1

„Kontrollverlust, Angst, Unvermögen, Einsamkeit, Wut –all das nimmt zu“

Der Ulmer Professor Manfred Spitzer, Psychiater und Neurowissenschaftler, warnt vor der Nutzung von elektronischen Medien im Kindesalter. Am 11. Februar 2020, kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie, war er in der Stadthalle Künzelsau zu Gast (GSCHWÄTZ berichtete). Ein weiterer geplanter Vortrag in Künzelsau konnte wegen des ersten Lockdowns nicht stattfinden.

„Ein laufender Fernseher beeinträchtigt die Sprachentwicklung“

Durch das „Distance-Learning“ sind die Schüler:innen inzwischen auf die intensive Nutzung elektronischer Medien angewiesen. Grund genug für GSCHWÄTZ-Redakteur Matthias Lauterer, bei Prof. Spitzer nachzufragen, mit welchen Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen er rechnet.

GSCHWÄTZ: Sehr geehrter Herr Spitzer, können Sie kurz darstellen, welche Probleme durch Nutzung der elektronischen Medien in der kindlichen Entwicklung Sie bereits vor der Corona-Zeit in Ihren Forschungsarbeiten festgestellt haben?

Spitzer: Meine Mitarbeiter und ich haben zwar einiges selbst erforscht, aber bei dieser Frage geht es nicht darum, was ein kleines Team an Erkenntnissen gewonnen hat, sondern darum, was man ganz allgemein aus wissenschaftlicher Sicht weiß. Und das ist mittlerweile recht viel.

GSCHWÄTZ: Gibt es Aussagen darüber, ob und inwieweit die tägliche Nutzungszeit einen Einfluß auf die kindliche Entwicklung hat?

Elektronische Medien schaden Kindern umso mehr, je kleiner sie sind.“

Spitzer: Elektronische Medien schaden Kindern umso mehr, je kleiner sie sind. So beeinträchtigen Bildschirmmedien die Sprachentwicklung, also ein laufender Fernseher beispielsweise – sogar wenn er nur im Nebenraum steht.

„Störungen der Selbstkontrolle“

Smartphones lenken ab, auch von Kindern, wenn die Eltern sie in deren Anwesenheit nutzen. Das führt schon bei Einjährigen zu unruhigeren Nächten. Ab einem Alter von drei bis vier Jahren machen Medien mehr Aufmerksamkeitsstörungen, später mehr emotionale Störungen und Störungen des Willens beziehungsweise der Selbstkontrolle. All das ist nachgewiesen, unter anderem auch in einer großen, von deutschen Kinderärzten durchgeführten Studie.

GSCHWÄTZ: Welche Forderungen zur Nutzung elektronischer Medien im Kindesalter haben Sie vor der Corona-Zeit bereits aufgestellt?

Spitzer: Ebenso wie Kinderärzte sehe ich auf stundenlange tägliche Mediennutzung von Kindern sehr kritisch. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät im Hinblick auf Bildschirmmedien und Kinder ganz klar: weniger ist besser.

 „Es hat sich längst herumgesprochen, das Kinder an Computern weniger lernen als im normalen Unterricht“

GSCHWÄTZ: Jetzt sind vor allem größere Kinder und Jugendliche gezwungen, sich durch „Distance-learning“ mehrere Stunden täglich mit elektronischen Medien zu beschäftigen, teils aktiv als Unterricht, teils passiv, wenn Videos als Lehrmittel verwendet werden. Wie passt dies zu Ihren Forschungen über die Entwicklung der Kinder?

Spitzer: Nun, es hat sich längst herumgesprochen, das Kinder an Computern weniger lernen als im normalen Unterricht.

 Veränderte Lebensweise führt auch zu körperlichen Symptomen

Ungünstig ist auch, dass Kinder in Zeiten von Corona nun noch mehr Zeit sitzend vor Bildschirmen verbringen, weniger Bewegung haben und oftmals mehr Snacks essen – und dadurch an Gewicht zunehmen.

Eine Studie der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (DAK) untersuchte im Längsschnitt die Folgen der Corona-Krise für die Mediennutzung. Hierzu wurde eine bereits im September 2019 stattgefundene Befragung von 1221 Kindern und Jugendlichen (Alter: 10 bis 17 Jahre) sowie je eines Elternteils (Alter: 28-75 Jahre) zur Nutzung von digitalen Spielen und sozialen Online Medien nochmals im Zeitraum vom 20. bis 30. April 2020, also einen Monat nach Beginn des deutschen Lockdown bzw. etwa zwei Wochen nach dem Scheitelpunkt der Pandemie in Deutschland, wiederholt. Untersucht wurde die Nutzung digitaler Computerspiele und sozialer Online-Medien, wobei sich folgendes Bild ergab:

DAK-Untersuchung ergibt deutliche Zunahme der Bildschirmnutzung in der Pandemie

An Schultagen nahm die mit beidem verbrachte Zeit von 3 Stunden 15 Minuten im September 2019 auf 5 Stunden 32 Minuten im April 2020 zu, an Wochenenden und in den Ferien von 5 Stunden 34 Minuten, im September auf 7 Stunden und 14 Minuten. Wohlgemerkt, Netflix, Apple-TV und Disney+ sowie das gute alte Fernsehen sind mit diesen Zahlen nicht erfasst. Das kommt noch oben drauf.

Übergewicht führt zu Folgeerkrankungen

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter sind hinlänglich bekannt. Hinzu kommt, dass Gewicht viel leichter zu- als abgenommen wird und daher aus übergewichtigen Kindern und Jugendlichen sehr oft übergewichtige Erwachsene werden. Die Folgen – Bluthochdruck und Diabetes (Typ II) – und damit die Langzeitfolgen Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebs sind ebenfalls bekannt und schwerwiegend.

GSCHWÄTZ: Welche Folgen befürchten Sie für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen durch diese mehrstündige Nutzung der elektronischen Medien? Die private Nutzung bleibt ja ebenfalls bestehen.

Spitzer: Lassen Sie mich neben dem, was ich bereits angeführt habe, noch etwas weniger Bekanntes ausführen: Bekanntermaßen trat die Corona-Pandemie in China zuerst auf und führt dort zu einem strikten Lockdown mit Schulschließung und häuslicher Quarantäne für Millionen von Menschen von Januar bis Mai 2020. Auch die Schule begann im Juni wieder, was es chinesischen Wissenschaftlern ermöglichte, während dieses Monats das Ausmaß der Kurzsichtigkeit von Schulkindern im Alter von 6 bis 13 Jahren zu messen. Dies war Teil einer seit dem Jahr 2015 laufenden Studie, bei der insgesamt 123.535 Kinder untersucht wurden, also etwa 20.000 Kinder pro Jahr. Dies erfolgte deshalb, weil ich China mittlerweile 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen kurzsichtig sind, vor allem, weil sie zu lange in die Nähe auf ihr Smartphone schauen.

Chinesische Regierung verbannt Smartphones aus Schulen

In der genannten Untersuchung wurde nun gefunden, dass sich die Geschwindigkeit der Entwicklung von Kurzsichtigkeit unter dem Lockdown verdreifacht hat – bei den 6- bis 8-jährigen. Dies war der chinesischen Regierung Anlass genug, Smartphones aus den Schulen zu verbannen – und das, obwohl Schule und Hausaufgaben dort seit Jahren am Smartphone erfolgen.

GSCHWÄTZ: Welche Maßnahmen können Sie den Lehrern empfehlen, um die eventuellen Folgen in Grenzen zu halten? Welche Unterrichtsmethoden wären aus Ihrer Sicht empfehlenswert?

„Unterricht wird nicht automatisch besser, wenn man Computer verwendet. Im Gegenteil.“

Spitzer: Wie oben bereits gesagt: Unterricht wird nicht automatisch besser, wenn man Computer verwendet. Im Gegenteil: das Ausmaß der Ablenkung nimmt zu und es wird deutlich weniger gelernt. Das sage nicht etwa ich; das sagen vielmehr sehr viele Untersuchungen, die es dazu gibt.

GSCHWÄTZ: Und was empfehlen Sie den Schülern und ihren Eltern?

„Weniger ist besser“

Spitzer: Wie ebenfalls oben gesagt: weniger ist besser! Eltern kleiner Kinder sollten vor allem wissen, dass ihr Verhalten vom Kind kopiert wird. Wenn also Eltern beim Abendessen auf ihr Smartphone schauen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn ihre Kinder (1) auch ein Smartphone haben möchten und (2) beim Abendessen auch draufschauen werden.

GSCHWÄTZ: Sind Ihnen als Psychiater bereits Fälle bekannt, dass die Lockdown-Maßnahmen zu erheblichen Krankheitsbildern bei Lehrern, Schülern oder Eltern geführt haben und können Sie uns den einen oder anderen charakteristischen Fall schildern?

Während des ersten Lockdowns kam es nicht zu den befürchteten Zunahmen von Depression und Angst oder gar Suizidversuchen.

Spitzer: Während des ersten Lockdowns kam es nicht zu den befürchteten Zunahmen von Depression und Angst oder gar Suizidversuchen. Man wusste, dass es vorübergeht, sah, dass es Erfolg hatte, und über den Sommer schien es, als habe man den Schrecken hinter sich.

Jetzt im März ist es vollkommen anders

Das war im Herbst und ist jetzt im März vollkommen anders: Kontrollverlust, Angst, Unvermögen, Einsamkeit, Wut –all das nimmt zu. Und bei Menschen, die ohnehin „am Rande der Dekompensation sind“, kommt es dann jetzt tatsächlich zu mehr Angst und Depression. Dies zeigen die neuesten Untersuchungen hierzu sehr deutlich. Vor allem junge Menschen sind betroffen und mehr Frauen als Männer.

GSCHWÄTZ: Rechnen Sie aufgrund der Corona-Maßnahmen wie Kontaktbeschränkung und Distance-Learning beziehungsweise deren Konsequenzen (wirtschaftliche Unsicherheit, Zukunftsangst) mit einer steigenden Fallzahl im psychologischen und psychiatrischen Bereich?

Spitzer: Ja. Man weiß beispielsweise schon lange, dass mehr Arbeitslosigkeit zu mehr Suiziden führt.

Empfehlung für das persönliche Verhalten

GSCHWÄTZ: Welche Empfehlungen für das eigene Verhalten und das Verhalten im Familienkreis können Sie geben, um mit möglichst wenig psychischer Belastung über die Coronazeit zu kommen?

Spitzer: (1) Körperlicher Abstand ist nicht das gleiche wie sozialer Abstand (man kann ja telefonieren) und meint definitiv auch nicht „verordnete Einsamkeit“ (wie es zuweilen missverstanden wurde).

„Halten Sie auf jeden Fall Kontakt mit Familie und Freunden

Halten Sie auf jeden Fall Kontakt mit Familie und Freunden, jetzt noch bewusster, weil man sich eben nicht zufällig oder einfach so trifft. Man muss sich schon drum kümmern. Täglich rausgehen halte ich ebenfalls für wichtig.

Gehen Sie kreativ mit Ihrer Zeit um

(2) Kreativ mit der vielen Zeit, die manche jetzt im Lockdown haben, umgehen. Also sich nicht überlegen, was man alles nicht tun darf oder kann, sondern überlegen, was man jetzt aktiv tun kann.

Nutzen Sie die positiven Effekte der Natur

(3) In meinem nächsten Buch (Titel: Naturerleben, erscheint bei Klett) habe ich mich mit den positiven Effekten der Natur auf uns Menschen, die man in den letzten Jahren sehr eingehend untersucht hat, ausgiebig beschäftigt.

GSCHWÄTZ: Herr Prof. Spitzer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer

 

Prof. Dr. Manfred Spitzer. Foto: Universität Ulm




Prof. Spitzer: TV & Internet fördert bei weniger Gebildeten die Unbildung

Im Rahmen eines Vortrags in der Stadthalle Künzelsau hat GSCHWÄTZ-Reporter Dr. Felix Kribus die Gelegenheit genutzt, um mit Hirnforscher Manfred Spitzer ein Interview zu führen. Medienkritiker Spitzer ist unter anderem ein Gegner von Smartphones bei Kindern. 

GSCHWÄTZ: Herr Professor Spitzer, früher hat man gesagt, Fernsehen macht kluge Leute klüger und dumme Leute dümmer. Gilt das heute fürs Smartphone und fürs Internet?

Spitzer: Jein. Das hat beim Fernsehen nur teilweise gestimmt. Ich wüsste nicht, wer da wirklich klüger geworden ist. Aber dass es tatsächlich bei weniger gebildeten Menschen vor allem auch die Unbildung noch stärker gefördert hat, das ist heute fürs Fernsehen in vielen Studien nachgewiesen. Fernsehen macht Ungebildete, Nichtgebildete – man hat ja geglaubt, man bringt jetzt Bildung in den letzten Winkel der Erde. Und das Gegenteil ist passiert, die Unbildung kam in den letzten Winkel der Erde. Jetzt wird für digitale Medien das Gleiche behauptet, jetzt haben wir die Cloud und können vom Smartphone jederzeit und an jedem Ort an jedes Fitzelchen von Wissen herankommen und das würde uns schlau machen. Fakt ist, dass dem nicht so ist. Ein bisschen stimmt’s, wenn jemand, der viel Vorwissen hat, in die Cloud geht und auch noch mehr Informationen sucht, dann wird der fündig, weil er schon viel weiß. Wer aber noch nichts weiß oder wenig weiß, der wird vor allem Unterhaltung im Netz finden der seichtesten Art und deswegen wird er nicht gebildet werden. Das stimmt heute in der digitalen Welt fast noch mehr als früher fürs Fernsehen. Die Gebildeten können das Netz tatsächlich für Bildung nutzen, aber die Ungebildeten werden nicht gebildeter, sondern noch ungebildeter.

„Wir müssen das Gehirn tatsächlich immer trainieren“

GSCHWÄTZ: Ich kram jetzt mal eine alte Kamelle raus. Neil Postman, Medienprofessor und sehr bekannt in den 80ern und 90ern, hat die Bücher geschrieben „Das Verschwinden der Kindheit“ und „Wir amüsieren und zu Tode“. Sein Tenor ist, dass durch das dauernde Bildschauen, wo auch nichts erklärt werden muss, dass da im Grunde der Geist des Kindes oder auch die ständige Verfügbarkeit von Inhalten Kinder eigentlich nicht reifer und erwachsener machen.

Spitzer: Also ich denke, wir wissen es heute einfach noch ein bisschen genauer, als man das in den 80ern und 90ern wissen konnte, weil die Gehirnforschung immer klarer gezeigt hat, wie wichtig die Benutzung des Gehirns für dessen Leistungsfähigkeit ist. Wir müssen das Gehirn tatsächlich immer trainieren, was Kinder von sich aus ja tun, indem sie sich der Welt zuwenden, mit der Welt umgehen, ausprobieren und so weiter. Und die ständige Verfügbarkeit scheinbar von allen Informationen über so ein kleines Glasbildschirmchen suggeriert Wissen, wo eigentlich nur Ablenkung ist. Deswegen ist sie gerade für sich entwickelnde Gehirne sehr schädlich. Das wissen wir heute besser als das Herr Postman wissen konnte vor 25 Jahren.

„Digitale Medien verhindern Bildungsprozesse“

GSCHWÄTZ: Jetzt haben Sie ja sehr energisch gegen Ende Ihres Vortrags gesprochen, Sie sind also ein relativer oder absoluter Gegner von Smartphones, solange die Kinder noch sehr klein sind. Wenn sie älter sind und mit Medien umgehen können und auch Informationen selektieren und filtern können, ist nochmal was anderes. Warum sind Sie so sehr dagegen?

Spitzer: Weil, wenn man noch kein Vorwissen hat, und das ist es, was man braucht, um Informationen zu filtern, dann kann man dieses Vorwissen durch digitale Medien viel schlechter erwerben – das ist nachgewiesen in vielen Studien – als man das durch Lernen mit Lehrern und mit Gemeinschaft kann. Deswegen sind digitale Medien, je kleiner jemand ist, umso schädlicher. Sie schaden dann ganz besonders der Bildung und verhindern Bildungsprozesse. Und dazu kommt dann eben noch, dass Smartphones nicht nur die Bildung behindern, sondern sie verhindern die richtige Entwicklung der Augen – die machen kurzsichtig. Sie behindern die motorische Entwicklung, die Kinder bewegen sich viel weniger, wenn sie Medien nutzen. Deswegen werden sie dicker. Das macht wiederum Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Das sind die häufigsten Killer, die wir sowieso haben. Also wenn man alles zusammenaddiert, dann kommt man auf eine unglaubliche Menge an Schaden und ganz wenig Nutzen. Und je kleiner die Kinder sind, desto größer die Schäden und desto gar nicht mehr vorhanden ist der Nutzen. Weswegen es mir gerade um Kinder und Jugendliche geht. Erwachsene sind für sich selbst verantwortlich. Da muss jeder selbst entscheiden, wie er mit den digitalen Medien umgeht und wie er sie auch für sich nutzt.

„Kinder ohne Smartphone reden mit anderen“

GSCHWÄTZ: Früher waren es Markenklamotten, heute sind es eben Smartphones. Wir reden immer über Ausgrenzung oder eben Gruppenzusammenhalt oder  Gruppenausgrenzung. Was würden Sie Eltern raten, deren Kinder jetzt kein Smartphone haben – solche Kinder gibt es wahrscheinlich auch noch –  und die Eltern wissen nicht, was sie machen sollen?

Spitzer: Also an Eltern die ganz klare Botschaft: Smartphones schaden Kindern. Weswegen der Erfinder des Smartphones, Steve Jobs, das seinen Kindern auch nicht gegeben hat. Bill Gates dachte, für meine 14-Jährige ein Smartphone, aber nur unter Aufsicht. Es ist definitiv falsch, den Kindern diese Instrumente zu früh in die Hand zu geben und dann auch noch ohne jegliche Begleitung. Das Smartphone ist der Zugang zum größten Rotlichtbezirk der Welt. Das drücke ich meiner Tochter nicht einfach so in die Hand und lass sie damit unbeaufsichtigt weiter damit umgehen. Das ist unverantwortlich. Und vielleicht noch ein Tipp für die Eltern: Was sie ihren Kindern nicht schenken, müssen sie ab dem Tag nicht dauernd verbieten und nicht drüber streiten. Und weiterhin gilt, wenn mein Kind als einziges kein Smartphone hat, dann ist es das einzige, das mit anderen Kindern redet und deswegen ist es hervorgehoben. Es wird auch über Smartphones gemobbt und es wird über Smartphones Depression verbreitet. Dass die Kinder depressiv werden und gemobbt werden, wenn sie kein Smartphone haben, ist schlichtweg eine Lüge und falsch. Man kauft sich viel Schäden ein und eigentlich wenig Gutes. Je länger die Kinder kein Smartphone haben, desto besser ist es für die Kinder.

„Zugang zum größten Rotlichtbezirk der Welt“

GSCHWÄTZ: Müssen wir eigentlich nicht froh sein mit unserer Bundesregierung, die ja in allem etwas hinterherhinkt? Mit der Digitalisierung, dass sie noch nicht soweit fortgeschritten ist, und Funkfrequenzen und Internet, das ja mit einer gewissen Geschwindigkeit geplant ist für ganz Deutschland, das wird uns ja seit 15 Jahren erzählt. Müssen wir nicht dankbar sein, dass das nicht so schnell voran geht?

Spitzer: Also ich war bis vor einem Jahr immer dankbar, wenn ich gehört habe, wir hinken mit der Digitalisierung hinterher gerade was Schule anbelangt. Jetzt geben wir fünf Milliarden dafür aus, dass die Kinder weniger lernen an den Schulen, weil Router und Internetzugang genau dazu führen, das ist in x Studien nachgewiesen. Das bringt mich schon etwas in Rage, weil wenn man die Daten dazu kennt, kann man nicht guten Gewissens nicht fünf Milliarden für Internetzugänge und digitale Geräte an Schulen ausgeben, weil die nochmal das Lernen verhindern und nicht fördern.

„Besser Lehrer einstellen als fünf Milliarden für digitale Medien ausgeben“

GSCHWÄTZ: Das heißt eigentlich, wir müssten froh sein, dass das Schulsystem so ist? Was würden Sie am aktuellen Schulsystem, am aktuellen Bildungssystem ändern?

Spitzer: Also jetzt im Moment würde ich die fünf Milliarden nehmen und dafür Lehrer einstellen. Da brauch ich kein Studium, um zu wissen, dass das Wichtigste im Unterricht der Lehrer ist und wenn Unterricht ausfällt – es fällt sogar in Baden-Württemberg noch Unterricht aus, weil grad kein Lehrer da ist – dann ist das Beste, was man mit Geld machen kann, Lehrer einzustellen.

GSCHWÄTZ: Es gab mal von Neil Postman eine These, die besagt hat, das Fernsehen ist nicht für Idioten, das Fernsehen erzeugt sie. Ist das für das Internet auch so?

Spitzer: Ich würde nicht von Idioten sprechen, aber ich würde von Problemen bei der Hirnentwicklung definitiv sprechen und von einer geringeren Bildung auch definitiv.

Manfred Spitzer sagt, Smartphones schaden der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Foto: GSCHWÄTZ