„Der aktuelle Stand scheint so zu sein, dass die Polizei uns nicht ziehen lässt, weil die Abstände nicht eingehalten werden. Das heißt, wir kommen weder in die eine, noch in die andere Richtung. Es sind hunderttausende Menschen hier, die in Frieden und Freiheit herumziehen wollen und sie lassen uns nicht. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“, die Demonstrantin Natascha bemüht sich sichtlich, gelassen zu bleiben, während sie ihre Lage beschreibt. Das ist eine von mehreren Situationen, die am vergangenen Wochenende für Kopfschütteln sorgen.
Demozug wird laut Demonstranten von der Polizei gestoppt
Von Freitag, den 28. August 2020, bis Sonntag, den 30. August 2020, versammeln sich Menschen aus ganz Europa in Berlin. Sie sind so verschieden, wie man es sich nur vorstellen kann, doch der Grund für ihre Anreise vereint sie. „Frieden, Freiheit, Liebe und Heilung!“ haben sich viele von ihnen auf die Fahnen geschrieben. Auslöser für ihren Protest sind die Corona-Politik der Bundesregierung und der „fehlende öffentliche Diskurs“ darüber. Michael ist aus München angereist. Er erzählt: „Ich wollte mir die ganze Sache einmal aus erster Hand anschauen und dann vergleiche ich das nachher mit den Medienberichten, damit ich nicht immer aus zweiter Hand schales Müsli essen muss. Ich hoffe, dass alles friedlich verläuft. Bis jetzt sieht es so aus.“
Demonstranten bemängeln „fehlenden öffentlichen Diskurs“
Nach tagelangem Hin und Her entschied sich das Berliner Verwaltungsgericht schließlich für die Genehmigung der Demo, die vom Stuttgarter Unternehmer Michael Ballweg und der Querdenken-Initiative veranstaltet wird. Voraussetzung: Die Einhaltung der Mindestabstände. Nachdem am Samstag Falschmeldungen in verschiedenen Medien die Runde machten und verkündeten, die Demo sei aufgelöst worden, macht sich auf dem Gelände kurz Verwirrung breit. Doch schnell wird klar: Es handelt sich ausschließlich um den Umzug, nicht aber um die Hauptkundgebung.
Politik wollte die Veranstaltung stoppen, das Berliner Verwaltungsgericht genehmigt schließlich doch
Hier sind wir wieder bei Natascha. Der freie Journalist Micha erklärt die Situation folgendermaßen: „Der Umzug hat sich kein Stück bewegt, weil man ihn nicht hat beginnen lassen. Daraufhin stauten sich die Leute stundenlang. Hätte man die Abstände regeln wollen, hätte man den Umzug starten lassen. Das Gegenteil ist passiert. Sprich: Die Begründung der Auflösung aufgrund fehlender Abstände und Masken ist an den Haaren herbeigezogen. Es wurde ja auch im Vorfeld, zum Beispiel von der „Welt“, klar kommuniziert, dass es keine Maskenpflicht gibt.“
Keine Maskenpflicht, aber Mindestabstandsgebot
Doch noch weitere Geschehnisse sorgen am vergangenen Samstag für Zündstoff. Eine Handvoll Menschen stürmt die Treppe des Reichstags. Lutz, der die Demonstration mit seiner Kamera festgehalten hat, erlebt den Vorfall mit und berichtet: „Am Samstag fanden noch weitere Kundgebungen in Berlin statt, so auch eine Kundgebung von Reichsbürgern vor dem Reichstag. Heute überschlagen sich die Medien mit Meldungen von dem, was am Reichstag geschah. Ein willkommener Anlass, um von der Mega-Demo abzulenken.“
Kundgebung von Reichsbürgern vor dem Reichstag gab es parallel zu der Coronademo
Die Querdenken-Demonstranten sind allesamt betont friedlich. Es sind viele Familien vor Ort, auch ein junges Elternpaar aus Leipzig. Die Mutter hat ihr Baby in einer Trage und spricht über den Grund ihrer Anreise: „Wir wollten uns einmal ein Bild von der Demo machen. Man sieht, hier ist alles friedlich. Wir sind hier, um für Freiheit, Demokratie und für die Liebe untereinander zu stehen. Wir feiern hier ein Fest, ein Freudenfest.“
Familien vor Ort
In einer Seitenstraße gibt ein Passant ein Statement zu der Kundgebung ab: „Ich bin der Meinung, dass jeder seine eigene Meinung sagen dürfen soll. Ob die richtig oder falsch ist, sei dahingestellt, aber es herrscht eben Meinungsfreiheit.“ Damit das auch so bleibt, ist Olli aus Heidelberg nach Berlin gekommen und appelliert: „Liebe Presse, hört auf, in Schubladen zu denken. Hört auf damit, uns zu diskreditieren, zu verunglimpfen. Lasst den Diskurs zu, lasst den Dialog zu, vor allen Dingen mit anderen Wissenschaftlern. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, wo die Gegenrede nicht mehr zulässig ist, dann haben wir unsere Demokratie verloren.“
Text: Priscilla Dekorsi

Berliner Großdemo vom 28. bis 30. August 2020. Foto: GSCHWÄTZ


Zahlreiche Menchen demonstrieren für Freiheit, Demokratie und ihre Grundrechte. Foto: GSCHWÄTZ

Manche Demonstranten kritisieren die Maskenpflicht. An der Demo selbst gab es keine Maskenpflicht. Foto: GSCHWÄTZ


Menschenmassen und im Hintergrund die Siegessäule – das gab es zuletzt bei der Love Parade. Foto: GSCHWÄTZ