Hohenlohe startet mit den ersten Impfungen – gehören solche Bilder also bald der Vergangenheit an?
Die ersten Impfdosen verteilte das Deutsche Rote Kreuz unlängst an ein Pflegeheim in Pfedelbach. Ist die Pandemie damit bald zu Ende und damit auch die Coronamaßnahmen? Indes mehren sich politische Stimmen, dass der derzeitige Shutdown verlängert werden soll – manche sagen, bis Ostern 2021. Vor einem Jahr hat die Mehrheit der Europäer Covid noch nicht gekannt. Wie hat eigentlich alles bei uns angefangen? Wir drehen die Coronauhr genau 1 Jahr zurück (Teil 1 von 2).
Januar
Anfang Januar 2020 gelangen erste Berichte über ein neues Virus im fernen China in die Nachrichtensendungen. China ist weit weg und wir hatten ja schon unsere Erfahrung mit dem SARS und dem MERS-Virus gemacht. Diese Viren waren ja ebenfalls weit weg und sie haben in Europa auch nicht wirklich zugeschlagen. 9 dokumentierte SARS Fälle 2003, darunter kein Todesfall, in Deutschland – die Bedrohung durch das neue Virus war überschaubar. Auch noch, als es Ende Januar scheinbar gelang, den ersten dokumentierten Ausbruch bei WEBASTO in Starnberg unter Kontrolle zu halten. Bereits bei diesem „Patient 1“ stellte man fest, dass bereits ein kurzer Kontakt zur Ansteckung führen kann. Ende des Monats sind außerhalb Chinas etwa 50 Fälle aus mehreren Ländern dokumentiert – erste ausländische Firmen schließen Betriebe in der Region Hubei, Fluggesellschaften stellen Flüge ein und die WHO erklärt am 30. Januar eine „Internationale Gesundheitsnotlage“.
Hohenloher Firmen mit intensiven Kontakten nach China werden aufmerksam: Ziehl-Abegg stellt alle Dienstreisen nach China ein und unterstützt seine chinesischen Werke mit Mundschutz und die Regierung mit einer Lüftungsanlage für ein Krankenhaus.
Februar
Noch macht man sich über den Virus lustig. Bild in WhatsApp.
Im Februar bekommen das Virus und die von ihm ausgelöste Krankheit einen Namen: Die WHO nennt das Virus Sars-Cov-2 und die Krankheit COVID-19. Der Volksmund bezeichnet beides bereits als „Corona“. Der erste Virologe, Alexander Kekulé wird der Öffentlichkeit bekannt, damals noch mit der These „Bei den Corona-Viren ist es leichter als bei der Grippe, durch Hygienemaßnahmen und das, was wir soziale Distanzierung nennen.“ Frankreich beklagt den ersten nachweislichen Toten in Europa, in Norditalien werden, bei etwa 150 bekannten Fällen, Gebiete abgesperrt. Und Ende Februar tagt erstmals der Krisenstab der Bundesregierung.
In Hohenlohe ist das Virus noch nicht wirklich angekommen. Zwar bereiten sich die Ärzte darauf vor, allerdings ist die Unsicherheit sowohl bei Ärzten als auch bei der Bevölkerung weiterhin hoch, zu wenig ist wirklich über das Virus, seine Verbreitung und seine Folgen bekannt. Dazu kommen erste zweifelhafte Informationsquellen, die die Verwirrung erhöhen: Der Coronavirus kommt und ihr seid noch beim Karneval.
März

Weg zur Abstrichstelle in Belzhag auf dem Frühjahrshöhepunkt der Pandemie im Hohenlohekreis. Foto: GSCHWÄTZ
Im März nimmt die Pandemie endgültig Fahrt auf: Am 01. März 2020 findet in Kupferzell ein Kirchenkonzert statt, das die Keimzelle für den Hotspot Kupferzell werden wird. Erste größere Veranstaltungen, wie die Leipziger Buchmesse, werden abgesagt. Italien schließt die Schulen, mit Sachsen-Anhalt ist Corona in allen Bundesländern angekommen. Schulen und Kindergärten werden geschlossen, bisher offene Grenzen abgeriegelt, Italien und Spanien melden jeweils über 3.000 Tote, die WHO bezeichnet Corona als „Pandemie“, die Fußball-EM und die Olympischen Spiele werden abgesagt.
In Deutschland beginnt der sogenannte „erste Lockdown“, nicht vergleichbar mit den Ausgangssperren, wie sie in Spanien herrschen. Weltweit werden Hilfspakete für die Wirtschaft geschnürt.
In Hohenlohe wird der erste Corona-Fall am 05. März registriert: Landrat Neth: „Mögliche Folgen einer unkontrollierten Verbreitung wären enorm“. Nahezu alle Veranstaltungen werden abgesagt oder verschoben, nicht aber das „Rebenglühen“ in Bretzfeld – wahrscheinlich die Ursache für den zweiten Hotspot im Hohenlohekreis. Erste Fälle in Kupferzell treten auf: Kupferzell: 4 weitere Coronafälle – Verdachtsfälle in Künzelsau. Im Gesundheitsamt in Künzelsau wird eine erste Abstrichstelle eröffnet und kurz darauf durch eine zentrale Abstrichstelle in Belzhag ersetzt. Erst einige, dann alle Schulen und Kindergärten schließen. Der Landrat wird erstmals deutlich: „Leider nicht bei allen angekommen, wie dramatisch die Situation ist“.
Im Künzelsauer Krankenhaus wird eine Isolierstation eröffnet. Schutzausrüstungen für Gesundheitsbedienstete gehen aus, Landrat Dr. Neth muss Firmen und Privatleute um Unterstützung bitten – und erhält diese in großer Menge.
Ende März waren in Deutschland 670 Menschen an Corona verstorben. Am 17. März 2020 wird der erste Corona-Todesfall im Hohenlohekreis vermeldet. Der Hohenlohekreis ist nun einer der am stärksten betroffenen Landkreise in Deutschland.
April

Professor Ralph Wystup (rechts) präsentiert die Atemschutzhaube Landrat Dr. Matthias Neth (links). Foto: GSCHWÄTZ
Die Lage bleibt unübersichtlich. Obwohl es immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über das Virus und seine Ausbreitung gibt, wächst die Unsicherheit in der Bevölkerung. Auch weil die Politik es nicht schafft, einheitliche Verhaltensregeln zu definieren: Zwar treten Mitte April erste „Lockerungen“ in Kraft, diese sind aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Man hat den Eindruck, jeder Ministerpräsident will seiner Bevölkerung ein eigenes „Zuckerle“ geben. Baumarkttourismus über die bayrisch-hessische Landesgrenze ist nur ein Beispiel. Bundeskanzlerin Merkel versucht noch, die Lockerungen zu begrenzen und zu vereinheitlichen, vergeblich. Nicht zum letzten Mal.
So unterschiedlich sind die Lockerungen, dass die Menschen die Regeln nicht mehr verstehen und beginnen, sich aufzulehnen. Auch die von Land zu Land unterschiedlichen Regelungen für das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes verwirren.
Selbst die „Großen“ können Corona nicht entfliehen: Der britische Premierminister Boris Johnson muß auf der Intensivstation behandelt werden. Ende April geben Biontech und Pfizer bekannt, einen Impfstoff an Menschen zu testen.
Das ehemalige Krankenhaus kann nicht zur Corona-Klinik umgewidmet werden. Das Landratsamt empfiehlt Mund-Nasen-Schutz, daraufhin werden Tausende Masken in Privatinitiative genäht. Auch Gewerbe und Industrie spenden weiter Schutzmasken. Trotzdem bleibt Schutzausrüstung knapp, auch für das Bestattungswesen. Hohenloher entwickeln eine Schutzhaube für besonders kontaminierte Bereiche. Kurios: Berittene Polizei sorgt für den Kontaktabstand in Künzelsau. Eltern sind mehr und mehr mit Home-Office und Kinderbetreuung überlastet. Die Reisebranche demonstriert in Künzelsau und die Gastronomie paßt ihr Angebot an.
Der Hohenlohekreis meldet Quarantänemaßnahmen in acht Pflegeheimen und warnt vor drohender Überlastung des Öhringer Krankenhauses, das Gesundheitsamt scheint überlastet. Künzelsau sagt alle Veranstaltungen der nächsten Monate ab.
Mai

Der Medi-Bus des RKI stand in Kupferzell. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv
Parallel zu den traditionellen Maidemonstrationen finden erste Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen statt. Das Bundeskriminalamt warnt Mitte Mai vor einer Kaperung der Proteste durch Rechtsextreme. Kontaktbeschränkungen werden gelockert und die Bundesliga nimmt ihren Spielbetrieb in leeren Stadien wieder auf. Die Infektionszahlen in Deutschland sinken auf unter 1.000 positive Tests pro Tag, weltweit steigen sie weiter. Erste Berichte über die Impfversuche sprechen von Erfolgen. Der Optimismus steigt. Weitere Lockerungen treten in Kraft. Die Lufthansa erhält ein Hilfspaket in Höhe von 9 Milliarden Euro. Immer mehr Bundesländer öffnen Schulen und Kindergärten – mit Sicherheitsmaßnahmen. Die medizinische Forschung stellt fest, dass Corona nahezu alle Organe beeinträchtigen kann, nicht nur die Lunge. Es wird bekannt, dass Veröffentlichungen des Virologen Hendrik Streeck von einer PR-Agentur gesteuert werden – das fördert das Vertrauen in die Wissenschaft nicht.
Die Hohenloher finden kreative Lösungen, um ein gewisses Maß an Normalität in der Freizeit wiederherzustellen: Autokino, Autokonzert, eine Klopapier-Challenge, Outdoor-Konzerte. Gleichzeitig werden Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen lauter. Der Einzelhandel stellt sich um und beliefert seine Kunden an der Haustür. Auch die Urlaubspläne der Menschen ändern sich. Die Corona-Fallzahlen in Hohenlohe sind stabil, allerdings sind 40 Menschen bereits verstorben. Weiter werden in großem Stil Masken genäht. Auch die Hohenloher Schulen öffnen für einzelne Klassenstufen. Ab dem 20. Mai führt das Robert-Koch-Institut im ehemaligen Hotspot Kupferzell eine Reihenuntersuchung zur Erforschung der Verbreitung des Virus durch.
Juni

Leere Eisdiele bei strahlendem Sonnenschein. Das hat einen traurigen Seltenheitswert. Foto: GSCHWÄTZ
An Pfingsten müssen Urlaubsgebiete gesperrt werden, so hoch ist der Andrang. Mit einem Konjunkturpaket der Bundesregierung zur Ankurbelung der Wirtschaft werden unter anderem der Kinderbonus und die zeitweise Absenkung der Mehrwertsteuer beschlossen. Die Lage auf den Intensivstationen entspannt sich – gegenüber dem Höchststand von 2.900 Patienten werden noch etwa 700 Patienten behandelt. Mehrere lokal beschränkte Ausbrüche, zum Beispiel in Schlachthöfen und Wohnsiedlungen führen zu lokalen Maßnahmen. Die Corona-Warn-App startet. Spanien beendet seinen 3-monatigen Lockdown nach 28.000 Toten. Aufgrund der lokalen Corona-Ausbrüche werden für die Urlaubszeit Einreisebeschränkungen für Menschen aus Risikolandkreisen beschlossen.
Am 10. Juni teilt Landrat Neth mit, dass es seit einer Woche im Hohenlohekreis keine Neuinfektionen mehr gegeben hat. Die Normalität scheint näherzurücken. Der Einzelhandel zieht eine erste Bilanz: Wesentlich weniger Kunden als vorher. Die Unsicherheit, wie es auch mit den Bundeshilfen weitergehen wird, bleibt aber. An der Kupferzeller RKI-Studie haben mehr als 2.000 Menschen teilgenommen – ein voller Erfolg. Am 19. Juni besucht Ministerpräsident Kretschmann den Hohenlohekreis und erläutert die Coronamassnahmen des Landes. Das neugestaltete Kocherfreibad in Künzelsau nimmt am 29. Juni verspätet seinen Betrieb mit einem Sicherheitskonzept auf, das Niedernhaller Freibad bleibt geschlossen. In Öhringen öffnen H2Ö und Fitnesspark. Der Sommer kann kommen.
Text: Matthias Lauterer
