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Wenn Mama im Himmel ist

In einem hellen Zimmer stehen auf einer Decke eine Figurengruppe, Blumen, eine Schüssel mit Wasser und Schwimmkerzen. Drumherum sind Stühle aufgestellt. „Das ist unsere Mitte für die Gruppentreffen“, sagt Hannelore Weber. Sie ist Gruppenleiterin und war lange Vorsitzende des Vereins Lichtblick-TAK e.V. für Trauernde Kinder, Jugendliche und deren Familien. Der gemeinnützige Verein bietet in Künzelsau-Gaisbach verschiedene Gruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an, die ihren Vater, ihre Mutter, ihren Bruder oder ihre Schwester verloren haben. Für Trauernde, die nicht in eine Gruppe gehen möchten, gibt es Einzelgespräche. Denn zur Trauerarbeit werde Unterstützung benötigt. Dafür stehe die Figurengruppe in der Kreismitte: Sie sei das Symbol, dass man in so einer Situation alleine nicht weiterkomme, sondern dass man Menschen brauche, die einen halten und auch aushalten, erklärt Weber.

 

„Kinder sollten Trauer durchleben können“

 

„Die akute Trauer sollte ein Kind durchleben dürfen, um seelisch gesund erwachsen werden zu können“, ist Hannelore Weber überzeugt. Wenn ein Kind das nicht dürfe, bekomme alles eine Schwere und irgendwann, wenn keiner mehr damit rechnet, taucht die Trauer wieder auf. Deshalb muss sie verarbeitet werden. „Trauer ist bei Kindern entwicklungsabhängig“, hat die Gruppenleiterin erfahren. Hinzu komme, dass die Kinder ihre Familien nicht auch noch mit ihren eigenen Nöten belasten wollen.

 

Und genau hier greift das Angebot des Vereins: In Kleingruppen von fünf oder sechs Kindern erleben sie, dass „sie mit ihren Gedanken und Emotionen in Ordnung sind“. Sie lernen, dass auch andere Kinder so etwas erlebt haben. Zu Beginn einer Gruppenstunde werden Kerzen angezündet in Erinnerung an die Verstorbenen, dann darf jedes Kind seine Gedanken und Gefühle äußern. Es wird gebastelt und gemalt – und auch gelacht. „In den Gruppen geht es lebendig zu“. Als Symbol der Liebe haben die Kinder mit ihren Handabdrücken an einer Wand ein großes Herz gestaltet. Andere Wände sind bemalt mit Bildern, die sie mit den Verstorbenen verbinden – „die Kinder wollten Spuren hinterlassen“, erklärt Hannelore Weber.

 

Man braucht Menschen, die einen halten

 

Motor für die Gründung von TAK e.V. waren Hannelore Weber und Rita Kinner. „Ich habe damals Seminare für trauernde Erwachsene gegeben“, erzählt Hannelore Weber. Rita Kinner regte an, auch Gruppen für Kinder einzurichten. Nach einer Informationsveranstaltung in der AOK Heilbronn konnte der Verein aus der Taufe gehoben werden. Rund 1.800 Stunden ehrenamtlicher Arbeit leisten Hannelore Weber und andere ehrenamtliche Mitarbeiter jährlich für den Verein in Heilbronn und Gaisbach. Von Beginn an war sin Heilbroe Vereinsvorsitzende, mittlerweile hat der Heilbronner Arzt Dr. Matthias Schuldes dieses Amt übernommen. Nach und nach soll der Verein in jüngere Hände übergeben werden.

Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden – die Gruppen und Gespräche sind für die Teilnehmer kostenfrei. „2006 habe ich Bettina Würth um finanzielle Unterstützung gebeten“, erzählt das Gründungsmitglied. Die Beiratsvorsitzende der Würth-Gruppe war gleich begeistert von der Idee. Seit 2012 stellt Würth dem Verein eine Wohnung mietfrei zur Verfügung, damit die Familien nicht so weite Wege fahren müssen. Seither hat der Verein einen weiteren Standort in Gaisbach.

 

„2006 habe ich Bettina Würth um finanzielle Unterstützung gebeten“

 

Der erste Kontakt zwischen Trauernden und dem Verein entsteht über ein Telefongespräch, dann gibt es ein Gespräch mit dem jeweiligen Elternteil. Im zweiten Schritt wird das betroffene Kind gefragt, ob es in eine Gruppe möchte. Häufig verschieben die Kinder deshalb sogar ihre Hobbys. Die meisten Kinder kommen etwa ein bis eineinhalb Jahre – eine Bestätigung für die Gruppenleiterin, dass die Gruppen ihnen guttun und die Beziehung zwischen ihr und den Kindern und Jugendlichen stimmt. Zwar hat die Gruppenleiterin immer einen bestimmten Stundenablauf geplant, geht aber flexibel auf die Kinder und deren Bedürfnisse ein. Um mit ihnen angemessen umgehen zu können, ist laut Hannelore Weber eine Professionalität nötig, die sie durch die Ausbildung als Gestalttherapeutin erworben hat.

Das Angebot von TAK e.V. ist weltanschaulich neutral und offen für jeden. Zusätzlich zu den Gruppen und Gesprächen bietet der Verein auch Fachtage und Infoveranstaltungen für Menschen in den entsprechenden Berufen an, „denn auch Erzieher, Sozialarbeiter oder Lehrer sollten wissen, wie sie mit trauernden Kindern umgehen können“.

 

Lernen, dass es Menschen gibt, die Ähnliches durchlebt haben

 

Einmal im Jahr lädt der Verein die Kinder und ihre Angehörigen zu einem Grillfest in das Sozialinstitut Würth in Gaisbach ein. Auch dabei erfährt der Verein Unterstützung. Die Männer vom Verein EMC Obersulm bringen alles für das Mittagessen mit und stellen oft noch eine Aufführung auf die Beine. Und auch vier Würth-Mitarbeiterinnen helfen mit, denn „bei rund 80 Kindern und ihren Familien ist das einiges an Arbeit“, so Weber.

Die Kinder lernen, sich gegenseitig Halt zu geben.
Foto: GSCHWÄTZ

 

Lichtblick:

Für Kinder, deren Papa gestorben ist, gibt es bei Lichtblick – TAK e.V. in Gaisbach seit kurzem eine neue Gruppe. Sie findet 14-tägig freitagnachmittags statt und ist offen für Kinder ab der Klasse fünf. Es sind noch Plätze frei. Weitere Gruppen für Kinder ab Klasse eins, deren Mama, Bruder oder Schwester gestorben sind, können eingerichtet werden. Kontakt über info@lichtblick-tak.de oder telefonisch: 07 00/ 11 22 44 77.