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Dem Tod von der Schippe gesprungen

„Dem Tod näher als dem Leben“, so bezeichnet Jutta Riemer ihren körperlichen Zustand im Jahr 1997. Aufgrund einer chronischen Lebererkrankung stand die damals 44-Jährige kurz vor dem Leber- und Nierenversagen.

„Ich wusste, dass ich ohne Spenderleber bald sterben würde“, blickt sie zurück. Doch sie hatte Glück: Am 9. Juni in jenem Jahr bekam sie in einer neunstündigen Operation eine andere Leber – ein Tag, den sie bis heute als ihren „Lebergeburtstag“ bezeichnet. Nach mehreren Wochen konnte sie das Krankenhaus verlassen und sich auf den Weg zurück ins Leben machen. Doch obwohl es ihr relativ schnell viel besser ging, konnte sie nicht mehr zurück in ihren alten Beruf.

Riemer fand eine neue Lebensaufgabe in einem Verein

Heute geht man anders damit um, aber damals hatten die Ärzte der ehemaligen Biologie- und Sportlehrerin wegen der erhöhten Infektionsgefahr davon abgeraten. Ihre neue Lebensaufgabe fand die Bretzfelderin – wie sie selbst sagt, „heftig unterstützt“ von ihrem Mann – bei der Patientenselbsthilfeorganisation Lebertransplantierte Deutschland e.V. (LD e.V.). Der bundesweit tätige Verein mit rund 1400 Mitgliedern unterstützt seit über 25 Jahren Transplantierte, Wartepatienten und ihre Angehörigen durch persönliche Beratung, Seminare, Broschüren, einer Website und ihre Interessenvertretung. Um unter anderem den Erfahrungsaustausch zwischen Patienten und Ärzten, Schwestern und Experten zu fördern, veranstaltet LD e.V. in Tübingen und in Heidelberg Patientenseminare sowie Gruppentreffen in ganz Baden-Württemberg und darüber hinaus. Auch im Raum Hohenlohe/ Schwäbisch Hall gibt es regelmäßige Treffen.

Wie wichtig ist ein Organspendeausweis?

Auslöser für Jutta Riemers Engagement war ein Erlebnis im Krankenhaus: Ein junger, kranker Vater bekam kein Organ. Sie wollte etwas beitragen zur Aufklärung über das Thema Organspende. Selbst hatte sie sich lange vor ihrer Erkrankung mit diesem Thema auseinandergesetzt und besaß bereits einen Organspendeausweis. Im Rahmen ihrer Arbeit für LD e.V. geht die 65-Jährige in Schulen und spricht mit Schülern ab Klasse neun: „Die Jugendlichen sind sehr offen und haben meist wenig Verständnis für Leute, die sich mit dem Thema gar nicht auseinandersetzen wollen“. Sie schätzt, dass ein Drittel bis ein Viertel der jungen Leute einen Spenderausweis hat – ab 16 Jahren kann sich jeder für oder gegen eine Organspende entscheiden.

Ärzte denken zu wenig an seine Organspende

Vor allem muss sich in Zeiten des Organmangels etwas in den Krankenhäusern ändern, findet Jutta Riemer. „Ich bin besonders dem Pflegepersonal im Krankenhaus dankbar, das damals den Verstorbenen als möglichen Organspender entdeckt hat“, sagt sie. Das Grundproblem sei, dass ein Spender trotz Ausweis oft nicht entdeckt werde.

Die Ärzte haben zuerst den Patienten vor ihnen im Blick und wie sie ihm helfen können. „Das ist auch richtig so, aber wenn sie nichts mehr für den Patienten tun können und der Hirntod eingetreten ist, denken immer noch zu wenige Ärzte und Pfleger an eine Organspende.“ Deshalb müsse ein neuer Geist in den Kliniken einziehen: Chefärzte und Verwaltungen müssten hinter den Organspenden stehen und diese zu einem selbstverständlichen ärztlichen Handeln machen. „Doch das geht nicht nebenher und braucht Zeit im Klinikalltag“, erklärt die langjährige Vereinsvorsitzende. Immerhin sei ein Zuwachs von 20 Prozent an Organspenden verzeichnet worden, seit es im Januar 2018 einen Aufschrei gab angesichts des Tiefstands bei Organspenden.

„Man ist nicht Schuld am Tod des Spenders.“

Die Transplantationsmedizin wird nicht infrage gestellt – „leben will schließlich jeder“. Die Patienten seien zunächst in ih- rer Krankheit gefangen, doch irgendwann muss jeder akzeptieren, dass da auch die Organspende dazu gehört und Betroffene nur weiterleben können, wenn jemand anderes nach dem Tod seine Organe weitergibt. „Ganz wichtig aber ist, sich bewusst zu machen, dass man nicht schuld an dem Tod des Spenders ist“, findet sie. „Ich habe nicht auf den Tod dieses Menschen gewartet und er ist auch nicht wegen mir gestorben, aber ich hatte Glück und durfte ein Organgeschenk erhalten.“ Bis heute gedenkt Jutta Riemer in ganz besonderem Maße ihrem Organspender und seiner Familie. Ihr ist bewusst, dass ihr Überleben nur, dank dieser Spende möglich ist. Deshalb ist es ihr auch ein besonders Anliegen, etwas über die Gedanken und Gefühle von Spenderangehörigen zu erfahren. Für diese gibt es nun im Verein Ansprechpartner und es wurde ein Netzwerk gegründet, um auch sie zu unter- stützen und politisch zu vertreten.

Für ihre Vereinsarbeit wurde Jutta Riemer 2014 der Verdienstorden von Baden-Württemberg verliehen. Im Oktober 2018 bekam sie das Bundesverdienstkreuz. „Schön war dabei vor allem, dass das Ehrenamt mal wieder im Vordergrund stand“, freut sich die Geehrte. Denn schließlich ginge es nicht ohne ihre zahl- reichen Mitstreiter. Die sehr vielfältige und spannende Arbeit macht ihr Spaß. „Ganz besondere Kraft gibt mir aber auch, wenn jemand sagt: Du hast mir weitergeholfen.“




Im Tal der Isolierten – Ein Leben ohne Telefon- und Internetanschluss

Eberbach – Man sollte meinen, dass heutzutage jedes Haus mit einem funktionierenden Telefon- und Internetanschluss ausgestattet ist. Ohne kann man sich den Alltag auch kaum mehr vorstellen. Schnell noch eine Mail verschicken, Freunde anrufen oder eine Serie auf Netflix anschauen. Standard, klar. Das gilt allerdings nicht für Eberbach. Die idyllische Ortschaft in der Gemeinde Mulfingen hat seit Jahren Probleme mit den Anschlüssen – und eine Lösung scheint nicht in Sicht.

Haushalt ohne funktionierende Internet- und Festnetzverbindung

Da kann etwas so Einfaches wie die Vereinbarung für einen Interview-Termin schon zu einer kleinen Herausforderung werden: Man wählt die richtige Nummer, hört aber immer wieder nur endloses Tuten oder aber überhaupt nichts.
„Sie könnten jetzt auch jeden Moment aus der Leitung fliegen“, warnt Gerold Prümmer, als nach mehreren gescheiterten Versuchen endlich unser erstes Telefonat zustande kommt. „Wir sind hier ein Stück weit von der Zukunft abgehängt“, sagt der Eberbacher. Denn er und die anderen Bewohner haben seit nunmehr fünf Jahren mit der Problematik zu kämpfen. Erste Schwierigkeiten mit den Anschlüssen traten bereits 2013 auf. In den letzten eineinhalb Jahren habe sich die Situation allerdings zugespitzt: Die Leitungen sind zum Teil komplett tot, ein Großteil der Haushalte ist ohne funktionierende Internet- und Festnetzverbindung. Und jeder, der schon einmal in Eberbach war, weiß, dass es dort auch kein Mobilfunknetz als Alternative gibt.

Satelliteninternet kostet 100 Euro im Monat

Einige Bewohner sind deshalb auf analoge Leitungen oder Satelliteninternet ausgewichen. Dabei kann es sich aber nur um eine Übergangslösung handeln, denn die analogen Leitungen sollen noch in diesem Jahr abgeschaltet werden und der Zugang über Satellit ist mit rund 100 Euro im Monat eine kostspielige Angelegenheit.

Leitungen seien veraltet

Laut Aussagen der Anbieter Telekom beziehungsweise NeckarCom und der Gemeinde Mulfingen gegenüber den Bewohnern haben die Probleme mehrere Gründe: Die Leitungen seien veraltet und an manchen Kupferkabeln würden mehrere Anschlüsse hängen, was vor allem beim Internet nicht funktionieren würde. Zudem ist Eberbach nicht mit Glasfaserkabeln ausgestattet. Diese wurden letztes Jahr zwar vom Nachbarort Buchenbach her verlegt, allerdings nur bis zum Ortseingang. Eine Breitbandanschluss sei in Eberbach somit unmöglich.

Wer hat Schuld?

„Die Telekom und die Gemeinde schieben sich gegenseitig die Schuld zu“, sagt Manuel Hub. Zusammen mit seiner Frau Kathrin Hub hat er letztes Jahr in Eberbach gebaut. Für den Neubau wurde ihnen seitens der Telekom ein Anschluss zugesagt. „Für den haben wir im November 2017 dann auch 800 Euro bezahlt – aber bis heute geht überhaupt nichts“, erzählt Kathrin Hub. Auch etliche Briefe, Telefonate und Techniker-Besuche später wird das Ehepaar immer wieder aufs Neue vertröstet. Und das ist in Eberbach kein Einzelfall.

„Stellen Sie sich vor, dass Sie den Notarzt oder die Feuerwehr anrufen müssen“

Die Bewohner fühlen sich teilweise komplett von der Außenwelt abgeschnitten. „Wenn Sie Ihre Kinder in der Schule krankmelden wollen, können Sie nicht einfach anrufen, sondern müssen hinfahren“, erzählt Holger Rudolph, „oder stellen Sie sich vor, dass Sie den Notarzt oder die Feuerwehr anrufen müssen – dann haben Sie ein richtiges Problem.“ Rudolph ist so verärgert, dass er nun sein Haus verkaufen und Eberbach den Rücken kehren wird. Doch auch dies sei nicht so einfach. Denn die Problematik ist schon länger kein Geheimnis mehr.

Holger Rudolph im Kurzinterview, wie es sich ohne Telefon und Internet lebt:

 

Vermutlich stehen aus diesem Grund auch einige Häuser leer und es gibt seit Jahren freie Bauplätze im Neubaugebiet. „Das ganze verursacht also auch wirtschaftliche Schäden“, sagt Gerold Prümmer. Der Versicherungsmakler würde beispielsweise gerne einen neuen Mitarbeiter anstellen. „Aber der braucht dann eine eigene Leitung und das ist im Moment nicht möglich“, erklärt Prümmer weiter. Und auch für potentielle neue Gewerbetreibende ist Eberbach, obwohl im wirtschaftlich starken Mulfingen gelegen, somit keine attraktive Adresse.

 

Holger Rudolph im Kurzinterview, ob der fehlende Telefon- und Internetanschluss ein Grund sei, Eberbach zu verlassen:

Ausbau des Glasfasernetzes in Eberbach

Die Bewohner wollen sich weiter für eine Verbesserung der Situation einsetzen. Sie stehen in dauerhaften Verhandlungen mit der Gemeinde und den Anbietern, damit der Ausbau des Glasfasernetzes in Eberbach vorangeht. Solange müssen sie wohl weiter auf Übergangslösungen ausweichen. So versammeln sie sich beispielsweise regelmäßig vor Gerold Prümmers Haus, denn er ist einer der wenigen Privilegierten mit recht stabiler Internetverbindung. „Unser W-Lan ist deshalb für die anderen offen“, erklärt er. Das erinnert ein wenig an die Erzählungen der Großeltern, die sich immer bei der Familie getroffen haben, die das einzige Telefon oder den ersten Farbfernseher im Ort hatten – nur eben im Jahr 2018.

Holger Rudolph im Kurzinterview, wie die Kontaktaufnahme mit dem Anbieter bisher lief:

 

Mulfingens Bürgermeister Robert Böhnel wird sich in den nächsten Tagen in einem persönlichem Gespräch mit GSCHWÄTZ über dieses Thema unterhalten.

Unabhängig von dem Interview-Termin erreichte die GSCHWÄTZ-Redaktion am 12. Juni 2018 Pressemitteilung von AfD-Abgeordneten Anton Baron zu diesem Thema. Baron hat Gründe und Gegenmaßnahmen bei der Stuttgarter Landesregierung abgefragt, da Eberbachs digitale Infrastruktur auf dem Stand der 80er-Jahre ist – Minister Strobl zufolge gäbe es zwar Pläne der Telekom, einen Sendemast zu errichten, jedoch wird kein konkreter Zeitpunkt genannt.

Pressemitteilung von Anton Baron: Antrag zur Mobilfunk und Breitbandsituation in Eberbach.
Foto: GSCHWÄTZ

 

Bei einem Video-Interview im Freitag, den 15. Juni 2018, in Dörzbach äußerte sich CDU-Landtagsabgeordneter Arnulf Freiherr von Eyb ebenfalls zur aktuellen Situation der Eberbacher: Seiner Meinung nach wurde das Thema zu sehr aufgebauscht. Es beträfe nicht jeden in Eberbach, sondern nur einzelne Punkte.

Das Interview mit Dr. Sandra Hartmann und dem CDU-Landtagsabgeordneten Arnulf Freiherr von Eyb erscheint am Samstag, den 23. Juni 2018, auf GSCHWÄTZ.