftsabbruch

 

 

 




Keine Ärzte, keine Medikamente – Hürden für Schwangerschaftsabbrüche sind hoch

Nicht nur im Hohenlohekreis, sondern auch in Unterfranken gibt es für betroffene Frauen große Schwierigkeiten, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Eine Recherche der Mainpost ergibt, dass es immer weniger Mediziner gibt, die über das Thema überhaupt sprechen wollen.

Verwirrende Rechtslage

Ein Grund dafür ist der §219a StGB, der in schwammig definierter Weise das Anpreisen von Schwangerschaftsabbrüchen durch Ärzte unter Strafe stellt. Zwar erlaubt der Paragraph explizit, dass „Ärzte, Krankenhäuser oder Einrichtungen auf die Tatsache hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche unter den Voraussetzungen des § 218a Absatz 1 bis 3 vornehmen“. Andererseits ist es denselben Ärzten, Krankenhäusern oder Einrichtungen“ untersagt, des „Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise“ Abbrüche anzubieten, anzukündigen oder anzupreisen. „Grob anstößig“ ist ein juristisch nicht näher definierter Begriff und verweist implizit auf ein „gesundes Volksempfinden“ – für eine einheitliche Rechtsfindung ist das kein guter Zustand.

Twitter Post von Karin Hänel.

§219a kann eine Falle sein

In diese Falle ist die Ärztin Kristina Hänel aus Gießen getappt – sie hatte auf ihrer Webseite nicht nur Schwangerschaftsabbruch im gesetzlichen Rahmen als Angebot ihrer Praxis benannt, sie hatte auch die von ihr verwendete Methode beschrieben. Das wurde ihr in mehreren Instanzen als Verstoß gegen den §219a ausgelegt und sie wurde letztendlich vom Oberlandesgericht Frankfurt zu einer Geldstrafe verurteilt.

Hätte sie diese Information veröffentlicht, ohne selber Abbrüche vorzunehmen, hätte man sie, da kein Vermögensvorteil im Raume stehen würde, nicht verurteilen können, meint Hänel – sie hat inzwischen Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Versorgungslage nicht gut

Die Mainpost zitiert Beate Schlett-Mewis von der Schwangerschaftsberatungsstelle von Pro Familia Würzburg: „Die Versorgungslage in Unterfranken ist nicht gut“. In Unterfranken gebe es „lediglich eine Handvoll Ärzte, die Abbrüche durchführen. Die Frauen müssen oft längere Wege zur Klinik oder Praxis auf sich nehmen und sogar bis nach Nürnberg oder nach Hessen fahren“, sagt Schlett-Mewis.

Im Hohenlohekreis sieht es nicht besser aus: Das Hohenloher Krankenhaus führt aus religiösen Erwägungen keine Abbrüche durch, das Diakoneo in Hall, ebenfalls mit kirchlichem Hintergrund, nur bei Gefahr für Leib und Leben der Mutter (GSCHWÄTZ berichtete). Das nächste Krankenhaus für Frauen aus dem Hohenlohekreis ist wohl das SLK-Klinikum in Heilbronn. Mathias Burkhardt, Pressesprecher, bestätigt gegenüber GSCHWÄTZ: „Ja, SLK führt Schwangerschaftsabbrüche – im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben – durch. Im Zeitraum der vergangenen drei Jahre wurden jährlich zwischen zehn und 20 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.“ Die SLK-Kliniken arbeiten dabei mit den anerkannten Beratungsstellen zusammen, namentlich nennt Burkhardt Pro Familia, Diakonie, Caritas und das Landratsamt Heilbronn.

Unterversorgung droht – trotz Rückgang der Gesamtzahl von Abbrüchen

Die Recherche der Mainpost ergibt, dass für Unterfranken, obwohl die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bundesweit zurückgeht, eine Unterversorgung zu befürchten ist, da demnächst einer der wenigen Ärzte, die Abbrüche vornehmen, in Rente gehen wird. „Wenn sich für den Kollegen keine Nachfolge findet, steuern wir auf eine Unterversorgung zu“, sagt auch Dr. Stefan Heuer, Bezirksvorsitzender im Berufsverband der Frauenärzte in Unterfranken. „Es ist zu befürchten, dass weite Wege für die Frauen entstehen.“

Weitere Schwierigkeit: Notwendiges Medikament fehlt

Katharina Rohmert, Ärztin und medizinische Referentin beim profamilia Bundesverband Frankfurt, berichtet in einem Interview mit der Zeitung „Neues Deutschland“, dass für das Medikament cytotec ein Importstopp verhängt wurde. Dieses Medikament habe unerwünschte Nebenwirkungen, wenn es im Rahmen der Geburtshilfe für die Einleitung der Wehen eingesetzt wird, gezeigt – ein Grund dafür, dass es in Deutschland immer weniger verwendet wird. Die Importeure haben den Import eingestellt.

30.000 medikamentöse Abbrüche im Jahr

Rohmert nennt eine Zahl von 30.000 medikamentösen Abbrüchen – insgesamt werden in Deutschland jährlich rund 100.000 Schwangerschaften abgebrochen. „Es gibt viele Einsatzfelder und wenn das alles wegfällt, dann werden plötzlich etliche Frauen in unterschiedlichen Kontexten merken, dass sie mehr Beschwerden bei einem Eingriff haben oder auf weniger gute und sichere Alternativen zurückgreifen müssen.“

Off-Label-Use

„Dieses Medikament ist sozusagen in Off-Label Nutzung. Der Einsatz innerhalb eines Schwangerschaftsabbruchs war nie offiziell von dem Hersteller so zugelassen, sondern nur für die Behandlung von Magengeschwüren.“, weist Rohmer hin. „Hier steht unmittelbar eine deutliche Versorgungsverschlechterung für Frauen im Kontext von Schwangerschaftsabbrüchen bevor, das kann nicht gewollt sein. Es kann nicht sein, dass wir jetzt den Zugang zu einem wichtigen Medikament nicht mehr gewährleisten“, findet sie.

Die Hürden werden höher

Einerseits weniger Ärzte, andererseits die de-facto-Unterbindung einer von zwei Methoden (die andere Methode ist als „Absaugmethode“ bekannt) – die Hürden für Frauen, die einen Abbruch suchen, werden höher. Die Wege werden weiter.

Text: Matthias Lauterer

Dieser Beitrag ist Teil einer Kooperation mit correctiv.lokal.
Correctiv.lokal bittet Frauen, die über einen Abbruch konkret nachgedacht haben, um die Beantwortung einer Umfrage, die anonym über correctiv.org/dein-abbruch erreichbar ist.




„Immer weniger Ärzt:innen führen Abbrüche durch“

Der 28. September 2021 wurde zum Safe-Abortion-Day erklärt. Es ist ein historisches Datum, denn an diesem Tag vor 150 Jahren wurde der §218 ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Seitdem sind Schwangerschaftsabbrüche prinzipiell strafbar, wenn nicht eine der dort genannten Ausnahmen zutrifft.

„Immer weniger Ärztinnen und Ärzte führen Abbrüche durch“

Die Recherchegruppe CORRECTIV will sich ein Bild darüber machen, welchen Hürden und Schwierigkeiten sich Frauen, stellen müssen, die mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch konfrontiert sind. CORRECTIV schreibt: „Wer in Deutschland eine Schwangerschaft abbrechen will, steht vor vielen Hürden: Es ist schwer, verlässliche Informationen zu bekommen. Immer weniger Ärztinnen und Ärzte führen Abbrüche durch. Ungewollt Schwangere werden bei ihrer Entscheidung oft unter Druck gesetzt.“

Unsichere Rechtslage für Ärzt:innen

Auch Ärzt:innen wird es schwer gemacht, Abtreibungen durchzuführen: Der §219a StGB wird von Gerichten gerne so ausgelegt, dass schon die sachliche Mitteilung beispielsweise auf einer Praxishomepage, dass die Praxis Schwangerschaftsabbrüche durchführt, eine strafbare „Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft“ sein soll. Eine Ärztin aus Gießen, Kristina Hänel, wurde vom OLG Frankfurt Anfang des Jahres rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt.

Lange Wege zu Klinik oder Praxis

Sichere Schwangerschaftsabbrüche sind für ungewollt Schwangere lebenswichtig. Doch immer weniger Ärztinnen und Ärzte in Deutschland führen Abtreibungen durch. Schon jetzt müssen ungewollt Schwangere lange Wege zur Klinik oder Praxis und längere Wartezeiten bis zu einer Abtreibung in Kauf nehmen – eine finanzielle, psychische und physische Belastung.“, schreibt CORRECTIV. 

CORRECTIV.Lokal startet Anonyme Umfrage im Netz   

CORRECTIV sucht daher zum Beginn seiner Recherche Menschen, die von ihrem Schwangerschaftsabbruch und den Hürden erzählen, die sie dabei erlebt haben. Dafür hat CORRECTIV.Lokal eine anonyme Umfrage entwickelt, die unter http://correctiv.org/dein-abbruch erreichbar ist. Die Befragung aller Krankenhäuser mit gynäkologischer Station ist ein weiterer Rechercheansatz, den CORRECTIV verfolgt. 

Die Befragung zu Erfahrungen mit Schwangerschaftsabbrüchen ist Teil einer Recherchekooperation zwischen CORRECTIV.Lokal und GSCHWÄTZ. GSCHWÄTZ wird über die Ergebnisse der Recherche berichten. 

 Text: Matthias Lauterer