„Menschen, die töten, handeln meist nicht irrational und sind im Regelfall nicht psychisch gestört. Sie müssen nicht einmal alltäglich besonders aggressiv sein. Mord ist keine Krankheit, sondern ein Prozess der Entschlussfassung.“ Das sagt der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber bei einem Interview mit Daniel Müller, das in der Wochenzeitung „die Zeit“ am 14. Februar 2019 erschienen ist.
Die große Frage ist: Wann hat Elisabeth S. den Entschluss gefasst, ihren siebenjährigen Ersatzenkel Ole T. zu (er-)würgen? Geschah das minutelange Zudrücken des Halses aus einem Affekt heraus – möglicherweise ausgelöst durch eine Verweigerungshaltung des Jungen, der nicht baden wollte? Oder war es eine länger geplante Tat?
Elisabeth S. zeigt bis heute kein Einsehen, was ihre Tat betrifft. Es tue ihr alles so leid, sagte sie und dass sie dem Jungen doch nur helfen wollte, als dieser vermeintlich keine Luft mehr bekam. Das sie selbst es war, die den Erstickungstod verursacht hat, scheint sie verdrängt zu haben – oder kann sie einfach nur gut schauspielern?
Kröber, der laut der Zeit in den vergangenen 30 Jahren mehr als 1.000 Straftäter begutachtet hat, erklärt, dass es zwei Gruppen von Tätern gäbe. Für die erstere ist Gewalt eine seit ihrer Kindheit natürlich ausgeübte Form der Auseinandersetzung. Die zweite Gruppe hat keine derartige Gewalterfahrung erlebt (hierzu würde nach dem vor Gericht vorgetragenen Lebenslauf auch Elisabeth S. gehören), hat aber eine „starke Motivation“ für ihre Tat. „So legen sie sich nach und nach eine Rechtfertigung für das Töten zurecht.“
Der vor Gericht vorgetragene Lebenslauf von Dr. Thomas Heinrich lässt keine Rückschlüsse auf Gewalterfahrung zu. Auch keine der Zeugen beschrieb Gewalterfahrungen, die Elisabeth S. erlebt oder Gewalt, die sie an anderen ausgebübt hat – weder an ihrem Sohn, noch an Ole T.. Im Gegenteil.
Alle Zeugen beschreiben die 70-Jährige als eher ruhig. Die Tat des Erdrosselns steht damit im Widerspruch zu dem ruhigen Gemüt von Elisabeth S.. Dieses Gemüt war aber nicht immer ruhig, wie manche Zeugen berichteten. Immer wieder kam es zu starken Stimmungsschwankungen und Gefühle von Angst und Überforderung machten sich in Elisabeth S. breit.
Kröber geht in dem Interview auch auf die Art des Tötens ein: „Wer mit den eigenen Händen erwürgt […], erlebt das oft als „sehr anstrengend, manchen ist das unangenehm. Das ist verbunden mit einer maximalen Erregung, das Adrenalin steigt bis in die Haarspitzen, es geht um Leben und Tod. Man muss unbedingt gewinnen, man kann nicht nachlassen.“
Kröber hat in seiner jahrzehntelangen Arbeitspraxis jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass Frauen sehr viel seltener töten als Männer: „Frauen töten normalerweise nicht, jedenfalls kein zweites Mal,“, da sie bessere Wege fänden, sich zu rächen und anderen zu schaden.
Aber klar sei: Wer töte, unterscheide sich von 99 Prozent der Gesellschaft. „Du sollst nicht töten“, sei das klarste Gebot, „das begreifen schon Kinder“, sagt Kröber. Wenn jemand dagegen verstoße, trügen sie fortan ein Kainsmal, das sie nie mehr loswerden.