Es hört sich an wie ein schlechter Film, doch das, was Timothy – auch Timmy genannt – Hatton gegenüber GSCHWÄTZ zu berichten hat, ist die bittere Realität, in der er und seine hochschwangere Frau Duygu derzeit leben. Der Neuensteiner und seine Frau, eine Türkin, sitzen seit sechs Tagen in einer Quarantäne-Station in Aserbaidschan fest – ohne fließendes Wasser oder eine funktionierende Toilettenspülung. Ihre Pässe hat man ihnen abgenommen. Zu Essen gibt es Wasser, Eier und Brot. Der Grund: Auch hier ist die Panik vor dem vor allem im Nachbarland Iran tobenden Coronavirus immens. Bei Timothy Hatton wurde an der Grenzkontrolle Fieber gemessen. Ergebnis: 37,1 Grad. Für die Mitarbeiter vor Ort der Grund, dem Ehepaar die Pässe abzunehmen und ihn und seine Frau in Quarantäne zu stecken.

Timmy Hatton mit seiner Frau in der Quarantäne-Station in Aserbaidschan. Foto: privat
„Keiner sagt, wie lange wir noch hierbleiben müssen“, sagt Timothy gegenüber GSCHWÄTZ. Das Ehepaar, das sich mit ihren beiden Hunden eigentlich auf einer Wohnmobilrundreise befindet (um die Hunde kümmert sich derzeit eine Polizistin), ist am Ende seiner Kräfte, steht doch die Unsicherheit im Raum, wie lange sie noch in diesem Land bleiben müssen. Das Hauptproblem: Duygu ist im achten Monat schwanger. Die Grenzen auf dem Landweg in die Nachbarländer wurden laut Timothy Hatton nun wegen dem Coronavirus komplett geschlossen. Das heißt: Man kann derzeit lediglich mit dem Flugzeug ausreisen. Fluggesellschaften erlauben Hochschwangeren teilweise Flüge nur noch bis zur 36. Woche. Duygu ist derzeit in der 34. Woche.
„Ich habe in der Ecke gewartet wie ein Aussätziger“
Doch wie kam das Ehepaar überhaupt nach Aserbaidschan? Angefangen hatten ihre Reiseturbulenzen in Indien. Im Januar 2020 seien sie in Indien in ihrem Wohnmobil überfallen worden. Von Indien wollten sie daraufhin so schnell wie möglich in die Türkei zurückkehren. Dort soll ihr Baby auf die Welt kommen. Doch der Weg dorthin ist mehr als steinig. Von Pakistan geht es in den Iran. Als sie im Iran angekommen sind, verbreitete sich dort der Coronavirus rasant. Die Nachbarländer schlossen reihenweise ihre Grenzen. „Wir haben noch versucht, in den Irak auszureisen“, erzählt Timmy. Aber erfolglos. Es blieb das Land Aserbaidschan, das seine Grenzen noch offen hatte. An der Grenzkontrolle wurde Fieber gemessen. Bei Timmy zeigte das Thermometer 37,1 Grad an – ein Grund für die Grenzmitarbeiter vor Ort, ihnen die Pässe abzunehmen und in eine Krankenhaus in Aserbaidschan zu überführen.

Waschbecken auf der Quarantänestation in Aserbaidschan. Foto: privat
Keine funktionierende Toilette oder fließend Wasser
„Ich habe in der Ecke gewartet wie ein Aussätziger“, erinnert sich Hatton. Ursprünglich hieß es, im Krankenhaus werde ein Test gemacht, nach ein paar Stunden, sobald das Ergebnis vorläge, dürfe das Ehepaar wieder gehen. Im Krankenhaus dann die Ernüchterung. Ein Arzt sei nicht vor Ort, der komme erst morgen wieder, heißt es dort lapidar. Das Ehepaar wird angeschriehen. Sie sollen sich jetzt hinlegen und schlafen. „Wir wollten jemanden anrufen, aber wir durfen nicht“, berichtet Hatton noch immer fassungslos darüber, was ihnen passiert ist. „Selbst wenn jemand einen Mord begangen hat, darf man jemanden anrufen, wenn man verhaftet wird. Wir durften das nicht.“ Hinzu kamen widrigste Hygienstandards auf der vermeintlichen Quarantänestation, die sie sich mit weiteren Personen teilten. Krankenhausbetten ohne Decken, keine funktionierende Toilettenspülung, ein Wasserhahn, aus dem lediglich tropfenweise das Wasser kam. Seife gab es anfangs ebenfalls nicht.

Toilette auf der Quarantänestation in Aserbaidschan. Foto: privat
Gegen 01 Uhr stürmen Polizisten in ihr Zimmer
Am nächsten Morgen kam tatsächlich ein Arzt, aber die einzige Aussage, die dieser getätigt habe, sei gewesen: „Sie müssen warten.“ Irgendwann sei ein Mann in einem Anzug aus der Hauptstadt Baku gekommen. Danach habe es Seife gegeben. Timothy musste eine Blut- und eine Speichelprobe abgeben. In zirka 24 Stunden würden die Testergebnisse vorliegen, dann dürfe er gehen, wurde ihnen gesagt. Aus einem Tag wurden drei Tage und noch immer steht die Ungewissheit im Raum: Wann dürfen sie gehen?
Hinzu kommen Geschichten, die sie von anderen Personen, die ebenfalls festhalten wurden, gehört haben. Geschichten vom Einsatz von Schlagstöcken. Einmal haben sie über eine Stunde lang Schreie aus den Zimmern nebenan gehört. Eines Nachts gegen 01 Uhr stürmen sieben Polizisten in ihr Zimmer. Einer habe die Hand so hochgehoben, wie wenn er sie schlagen wolle. Duygu habe in dieser Situation aber den Mut gehabt, den Polizisten zu fragen, ob er sie ernsthaft schlagen wollte. Daraufhin habe der Polizist seine Hand wieder gesenkt. Die Polizisten teilten ihnen mit, dass sie auf eine andere Station verlegt würden. Warum und wieso wissen sie nicht. Rund zwei Stunden später, gegen 03 Uhr nachts, kommen sie in einem Krankenhaus in einer anderen Stadt an. Hier sind es nicht mehr zehn Menschen, mit denen sie auf der Station sind, sondern zirka 100, schätzt Timothy. Männer und Frauen sollten getrennt untergebracht werden. Dagegen wehrte sich das Ehepaar vehement – bislang mit Erfolg. Auch hier funktioniert die Toilettenspülung nicht.
Christian von Stetten eingeschaltet
Timothys Schwester hat inzwischen eine Petition gestartet, um ihrem Bruder und ihrer Schwägerin zu helfen. Er selbst hat schon mehrfach mit der Deutschen Botschaft in Aserbaidschan telefoniert, auch Christian von Stetten, den Bundestagsabgeordneten aus dem Hohenlohekreis – seiner Heimat – hat er informiert in der Hoffnung, dass Deutschland helfen wird, ihn und seine Ehefrau so schnell wie möglich zu helfen, Aserbaidschan zu verlassen. Die Türkei hat sich im Hinblick auf seine Frau Keskin bereits eingeschaltet und den Chefarzt vor Ort in Aserbaidschan angerufen.
Auch GSCHWÄTZ hat Kontakt mit der Deutschen Botschaft in Aserbaidschan, dem Auswärtigen Amt in Deutschland und mit Christian von Stetten Kontakt aufgenommen. Wir warten derzeit noch auf eine Stellungnahme bezüglich dem Fall Timmy Hatton.

Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus auf der Quarantänestation in Aserbaidschan. Foto: privat

Mitarbeiter auf der Quarantänestation in Aserbaidschan. Foto: privat

Ei, Brot und Wasser. Foto: privat

Eigentlich sollte es ein schöner Wohnmobilurlaub werden. Foto: privat