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„Wir wollen gegen die Müllverschwendung aktiv werden“

Ein alter Schweinestall, drei Jahre Arbeit und 300 000 Euro Investitionen – Michael und Andrea Schmitt aus Mulfingen-Simprechtshausen haben mehr als nur Zeit und Geld in ihr neues Projekt gesteckt: eine ganze Menge Herzblut.

Neuer Unverpackt-Laden in Simprechtshausen. Foto: GSCHWÄTZ

„Meine Frau und ich haben uns überlegt, dass wir irgendetwas gegen die Müllverschwendung unternehmen müssen. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, einen Unverpackt-Laden zu eröffnen“, erklärt Michael Schmitt. „So etwas gibt es bei uns ja noch nicht. In Heilbronn, Nürnberg und Würzburg gibt es einen und Simprechtshausen liegt da genau im Zentrum.“ Das Credo des 50-Jährigen lautet: „Einfach machen!“ – So haben Schmitts kurzerhand die Initiative ergriffen und sind selbst aktiv geworden, um einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Das Gebäude, in dem der neue Unverpackt-Laden eröffnen wird, war früher ein Schweinestall. „Wir haben viel Mobiliar gebraucht gekauft, um Verpackungsmüll einzusparen. Das macht wirklich einen großen Unterschied. Es ist schon toll, was man aus einem alten Schweinestall alles machen kann“, so Schmitt.

Noch sind die Regale leer. Fotos: GSCHWÄTZ

Die größte Hürde auf dem Weg zum Unverpackt-Laden sei übrigens der Umnutzungsantrag für das Gebäude gewesen. „Das Landratsamt hat sich sieben Monate Zeit gelassen.“

Das Einzugsgebiet des Nachhaltigkeitsprojekts betreffend sagt Schmitt: „Wir nehmen natürlich alle Kunden, die kommen, gerne auf. Als Einzugsgebiet versprechen wir uns aber einen Umkreis von 15-20 km.“

Auch ein Café soll es darin geben – mit einem herrlichen Ausblick auf Wiesen und Felder. Foto: GSCHWÄTZ

Neben unverpackten Lebensmitteln können sich die Kunden auf Getränke, Kaffee, selbstgebackenen Kuchen und Softeis freuen. Wo möglich, setzen Schmitts auf regionale Lebensmittel und selbstgemachte Produkte. Der Laden hat sogar eine eigene Backstube.

Die Resonanz auf das Vorhaben sei zum größten Teil positiv gewesen. „Wir wünschen uns, dass unser Laden bald mit Leben gefüllt wird“, erzählt Andrea Schmitt.

Ein Softeis-Automat seht ebenfalls bereit.

In sechs bis acht Wochen soll das neue Projekt an den Start gehen.

Die Adresse des Unverpackt-Ladens: Lausenweg 7/1, 74673 Mulfingen-Simprechtshausen.

Was bedeutet Unverpackt?

In Unverpackt-Läden gibt es Nudeln, Reis Obst, Gemüse, Reinigungsmittel und weitere Produkte möglichst unverpackt. Das heißt, Kund:innen bringen ihre Verpackungen in Form von Glasbältern, Dosen oder Tupperbehältern selbst mit. Auch Getränke kann man bei den Schmitts kaufen, selbstverständlich in Glas- und nicht in Plastikflaschen. Im Hohenlohekreis gibt es bislang keinen Unverpackt-Laden.

Text, Fotos & Video: Priscilla Dekorsi




Versinken im Verpackungsmüll

Katzenfutter. Das Katzenfutter ist schuld. Gefühlt der halbe Gelbe Sack besteht bei uns, aus lilafarbenen Kunstoffbeuteln, welche jeweils die Größe einer Packung Schokolade haben. Doch das ist nicht ganz richtig. Dazwischen sehe ich unter anderem eine leere Duschgelpackung, leere Käsepackungen, leere Schoki- und Müsliverpackungen, eine leere Traubenverpackung und zahlreiche benutzte Coronatest-Kits.

Das Katzenfutter ist schuld und Checker Tobi weiß Rat

Mit diesem Gelben Sack konfrontiere ich meine Kinder und frage sie, wo sie denn Einsparungspotenzial sehen würden, damit wir unseren Kunststoffmüll reduzieren. Meine Kinder scheinen gut informiert und brauchen nicht lange zum Überlegen. Die leere Zahnpastatube könne man vermeiden, indem man „so Zahnpastatabletten im Unverpackt-Laden kauft“, erklärt mein zwölfjähriger Sohn. Von Checker Tobi aus dem Fernsehen wisse er das. Der habe auf youtube auch schon mal ein Video veröffentlicht, indem es darum ging, Plastik im Alltag zu vermeiden.

Weit und breit kein Unverpackt-Laden

Die Frage ist nur: Wo gibt es im Hohenlohekreis einen Unverpackt-Laden? Ein kurzer Blick in Google bringt die Ernüchterung. In Heilbronn, Schorndorf oder Backnang gibt es anscheinend die nächsten. „Dann fahren wir da hin“, jubeln die Kinder begeistert. Ich erkläre, dass ich das nicht sonderlich sinnvoll finde, so viele Kilometer zu fahren. Auch das ist ja nicht wirklich energie- und damit klimafreundlich.

Hofläden als Alternative im Hohenlohekreis

Wer auch diverse Unverpackt-Angebote bereithält oder auch wiederverwertete Verpackungen, das sind die kleinen Hofläden, die es bei uns im Hohenlohekreis überall gibt. Wir gehen jede Woche einmal in den Vollsortiment-Hofladen Frank in Garnberg. Bislang habe ich aber ehrlich gesagt nicht wirklich auf Verpackungen geachtet. Ich glaube, da kann  man auch Reis und Nudeln unverpackt kaufen, aber mit welchen Behältnissen transportiere ich die am besten nach Hause? in Tupperdosen oder Glasbehältern?

Nudeln und Reis kann man im Hofladen Frank in Garnberg einfach in eigene Glasbehälter abfüllen lassen. Foto: GSCHWÄTZ

Für Gemüse und Obs gibt es spezielle Netzbeutel, die man immer wieder benutzen kann. Foto: GSCHWÄTZ

Irgendwo zu Hause habe ich auch noch Stoffnetze in verschiedenen Größen für den Obst- und Gemüse

Irgendwo zu Hause habe ich auch noch Stoffnetze in verschiedenen Größen für den Obst- und Gemüseeinkauf. Damit spart man sich die dünnen Kunststofftüten. Kaufen kann man diese unter anderem bei Mehrweghelden.

Das Hauptproblem: An die normalen Stofftaschen denke ich ja noch, wenn ich einkaufen gehe, aber oft nicht an die Obst- und Gemüsebeutel. Im Hofladen vergesse ich konsequent, meine leeren Eierschachteln zum Nachfüllen mitzubringen. Die Bienenwachstücher an der Kasse von Frau Frank finde ich sehr interessant, nur weiß ich derzeit noch nicht, wie wir persönlich sie am besten bei uns im Haushalt einsetzen können. In Glas kaufe ich jetzt schon viel ein: Joghurt, Sahne, Milch. Das alles trägt zur Plastikreduktion bei. Es schleppt sich nur etwas schwerer damit.

Seife kann man im Hofladen Frank einfach abfüllen, in dem man die alte Verpackung, wenn sie leer ist, wieder mitbringt. Foto: GSCHWÄTZ

Seltsames Gefühl, mit einer Tupperdose an der Metzgerstheke zu sehen

Auch die großen Supermärkte stellen immer mehr um – nicht nur auf Bio- und Demeterware. Diverse Produkte in der Obst- und Gemüseabteilung sind, etwa bei Edeka, nicht mehr in Plastik verpackt, sondern in Pappschälchen. Aber ob das besser ist als Plastik? Immerhin wollen wir auch mit unseren Holzressourcen sparsamer umgehen. Am besten, man versucht auch im Supermarkt, seine eigenen Verpackungen mitzubringen oder – zum Beispiel beim Einkauf von Bananen – ganz darauf zu verzichten. Schließlich hat diese Frucht bereits ein Verpackung. Man fühlt sich aber vor allem auf dem Land noch etwas seltsam, wenn man der Metzgerstheke steht und seinen mitgebrachten Behälter rüberreicht, damit der Metzger hier den Käse reinlegt. Aber man hat damit schon wieder eine Verpackung gespart.

Nicht nur eine Glaubens- sondern auch eine Geldfrage

Beim Katzenfutter habe ich keine wirkliche Alternative beim Einkaufen ums Eck gefunden. Im Internet kann man Katzenfutter im Glas bestellen. Ein Sechser-Set (jeweils 200 Gramm) kostet 15,54 Euro. Das reicht bei uns vermutlich lediglich drei Tage. Aber wenn ich auf die normale Supermarktverpackung schaue, sind da auch nur 12 Beutel mit jeweils 85 Gramm drin. Also eigentlich noch weniger als in den Gläschen. Dennoch: Der Preisunterschied beträgt trotzdem stolze sieben Euro zwischen der Glasverpackung der Kunststoffverpackung. Nachhaltig leben kostet, auch wenn man die anderen Produkte betrachetet, die man im Glas ansatt in Plastik kauft, oft deutlich mehr. Es ist also schon auch eine Geld- und nicht nur eine Überzeugungsfrage, wer sich solche Produkte leisten kann. Andererseits gibt es Produkte, die zwar teurer sind, dafür aber auch deutlich länger halten, beispielweise Seife am Stück anstatt Flüssigseife aus einem Plastikspender.

Katzenfutter im Glas. Bestellbar auf: hunde-undkatzengenuss.de

Nach einer Woche ist der Gelbe Sack nur noch halb voll

Schauen wir mal, wie es in unserem Gelben Sack nach einer Woche ausschaut. Es ist tatsächlich nur noch zur Hälfte gefüllt. Man muss dafür aber schon sehr gut vorbereitet zum Einkaufen gehen. Dennoch: Da geht noch mehr. Wir bleiben dran.

Nach einer Woche schrumpft der Inhalt des Gelben Sackes merklich dahin. Foto: GSCHWÄTZ

Neue GSCHWÄTZ-Serie: Nachhaltiger leben im Ländle. So geht‘s.

Hofläden im Künzelsauer Umland

Allein in Google sind 17 Hofläden im Hohenlohekreis gelistet, unter anderem der Hofladen Kornblume (mit sehr vielen Unverpackt-Angeboten auch etwa im Müslibereich) bei Schloss Stetten oder das Bio Eier Lädle auf dem Kügelhof. Alle Hofläden im Überblick mit Öffnungszeiten gibt es hier.

Im nächsten Teil: Dr. Sandra Hartmann testet Shampoo am Stück und plastikfreie Zahnpasta-Tabletten. Schaut, was bei der Anwendung passiert.




„Uns war es wichtig, Sachen aus der Gegend zu haben“

„Darüber haben wir schon lange nachgedacht“, sagt Volker Bosch. Er steht in dem neuen Hofladen, den seine Familie seit dem 17. April 2020 in Laßbach betreibt. Der befindet sich direkt an der Ortsdurchgangsstraße. Ein schwarzes Schild am Straßenrand weist auf die Öffnungszeiten hin. Freitags von zehn bis 18 Uhr können die Kunden hier einkaufen.

„Das war ein ganz schönes Stück Arbeit“

Zuerst hätten Bekannte immer gesagt, das wäre doch eine tolle Idee. „Aber eigentlich geht das erst jetzt“, erzählt der 44-Jährige weiter. Schließlich haben er und seine Frau mit drei Söhnen im Alter von 13, zehn und sieben Jahren und einem landwirtschaftlichen Betrieb so schon alle Hände voll zu tun. Jetzt aber sei der Jüngste aus dem Gröbsten raus. „Also haben wir die alte Garage umgebaut“, berichtet Patricia Bosch, deren Eltern eine Getreidemühle betreiben. Gesagt, getan: Bis auf das Fachwerk wurde alles rausgerissen. „Die Bretter an der Decke haben wir durchnummeriert, abgebürstet und wieder eingesetzt – ein ganz schönes Stück Arbeit“, blickt Volker Bosch auf die zweijährige Umbauphase zurück. Alle einfache Arbeiten, die vor allem Zeit in Anspruch nehmen, wurden in Eigenleistung verrichtet. „Uns war wichtig, dass es nicht nur auf alt gemacht ist, sondern dass auch Altes erhalten bleibt“, sagt die frischgebackene Ladenbesitzerin.

„Blutwurst im Glas geht am besten“

Jetzt liegen große, beigefarbene Fliesen auf dem Boden. Die alten Balken und das Fachwerk wurden gereinigt und sind immer noch sichtbar. Sogar eine alte Türe wurde in mühseliger Handarbeit restauriert. An den Wänden stehen große Regale mit verschiedensten Mehlsorten, die Patricia Bosch aus der elterlichen Mühle bezieht. Daneben gibt es Nudeln vom Specht in Orendelsall, Secco mit und ohne Alkohol von Hans Jörg Wilhelm, Honig aus dem Jagsttal und Wein vom Weingut Karl Busch in Bretzfeld. In einem großen Küchenschrank findet man Whisky und Gin aus Schönenberg. Im Kühlschrank stehen Joghurt aus Marlach und sechs Sorten Wurst im Glas mit Fleisch von den eigenen Schweinen – die zudem noch ohne Glutamat auskommt. „Die Blutwurst läuft am besten“, sagt die 40-Jährige, die darüber selbst etwas verwundert ist.

„Das Unverpackte ist ein Experiment“

Die Bio-Eier beziehen sie aus Jungholzhausen. An einer Wand hängen große Behälter, aus denen sich die Kunden selbst Linsen aus Wachbach, Müsli oder auch Getreide abfüllen können. „Das Unverpackte ist ein Experiment“, sagt die 40-Jährige. „Verpackungen stehen ja momentan sehr in der Kritik.“ Das sei sehr interessant, denn am häufigsten habe sie bisher das Schokomüsli nachfüllen müssen.

Angebot saisonaler Ware

Im Frühsommer sollen neue Kartoffeln dazukommen, später dann eventuell Äpfel, Walnüsse oder Zwetschgen – „was es saisonal gerade so gibt“. Aber momentan bietet sie nichts Frisches wie Obst oder Gemüse an. Das Sortiment werde sich ändern, ist die Betreiberfamilie überzeugt. Schließlich stehe man noch ganz am Anfang und müsse erstmal ausprobieren, was von den Kunden angenommen werde. Was geht und wie es funktioniert. „Es wird auch immer wieder etwas hinzukommen“, sagt Patricia Bosch. So hat sie aus abgeschnittenen Zweigen von Rebstöcken Herzen für den Muttertag gebastelt und bietet sie zum Verkauf an.

„Erst jetzt haben wir gelernt, was es alles gibt“

Die Landwirte legen großen Wert auf Regionalität. „Die Ferkel beziehen wir aus Neuenstein und außerdem verfüttern wir Getreide ausschließlich aus eigemen Anbau“, sagt Volker Bosch. „Uns war wichtig, Sachen aus der Gegend zu haben“, ergänzt seine Frau. Sie wünscht sich, „dass die Leute wieder mehr Regionales schätzen würden“. Sie und ihre Familie hätten erst mit dem Laden gelernt, „was es hier alles gibt“. Patricia Bosch appelliert an die Leute: „Geht doch zum Bäcker und zum Metzger und kauft Brot und Wurst nicht nur beim Discounter“. Rückbesinnung sei wichtig, finden sie und ihr Mann.

Durchgangsverkehr als Kundenbringer

Jetzt am Anfang sei es noch schwierig einzuschätzen, wie der Laden angenommen werde. „Die Nachbarschaft kommt und viele schauen auch aus Neugier vorbei“, berichtet Patricia Bosch. Sie hätten aber in dem kleinen Ort einen „wahnsinnigen Durchgangsverkehr“ und davon möchte die Familie gerne profitieren.

Text: Sonja Bossert

 

 

Der Hofladen Kornblume bietet ein feines Sortiment an regionalen Produkten. Foto: GSCHWÄTZ

Freitags von zehn bis 18 Uhr finden die Kunden hier Honig aus dem Jagsttal oder Nudeln vom Specht. Foto: GSCHWÄTZ

Das unverpakcte Schokomüsli musste Patricia Bosch am häufigsten nachfüllen. Foto: GSCHWÄTZ

Patricia Bosch verkauft auch Selbsthergestelltes. Foto: GSCHWÄTZ