Flora Meinhardt* aus Künzelsau überlegt seit geraumer Zeit, wie sie die Dosis wieder sanft herunterfahren kann. Seit der ersten Klasse bekommt ihr Sohn Anton* Ritalin. Der Grund für Flora damals: „Er sollte lesen und schreiben lernen.“ Flora hat noch mehr Kinder, die alle mühelos durch die Schule marschieren, nur bei Anton ist alles anders.
„Er sollte lesen und schreiben lernen“
Anton* war unruhig und konnte sich schlecht konzentrieren, Antons Arzt schickte ihn zu einer Psychologin zwecks eines IQ- und Konzentrationstestes nach Schwäbisch Hall. Die Diagnose: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung). Ritalin sollte ihm helfen, in der Schule, die nun für den Siebenjährigen begann, gleich gut beziehungsweise besser mitzukommen, so die Mutter damals. Flora ist Lehrerin, sie hatte damals die Sorge, wenn sie ihm nicht Ritalin gäbe, käme ihr Sohn von Beginn an nicht mit in der Schule. Das wollte sie in keinem Fall. Sie wollte für ihn das Beste und nahm die empfohlene Dosis in Absprache mit Antons Arzt und der Lehrerin. Über die Jahre wurde die Dosis nicht viel, aber dennoch schrittweise erhöht. Nun will Flora die Medikation reduzieren, denn Ritalin hat auch Nebenwirkungen. Anton ist ruhiger, hat weniger Hunger, ist konzentriert. Aber dafür ist Anton nicht mehr so lebhaft, zumindest bis sich das Mittel langsam im Körper abgebaut hat. Anton wird so dosiert, dass es in der Schule und gerade noch so für die Hausaufgaben wirkt. In den Ferien bekommt er es nicht.
Die Medikation hat auch Nebenwirkungen
Anton ist nicht der einzige, der als ADHS-Kind eingestuft wurde und Ritalin oder ein anderes Medikament bekommt, um konzentrierter zu arbeiten. Offizielle Zahlen hierzu sind aber nicht leicht zu bekommen – und widersprechen sich teilweise. So verzeichnet die kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg sogar rückläufige Zahlen, was das Krankheitsbild betrifft: „Was wir aus den uns vorliegenden Daten erkennen können, ist, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Hohelohekreis, bei denen AD(H)S diagnostiziert wurde, in den letzten Jahren rückläufig ist. Sie ist von 2012 zu 2018 von 672 auf 616 gefallen“, so Kai Sonntag, Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der kassenärztlichen Vereinigung. Allerdings weist Sonntag darauf hin, dass es sich hier nur um Daten von Kassenpatienten handelt, Daten von Privatpatienten lägen nicht vor. Des Weiteren: „Wenn eine Diagnose von einem Hausarzt bei einem Kind erstellt wird, bei dem die Eltern in das Hausarztmodell eingeschrieben sind, wird die Behandlung nicht mehr über die Kassenärztliche Vereinigung abgerechnet.“ Auch in diesen Fällen gibt es demnach keine Zahlen. Sonntag betont darüber hinaus: „Einmal unabhängig davon: Ein Rückgang der Zahlen bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Krankheitsbild weniger häufig auftritt. Nur als Beispiel: Die Eltern könnten auch aus irgendwelchen Gründen weniger zum Arzt gehen. Ich würde es daher als gefährlich erachten, wenn daraus der Schluss gezogen wird: AD(H)S bei Kindern/Jugendlichen ist im Hohenlohekreis rückläufig.“
Seit 2013 steigen die Zahlen bei der AOK leicht an
Die AOK Baden-Württemberg hat wiederum ganz andere Zahlen. Sie verzeichnet unter ihren Versicherten 32.729 Betroffene, die allein im Jahr 2017 wegen ADHS in Behandlung waren. Das zeigt eine Auswertung der AOK. Kinder seien dabei „über ein normales Maß hinaus unaufmerksam, impulsiv und übermäßig aktiv. Seit 2013 steigen die Zahlen leicht an. Vor allem Jungen zwischen 10 und 14 Jahren sind betroffen. Auch in anderen Altersgruppen trifft die Krankheit Männer häufiger als Frauen.“
Laut einer Studie des Robert Koch-Insituts, die im Journal of Health Monitoring 2018 erschien und auf einer Umfrage bei Eltern basiert, erhielten im Durchschnitt 4,4 Prozent der drei-bis 17-jährigen Kinder eine ADHS-Diagnose – sprich von 100 Kindern/Jugendlichen erhielten vier bis fünf von ihnen bislang die Diagnose ADHS.
Medikamente die einzige Lösung?
Auch Julia aus dem Kochertal hat ein Kind, das Ritalin bekommt. Daniela geht auf die Realschule, aber ohne die Medikamente wäre es ungewiss gewesen, ob sie es geschafft hätte, sagt Julia. Sie sagt: „Bevor wir unserem Kind etwas verbauen, geben wir ihm das nötige Mittel, das ihm hilft, gut durch die Schule zu kommen.“ Sie sieht ADHS als Krankheit an, bei der eine Medikation erforderlich ist, will man dem Kind helfen, das, was ihm an Botenstoffen für die nötige Konzentration fehlt (siehe Infokasten), auszugleichen.
Andere Ansätze
So ähnlich sieht es auch eine Psychiaterin aus Schwäbisch Hall. Sie sagt Eltern ihrer Patienten nach einer ADHS-Diagnose, die sie gestellt hat, Sätze wie: Medikamente seien ihrer Meinung nach die einzige Lösung, das Kind gut durch die Schule zu bringen. Der Ergotherapeut Klaus Weißenberger aus Bad Mergentheim sieht das etwas anders. Er arbeitet viel verhaltenstherapeutisch. Weißenberger sagt: „Die sozialen Strukturen spielen eine große Rolle und können dazu führen, dass ein Kind strukturierter oder chaotischer ist.“ Seine These: Ordnung, klare Regeln und eine klare Tagesstruktur dienen dazu, ein Kind, das auffällig im Verhalten ist, wieder auf Kurs zu bringen, dass es sich besser konzentrieren kann. Das heißt aber auch: In hohem Maße müssen die Eltern für ein dementsprechend ruhiges, gleich bleibendes Umfeld mit gleichen Tagesstrukturen, klaren Regeln und Konsequenzen sorgen. Seit vielen Jahren arbeitet Weißenberger verhaltenstherapeutisch.
Kein Thema beim Kaffeeklatsch
Das Thema ADHS und Ritalin ist im Hohenlohekreis noch immer kein Thema, über das beim Kaffeeklatsch offen gesprochen wird. Aber spricht man Eltern offen an, antworten viele Mütter auch offen, die sich schon mal mit dem Thema ADHS/Ritalin auseinandersetzen mussten. Katrins mittlerer Sohn wurde von seinem Arzt ebenfalls zu einem Konzentrations- und IQ-Test nach Schwäbisch Hall geschickt. Er ging damals in die erste Klasse. Sein IQ ist überdurchschnittlich hoch, sein Wesen war lediglich etwas zerstreut. Katrin wurde von der Psychiaterin in Schwäbisch Hall dennoch nahegelegt, Ritalin zu geben, damit er noch besser werden würde in der Schule. Für Katrin nicht nachvollziehbar. Das war vor rund drei Jahren. Sie gab ihm keine Medikamente, er schreibt auch ohne Ritalin Einser und Zweier und kommt vermutlich auf das Gymnasium.
„Schwer unterrichtbar“
Bei Florian (10) und Niko (6) wurden die Eltern von der Schule angesprochen wegen ihres auffällig unruhigen beziehungswiese unkonzentrierten Verhaltens im Unterricht. Daraufhin sah sich ein schuleigener Psychologe die Kinder an. Florians Eltern wurde bereits vor der Diagnose seitens der Schule zu verstehen gegeben, dass man bei einer ADHS-Diagnose auf die Kooperation der Eltern auch hinsichtlich der Medikation hoffe. Ansonsten sei der Schüler an dieser Schule schwer unterrichtbar. Aber der schuleigne Psychologe diagnostizierte letztendlich kein ADHS. Das war vor zwei Jahren. Florian schreibt derzeit so gute Noten, dass er, wenn er so weitermacht, gute Chancen auf einen gymnasialen Abschluss hat.
Zusätzlicher Stress für die ganze Familie
Niko hingegen erhielt von der Psychologin in Schwäbisch Hall die Diagnose ADS. Das ist ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität. Früher wurden solche Kinder als „Träumer“ bezeichnet. Eine Medikation wurde angeraten, die Eltern lehnten ab. Sie gehen seither mit ihrem Sohn in Ergotherapie. Niko bekommt auch Förderunterricht. Der Stundenplan von Niko und seinen Eltern ist außerhalb des Unterrichts dementsprechend voll, was wiederum zusätzlichen Stress für die gesamte vierköpfige Familie bedeutet. Eine endgültige Entscheidung, ob Niko nicht doch irgendwann mit Medikamenten unterstützt wird, ist noch nicht gefallen.
Reduzierung der Medikamente schwerer als gedacht
Die Reduzierung der Medikation von Anton ist schwerer als gedacht. Erhöhen ist leichter, man bekommt die nötige empfohlene Tagesmenge. Aber auch fürs Reduzieren braucht man ärztliche und schulische Partner, die einen dabei unterstützen. Denn: In der Schule wird Anton eventuell erstmal wieder mehr Probleme haben beziehungsweise mehr auffallen als mit Medikation. Flora hat sich in den vergangenen Jahren nach alternativen Methoden erkundigt, wie ihr Sohn sich besser konzentrieren kann. Sie geht mit ihm nun alle acht Wochen nach Stuttgart zu einem so genannten INDD-Training. Bei diesem Training sollen sich Blockaden lösen, die während der Geburt entstanden sind. Er soll dadurch relativ schnell ruhiger geworden sein, berichtet Flora. Sie will mit dem Training weitermachen.
* Alle Namen betroffener Familien wurden von der Redaktion in diesem Artikel aus Rücksicht auf das Persönlichkeitsrecht geändert.
ADS/ADHS
ADHS heißt übersetzt Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie äußert sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation (Typ „Zappelphilipp“); ADS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (Typ „Träumer“). Wenn Eltern, Lehrer oder Kinderärzte ein auffälliges Verhalten bei Kindern beobachten, besonders die Schulzeit ist dafür prädestiniert, gibt es im Hohenlohekreis vorrangig zwei Adressen, die Eltern an die Hand bekommen, um einen ADS-/ADHS-Test zu machen. In Bad Mergentheim und in Schwäbisch Hall. Eine ärztliche Überweisung ist hier notwendig. Laut den offiziellen Zahlen sind mehr Jungen als Mädchen von ADHS betroffen.
Woran erkenne ich ADHS?
Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt. Aber es gibt im Internet diverse Fragebögen, die man beantworten kann, um danach Dinge besser einordnen zu können. Allein ein aktives oder verträumtes Kind ist an sich noch kein AD(H)S-Kind. Vor allem Jungen brauchen viel Bewegung, um etwa einen Ausgleich für das stundenlange Sitzen in der Schule zu haben.
Mehr Informationen zu ADHS gibt es etwa auf: https://www.adhs-infoportal.de