„Eigentlich habe ich es mir schwieriger vorgestellt“, sagt Franziska Bahmann lachend. Die 17-Jährige hat einen mutigen Schritt gewagt: Seit September 2020 ist sie Schreiner-Azubi bei der Schreinerei Dieter Gebert Möbelgestaltung in Neuenstein – in einem vermeintlich typischen Männerberuf. „Ich habe alles Mögliche ausprobiert, aber nichts hat gepasst“, erzählt sie von ihrem Berufsstart. Die junge Frau beschreibt sich selbst als schüchternen Menschen, geht aber offen auf die Menschen zu und bewegt sich in ihrer Arbeitskluft sicher durch die Schreinerwerkstatt. Auf Vorurteile bei den Kollegen ist sie noch nicht gestoßen. In der Schreinerei Gebert gibt es sogar noch eine zweite junge Frau, die ebenfalls den Schreiner-Beruf erlernt.
„Ich habe schon als Kind Hasenställe gebaut“
Eigentlich wollte Franziska Bahmann nach dem Realschulabschluss Tierarzthelferin oder Arzthelferin lernen, schnupperte in Praktika in diese Berufsfelder hinein, „aber so richtig Spaß hat das nicht gemacht“. An die Schreinerei hatte sie überhaupt nicht gedacht, obwohl sie schon als Kind zu Hause in Braunsbach Hasenställe gebaut hat. Bis ein Verwandter sie daran erinnerte. Eine Woche Praktikum und drei Bewerbungen später konnte die fröhliche Azubine endlich in ihre Lehrzeit starten. Am meisten freue sich ihr Vater – als gelernter Baumpfleger selbst ein Praktiker – dass sie im Handwerk ist. Ihrer Mutter wäre es lieber gewesen, wenn sie Arzthelferin gelernt hätte. Und warum ausgerechnet in Neuenstein? „Meine Mutter ist gebürtig aus dem Ort und eigentlich fühle ich mich hier wohler“, erklärt sie. Als Kind verbrachte sie viel Zeit bei der Oma in Neuenstein.
„Geld ist erstmal nur Nebensache“
Mit einem Vorurteil räumt Franziska Bahmann gleich auf: „Nicht jeder Schreiner will eine Frau, weil er glaubt, ihr fehle die Kraft. Aber das kommt noch“, ist sie zuversichtlich. Sie muss ja auch mit anpacken. Außerdem gebe es Erleichterungsmittel wie Hubwagen, die das Tragen von schweren oder unhandlichen Gegenständen erleichtern. Im ersten Lehrjahr ist sie nun sowieso durchgehend in der Schule. Lediglich in den Schulferien beziehungsweise für ein sechswöchiges Praktikum ist sie im Betrieb. Die Azubine findet das gut: „So kann ich mich vorbereiten.“ Natürlich wird in der Berufsschule nicht nur Deutsch, Geschichte und Wirtschaftskunde gelernt. Auch praxisbezogener Unterricht steht auf dem Programm – drei Tage in der Woche. Ab dem zweiten Lehrjahr wird sie zwei Tage beziehungsweise einen Tag pro Woche in der Schule und den Rest im Betrieb sein. Deshalb ist sie zurzeit auch nur auf 450-Euro-Basis angestellt, wird nur bezahlt, wenn sie im Betrieb gearbeitet hat. „Geld ist erstmal nur Nebensache“, winkt sie ab. Zum Ausgleich zum Schul- und Berufsalltag unternimmt sie Spaziergänge mit ihrem zweijährigen Hund.
„Als Schreinerin bin ich freier“
In der Schule ist sie durchaus nicht die einzige angehende Schreinerin. Von 30 Schülern in ihrer Klasse sind rund zehn weiblich. „Und jede dachte, sie wäre die einzige Frau in der Klasse“, lacht die Braunsbacherin. Vorurteile gebe es auch in der Klasse nicht: „Wir verstehen uns alle gut.“ Der Unterschied zur normalen Schule: Die Schüler benehmen sich erwachsener, sind reifer. Was ihr besonders an der Ausbildung gefällt neben der praktischen Tätigkeit? Die Ausbildung ist abwechslungsreich und man kommt rum. „Wir sind viel unterwegs“, sagt Franziska Bahmann. Und: „Als Schreinerin bin ich freier und ich habe mehr Rechte über meinen Körper“, erklärt sie. Wegen der Haarfarbe oder falls sie mal ein Tattoo möchte, muss sie nicht erst den Arbeitgeber fragen.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“
Bis jetzt ist sie glücklich mit ihrer Wahl, auch wenn sie an die großen Maschinen noch nicht ran darf. Dafür braucht sie einen Maschinenkurs und sie muss volljährig sein. „Es kommt durchaus auch vor, dass ich mal nur putze und aufräume“, erklärt die angehende Schreinerin. Aber das mache ihr nichts aus: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, zitiert sie den alten Spruch. Und irgendjemand müsse es ja machen. Zu Hause bei ihrer Familie, wo auch noch ihre Schwester lebt, sei das schließlich auch so. Sie macht sich auch bereits Gedanken über ihr Gesellenstück, das sie am Ende der Lehrzeit anfertigen muss. „Ich würde gerne etwas mit Epoxidharz machen“, erklärt sie. Also einen Tisch, eine Konsole oder etwas Ähnliches, denn im Schreinerhandwerk wird nicht nur mit Holz gearbeitet, sondern auch mit anderen Materialien wie Plexiglas oder Metall. Ihre Mutter wäre von einer neuen Küche begeistert, aber das sei dann wohl doch zu umfangreich. Nach den drei Jahren Ausbildung könnte sie sich sogar vorstellen, den Meister in ihrem Fach zu machen.
Text: Sonja Bossert

In der Schreinerei Dieter Gebert Möbelgestaltung hat man keine Scheu, junge Frauen als Schreiner-Azubis einzustellen. Foto: GSCHWÄTZ