Trotz der Coronabeschränkungen wollte Bürgermeister Stefan Neumann den traditionellen Neujahrsempfang auch 2021 nicht ausfallen lassen. Statt in der Stadthalle konnten die Bürger den Empfang im youtube-Livestream verfolgen.
Nützlich sein anstatt weniger schädlich
Hatte Neumann in seinen Eingangsworten noch von Nachhaltigkeit bezüglich Energie und Wohnbau gesprochen, wurde er von Professor Dr. Michael Braungart gedanklich überholt, der in seinem Vortrag über das „Cradle-to-Cradle“-Prinzip das Wort „nachhaltig“ als „weniger schädlich“ interpretiert und die Forderung aufstellt, dass wir nicht „weniger schädlich“ sondern im Gegenteil „nützlich“ handeln sollen.
„Warum zum Teufel klimaneutral sein?“ – wenn es auch klimapositiv geht.
Der Mensch sei das einzige Lebewesen, das Müll erzeuge, der sich nicht wieder in den Kreislauf einfügen lasse, sagt Braungart. Er unterstreicht das am Beispiel eines Kirschbaums: Der verliert zwar seine Blüten, aber die Biomasse der Blüten wird durch Verrottung wieder der Biosphäre zugeführt und zu 100 Prozent wiederverwertet, ist also nützlich. Dasselbe fordert er für die vom Menschen erzeugten Güter: vollständige Rückführung in die Bio- oder Technosphäre.
„Gebt einfach den Abfall auf“
Das heutige Recyling beispielsweise von Metallschrott ist für ihn ein gutes Beispiel mangelnder Qualität: Wenn aus Autos Betonstahl wird, der noch voller Buntmetalle ist, dann erzeugt das sowohl schlechten Baustahl als auch einen Mangel an wertvollen Buntmetallen. „Effektivität statt Effizienz“ ist sein Schlagwort: Statt auf kurzfristige und scheinbare ökonomische Effizienz zu setzen, sollten die Effekte eines Produkts über seine Nutzungszeit und die Nachnutzung betrachtet werden. Das führe über die gesamte Nutzungszeit letztendlich zu geringeren Kosten, wenn auch der Anschaffungspreis höher sein würde.
Neue Arten der Geschäftsbeziehung zwangsläufig notwendig
Aus diesem Grund plädiert er auch für neue Geschäftsmodelle und Geschäftsbeziehungen, die die Nutzung eines Produkts bepreisen, nicht das Produkt selbst: „Niemand braucht eine Solaranlage auf dem Dach, aber jeder braucht den Strom“ bringt er es auf den Punkt. Derartige Geschäftsmodelle, ähnlich einer Miete, so Braungart, habe er exemplarisch bereits verwirklicht: So habe er in den Niederlanden ein Projekt durchgeführt, wo nicht Leuchten oder Lampen bezahlt werden, sondern eine definierte Lichtleistung.
Wiederverwertung muss wichtiger werden
Auch die Produktentwicklung würde zwangsläufig anderen Prämissen folgen: Nicht nur der Einkaufspreis, sondern auch die Wiederverwertbarkeit und die Kosten und der Nutzen einer Wiederverwertung würden bereits sehr früh im Entwicklungsprozeß relevant werden.
„To do the wrong things perfectly is doing things perfectly wrong“
Fast wie ein Mantra wiederholt Braungart: „Qualität statt Nachhaltigkeit“. Er meint damit, dass die Nachhaltigkeit, wie wir sie heute sehen, nur Bestehendes optimiert und nichts Neues, nichts Fortschrittliches, erschafft. Produkten, die zu Abfall werden und nicht in die Technosphäre zurückgeführt werden, bescheinigt er mangelnde Qualität. Für ihn ist die Betrachtung des Materialienverbrauchs wichtiger als der Energieverbrauch: „Die Energieseite können wir lösen“, meint er.
„Aus Panik werden Menschen nicht fortschrittlich“
Damit hat er das Wesen des von ihm propagierten Cradle-to-Cradle-Ansatzes erklärt: Jedes Produkt soll nach seiner Nutzung wieder als Wiege eines Folgeprodukts dienen können. Dazu nennt er das Beispiel einer Papierfabrik, die es geschafft hat, ihr Papier wirklich wiederverwertbar zu machen: Durch Verzicht auf Farben und Füllstoffe, die bisher nur zu giftigem Klärschlamm wurden und 40 Prozent am Gesamtvolumen ausmachten.
Digitalisierung und Cradle-to-Cradle
Durch die neuen Geschäftsbeziehungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern, ergäben sich laut Braungart weitere Vorteile: Wenn man von definierten Produktlaufzeiten ausgeht, weiß man auch, wann ein bestimmtes Material nach dem Recycling wieder für neue Produkte zur Verfügung steht und kann das in der Produktentwicklung berücksichtigen. Für das Vorhalten dieser Informationen ist die weitere Digitalisierung notwendig.
Städtische Bauplanung optimieren, etwa mit Fassadenbepflanzung
„Aus Panik werden Menschen nicht fortschrittlich“, sagt Braungart und will rationales Nachdenken über „nützliches“ Verhalten. Besonders die größeren Bauprojekte in Künzelsau sprach er damit an, denn städtische Bauplanungen könnten auf „Nützlichkeit“ optimiert werden, zum Beispiel durch Fassadenbepflanzungen oder gar Eiweißerzeugung in der Fassade – dieses Eiweiß könnte dann lokal als Tierfutter Verwendung finden, denkt er weit in die Zukunft. „Die Stadt hat von ihrer Umgebung immer nur genommen“, weiß er aus seiner Jugend, die er in Jagstberg, Diebach und Nagelsberg verbracht hat.
Künzelsau als Innovationshotspot von Nachhaltigkeit
Mit „Innovation entsteht nicht im Zentrum“, kommt Braungart zum Schluss seines Vortags. Künzelsau als Hochschulstandort und Sitz diverser Weltmarktführer biete sich geradezu an, ein Innovationshotspot im Sinne des „Cradle-to-Cradle“-Prinzips zu werden, wo Produkte und Dienstleistung entwickelt werden, die nicht nur „weniger schädlich“ sondern „nützlich“ sind.
Text: Matthias Lauterer
Über Prof. Braungart: http://braungart.epea-hamburg.org/de/content/%C3%BCber-michael-braungart

Prof. Dr. Michael Braungart während seiner Rede beim Neujahrsepfang der Stadt Künzelsua am 28. Januar 2021. Quelle: Screenshot