Völlig unbeeindruckt von der Ankunft des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zeigten sich am Freitag, 19. Juni 2020 nur die Bauarbeiter an der Kupferzeller Carl-Julius-Weber-Halle. Alle anderen warten gespannt auf die Ankunft des Ministerpräsidenten.
Blaskapelle fehlt coronabedingt
Landrat Dr.Matthias Neth entschuldigte sich bei Kretschmann für das Corona-bedingte Fehlen der obligatorischen Blaskapelle, bevor er ihn, begleitet von den Hohenloher Landtagsabgeordneten Arnulf von Eyb (CDU) und Anton Baron (AfD) in die Halle führte. Dort fand ein kommunalpolitisches Gespräch mit politischen Mandatsträgern und Beamten aus dem Hohenlohekreis statt.
Neth zieht in seiner Begrüßung, obwohl im Hohenlohekreis 47 Corona-Tote zu beklagen sind, das Resumee „Wir haben in diesem Staat die Lage gut bewältigt“, und bedankt sich bei den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes. Besonders beeindruckt hat ihn ein Schreiben der Landesregierung, ob man in den lokalen Krankenhäusern französische Corona-Patienten aufnehmen könne. Das sei für ihn und die Mitarbeiter ein Zeichen für gute Arbeit und ein großartiges politisches Signal gewesen.
Kretschmann geht in seiner Replik darauf ein und lobt insbesondere den Erfolg des föderalen Systems, weil die unterschiedlichen Ebenen echte Kompetenzen haben. Auch habe man europäisches Zusammenleben gezeigt.
Dr. Claudia Santos-Hövener vom Robert-Koch-Institut bedankt sich bei den Kupferzeller Bürgern: „Die Rücklaufquote hat alles übertroffen, was wir bisher hatten“, über 2.200 Testungen seien durchgeführt worden. Erste aussagekräftige Ergebnisse der Studie erwartet sie im Juli.
Anhand der Kupferzeller Studie soll geprüft werden: Wie zuverlässig sind die Tests?
Die wissenschaftlichen Erwartungen an die Studie erklärt ihr Kollege PD Dr. Thomas Lampert: Man wolle die Testungen mit den Daten aus den Befragungen der getesteten Bürger verknüpfen und Aussagen über Zusammenhänge zwischen Krankheitsverläufen und sozialem oder Arbeitsumfeld erforschen. Auch soll ein Gegencheck zu der bekannten Studie von Prof.Hendrik Streeck durchgeführt werden, in der postuliert wird, dass die Anzahl der Infizierten fünfmal höher ist als die Anzahl der positiv Getesteten.
Kretschmann: Coronastrategie soll in die Verantwortlichkeit der Landkreise zurückgegeben werden
In der anschließenden Diskussion erläutert Kretschmann die künftige Corona-Strategie der Landesregierung: Die Verantwortlichkeit für die Maßnahmen soll in die Hand der Landkreise zurückgegeben werden. Erst bei ansteigender Infektionsrate wird sich die Regierung einschalten und mit den Landkreisen oder sogar über die Entscheider der Landkreise hinweg Restriktionen beschließen. Bei der Art der Maßnahmen wird berücksichtigt werden, ob es sich um ein diffuses Infektionsgeschehen handelt oder ob es einen klaren Hot-Spot gibt.
Kretschmann über Corona-Verbreitungswege: „Feuchtfröhlich ist das Gefährlichste“
Nachverfolgung sei das Wichtigste: „Dort, wo wir nachverfolgen können, wird das Regime gelockert, wo nicht, bleiben die Restriktionen“ sagt Kretschmann und erklärt, dass beispielsweise Fachmessen, bei denen die Teilnehmer erfaßt werden können, möglicherweise bald wieder stattfinden können. Anonymere Großveranstaltungen, wie Volksfeste, werden allerdings noch eine längere Zeit nicht stattfinden können: „Feuchtfröhlich ischds Gfährlichschde, was es gibt. Da ischd Alkohol im Spiel, da geht die Poschd ab“ wird er so emotional, dass er sogar in Dialekt verfällt. Ob die Maßnahmen zu hart waren? “Wir wußten über das Virus zu wenig. Wenn man zu wenig weiß, muß man vorsichtig sein.“
Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann beklagt die rasche Abfolge neuer Entscheidungen
Die möglichst weitgehende Öffnung von Schulen und Kindergärten befürwortet er, gibt aber zu bedenken: „Das Problem wird sein: Haben wir genügend Lehrkräfte?“ Es sei Aufgabe von Kultusministerium und Kommunen, möglichst viele Lehrkräfte und Erzieher zu gewinnen.
Der Künzelsauer Bürgermeister Stefan Neumann beklagt sich über die rasche Abfolge neuer Entscheidungen: „Bei der Vielzahl der Meldungen entsteht Unsicherheit. Uns würde es helfen, wenn es etwas langsamer wäre“. Außerdem plädiert er für ein coronagerechtes kulturelles Leben und weist darauf hin, dass ein Weihnachtsmarkt eine lange Vorlaufzeit benötige und die Streichung der Großveranstaltungen bis Ende Oktober ihm nicht genug Planungssicherheit gäbe. Er hätte gerne früher klarere Aussagen.
Kretschmann ist kein SPIEGEL-Leser mehr
Seine Kreistagskollegin Irmgard Kircher-Wieland (SPD) stellt fest, dass die Corona-Maßnahmen vielen Menschen kaum noch vermittelbar seien, wo andererseits sich Fußballspieler beim Jubeln um den Hals fallen. Außerdem fragt sie, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, den Landkreisen bereits sehr früh die Möglichkeit zu geben, Veranstaltungen zu untersagen. Sie verweist auf einen SPIEGEL-Artikel aus dem Dezember.
Kretschmann lächelt: „Wenn ich nach dem SPIEGEL Politik machen müßte, dieser alarmistischen Zeitschrift, das wäre furchtbar. Ich lese ihn auch nicht mehr“. Und er gesteht selbstkritisch zu: „Wir haben die Brisanz des Virus anfangs unterschätzt.“ Er verweist darauf, dass es für den Profifußball eine Teststrategie gebe und informiert, dass ähnliche Teststrategien im Kulturbereich gerade entwickelt würden. Der Profifußball sei genaugenommen ein Wirtschaftsunternehmen und es sei zu befürchten gewesen, dass die DFL geklagt hätte.
Kretschmann: Haben wir genügend Lehrkräfte?
Für die Zeit nach Ende Oktober seien in der Tat noch keine Maßnahmen beschlossen. Kretschmann hält es bei Weihnachtsmärkten durchaus für möglich, Maskenpflicht und Abstand einzuhalten sowie den Zugang zu dokumentieren.Er betont darüber hinaus, dass die Kapazitäten, alle Lehrer und Erzieher und alle Polizisten zu testen, nicht vorhanden seien. Allerdings sei für diese Gruppen ein Recht auf freiwillige Tests in der Diskussion.
Beim Thema Corona zeigte Kretschmann ein profundes Wissen und belegte, dass die Entscheidungen der Landesregierung verantwortungsvoll und gut begründet waren.
Ganz anders beim Thema Kochertalbahn. Nach der Vorstellung des Konzepts durch Christoph Bobrich, dem Wirtschaftsförderer der Stadt Künzelsau, erschien er ein wenig überrumpelt und reagierte überraschend wortkarg, befürwortete aber die Fortführung einer Machbarkeitsstudie.
In der anschließenden offenen Diskussion verspricht Kretschmann den Kommunen Hilfen der Landesregierung, schränkt aber gleich ein: „Sie können nicht davon ausgehen, dass wir alle Ausfälle der Gemeinden 1:1 ersetzen“. Der Dörzbacher Bürgermeister Andy Kümmerle forderte, dass die bereits laufenden Investitionsprojekte auch hochverschuldeter Gemeinden fortgeführt werden müssten. Ein wenig ausweichend gesteht Kretschmann das zumindest für „ganz wichtige Bereiche, Digitalisierung und Schulen“ zu. „Das ist klar, das muss gewährleistet werden.“
Kretschmann kritisiert: Hohenlohes Marketing als Urlaubsregion könnte besser sein
In seinem Schlußwort rät Kretschmann dazu, in größeren Räumen zu denken: „Niemand sagt, dass er im Hohenlohekreis Urlaub gemacht hat. Jeder sagt, dass er in Hohenlohe war.“ Von einer gedanklichen Beschränkung auf den Hohenlohekreis rät er ab: „Da ist Kooperation mit der gesamten Landschaft angebracht, sonst kriegen Sie das nicht öffentlichkeitswirksam präsentiert“, übt er Kritik am Marketing des Kreises und findet den Weg zurück zu seinen Anfangsworten: „Lokal denken und lokal handeln muss man immer mit dem europäischen Gedanken zusammen denken.“
Zuletzt kann er sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: „Dass wir die ländlichen Räume voranbringen, ist der Landesregierung ein Anliegen. Der Charme unseres Landes, auch gegenüber Bayern, ist, dass es mehrere Zentren gibt, dass es ländliche Räume gibt, aber keine Provinz.“
Im anschließenden Pressegespräch beantwortete Kretschmann die GSCHWÄTZ-Frage, ob er noch einmal für eine vollständige Legislaturperiode für das Amt des Ministerpräsidenten kandidieren wolle, mit einem klaren „Ja“. 2021 finden die nächsten Wahlen statt. Kretschmann ist 72 Jahre.
Nach dem Auftakt in der Kupferzeller Carl-Julius-Weber-Halle besuchte der Ministerpräsident das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg und die Firma Bürkert in Ingelfingen-Criesbach. Hier wurde er unter anderem von GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus begleitet. Das Video hierzu folgt in Kürze.
Text: Matthias Lauterer

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit Hohenlohes Landrat Dr. Matthias Neth, dem CDU-Landtagsabgeordneten Arnulf von Eyb und dem AfD-Landtagsabgeordneten Anton Baron (von links). Foto: GSCHWÄTZ

Kontaktabstand in Zeiten von Corona, auch in der Kupferzeller Carl-Julius-Weber-Halle. Foto: GSCHWÄTZ

Waldenburg Bürgermeister Markus Knobel (links) und Winfried Kretschmann mit präsidialem Mundschutz, im Hintergrund die beiden Landtagsabgeordneten des Hohenlohekreises Anton Baron (AfD) und Arnulf von Eyb (CDU). Foto: GSCHWÄTZ