Der Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Matthias Krist hatte GSCHWÄTZ vor nicht allzu langer Zeit einen Leserbrief zukommen lassen, den wir in unserer Printausgabe abgedruckt haben – und bei dem wir noch einige Nachfragen hatten. Thema: Gesundheitsversorgung in Künzelsau. Daher haben wir den HNO-Arzt zu einem Interview zu uns in die Redaktion gebeten. Krist hat zugesagt und sprach mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann unter anderem über die schlechte Bezahlung von Fachärzten und warum er zwischen seiner Praxis in Künzelsau und dem Öhringer Krankenhaus pendelt.
GSCHWÄTZ: Dr. Krist, in Ihrem ersten Punkt in Ihrem Leserbrief weisen Sie darauf hin, dass Künzelsau kein ambulantes Problem habe. Aber wir haben doch de facto Engpässe im Rettungsdienst und eine neue Notarztpraxis, bei der der Notarzt fast nicht handlungsfähig ist (wir berichteten).
Krist: Zu einer ambulanten Versorgung gehört per Definition nicht der Rettungsdienst und nicht die Notarzt-Versorgung. Die ambulante Versorgung beinhaltet die Arztpraxen, die auch einen Notdienst haben. Wir haben aber nichts mit dem Krankenhaus zu tun. Wir sind völlig autark. Der Rettungsdienst ist ebenfalls völlig autark. Er ist sozusagen der verlängerte Arm des Krankenhauses. Wir haben seit 1945 eine gute ärztliche Versorgung hier in Künzelsau. Es gibt eigentlich keine echten Defizite. Es ist eigentlich alles vorhanden.
„Wir haben ein sehr unsoziales Kassensystem“
GSCHWÄTZ: Ob das die Patienten, die einen Kinderarzt brauchen, so unterschreiben würden? Immerhin gab es früher in Künzelsau und Ingelfingen einen Kinderarzt, nun gibt es nur noch Dr. Marcel Monn, der zwar hervorragend arbeitet, dessen Praxis aber auch sehr voll ist.
Krist: Ich muss auch in Kauf nehmen, nach Öhringen zu fahren, wenn ich zum Kinderarzt will. Ich verstehe sehr wohl, dass jemand den Kinderarzt vor Ort haben will, aber die Politik will diese gute Versorgung nicht – weder bei den Ärzten, noch beim Krankenhaus. Weil sie das Geld, das sie von den Leuten dafür einnehmen, anderweitig verwerten.
„Ich kalkuliere mit einem Nettoverdienst bei einem Kassenpatienten über drei Monate (pro Quartal) von drei Euro als Facharzt.“
GSCHWÄTZ: Inwiefern?
Krist: Wir haben ein sehr unsoziales Kassensystem. Nehmen Sie nur mal die Schweiz. Der Staat zahlt dort aus Steuermitteln aus dem gesamten Steueraufkommen die Gesundheitsversorgung und in Deutschland zahlen nur die, die arbeiten. Das ist in höchstem Maße unsozial. Man hätte mehr Geld, wenn der Staat und nicht die Bürger für all diejenigen aufkommen müsste, die nicht einzahlen. Wir haben sehr viele Leute, die nicht mehr arbeiten oder arbeiten können. Zusätzlich gibt es ein Verteilungsproblem in der Gesundheitsversorgung. Die größten Kürzungen hat der ambulante Bereich 1996 hinnehmen müssen. Wir arbeiten heute für den gleichen Umsatz wie 1978. Ich kalkuliere mit einem Nettoverdienst bei einem Kassenpatienten über drei Monate (pro Quartal) von drei Euro als Facharzt. Der reine Umsatz pro Patient liegt bei 33 bis 35 Euro. Rund 30 Euro Unkosten können Sie davon abziehen. Dann bleiben pro Patient rund drei bis fünf Euro Gewinn. Beim Hausarzt schaut es besser aus. Er fängt mit 60 Euro Umsatz an bis zu 100 Euro. 1996 hat der Hausärzteverband erwirkt, dass die Hausärzte mehr Geld bekamen. Die Fachärzte wurden dementsprechend runtergekürzt. Hinzu kommen Hausarzt-Modelle, die lukrativ und auch sinnvoll sind, aber der Mangel an Fachärzten wird kommen.
Krist wird im Jahr 2020 60 Jahre alt. Seine HNO-Praxis in Künzelsau hat er von Dr. Grell 1996 übernommen. Die Praxis wurde laut Krist seitdem ausgebaut, unter anderem kam eine große operative Abteilung dazu. Neben seiner Praxistätigkeit arbeitet Krist für das Hohenloher Krankenhaus und führt in Öhringen Operationen durch. Er sagt, er arbeitet rund 60 Stunden wöchentlich im Durchschnitt – mal mehr, mal weniger.
GSCHWÄTZ: Warum sinkt die Attraktivität für Medizinstudenten, Facharzt zu werden?
Krist: Ich habe rückblickend in den ganzen 25 Jahren keinen einzigen Tag gehabt, wo ich heimgekommen wäre und gesagt habe: Da hat sich was verbessert. Es ist alles kontinuierlich schlechter geworden. Es funktioniert trotz der politischen Vorgaben, nicht wegen. Wir Ärzte sind Lebenskünstler. In fünf oder sechs Jahren hat man die Lebenskünstler nicht mehr. Dann hat man eine andere Generation. Die macht das nicht mehr mit.
„Der Fachkräftemangel wird kommen“
GSCHWÄTZ: In Ihrem Leserbrief sind Sie absolut gegen ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) für Künzelsau. Warum?
Krist: Weil wir in dem Ärztehaus bereits sehr viele Arztpraxen haben. Ein MVZ macht dann Sinn, wenn ich noch nichts habe und Ärzten eine Möglichkeit geben will, Fuß zu fassen. Für etablierte Praxen so wie die im Ärztehaus wird durch ein MVZ alles signifikant uninteressanter, mit den daraus resultierenden Folgen für die Patientenversorgung der Zukunft.
GSCHWÄTZ: Ist das bestehende Ärztehaus nicht quasi schon ein MVZ nur unter anderem Namen?
Krist: Im Ärztehaus arbeiten alle autark und für sich. Sie zahlen lediglich Miete für die Räume. Bei einem MVZ haben Sie einen Träger (Anm. d. Red.: In Künzelsau ist es die BBT-Gruppe gemeinsam mit dem Hohenlohekreis), dem das MVZ gehört. Die Ärzte mit ihren bestehenden Arztpraxen müssten sich bereiterklären, ihre Praxen an den Träger zu verkaufen, um dann im Angestelltendasein zu arbeiten. Ich könnte meine Praxis verkaufen ans MVZ und könnte dann für diesen Träger arbeiten. Das wäre etwa kurz vor der Rente interessant. Ansonsten ist das aber absolut unattraktiv für die bestehenden Praxen. Zudem erhält ein MVZ Zuschläge pro Arzt. Dadurch kann das MVZ aggressiver auf dem Markt auftreten. Das wäre dann eine neue Konkurrenz besonders für die Hausärzte.
GSCHWÄTZ: Das MVZ in Forchtenberg wird gern als Positiv-Beispiel von diversen Kreisräten genannt.
Krist: Das MVZ in Forchtenberg ist ein privates MVZ mit einem sehr guten Geschäftsführer, der gleichzeitig auch Doktor mit einer Praxis ist. Diese Kombination gibt es selten.
„Es gibt bereits den hausärztlichen Notdienst. Dieser reicht völlig aus.“
GSCHWÄTZ: Eigentlich haben wir doch schon alle wichtigen Ärzte in dem Ärztehaus in Künzelsau vereint, oder?
Krist: Wir bräuchten noch Neurologen, einen weiteren Kinderarzt sowie zwei HNO-Ärzte.
GSCHWÄTZ: Wir bräuchten auch einen handlungsfähigen Notarzt im Sitzdienst im Krankenhaus in Künzelsau. Momentan darf der Notarzt keine Patienten versorgen, sondern nur beratend tätig sein.
Krist: Es gibt bereits den hausärztlichen Notdienst. Dieser reicht völlig aus. Man kann ihn nachts und am Wochenende immer anrufen. Diesen Notdienst gibt es nicht nur für Hausärzte, sondern auch für Fachärzte.
„Bevor die Schließung im Gespräch war, gab es mal Pläne für ein Hohenloher Krankenhaus auf der grünen Wiese – also weder in Künzelsau noch in Öhringen“
GSCHWÄTZ: Aber ist bei den Patienten hier nicht die Hemmschwelle größer, einen Hausarzt nachts aus dem Bett zu klingeln, als einfach ins Krankenhaus zu fahren, um dort versorgt zu werden?
Krist: Das Problem ist, dass mittlerweile in den Notfallambulanzen dermaßen viele sitzen, die sich einfach die Wartezeiten in den Praxen sparen wollen. Das Problem beim Hohenloher Krankenhaus ist, dass der strategisch denkbar ungünstigste Teil – nämlich Künzelsau – geschlossen wurde, weil Öhringen zu nah an Heilbronn grenzt. Bevor die Schließung im Gespräch war, gab es mal Pläne für ein Hohenloher Krankenhaus auf der grünen Wiese – also weder in Künzelsau noch in Öhringen. Dieser Neubau hätte in Neuenstein stehen können oder irgendwo an der A6 zwischen Künzelsau und Öhringen. Aber diese Pläne hatte man dann wieder verworfen.
„Er hat eine Altersresidenz aufgebaut, die eine der besten Deutschlands ist“
GSCHWÄTZ: Wie sehen Sie das neue Ärztehaus von Christian von Stetten in Schloss Stetten, das im Frühjahr fertig werden soll?
Krist: Herr von Stetten unterscheidet sich von Landrat Dr. Matthias Neth dadurch, dass alles, was er macht, klug ist. Er hat eine Altersresidenz aufgebaut, die eine der besten Deutschlands ist und daran eine Altersversorgung anzuschließen, ist nur logisch und konsequent. Wäre er in der Lage, darüber hinaus ein Facharztzentrum mit Kurzliegebetten zu etablieren, die von den Ärzten selbstständig bewirtschaftet werden können, dann wäre das Defizit, das durch die Schließung des Krankenhauses entstanden ist, weitestgehend kompensiert.
„Öhringen liegt an der falschen Stelle, da es direkt vor Heilbronn liegt.“
GSCHWÄTZ: Aber die Politik möchte diese Lösung bislang nicht, da die Ärzte, die in diesem neuen Haus arbeiten würden, dann auch eine kassenärztliche Erlaubnis haben müssten. Die deutsche Krankenhausgesellschaft (starke Lobby) müsste Betten abtreten an von Stetten. Und das will eine der stärksten Lobbys in Deutschland sicher nicht.
„Im Übrigen: Ich bin zufrieden in Künzelsau“
GSCHWÄTZ: Sie pendeln ja derzeit zwischen Ihrer Praxis und dem Öhringer Krankenhaus als weiterem Arbeitsplatz drei- bis viermal wöchentlich. Können Sie sich vorstellen, langfristig ganz nach Öhringen mit Ihrer Praxis zu gehen?
Krist: Nein, hier zumachen steht nicht zur Debatte. Wir haben eine sehr große und leistungsstarke Praxis. Ein Umzug nach Öhringen ist nicht sinnvoll. Das wäre auch mit enormen Investitionen verbunden. Im Übrigen: Ich bin zufrieden in Künzelsau.
GSCHWÄTZ: Wie schätzen Sie den Neubau in Öhringen ein? Es gibt ja kritische Stimmen, die sagen, dass er gar nicht kommen wird.
Krist: Ganz schwer zu sagen. Meine persönliche Einschätzung: Wir werden da noch so manche Überraschung erleben und mir ist nicht klar, ob da tatsächlich ein Krankenhaus gebaut wird. Öhringen liegt an der falschen Stelle, da es direkt vor Heilbronn liegt. Künzelsau wäre geografisch richtiger. Aber der Landrat möchte Künzelsau auf das Niveau von Bieringen herunterfahren.