Simone Zeller hat eine Odyssee hinter sich, was Krankenhäuser, Operationen und Behandlungen angeht. Trotzdem trägt sie die Folgen ihres so genannten Rückenmarkinfarktes, nämlich die Lähmung der Beine, stoisch und relativ gelassen. Doch der Reihe nach.

Treppen sind eine Barriere für Simone Zeller. Foto: GSCHWÄTZ/DR. Felix Kribus
Nach einem Sturz während der Arbeit verordnet der Arzt Spritzen, die aber nicht helfen. Eine implantierte Schmerzpumpe muss wegen Entzündungen wieder entfernt werden. Danach beginnt das Spiel von vorne, wieder Schmerzpumpe, aber keine Besserung in Sicht. Simone Zeller, Jahrgang 70, plagt sich weiter wochenlang mit Rückenschmerzen herum. An einem Freitagabend legt sie sich mit Rückenschmerzen aufs Sofa. Als die 47-Jährige nach einem Schläfchen wieder aufstehen will, spürt sie ihre Beine nicht mehr. Ein Schock.
Vom Künzelsauer Krankenhaus geht’s ins Ludwigsburger – ohne genaue Diagnose. Von dort zurück auf eigenen Wunsch nach Schwäbisch Hall. Die Ärzte diagnostizieren schließlich eine Rückenmarksentzündung, welche dann medikamentös behandelt wird. Nach drei Wochen wird sie entlassen und kommt in die Reha-Maßnahme. Im Januar 2018 kommt sie dann nach fünf Monaten endlich wieder nach Hause. Im Rollstuhl. Ob sie wieder zu gehen vermag, kann und will ihr kein Arzt prognostizieren.
Zwei Stufen? Dann ist der Laden unerreichbar für Rollstuhlfahrerin Simone
Ehemann Joachim baut den ersten Stock für Simone behindertengerecht um, so dass Simone, gelernte Fleischereifachverkäuferin, weitgehend mit ihrer Behinderung und der Komplettsituation besser klar kommt. Mal mehr, mal weniger, wie das eben so ist. Seit letztem Jahr kann Simone auch das Haus eigenständig verlassen, da ihr Mann einen Treppenlift für satte 11.000 Euro hat einbauen lassen. 4.000 Euro hat ihm die Krankenkasse dazugeschossen. Immerhin. Der Treppenlift gibt ihr eine neue Freiheit zurück. Sie kann das Haus alleine verlassen und einkaufen gehen. Allzu große Steigungen wie den Mühlgrabenweg im ‚Honigzipfel‘ , wo sie wohnt, oder das Sixtenbergele meidet sie und nimmt Umwege in Kauf. Erst geht’s Richtung Hauptstraße, dann an der Bushaltestelle vorbei Richtung Drogerie Müller, Altes Rathaus. „Treppen kommen für mich natürlich nicht in Frage. Im Drogeriemarkt frage ich jemanden, wenn ich was aus dem Untergeschoss brauche. Die Leute sind aber schon hilfsbereit“. Viele neue beziehungsweise modernisierte Geschäfte in Städtle kann Simone glücklicherweise barrierefrei befahren, viele Türen öffnen automatisch, wobei die Ladenbauer primär wohl ein barrierefreies, sprich, bequemeres Einkaufserlebnis für jedermann im Auge hatten und weniger die Rollstuhlfahrer. Sei’s drum. Simone profitiert davon. Trotzdem gibt es immer noch alte Häuser mit Geschäften, wo ein, zwei Stufen nach oben führen. Und damit ist dieser Laden für Simone unerreichbar.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte Simone Zeller noch laufen. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus
Gefährliche Gullys und Schlaglöcher
Daneben existieren noch andere Rollstuhlfallen, an die kein normaler Fußgänger überhaupt nur einen Gedanken verschwendet. Aber für Simone können sie gefährlich werden, „zum Beispiel schwere große Türen, die ich im Sitzen aufdrücken muss. Hier kann ich mich einklemmen und verletzen“. Und dann gibt’s Stellen, wo sich die Räder verklemmen und man nicht mehr ohne fremde Hilfe herauskommt, zum Beispiel Gullys mit schmalen Rillen oder Schlaglöcher direkt zwischen Bordsteinkante und Straße, die sie überqueren muss. Busfahren bleibt Simone erspart, da ihr Mann Joachim Autobesitzer ist.

Gullys – einmal nicht aufgepasst und schon festgesetzt. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus
Ärzte im Obergeschoss – wie erreichen?
Aber auch das Busfahren ist für Rollstuhlfahrer zum Teil ein Problem, da nicht alle Busse einen behindertengerechten Einstieg haben. Immerhin aber gibt es in Künzelsau ein Taxi für Rollstuhlfahrer, das man aber vorbestellen sollte. Bei Arztpraxen im Obergeschoss ohne Aufzug muss Familie Zeller improvisieren. Entweder hochtragen oder zu einem anderen Arzt, notfalls auch in Öhringen oder Schwäbisch Hall. Simone: „Generell kann ich mit der Situation in Kü’au relativ zufrieden sein. Künzelsau ist übersichtlich und alles liegt nah beieinander.“
Während gesunde Menschen viele Wünsche haben, haben Kranke nur einen Wunsch. So auch Simone: „wieder laufen zu können und geregelt zur Arbeit zu gehen“.

Unüberwindbares Hindernis: bauchige Regenablaufrinne am Straßenrand der Hauptstraße. Foto: GSCHWÄTZ/Dr. Felix Kribus
Mit Simone Zeller durch Künzelsau – Das Video
In unserem Video begleitet unser Autor Simone Zeller mit ihrem Rollstuhl durch Künzelsau und stellt fest: Es gibt ganz schön viele unscheinbare Hürden für Rollstuhlfahrer.