„Ich habe mir schon oft das Maul verbrannt“
Er ist Puppenspieler, Bildermaler, Filmemacher und Schriftsteller. Er kennt sich aus in der Kunst- und Künstlerszene, ist mit bekannten Show- und Schauspielgrößen auf Du und Du. Und hat nach eigener Aussage gemeinsam mit seiner Frau Helga die Kunst nach Künzelsau gebracht. Ende Oktober wird der Tausendsassa Ted Moré 90 Jahre alt. Ein Alter, das man ihm kaum abnehmen mag. Das Puppenspiel hat er sich selbst angeeignet. Zuvor war er unter anderem als Zirkusmanegen-Sprecher tätig. „Da habe ich sprechen gelernt“, erklärt der noch 89-Jährige. Er habe aber auch bemerkt, dass die Schauspielerei nicht sein Fall war. „Das Puppenspiel aber ging“, erinnert er sich.
Seit 51 Jahren in Nagelsberg, eigene Bühne seit 1972
Seit 51 Jahren lebt und arbeitet das Ehepaar in Nagelsberg. 1972 begannen sie, ihre Inszenierungen auch auf der eigenen Bühne zu präsentieren, zuvor hatten sie dort die Stücke lediglich einstudiert und geprobt. Das waren nicht nur Stücke für Kinder, sondern auch Anspruchsvolle für Erwachsene: Neben dem Faust der Jedermann, Till Eulenspiegel oder Hans Sachs. Zusätzlich boten sie in dieser Zeit Showgrößen wie Hannes Wader, Bill Ramsay oder Rizzo Reinhart eine Bühne. Musikkapellen aus Düsseldorf, Chicago und Philadelphia traten in dem ehemaligen Kuhstall auf. Jazz, Kabarett, Pantomime wurden hier gespielt. Und sie zeigten das runde Dutzend Filme von Ted Moré wie Die Bremer Stadtmusikanten, Sybille und das kleine i oder eben den Faust. Als Beigabe hat sich im Moréschen Theater der Filmclub Künzelsau gegründet. „Vor 50 Jahren war hier sonst nichts los“, blickt Helga Moré zurück.
„Es gibt nur fünf Länder in Europa, wo wir noch nicht waren.“
Das Paar ist viel herumgekommen mit seinen Marionetten – deutschland- und europaweit. Zahlreiche Engagements führten sie ins Ausland. „Es gibt nur fünf Länder in Europa, wo wir noch nicht waren“, sagt die 86-Jährige. So spielten sie Goethes Faust an französischen Gymnasien, hatten ein einwöchiges Engagement am Institute of Contemporary Art in London, reisten oft nach Polen. Sie machten Puppentheater für Kinder, aber auch für Erwachsene. Anfang der 2000er-Jahre war er bei der ersten Jahreshauptversammlung der Gewerkschaft Verdi engagiert, um in den Sitzungspausen Sketche zu machen. „Dem Engholm hat das gar nicht gepasst, der ist mit seinem Tross gleich wieder gegangen“, erinnert sich Moré. „Aber dann habe ich mit dem Gregor Gysi gequatscht und ein bisschen die Sozis geschädigt, die das Catering gemacht haben.“
Ausgesprochen expressionistische Marionetten
Die Marionetten fertigt das Paar selbst an. „Sie sind angelehnt an Holzschnitte, Bauernaltäre, an Afrika und Südsee“, sagt der Künstler. „Sie sind ausgesprochen expressionistisch, denn Weglassen hebt das Ganze.“ Die Figuren sehen von jeder Seite und von vorne immer anders aus, weil sie auf der Bühne im Profil stehen müssen. Weil Moré findet, dass seine Figuren dekorativ genug sind, verzichtet er seit jeher auf ein Bühnenbild. Es gibt lediglich Accessoires wie Bäume oder Sessel. Alles andere würde nur stören.
„Seit diesen Zeiten hat sich alles verändert.“
Ursprünglich stammen die Morés aus dem Ruhrgebiet. Kennengelernt hatten sich die gelernte Erzieherin, die bereits zuvor beim bekannten Puppenspieler Heinrich Maria Denneborg das Puppenspiel gelernt hatte, und der gebürtige Wittener in dem Kindergarten, den sie leitete. Vor 56 Jahren wurde geheiratet, gemeinsam zogen sie dann nach Bad Pyrmont. In dieser Zeit hatten sie viele Auftritte in Stuttgart, während denen sie in Bad Cannstatt in einem Wohnwagen lebten. „Das waren rund 200 Vorstellungen jährlich“, blickt der bald 90-Jährige zurück. „Seit diesen Jahren hat sich alles verändert“, erzählt auch Helga Moré wehmütig. „Heute gibt es in Stuttgart zehn bis 15 Puppentheater.“
Rund 1.000 selbstgemalte Grafiken und Bilder
Der damalige Leiter des Stuttgarter Jugendamtes vermittelte ihnen schließlich den Hof in Nagelsberg, den sie selbst aus- und umbauten, wo sie ihre zwei Kinder großzogen und heute noch leben. Überall in dem ehemaligen Bauernhaus und in der angrenzenden Scheune hängen Marionetten, rund 1.000 selbstgemalte Grafiken und Bilder und zahlreiche Bücher füllen die Regale an den Wänden. Seine unzähligen Bilder sind eine „Malerei des Augenblicks“, meint er, auf Bestellung gehe da nichts. Für die Motive lässt er sich von Stimmungen oder auch Gedichten wie „Der Knabe im Moor“ von Anette Droste-Hülshoff inspirieren.
„Schießt die von der Bühne.“
Doch auch sonst zog es die Morés immer wieder aus Nagelsberg hinaus. So sind sie seit den 80er-Jahren jedes Jahr 14 Tage in Berlin. Viele Jahre hatten sie ein Abo für die Alte Oper Frankfurt, besuchten Konzerte mit Max Raabe und seinem Palastorchester, der Chansonsängerin Juliette Greco oder dem Dirigenten Simon Rattle. „Es gab Leute, da konnte man sagen, das lohnt sich, sich das anzukucken“, sagt er. Doch er nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn ihm etwas nicht gefällt. Dann sagt er schon mal: „Schießt die von der Bühne“ oder „Schämt ihr euch nicht, das nennt ihr Puppenspiel?“. Bei diesen Leuten ist in seinen Augen nichts da, „die haben nichts mitbekommen“. Er bekennt freimütig: „Ich habe mir schon oft das Maul verbrannt, weil ich was Falsches gesagt habe“. In diesem Sinne hat er auch seine beiden Kinder erzogen: „Ich konnte ihnen mitgeben, wenn etwas nicht so ist, wie ich es will, mach ich es mir so, wie ich will“.
Ted Moré schöpft aus einem reichen Fundus an Erinnerungen. „Er hat ein phänomenales Gedächtnis“, sagt seine Frau. Der Puppenspieler erinnert sich in seinen Erzählungen noch an zahlreiche Details. Auf seinen vielen Reisen lernte er bekannte Künstler und Darsteller wie Gert Fröbe und Willy Millowitsch aber auch die Kabarettistin Lore Lorentz kennen.
„Heute will das keiner mehr.“
„Die Dinge, die wir im Theater erlebt haben, gibt es heute nicht mehr“, erinnert der zweifache Vater wehmütig und lacht dennoch verschmitzt. Zu den Erwachsenenvorstellungen in seinem Theater kamen seinerzeit auch Reinhold Würth und Harald Unkelbach „Aber bei Würth machen sie jetzt alles selbst“, bedauert Moré. Zu manchen Vorstellungen brachten Eltern aber auch ihre Kinder mit, weil sie dachten, ein Puppenspiel sei automatisch kindgerecht. Rund 50 Stücke, glaubt er, haben sie inszeniert, so genau weiß er das gar nicht – „wir machten, was gerade verlangt wurde“. So machte er einen Film für den Tag des Zahnes der Zahnärztevereinigung in Berlin – „aber heute will das keiner mehr“. Das seien alles Artikel, die verschwinden.
Fast 50 Jahre für einen Roman
In diesem Jahr hatte Moré wegen Corona nur wenige Auftritte – so war er dreimal in Mainz. Doch er blickt lächelnd nach vorne. In den Herbstferien veranstaltet das Ehepaar Moré ein Haus der offenen Tür. Mit dem „Trauerspiel zum Totlachen“ „100 Hasen und ein dicker König“ bringt er ein neues Kinderstück auf die Bühne. Dann will er auch seinen Roman verkaufen, den er nach immerhin fast 50 Jahren nun endlich fertiggestellt hat. „1972 hat der Schriftstellerverband einen Förderpreis ausgeschrieben“, erinnert sich der Autor. „Ich bekam den Preis für mein Exposé und jetzt ist das Werk endlich vollendet.“ Warum es so lange dauerte? Da waren ja noch das Theater, die Malerei, der Hausumbau. Selbst die Tage eines Tausendsassas sind nur 24 Stunden lang. Der Roman, in dem Ted Moré auch Autobiografisches verarbeitete, ist dreiteilig angelegt und soll mit dem Titel „Bankiers aller Gimpel“ erscheinen.
„Ich hoffe, ich halte das nochmal 50 Jahre.“
Seit einem Sturz vor einigen Jahren kann Helga Moré nicht mehr mit ihrem Mann spielen, seither stemmt er die Aufführungen alleine. Fürs Altenheim fühlt er sich noch zu jung. Er findet, dass die dortigen Bewohner wie in einer Kabarettshow seien und „von Beruf alt sind“. „2022 existiert das Theater 50 Jahre“, sagt er. „Ich hoffe, ich halte das nochmal 50 Jahre“, und lächelt mit einem Augenzwinkern.
Text: Sonja Bossert

Im Moréschen Theater soll in den Herbstferien das Kinderstück „100 Hasen und ein dicker König“ gezeigt werden. Foto: GSCHWÄTZ

Diese selbstgemachten Puppen sind typisch Ted Moré. Foto: GSCHWÄTZ

Rund 1.000 Grafiken und Bilder hat Ted Moré gemalt. Foto: GSCHWÄTZ