Schon der Sand wird knapp
„Die Vorprodukte werden knapp“, hört man aus vielen Industriebereichen. Es geht dabei nicht nur um importierte Hightech-Produkte wie Computerchips, die in Industrieprodukten eingebaut werden, oder Grafikkarten für Gamer oder Bitcoin-Miner – nein es geht auch um Produkte, die in Deutschland erzeugt werden, wie Bauholz oder Plastikverpackungen.
Auch in Hohenlohe spürbar
Im Künzelsauer Gemeinderat wurde schon zweimal über die Knappheit von Bauholz gesprochen, einmal beim Bericht von Stadtförster Stephan Römer (GSCHWÄTZ berichtete), aber auch bei der Diskussion um den Bau von Holzhäusern auf Taläcker (GSCHWÄTZ berichtete). Und auch Peter Fenkl, der Vorstandsvorsitzende von Ziehl-Abegg, kennt das Thema: „Mittlerweile wird es insbesondere bei den elektronischen Komponenten immer schwieriger. Wir kennen das zum Beispiel aus der Automobilindustrie, wo ganze Werke stillstehen. Das ist etwas, auf das wir uns vorbereiten müssen.“ Auch Zulieferfirmen, die die knappen Vorprodukte gar nicht verarbeiten, sind letztendlich von Produktionskürzungen ihrer Kunden betroffen.
Ist Corona an allem schuld?
Ist es die weltweite Corona-Epidemie, die auch die getakteten Lieferketten der Wirtschaft befallen und lahmgelegt hat? Hat der querstehende Containerfrachter Evergiven die Handelsketten in Unordnung gebracht? Oder stößt die Globalisierung an die Kapazitätsgrenzen der Logistik?
Riesige Umschlagmengen in den europäischen Häfen
Im Rotterdamer Hafen, dem größten Industriehafen werden pro Jahr über 12.000 Öltanker abgefertigt, dazu ca. 18.000 weitere Seeschiffe. Und der Rotterdamer Hafen macht nur etwa 37% der Tonnage aus, die zwischen Lee Havre und Hamburg für Zentraleuropa umgeschlagen wird.
Der Hamburger Hafen schlägt jährlich rund 5 Mio. Container aller Größen um. Die Ware kommt aus aller Welt, hauptsächlich aus dem Fernen Osten, dem Mittleren Osten (Öl und Gas) sowie Nordamerika und wird von Hamburg aus vor allem nach Zentral- und Osteuropa verteilt.
Schon der Sand wird knapp
„Silizium gibts wie Sand am Meer“ sagt ein spöttischer Spruch, der aktueller nicht sein könnte. Denn es gibt nicht mehr genug Silizium. Und auch nicht mehr genug Sand. So mußte Saudi-Arabien, ein Staat mit riesigen Sandwüsten, den Sand für die Errichtung seiner berühmten Luxusinseln in Form einer Palme aus Australien importieren. Und auch in Deutschlands wird der Sand knapp. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften hat das bereits 2018 in einer Studie festgestellt: Zwar gebe es in Deutschland „fast unendlich“ viel Sand, allerdings sei die Gewinnung in Deutschland immer schwieriger, denn ein großer Teil der Vorkommen sei nicht mehr abbaubar. Schutzgebiete oder vorhandene Überbauung werden als Gründe genannt. Sand ist allerdings einer der wichtigsten Rohstoffe für die Bauwirtschaft. Auch dem ZDF-Magazin Royale mit Jan Böhmermann war die Sandknappheit eine ganze Sendung wert.
Bauwirtschaft auch von Holzknappheit betroffen
Fast so wichtig für die Bauwirtschaft wie Sand ist Holz. Dieses Bauholz wurde in den verschiedensten Qualitäten zu einem großen Teil in Deutschen Wäldern erzeugt, jedoch ist in den letzten Monaten ein starker Preisanstieg zu sehen. Die Baubranche spricht von einer Verdopplung der Preise, auch seien die Lieferfristen immer länger geworden. Der Waldbesitzer spürt davon wenig: Die Abnahmepreise für Rohholz sinken eher. Die Sägewerke hingegen sind voll ausgelastet: Grund dafür scheint zu sein, dass die USA, deren Holzproduktion wegen vieler Waldbrände eingeschränkt ist, aber auch China und Indien, große Mengen Schnittholz guter Qualität aus Europa importieren. Gerade bei den guten Qualitäten sind aber aufgrund der Trockenheit nicht genug Mengen vorhanden, was den Preis treibt.
Es fehlt sogar an Plastikfolie
Kunststoffe sind Produkt und sichtbares Zeichen des Wohlstands, Kunststoffe sind überall zu finden, besonders augenfällig beim Gang durch die Kühlregale eines beliebigen Lebensmittelmarkts. Und trotzdem wird das „Plastik“ knapp und die Rohstoffpreise steigen. Der Gesamtverband der Kunststoffverarbeitenden Industrie (GKV) schiebt dies oberflächlich auf den Zusammenbruch der Logistik in der Corona-Pandemie, auf steigende Containerpreise und ein Durcheinander in den Häfen. Die beiden wohl wichtigsten Gründe nennt der Verband zuletzt: Eigenbedarf durch den steigenden Eigenverbrauch der chinesischen Industrie sowie die Verletzlichkeit der weltweiten Lieferketten, in diesem Fall angeblich durch die Schneefälle in den USA, also letztendlich das Wetter.
Es betrifft nicht nur Rohstoffe
„Automobilindustrie stoppt Produktion wegen Chipmangel“, solche Überschriften las man in den letzten Wochen. Alle Autohersteller und -zulieferer, nicht nur in Deutschland, sind betroffen. So baut Peugeot inzwischen wieder analoge Tachos ein – und macht das Fahrzeug dadurch nebenbei 400€ billiger. BMW-Chef Oliver Zipse kommentiert die Situation eher flapsig: „Momentan geht es ziemlich drunter und drüber. Zum Glück in den meisten Märkten drüber“ – noch laufen seine Geschäfte offenbar gut, auch wenn er mit Mehrkosten für Rohstoffe von 500 Mio Euro bis 1 Mrd Euro rechnet. Im Bereich der automobilen Oberklasse scheint die Preissensibilität der Kunden gering zu sein, bei VW hingegen rechnet man für 2021 mit einer Minderproduktion von 100.000 Fahrzeugen – und damit werden auch die Zulieferer entsprechend weniger Komponenten liefern. Auch hier wird Corona als externe Begründung herangezogen: Schließlich seien es die Chips für die Spielcomputer und die Aufrüstung der Home-Offices, die die Autoindustrie gerade beeinträchtigen. Das ist kaum zu glauben – gerade Computer und Grafikkarten sind ja ebenfalls Mangelware – und die Chipfabriken sind hochspezialisiert. Außerdem melden die asiatischen Chipfabriken im Automotive-Bereich gute Auslastungen – wohl für chinesische Hersteller. Es ist zu befürchten, dass Zipse die Situation verkennt, wenn er meint, dass BMW weder die Just-in-time-Belieferung aufgeben noch „Vorräte horten“ will, da „das kein sehr langfristiges Thema“ sei. Eine immer selbstbewußter auftretende chinesische Wirtschaft ist auf „flexible Liefervereinbarungen“ der deutschen Automobilindustrie mit der „verlängerten Werkbank“ langfristig nicht angewiesen.
Die Symptome sind sichtbar – aber wie heißt die Krankheit?
In Wahrheit ist also nicht Corona der Auslöser der diversen Stoffknappheiten. Auch nicht – diesen Vorwurf hört man aus den Aussagen der Industrie immer wieder heraus – die auf Kante genähte weltweite Produktion und Logistik, die nicht in der Lage ist, Kapazitäten flexibel auf- und abzubauen. Und schon gar nicht die tagelange Blockade des Suezkanals.
Die wahre Krankheit liegt tiefer
All das sind nur die Symptome einer Krankheit, die viel tiefer liegt. Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Erde von Unternehmern und Politikern der großen Industrienationen als unendlicher Rohstofflieferant angesehen wird. Schon die immer wieder betonte Notwendigkeit der Globalisierung zeigt aber auf, dass die Industrieländer ihren Teil der Welt bereits im ökonomischen Sinn ausgebeutet haben: Ressourcen wie Bodenschätze, aber auch Arbeitskräfte, werden jetzt anderswo ausgebeutet, wo sie billiger oder überhaupt noch verfügbar sind. Aber auch nur so lange, bis auch dort die Quellen versiegen, die Rohstoffe durch aufstrebende Nationen vor Ort verwendet werden oder die Arbeitskräfte durch wachsenden Wohlstand teurer werden.
Philosophie der beliebig ausbeutbaren Mutter Erde ist am Ende
Vielleicht können wir gerade den Anfang vom Ende der Wachstumsphilosophie, die von der beliebigen Verfügbarkeit von Bodenschätzen und anderen Ressourcen unsere Erde ausgeht, beobachten. Diese Philosophie ist aber die Grundlage unserer gesamten weltweiten Wirtschaftsordnung.
Wir sehen gerade die Anfänge – wann werden wir beginnen, uns auf die Auswirkungen dieser Situation vorzubereiten? Oder werden wir wie beim Klima wieder alles hinausschieben, bis unsere Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, die Folgen der selbstverschuldeten Situation zu bewältigen?
Umdenken ist erforderlich
Ein Umdenken ist erforderlich – selbst eine vollständige Kreislaufwirtschaft kann die Bedarfe einer immer weiter auf Wachstum setzenden Industrieproduktion nicht decken, sie verlangsamt den Ressourcenraubbau nur.
Text: Matthias Lauterer

Dubais Palmeninseln: Auf australischem Sand gebaut. Quelle: bing maps

Containerschiff im Hamburger Hafen. Quelle: pixabay

Ausbeutung von Bodenschätzen: Kupfermine in Gällivare, Schweden. Quelle: pixabay

Geistermine in USA – anderswo sind die Bodenschätze billiger verfügbar. Quelle: pixabay.