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„Dieser Sarg steht stellvertretend für all diese Branchen“

Es lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Mitten auf dem Öhringer Marktplatz steht am vergangenen Samstag, den 07. November 2020, ein offener Sarg. Er ist mit Blumenkränzen geschmückt. Darin liegen ein Gerippe und mit buntem Filzstift beschriebene Karten. Darauf zu lesen ist unter anderem „Menschlichkeit“, „Empathie“, „Mitgefühl“, „Gemeinschaft“ und „Verhältnismäßigkeit“. Auch die Rockband Saint’s Sin hat eine Grußbotschaft hinterlassen: „Danke für sieben Monate langsames Sterben der Live-Musik.“ Hintergrund ist die Demo gegen die Zwangsschließungen, unter denen Gastronomie, Hotellerie, körpernahe Dienstleister, Fitnessstudios, Vereine und Schausteller leiden. Dajana Wildt, die Organisatorin der Demo, erklärt: „Dieser Sarg steht stellvertretend für all diese Branchen.“

Klare Worte

Auf der Kundgebung sprechen ganz unterschiedliche Menschen. Einige sind selbst vom Lockdown betroffen. Andere sorgen sich um die gesellschaftliche Entwicklung und engagieren sich für Freiheit und Selbstbestimmung. Unter ihnen ist auch Anton Baron. Der Hohenloher AfD-Abgeordnete spricht ausdrücklich als Privatperson. Er findet klare Worte: „Wie kann es denn sein, dass Vereine nicht mehr spielen dürfen, aber die Bundesliga darf es? Warum dürfen Nagelstudios hinter Plexiglasscheiben nicht mehr arbeiten, aber Friseure dürfen weiterhin schneiden? Warum dürfen Hotels nur noch Personen auf Dienstreise beherbergen, obwohl diese im eigenen Zimmer sind? Wofür haben unsere Gastronomen wirklich hervorragende Hygienemaßnahmen aufgestellt, teures Equipment angeschafft und Zelte aufgestellt? Warum werden die Hürden für Marktstände und für die Schausteller so hoch gesetzt, dass man überhaupt gar keine Feste mehr abhalten kann? Meine Damen und Herren, wenn unsere Gewaltenteilung in diesem Land noch funktioniert, dann sind jetzt unsere Gerichte gefragt, die diese in Teilen widersprüchlichen und in meinen Augen rechtswidrigen Maßnahmen wieder aufheben müssen.“

„Es gehört dazu, dass man mit Leuten kommuniziert“

„Eigentlich wird man durch diese Schließungen von alten, kulturellen, gewachsenen Werten getrennt“, sagt der Demo-Besucher Fritz Zentler. „Es gehört doch dazu, dass man mit Leuten kommuniziert. Das passiert meistens in Kneipen und in Wirtschaften. Ob man geschäftlich essen geht oder mit Familienangehörigen: Es gehört einfach dazu. Diese Kultur, diese Lebenskultur wird uns einfach genommen. Das ist schlimm und da muss man etwas dagegen tun.“ „Warum wir demonstrieren, steht schon hier“, sagt Bernd Weber und zeigt auf ein Schild mit der Aufschrift „Fakten statt Hysterie“. „Das, was wir von Politik und Medien erleben, ist, dass Themen falsch gesetzt und Begriffe uminterpretiert werden.“

„Zusammenhalt ist in diesen Tagen das Allerwichtigste“

Die Stimmung auf der Kundgebung ist friedlich. Kinder springen auf dem Marktplatz herum und pusten in Trillerpfeifen. Es sind viele Familien vor Ort. Der Protestmarsch verläuft reibungslos. Passend zum Motto „Zusammenhalt, denn wie Weber betont: „Zusammenhalt ist in diesen Tagen, in diesen Monaten, das Allerwichtigste.“ Ruhig und sachlich trägt er seine Argumente vor. Er ruft alle Menschen dazu auf, kritisch zu hinterfragen und liest einen Brief von Hartmut Wächter an den Landtag vor: „‚Es reicht. Beherbergungsverbot, Sperrstunden, Maskenpflicht, Abstandsgebote, Besuchsbeschränkungen, kalte Klassenzimmer, einsame Alte, maskierte Kinder, Denunziantentum, Testorgien, Zahlenwillkür, Verordnungswahn, Masken-Polizei-Kontrollen, Bundeswehr im Inneren, abgesagte christliche und Volksfeste und vieles mehr… Hotels, Veranstalter, Reisebüros, Markthändler, Messebauer, Künstler, Selbstständige, Einzelhändler und so weiter verloren und verlieren ihre Umsätze und damit ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien. Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Das interessiert euch nicht im Geringsten.“

„Würfelt ihr die Zahlen aus?“

„Ihr Verordnungsgeber fühlt euch so wohl in eurer maßlosen Allmacht – ohne Evidenz, ohne Parlament! Einfach Verordnung her und basta! Was testet der PCR-Test? Egal, ihr nennt es eben einmal Corona-Infektion. Sind Infizierte krank? Egal, ihr sperrt sie einfach in Quarantäne. Wovor schützt eine Maske? Egal, ihr sagt, dass sie schützt und basta! Von welcher Art Maske redet ihr? Egal, ihr fordert: ‚Stofflappen auf und keine Fragen stellen!‘ Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr? Egal, ihr bestimmt, dass es so ist: 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner oder 35? Würfelt ihr die Zahlen aus? Wer zählt die Opfer und Toten, die aus euren Verordnungen resultieren? Die Suizide, häusliche Gewalt, Medikamenten- und Drogenmissbrauch? Warum all diese Maßnahmen, die angeblich gesundheitlich unser aller Bestes wollen, aber uns gleichzeitig unseres wichtigsten Grundrechtes berauben?“

„Ihr bringt die schlechtesten Charaktereigenschaften zum Ausdruck“

„Wo waren eure Restriktionen bei der Grippe-Epidemie vor zwei Jahren mit mehr als 25.000 Toten? Wo waren eure Restriktionen bei den vielen Toten durch Drogen und Rauchen? Gesundheitsschutz scheint keine Priorität zu haben, was dann? Jede wirkliche Katastrophe weckt in der Bevölkerung Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und Aufopferung, aber ihr bringt die schlechtesten Charaktereigenschaften zum Ausdruck. Ihr bringt die Menschen dazu, andere Menschen nur noch als Infektionsrisiko zu sehen. Ihr versetzt Menschen ständig bewusst und gewollt in Angst und Panik, fördert Denunziantentum, nehmt in Kauf, dass Menschen in Isolation verstummen, wollt, dass Kinder nicht mehr eng miteinander spielen, sich raufen oder kuscheln. Ihr wollt, dass alte oder kranke Menschen keinen oder nur limitierten Besuch empfangen. Ihr wollt beschränken, wie viele Menschen privat zusammen feiern. Ihr wollt Kontaktverfolgung und Bestrafung.“

„Ich will die mir grundgesetzlich zustehende Freiheit“

„Ihr seid dabei, eine Hygienediktatur zu errichten. Ich will die mir grundgesetzlich zustehende Freiheit! Die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, welches Risiko ich wann eingehen möchte. Ich möchte die Freiheit, mich wo auch immer zu wievielt auch immer zu treffen. Die Freiheit, ‚nein‘ zu sagen zu Bekleidungsvorschriften. Die Freiheit, Urlaub zu machen, wo ich will. Die Freiheit, mich in den Grenzen des Grundgesetzes frei zu bewegen und frei zu sprechen. Und jeder hat die Freiheit, sich selbst zu schützen, vor was auch immer.’“ Webers Rede endet mit einem Appell: „‚Drückt endlich die Reset-Taste, zurück auf Ausgangszustand, siehe Grundgesetz Artikel eins bis zwanzig. Ihr seid selbst ein Teil der Bevölkerung, deswegen verhaltet euch so und hört endlich mit Bevormundung und Restriktionen auf.’“

„Wir fordern andere Konzepte“

„Wir sind heute auf die Straße gegangen, weil wir mit dem Lockdown light nicht zufrieden sind. Wir fordern andere Konzepte“, erläutert Emely Knorr. Wildt ergänzt: „Aber auch, um einfach auch die Stimme für alle anderen zu erheben, nämlich für die, die sich nicht trauen, ihre Stimme zu erheben. Wir bieten allen, die von den Zwangsschließungen betroffen sind, eine Plattform. Die Reaktionen auf die Organisation der Demo waren sehr gemischt. Es sind ganz, ganz viele dabei gewesen, die sich, auch heute, bei mir bedankt haben. Es waren aber auch einige dabei, die absolut dagegen waren und alle Schimpfwörter von der Kante gerattert haben, die sie kannten. Aber da muss man drüber stehen.“

Text: Priscilla Dekorsi

 

Der Sarg steht stellvertretend für alle Branchen, die unter den Zwangsschließungen leiden. Foto: GSCHWÄTZ

Dajana Wildt (links) und Emely Knorr haben zur Demo gegen Zwangsschließungen in Öhringen aufgerufen. Foto: GSCHWÄTZ

Der Protestmarsch verläuft reibungslos – passend zum Motto Zusammenhalt. Foto: GSCHWÄTZ

Die Demo und Kundgebung verlief friedlich. Foto: GSCHWÄTZ

Bernd Weber las aus einem Brief von Hartmut Wächter an den Landtag vor. Foto: GSCHWÄTZ

 




„Alles, was mit Freizeit zu tun hat, ist jetzt eingeschränkt“

Am kommenden Samstag, den 07. November 2020, veranstaltet die Gruppe „Zusammenhalt Öhringen“ einen Demonstrationszug durch Öhringen. Treffpunkt ist um 15.30 Uhr auf dem Marktplatz, heißt es in einer Pressemitteilung. Thema sollen die Zwangsschließungen sein, die im Zuge des neuerlichen Lockdowns light in Kraft getreten sind. Organisatorin ist die Outdoor-Trainerin Dajana Wildt, die selbst von den Schließungen betroffen ist. „Alles, was mit Freizeit zu tun hat, das soziale Leben ist jetzt eingeschränkt“, bedauert sie. „Der Ausgleich zum Alltag fehlt.“

Einige Maßnahmen seien möglicherweise sinnvoll, so die Organisatorin, keineswegs aber die Schließungen der Gastronomie, der Hotellerie, der körpernahen Dienstleister, der Vereine und Schausteller. Diese seien für lediglich weniger als ein Prozent aller Ansteckungen verantwortlich, habe eine Studie des Robert-Koch-Instituts gezeigt. Bereits die Schließungen im Frühjahr seien zudem für viele Betriebe existenzgefährdend gewesen.

Die Demonstration ist mit 100 Teilnehmern angemeldet. Die Resonanz vor allem in den sozialen Netzwerken sei sehr gut, sagt die Organisatorin. Auch aus Heilbronn hätten sich Teilnehmer angekündigt.

„Zusammenhalt Öhringen“ betont, dass die Demonstration unter freiem Himmel und unter Einhaltung der Abstands- und Hygienemaßnahmen stattfinden wird.