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„Dem schwächeren Pferd den Zuschlag erteilt“: Warum Hohenlohe zwei Kreisstädte hat

Hans-Jürgen Saknus, Integrationsbeauftragter der Stadt Öhringen, kann sich noch sehr gut zurückerinnern, wie das war, als Öhringen vor 25 Jahren, also 1994, zur Großen Kreisstadt des Hohenlohekreises aufstieg. Zu diesem Zeitpunkt war Künzelsau bereits seit geraumer Zeit Kreisstadt des Hohenlohekreises. Der Hohenlohekreis wurde zum 01. Januar 1973 durch Zusammenlegung der Altkreise Künzelsau (KÜN) und Öhringen (ÖHR) gebildet.

Laut Saknus wollte Lothar Späth, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg von 1978 bis 1991, dass beide Zentren des Hohenlohekreises – Künzelsau wie auch Öhringen – erhalten bleiben. Daher „hat er dem schwächeren Pferd den Zuschlag erteilt“: Künzelsau wurde Kreisstadt. Öhringen werde von alleine wachsen und gedeihen. Und tatsächlich ist Öhringen Künzelsau mittlerweile entwachsen und hat die 20.000 Einwohnermarke geknackt. Künzelsau hat rund 5.000 Einwohner weniger.

Übrigens, verrät Saknus weiter, ähnlich habe es sich im Landkreis Calw verhalten. Calw wurde Kreisstadt, Nagold überschritt auch ohne diesen Titel die 20.000er Marke bei der Einwohnerzahl. Der einzige Unterschied zum Hohenlohekreis: Die Kreisstadt Calw ist auch weiterhin die Stadt mit den meisten Einwohnern.

 

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Öhringen sticht Künzelsau: „Der direkte Draht nach Stuttgart“

,25 Jahre ist es her, dass Öhringen durch den damaligen Ministerpräsident Erwin Teufel zur Großen Kreisstadt ernannt wurde‘ heißt es auf der Internetseite der Stadt Öhringen. So feierten die Öhringer im Rahmen eines Sommerfestivals am 31. Juli 2019 ihr 25-jähriges Jubiläum.

In den letzten 25 Jahren ging es voran. „Egal ob Westtangente, Limespark, Stadtbahn oder Landesgartenschau, schon diese Meilensteine zeigen beispielhaft, wie dynamisch sich Öhringen in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten entwickelt hat“, so Thilo Michler, Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Öhringen.

Erweiterter Zuständigkeitsbereich für Öhringen

Nachdem Öhringen 1993 die Einwohnerschwelle von 20.000 Einwohnern überschritten hatte, beschloss der Gemeinderat am 18. Januar 1994 einen Antrag gegenüber der Landesregierung zu stellen, um zur Großen Kreisstadt ernannt zu werden, erklärt Leona Weber, die in Öhringen für das Stadtmanagement und die Wirtschaftsförderung zuständig ist. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Kreisstadt und einer Großen Kreisstadt, abgesehen von der Einwohnerzahl? Weber verdeutlicht: „Eine Kreisstadt ist einem Landkreis zugeordnet. Sie teilt sich kommunale Aufgaben mit dem Landratsamt des jeweiligen Landkreises.

Große Kreisstädte haben dann weitere Zuständigkeiten als so genannte untere Verwaltungsbehörde. Eine Große Kreisstadt wird zudem von einem
Oberbürgermeister geleitet, der nicht mehr der Rechtsaufsicht des Landkreises untersteht, sondern dem Regierungspräsidenten des übergeordneten
Regierungsbezirks, also Stuttgart, Rechenschaft ablegen muss. Eine Große Kreisstadt ist beispielsweise Denkmalschutzbehörde, sie führt ein Ausländeramt, eine Wohngeldstelle, ebenso ein Rechnungsprüfungsamt.“

Keine Konkurrenz zwischen Öhringen und Künzelsau

Im Alltag hieße das vor allem Bürgernähe. Zudem könne Öhringen als Große Kreisstadt den direkten „Draht“ nach Stuttgart ins Regierungspräsidium im Verwaltungsalltag nutzen, um Unterstützung oder Antworten bei Verwaltungsfragen von oberer Stelle zu erhalten. „Gerade für die Durchführung
der Landesgartenschau 2016 war der direkte Austausch mit den Referaten und Abteilungen im Regierungspräsidium Stuttgart enorm wichtig und sehr
fruchtbar, um das Großprojekt zeitlich und finanziell optimal durchführen zu können“, so Weber. Die gesamte Region und auch der Landkreis profitiere davon, wenn vor Ort eine Große Kreisstadt mit ihrem Oberbürgermeister ihr gewisses „Gewicht“ in verschiedenste Anträge und Vorhaben legen könne, schildert Weber.

Zwischen Öhringen und Künzelsau bestünde auch keine Konkurrenz, sondern vielmehr arbeiten die beiden Mittelzentren in vielen Bereichen eng
zusammen, um den Hohenlohekreis und die Region gemeinsam weiter voranzubringen. Dabei sei es, laut Weber, bei Anfragen in der Landeshauptstadt sicher kein Nachteil, wenn auch eine Große Kreisstadt und ein Oberbürgermeister gewisse Anfragen stellt und sich für die Region einsetzt.

 

Mit einem großen Fest im Hofgarten feierten die Öhringer ihre Große Kreisstadt. Foto: Stadtverwaltung Öhringen

 

 




„Nach dem Aufwachen konnte ich meine Beine nicht mehr spüren“

Simone Zeller hat eine Odyssee hinter sich, was Krankenhäuser, Operationen und Behandlungen angeht. Trotzdem trägt sie die Folgen ihres so genannten Rückenmarkinfarktes, nämlich die Lähmung der Beine, stoisch und relativ gelassen. Doch der Reihe nach.

Treppen sind eine Barriere für Simone Zeller. Foto: GSCHWÄTZ/DR. Felix Kribus

Nach einem Sturz während der Arbeit verordnet der Arzt Spritzen, die aber nicht helfen. Eine implantierte Schmerzpumpe muss wegen Entzündungen wieder entfernt werden. Danach beginnt das Spiel von vorne, wieder Schmerzpumpe, aber keine Besserung in Sicht. Simone Zeller, Jahrgang 70, plagt sich weiter wochenlang mit Rückenschmerzen herum. An einem Freitagabend legt sie sich mit Rückenschmerzen aufs Sofa. Als die 47-Jährige nach einem Schläfchen wieder aufstehen will, spürt sie ihre Beine nicht mehr. Ein Schock.
Vom Künzelsauer Krankenhaus geht’s ins Ludwigsburger – ohne genaue Diagnose. Von dort zurück auf eigenen Wunsch nach Schwäbisch Hall. Die Ärzte diagnostizieren schließlich eine Rückenmarksentzündung, welche dann medikamentös behandelt wird. Nach drei Wochen wird sie entlassen und kommt in die Reha-Maßnahme. Im Januar 2018 kommt sie dann nach fünf Monaten endlich wieder nach Hause. Im Rollstuhl. Ob sie wieder zu gehen vermag, kann und will ihr kein Arzt prognostizieren.

Zwei Stufen? Dann ist der Laden unerreichbar für Rollstuhlfahrerin Simone

Ehemann Joachim baut den ersten Stock für Simone behindertengerecht um, so dass Simone, gelernte Fleischereifachverkäuferin, weitgehend mit ihrer Behinderung und der Komplettsituation besser klar kommt. Mal mehr, mal weniger, wie das eben so ist. Seit letztem Jahr kann Simone auch das Haus eigenständig verlassen, da ihr Mann einen Treppenlift für satte 11.000 Euro hat einbauen lassen. 4.000 Euro hat ihm die Krankenkasse dazugeschossen. Immerhin. Der Treppenlift gibt ihr eine neue Freiheit zurück. Sie kann das Haus alleine verlassen und einkaufen gehen. Allzu große Steigungen wie den Mühlgrabenweg im ‚Honigzipfel‘ , wo sie wohnt, oder das Sixtenbergele meidet sie und nimmt Umwege in Kauf. Erst geht’s Richtung Hauptstraße, dann an der Bushaltestelle vorbei Richtung Drogerie Müller, Altes Rathaus. „Treppen kommen für mich natürlich nicht in Frage. Im Drogeriemarkt frage ich jemanden, wenn ich was aus dem Untergeschoss brauche. Die Leute sind aber schon hilfsbereit“. Viele neue beziehungsweise modernisierte Geschäfte in Städtle kann Simone glücklicherweise barrierefrei befahren, viele Türen öffnen automatisch, wobei die Ladenbauer primär wohl ein barrierefreies, sprich, bequemeres Einkaufserlebnis für jedermann im Auge hatten und weniger die Rollstuhlfahrer. Sei’s drum. Simone profitiert davon. Trotzdem gibt es immer noch alte Häuser mit Geschäften, wo ein, zwei Stufen nach oben führen. Und damit ist dieser Laden für Simone unerreichbar.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte Simone Zeller noch laufen. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus

Gefährliche Gullys und Schlaglöcher

Daneben existieren noch andere Rollstuhlfallen, an die kein normaler Fußgänger überhaupt nur einen Gedanken verschwendet. Aber für Simone können sie gefährlich werden, „zum Beispiel schwere große Türen, die ich im Sitzen aufdrücken muss. Hier kann ich mich einklemmen und verletzen“. Und dann gibt’s Stellen, wo sich die Räder verklemmen und man nicht mehr ohne fremde Hilfe herauskommt, zum Beispiel Gullys mit schmalen Rillen oder Schlaglöcher direkt zwischen Bordsteinkante und Straße, die sie überqueren muss. Busfahren bleibt Simone erspart, da ihr Mann Joachim Autobesitzer ist.

Gullys – einmal nicht aufgepasst und schon festgesetzt. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus

Ärzte im Obergeschoss – wie erreichen?

Aber auch das Busfahren ist für Rollstuhlfahrer zum Teil ein Problem, da nicht alle Busse einen behindertengerechten Einstieg haben. Immerhin aber gibt es in Künzelsau ein Taxi für Rollstuhlfahrer, das man aber vorbestellen sollte. Bei Arztpraxen im Obergeschoss ohne Aufzug muss Familie Zeller improvisieren. Entweder hochtragen oder zu einem anderen Arzt, notfalls auch in Öhringen oder Schwäbisch Hall. Simone: „Generell kann ich mit der Situation in Kü’au relativ zufrieden sein. Künzelsau ist übersichtlich und alles liegt nah beieinander.“
Während gesunde Menschen viele Wünsche haben, haben Kranke nur einen Wunsch. So auch Simone: „wieder laufen zu können und geregelt zur Arbeit zu gehen“.

Unüberwindbares Hindernis: bauchige Regenablaufrinne am Straßenrand der Hauptstraße. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus

Mit Simone Zeller durch Künzelsau – Das Video

In unserem Video begleitet unser Autor Simone Zeller mit ihrem Rollstuhl durch Künzelsau und stellt fest: Es gibt ganz schön viele unscheinbare Hürden für Rollstuhlfahrer.