1

„Es ist ein Zeichen des Respekts und nicht der Abwertung“

Das Video ging viral, wie die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in Syrien von der aktuellen Regierung keinen Handschlag bekommt. Im Westen wurde dies als Affront gesehen und als Ausdruck der Unterdrückung der Frau.

„In unserem Land werden Frauen besonders geschützt“

Eine Syrerin aus Künzelsau erklärt nun, dass dies nicht der Fall sei. „Männer geben einer Frau nicht die Hand oder berühren sie nicht, weil sich das nicht gehört. Das hat etwas mit Respekt zu tun“, erklärt sie gegenüber GSCHWÄTZ. Es habe nichts mit Abwertung zu tun oder dass die Frau als schlechter angesehen werde als der Mann. „Im Gegenteil“, betont sie.

„In unserem Land werden Frauen nur  besonders geschützt und respektiert.“

Die Außenministerium wusste das sicher vor dieser Szene, vermutet die Syrerin. Denn: Sie hat in dem Video nicht die Hand hingestreckt, in Erwartung eines Handschlages, sondern wusste, dass sie keinen Handschlag bekommt. „Sicher wurde sie informiert, warum das so gemacht wird in unserem Land.“

Nur wenige Tage später jedoch sagt ein RTL-Video etwas anderes. Baerbock erklärt darin, dass man an diesem Nicht-die-Hand-geben sehen könne, welchen Rang die Frau in Syrien habe. Fazit: Baerbock hat sich nicht und wurde wohl nicht informiert, was es mit dem Nicht-Berühren einer Frau in Syrien auf sich hat und deutet es als frauenfeindliches Verhalten.

 

 




„Man weiß nicht, wie lange man auf den Frieden warten muss“

Hilfesuchend und gleichzeitig helfend

Mona Almalla kommt als Flüchtling in ein ihr fremdes Land, sucht nach Integrationshilfe und hilft zunächst ehrenamtlich weiteren ankommenden Flüchtlingen.

Jeweils ein Rucksack auf dem Rücken

Eine Schulleiterin flieht mit ihrer Familie mit jeweils einem Rucksack auf dem Rücken, aus Syrien nach Deutschland und landet im Hohenlohekreis, genauer gesagt, in Künzelsau. Diese Frau ist Mona Almalla, eine Frau mit einer Geschichte mit Höhen und Tiefen. Im Jahr 2015 flüchtete die heute 53-Jährige mit ihrem Ehemann und ihren fünf Kindern im Abstand von 13 bis 24 Jahren, aus Syrien nach Deutschland. 17 Tage waren sie über die Landroute unterwegs und waren dann eine der ersten Flüchtlingsfamilien im Hohenlohekreis.

Ansteckendes und herzliches Lachen

Als ich sie zum ersten Mal sah, kam sie mir nervös und unsicher vor, aber ich hatte mich getäuscht. Im Rahmen eines von GSCHWÄTZ veranstalteten Journalismus-Workshops erklärte Mona sich bereit, sich von uns Jungjournalisten interviewen zu lassen. Selten erlebt man eine Frau mit einem so selbstsicheren Auftreten und mit einem so ansteckenden und herzlichen Lachen, wie Mona. Sie strahlt eine unglaublich positive und aufgeweckte Energie aus, welche sie auf das ganze Team übertragen hat. Selbstsicher und realistisch erzählt Mona ihre Geschichte, geht dabei auf jede Frage der Interviewenden ein und hat für alles eine Antwort. Wir merkten schnell, dass vor uns eine starke Frau steht, die sich nicht unterkriegen lässt und für sich und ihre Meinung einsteht. Aber ihre Stärke kommt nicht von irgendwo, ihre Stärke zieht sie aus ihrer Religion, welche sie auch optimistisch denken lässt. „Mein Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche.“

„Mein Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche“

Mit ihrer Ankunft in Deutschland lässt sie gleichzeitig viel zurück. Ihre Heimat, Freunde, Verwandte und ihren Beruf als ehemalige Schulleiterin einer Mädchenschule. Aber für sie war klar, sie möchte so schnell wie möglich wieder anfangen zu arbeiten. „Ich war traurig, so hilflos zu sein, ich möchte lieber helfen“, war ihre Überlegung. Und das machte sie auch relativ zügig mit einer ehrenamtlichen Beschäftigung im Albert-Schweizer-Kinderdorf in Waldenburg. „Ich war die Brücke für die deutsche und arabische Kultur.“ Denn sie dolmetschte und übersetzte. Sie fungierte auch als Sprachrohr für die weiteren Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen und sich erst einmal in der neuen Kultur zurechtfinden mussten. Parallel dazu suchte sie weiter nach einem Beruf, in dem sie aufgeht und Bezahlung erhält. „Ich suche immer nach einer Lösung, nach der richtigen“, erklärt sie während des Interviews. Mittlerweile arbeitet die fünffache Mutter im Albert-Schweizer-Kinderdorf als feste Angestellte mit Bezahlung. Sie arbeitet heute mit ukrainischen Flüchtlingen zusammen und betreut die Frauen und Kinder mit ihren ersten Begegnungen und Eindrücken in Deutschland.

„Ich bin zufrieden, aber nicht glücklich“

Die studierte Lehrerin geht in ihrer neuen Tätigkeit auf, sie wird nicht nur als Mitarbeiterin eingesetzt, sondern auch als Psychologin, stützende Schulter und als erste Ansprechstelle der Flüchtlinge. „Ich bin zufrieden, aber nicht glücklich,“ sagt sie. „Es geht uns hier gut, ich habe eine Arbeit, aber es ist eben nicht unser Zuhause.“ Deutschland ist ein neues Kapitel für Mona und ihre Familie, aber mit Syrien habe sie abgeschlossen. Sie möchte nicht davon träumen eines Tages nachhause zurück zu kehren. Es wären falsche Hoffnungen, die sie sich machen würde. Dennoch kann sie auch alle verstehen, die sich diese Hoffnung machen – wie viele der ukrainischen Frauen mit ihren Kindern. Die Hoffnung, dass der Krieg in absehbarer Zeit zu Ende sein wird und sie zurück können.

Manche möchten daher erst gar nicht die deutsche Sprache lernen. Mona aber weiß besser als viele andere: „Man weiß nicht, wie lange man auf Frieden warten muss, deswegen motiviere ich, die Sprache zu lernen. Auch muss man den Kontakt zu den Deutschen suchen. Man muss sich selbst bemühen.“ Die engagierte Helferin äußert auch, dass die Hilfe, welche die Ukrainer jetzt bekommen eine anders ist, als die Syrer damals bekommen haben. Sie werden direkt integriert. Das heißt sie kommen gleich in private Wohnungen und haben es so auch einfacher die deutsche Kultur zu erlernen, wenn der Wille besteht.

Mona Almalla, eine Frau welche mit ihrer Familie nach Deutschland kommt und Hilfe sucht und am Ende anderen hilft, das durchzustehen, vor dem sie auch stand. Eine beeindruckende und fleißige Persönlichkeit, welche Ziele hat und dafür arbeitet, dabei aber nie ihre Wurzeln und Kultur vergisst.

Text: Cora-Lee Pusker




Die Künzelsauer haben gute Herzen

Der angehende Wirtschaftsrechtler und Flüchtling Hasan Al Johmani aus Syrien hat hier eine zweite Heimat gefunden. Anbei veröffentlichen wir einen Text von ihm, den er für seine „zweite Heimat“ Künzelsau verfasst hat:

„Im Jahr 2012 musste ich Syrien verlassen, weil ich gegen Al Assad protestiert hatte. Nach zwei Jahren in Libyen bin ich – nachdem dort ebenfalls Krieg ausgebrochen ist – im September 2014 nach Deutschland geflohen. Ich wurde in verschiedene Flüchtlingsunterkünfte in Stuttgart, Karlsruhe und Heidelberg verlegt. Ich habe etwa sechs Wochen in den Flüchtlingsunterkünften in diesen Städten gewohnt.

Wegen schlechter Hygiene in den Flüchtlingsunterkünften habe ich mir eine Infektion am Finger eingefangen. Ich kam 15 Tage ins Krankenhaus. Beinahe hätte ich meinen Finger verloren. Aber er konnte gerettet werden. Schließlich wurde ich nach Künzelsau geschickt. Damals bekam ich in der Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe ein abgelaufenes Baden-Württemberg-Ticket und einen Fahrplan. Ich hatte nur zehn Minuten, um den ersten Zug zu erreichen. Wie erwartet habe ich dann den Zug verpasst. 30 Minuten später stieg ich in den nächsten Zug, aber wusste nicht, dass dieser in eine andere Stadt fuhr. So brauchte ich sechs anstatt dreieinhalb Stunden, um nach Künzelsau zu kommen.

Fußmarsch nach Amrichshausen

Als ich schließlich in Künzelsau gelandet bin, dachte ich, jetzt ist es nur noch ein Schritt in mein neues Zuhause. Ich musste in die Flüchtlingsunterkunft in einen Teilort von Künzelsau – nach Amrichshausen. Aber der Busfahrer hat mein Ticket nicht akzeptiert, obwohl es von der Flüchtlingsunterkunft beglaubigt war und ich sagte mir: ,Na ja, dann bezahle ich selbst. Es ist kein großer Betrag.‘ In diesem Moment habe ich entdeckt, dass ich meinen Geldbeutel verloren hatte. ,So ein Mist-Tag‘, schoss es mir durch den Kopf.
„Al hamdu lillah“ (Gott sei Dank) konnte ich mit dem letzten Anruf, bevor der Akku leer war, meinen Freund erreichen, der in der neuen Flüchtlingsunterkunft in Amrichshausen wohnte. Er verwies mich an einen Jungen, der gerade noch in Künzelsau war und nun ebenfalls in Richtung Amrichshausen unterwegs war. Diesem sollte ich mich anschließen. Der Junge wollte aber nicht auf den nächsten Bus warten und sagte: „Wir brauchen nur 15 Minuten zu Fuß.“ Der Fußmarsch hat aber insgesamt eine Stunde gedauert – immerzu den Berg hinauf mit einer voll bepackten Einkaufstasche. Ich war sehr müde.

Amrichshausen. Ich wollte immer weg von dort. Wir hatten damals keine Chance, Deutsch zu lernen und durften keine
Deutschkurse besuchen, außer einen einmonatigen Grundkurs, weil unser Aufenthalt noch nicht genehmigt worden war. Die Anerkennung hat bei mir 13 Monate gedauert. In dieser Zeit habe ich einen arabischen Geschäftsmann kennengelernt, der hier seit Jahren wohnt. Er wollte meine Deutschkursgebühren bezahlen. Das Landratsamt hat meine Teilnahme daran verboten, das hat mich sehr geärgert. So vieles, was wir brauchten, wurde abgelehnt – Wir hatten nur eine Chance auf einen Ein-Euro-Job für einen Monat, danach kam der nächste dran. Es gab dafür eine Warteliste. Es ging uns nicht um das Geld, wir suchten einfach etwas Abwechslung.

Teilnahme am Deutschkurs verboten

Die Wartezeit konnte ich nutzen, um alleine ein bisschen Deutsch und etwas kochen zu lernen. Damals war der Kontakt mit den Menschen besonders schwierig. Hatten sie Angst vor uns? Drei Monate nach unserer Ankunft in Künzelsau war Weihnachten und wir wurden erstmals eingeladen. Das hat uns sehr gefreut. Stundenlang machten wir viele Auamas (kleine süße Kugeln) für das ganze Dorf. Drei Tage danach haben uns viele im Dorf immer gegrüßt, danach immer weniger. Scherzhaft verglichen wir diese Wirkung mit Drogen, und dachten: „Vielleicht brauchen wir mehr davon?“

Acht Monate später haben wir eine Frau kennengelernt. Sie war sehr offen, sie wollte uns beim Deutsch lernen helfen. Damals verletzte ich mein Knie beim Fußballspiel. Mit zwei Überweisungen von einem Hausarzt wollte ich zum Facharzt. Dazu brauchte ich eine Genehmigung vom Landratsamt, doch die bekam ich nicht, da ich noch keine Anerkennung als Flüchtling hatte. Durch diese Absagen vergingen drei Monate.

Doch als ich dieser Frau mein Problem beschrieb, gingen wir gleich gemeinsam zum Arzt und zum zuständigen Amt und ich bekam die Einwilligung sofort. Vom Facharzt ging es nach einem Monat weiter zum Radiologen. Zwei Tage davor hatte sie mich an diesen Termin erinnert. Das war wirklich nett von ihr.

Nach und nach habe ich mehr Leute kennengelernt. Sie waren alle sehr nett. Eine Frau ist mit mir nach Mosbach gefahren, eine andere nach Ludwigsburg, damit ich mich über mein Studium informieren kann. Sie ist bis jetzt die beste Freundin von mir. Sie haben sich sehr bemüht, mir zu helfen. Mein ehemaliger Vermieter und meine Vermieterin haben mich wie ihren Sohn behandelt. Sie hatten immer Sorge um mich und meine Familie, sie haben mich unterstützt – einfach bei allem.

Wenn ihr solche Menschen kennt, seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau

Ein deutscher Freund hat mich unterstützt bei der Suche nach einer Stelle und mir bei Bewerbungsschreiben geholfen.

Stellt euch vor, eine unbekannte Frau wünscht euch einen schönen Tag beim Kaffee trinken, obwohl ihr sie nicht kennt. Oder ihr lauft auf einer Straße und plötzlich steht ein Auto neben euch und bietet euch an, euch nach Hause zu fahren, obwohl ihr den Fahrer beziehungsweise die Fahrerin auch nicht kennt.

2017 haben sich meine Freunde und ich beim Stadtfest beteiligt. Wir hatten einen Falafelstand. Das Fest hat drei Tage gedauert. Junge Menschen haben geschrien: „Ihr seid die besten hier.“ Alle haben uns gefragt, ob wir ein Restaurant haben. Wir waren sehr glücklich.

Wenn der Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte der Stadt an euren Glauben denkt und euch einen Raum zu Verfügung stellt, damit ihr beten könnt, dann ist das toll.

Wenn ihr solche Menschen kennt, seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau.

Wenn tausende Menschen mit euch gegen die AfD demonstrieren, seid ihr sicher in Künzelsau.

Wenn Menschen immer bereit sind, euch zu helfen, dann seid ihr bestimmt in Künzelsau.

Wenn Euch euer ehemaliger Chef und eure ehemalige Chefin die Chance geben und sagen: „Ihr seid herzlich willkommen in jeden Ferien, um hier zu arbeiten“, dann seid ihr mit Sicherheit in Künzelsau.

Die Künzelsauer sind einfach anders

Seit April wohne ich in Fulda und fahre alle zwei oder drei Wochen zurück nach Künzelsau. Ich fühle mich immer wie ein Kind, das seit langem seine Mutter nicht gesehen hat und sie umarmen will. Künzelsau schenkte mir überdies das Schönste in meinem Leben, meine Verlobte. Sie und ihre Familie wohnen in Künzelsau und kommen ebenfalls aus Syrien.

In Künzelsau sind meine Freunde, sind die Künzelsauer, die Besitzer von guten Herzen. Normalerweise wird man nostalgisch, wenn man an die Stadt denkt, in der man geboren wurde, aber ich werde es auch bei Künzelsau, meiner zweiten Heimat.

Vielleicht kann ich das auch irgendwann von Fulda sagen.

Aber was für mich absolut sicher ist: dass die Stadt Fulda mir keine weitere Frau gibt, da ich nur eine habe und haben will.“

 

Text von Hasan Al Johmani




Von einer Familie, die es geschafft hat

Im April 2017 haben wir über Mona Al-Malla und ihre Familie berichtet, von ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien und ihrem Neuanfang in Künzelsau. Damals standen sie bei Null, die Belastung der mehrwöchigen Flucht mit ihren fünf Kindern steckte ihnen noch in den Knochen, sie wohnten in einer Sozialwohnung, lernten Deutsch und waren auf der Suche nach einem passenden Job. Parallel dazu immer die Sorge, wie es ihren zurückgebliebenen Verwandten und Freunden in ihre mittlerweile völlig zerstören Heimatstadt Aleppo geht.

Wir haben Mona gefragt, wie es ihnen, eineinhalb Jahre später, geht. Die Familie wohnt noch immer in Künzelsau, aber mittlerweile in einer anderen Wohnung. Diese ist vom Platz her ausreichend für die Familie. Aber die wichtigste Neuigkeit: Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg hat Mona als Integrationsmanagerin eingestellt. Sie betreut nun Flüchtlingsfamilien in Kupferzell und Neuenstein und hilft ihnen, wenn sie Fragen zur Integration, zur Arbeitssuche, Sprache, Kultur  oder zu Behördengängen haben. Derzeit macht Mona auch ihren Führerschein. Monas Ehemann, Mustafa, der sich anfangs schwerer mit der Sprache tat als der Rest der Familie, arbeitet nun als Buchhalter, also in dem Beruf, den er in Syrien gelernt hat, bei der Firma Sigloch in Blaufelden. Tochter Raghad studiert Pharmazie in Freiburg. Ihre Schwester Raneem  will ebenfalls Pharmazie oder Zahnmedizin studieren. Nach dem Abitur absolviert sie zu diesem Zweck gerade ein Praktikum in einem Altenheim in Künzelsau. Die jüngeren Söhne besuchen das Schlossgymnasium und das Ganerben-Gymnasium. Die Familie hat wieder neuen Mut gefasst. Dennoch sind sie in Gedanken oft in ihrer Heimat, die immer weiter zerstört wird und beten für Frieden.




Irgendwann findest du uns tot zwischen den Steinen

Es gab diesen Moment, als Mona Al Malla beschloss: Wir müssen weg. Als die Schulrektorin von der Arbeit nach Hause kam, nach einem Anruf ihrer Nachbarin. Drei von Monas fünf Kindern lagen im Krankenhaus, verletzt durch eine Bombe, die im Garten ihres Hauses gelandet war. Drei Jahre hatte der Krieg in Syrien und vor allem in Allepo da schon gedauert. Dreimal wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen. Die älteste Tochter Raneem (21) sagte zu ihrer Mutter: „Du möchtest hierbleiben, aber irgendwann kommst du nach Hause und findest uns tot zwischen den Steinen.“ So beginnt die Geschichte einer Flucht, eine Geschichte, die schon oft in den Medien erzählt wurde. Nur diese Geschichte endet in Künzelsau.

Mona sitzt mit ihren beiden ältesten Kindern, den Mädchen Raneem und Raghad (20) im Wohn-/ Esszimmer ihrer spärlich eingerichteten Wohnung in Künzelsau, als sie in nahezu fließendem Deutsch die Geschichte ihrer Flucht erzählen. Wir von GSCHWÄTZ haben sie darum gebeten. Mona (47) hat Englisch an einer Schule in Aleppo unterrichtet. Vater Mustafa (47) war Direktor an der Universität. Während wir mit Mona und ihren Töchtern sprechen, besucht Mustafa einen Deutsch-Sprachkurs. Die drei jüngeren Brüder sind in der Schule.

 

„Man dachte, der Krieg wird bald vorbei sein, in einer Woche kehren wir zurück.“

 

Als die Familie am 15. September 2015 ihre Heimat verlies, nahm jeder nur einen Koffer mit. Mona erklärt: „Man dachte, der Krieg wird bald vorbei sein, in einer Woche kehren wir zurück.“ Im Gepäck: Zeugnisse und ein paar Fotos. Doch allein die Flucht nach Deutschland dauerte 17 Tage, zuerst in den Libanon, dann mit einem kleinen Schiff in die Türkei. Nachts ging es von der Türkei mit einem kleinen Boot sieben Stunden über den Ozean nach Griechenland. 40 Menschen zwängten sich nebeneinander. „Heute denke ich: Das war doch Wahnsinn, was wir da gemacht haben“, überlegt Mona laut. Die Verzweiflung habe sie in diesen Wahnsinn getrieben, sagt sie. Um sie herum sah sie nichts außer Dunkelheit. „Ich habe nicht  aufs Meer geschaut“, sagt Mona. Sonst hätte sie vermutlich Panik bekommen. Niemand durfte sich in dem überfüllten Boot bewegen. Anschließend liefen sie mehrere Tage völlig übernächtigt durch den Wald. Ihr jüngster Sohn Obaida ist da sechs Jahre alt. Auf der griechischen Insel Samos haben sie sich an der Meldestelle für Flüchtlinge gemeldet.  Aber sie wollen weiter. „In Deutschland ist es für meine Kinder besser als in irgendeinem anderen EU-Land“, ist Mona überzeugt. Doch als sie im Auffanglager Meßstetten ankamen, ist sie schockiert:  „Ich dachte, das wären alles Menschen, die wegen des Krieges geflüchtet sind, aber da waren auch viele dabei, in deren Ländern kein Krieg herrschte.“

Die  Familie wurde nach Künzelsau weitergeleitet, in Amrichshausen lebte sie sechs Monate in einem Haus mit mehreren Flüchtlingsfamilien. Seit einem Jahr wohnen sie in einer Wohnung in Künzelsau.

 

„Es gibt dieses Kopftuchverbot.“

 

Den Orientierungskurs B1 hat Mona nun abgeschlossen. „Nach B2 darf ich eigentlich wieder als Lehrerin arbeiten.“ Warum „eigentlich“? Mona zögert kurz: „Es gibt dieses Kopftuchverbot.“  Ihr Kopftuch gehört zu ihr und ihrer Identität und allem, was sie zurücklassen musste. Das mag sie nicht absetzen. Aber arbeitslos möchte sie auch nicht sein. „Vielleicht kann ich als Dolmetscherin arbeiten.“ Schon jetzt hilft sie Flüchtlingen mit Übersetzungen. Aber Mona umgibt sich nicht nur mit Syriern. „Fast alle unsere neuen Freunde sind deutsche Familien. Die Menschen in Künzelsau sind sehr nett.“ Einladungen folgen auf Gegeneinladungen.  Ihre beiden Mädchen haben sich für einen Studienplatz beworben, Raneem für Zahnmedizin, Raghad für Pharmazie. Ihr Bruder Walid (16) besucht  das Ganerben-Gymnasium.

Eineinhalb Jahre ist die Familie nun schon in Deutschland. Ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht in Sicht. Noch heute quälen den mittleren Sohn Qutaiba (11)  Albträume. Silvesterknaller weckten bei allen böse Erinnerungen an den Krieg, die Bomben, die Schüsse. „Wir müssen vergessen, was in Syrien war“, sagt Mona. „Aber die guten Dinge vergesse ich nicht.“

„Du möchtest hierbleiben, aber irgendwann kommst du nach Hause und findest uns tot zwischen den Steinen.“
Foto: GSCHWÄTZ