„Das ist so unbefriedigend, die Leute zu enttäuschen“
Unscheinbar, ohne große Werbung, liegt der Tafelladen in Künzelsau am Rande der Innenstadt. Man nimmt ihn eigentlich nur dann wahr, wenn sich kurz vor der Öffnung die Kunden vor dem Laden einfinden. An manchen Tagen sind die Schlangen lang.
Das liegt auch daran, dass der Tafelladen im Moment stark nachgefragt ist. Auf der anderen Seite haben die Spenden abgenommen. Thomas Kallerhoff, der bei der Diakonie für den Tafelladen verantwortlich ist, berichtet: „Vor Ladenschluß sind die Regale leer.“ Ein Grund dafür ist, dass die Discounter inzwischen versuchen, die überschüssigen Lebensmittel selbst zu vermarkten, beispielsweise durch die „Rettertüte“, die es seit einiger Zeit bei Lidl gibt.
„Was Lidl macht, ist in Ordnung, das ist effektiv“
Kallerhoff kann es den Discountern nicht verdenken: „Das Ziel der Tafeln ist es ja ursprünglich, den Überschuß sinnvoll zu verwerten und die Verschwendung zu verhindern. Wenn der Handel die Verschwendung stoppt, dann ist das wünschenswert. Was Lidl macht, ist in Ordnung, das ist effektiv“, meint er.
„Aufnahmestopp für Neukunden“
Dieser Mangel an gespendeten Lebensmitteln führte dazu, dass er sich für den Künzelsauer Tafelladen entschlossen hat, momentan keine weiteren Zugangskarten auszugeben, sozusagen ein „Aufnahmestopp für Neukunden“.
Flüchtlinge aus der Ukraine können momentan in Künzelsau nicht bei der Tafel einkaufen
Das betrifft aktuell auch die Flüchtlinge aus der Ukraine: „Unter diese Regelung fallen unglücklicherweise auch die neu ankommenden Flüchtlinge aus der Ukraine. Es ist nicht so, dass wir die ausschließen wollen – wir können das im Moment einfach nicht leisten.“ Eine „Mogelpackung“ will er nicht anbieten, er will nicht hoffnungsvolle Menschen vor leeren Regalen stehen lassen. Sein Kollege Matthias Weiler aus Heilbronn hat eine Warteliste eingeführt, auf der sich Menschen eintragen müssen, um überhaupt an der Essensausgabe angenommen zu werden.
„Jetzt muß man Leute retten“
Der zweite Grund für den hohen Andrang bei der Tafel ist die aktuelle Inflation. „Durch die Preissteigerung fehlen den Menschen vielleicht 30 bis 50 Euro im Monat. Für Menschen im Niedriglohnbereich oder zum Beispiel Alleinerziehende, ist das eine große Summe. Da kommen soziale Probleme auf uns zu.“ Diese sozialen Probleme kann und will er nicht über die Tafeln lösen: „Antworten muss die Politik liefern, der Tafelladen ist nicht für die Bewältigung der Krise gemacht“, meint Kallerhoff. Er fordert den Sozialstaat auf, die Verantwortung für die Versorgung der Menschen zu übernehmen. Die Belastung der Menschen sei schon jetzt einfach zu hoch, „die 300 Euro [er meint damit die Energiepreispauschale, die jeder Beschäftigte(!) vom Staat erhalten soll, Red.] sind ein Nasenwasser, jetzt muß man Leute retten.“
„Für die Verorgung der Menschen ist der Staat verantwortlich.“
„Die Tafel ist ein Projekt“, meint Kallerhoff „und Projekte sind endlich“. Für ihn ein Grund mehr, den Staat in die Verantwortung für die Menschen zu nehmen. Sein Heilbronner Kollege Matthias Weiler ergänzt: „Wir versorgen die Menschen nicht, wir unterstützen sie. Der Unterschied ist politisch: Für die Versorgung der Menschen ist der Staat verantwortlich.“
Ein innerer Konflikt
Kallerhoff selbst sieht sich in einem Konflikt: Er würde den Menschen gerne helfen, ist aber selbst hilflos. „Das ist so unbefriedigend, die Leute zu enttäuschen“, meint er.
Text: Matthias Lauterer

