Willkommen in Absurdistan
Willkommen in Absurdistan. So könnte der Titel der aktuellen Ausstellung im Museum Würth 2 mit Fug und Recht heißen. Stattdessen heißt sie einfach nur „Elmgreen&Dragset 14. Robert Jacobsen Preis der Stiftung Würth“, wie die beiden skandinavischen Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die in Berlin leben und arbeiten.
14. Robert Jacobsen Preis wird an das Duo Elmgreen&Dragset verliehen
Anlaß der Ausstellung ist die Verleihung des 14. Robert Jacobsen Preises, den die Stiftung Würth alle zwei Jahre an zeitgenössische Künstler vergibt, um an das Werk und den Einfluss des 1993 gestorbenen Bildhauers Robert Jacobsen zu erinnern. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.
Kunst, die gesellschaftlich wirksam ist
Einem breiten Publikum wurden Elmgreen & Dragset durch ihre Installation Prada Marfa bekannt. Sie haben mitten in die Wüste einen voll bestückten Shop der Luxusmodemarke Prada gesetzt – der niemals geöffnet ist. Scheinbar absurd. Diese Installation ist inzwischen zu einem Publikumsmagneten geworden, der die amerikanische Seele so gut trifft, dass sogar die Simpsons in einer Folge das Kunstwerk besuchten. Die Stiftung Würth sagt, die Kunst von Elmgreen&Dragset habe es „in den popkulturellen Referenzraum“ geschafft. Ein scheinbar sinnlos in die Wüste gepflanztes Denkmal des Luxuskonsums, das dann ohne jegliche Konsummöglichkeit von Menschen aufgesucht wird – da hat Kunst ihr Ziel möglicherweise erreicht.
„Statue of Liberty“ – ein Werk für Deutschland

„Statue of Liberty“, Elmgreen&Dragset. Foto: GSCHWÄTZ
Ein Kunstwerk, das die Künstler wohl ganz speziell für Deutschland geschaffen haben, steht direkt vor dem Carmen Würth Forum. Man erkennt beim Annähern an das Gebäude einen Geldautomaten. Fast ist man geneigt, „Endlich – da gehört ja auch einer hin“ zu denken, so selbstverständlich und beiläufig steht der Automat in einer Betonsäule vor dem Gebäude. Beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass da natürlich kein Geldautomat hingehört, die Stelle ist sogar gänzlich absurd für einen Geldautomaten: Weit weg von jedem Konsum – und im Museumsshop kann man selbstverständlich mit derselben Karte bezahlen, mit der man den Geldautomaten füttern würde.
Zwischen Ernsthaftigkeit und Absurdität
„Das Werk oszilliert zwischen Ernsthaftigkeit und Absurdität“, nennt das der Laudator Prof. Dr. Bernhard Maaz, Jurymitglied des Robert Jacobsen Preises. Genau diese Absurdität ist das Mittel, mit dem Elmgreen und Dragset die Betrachter ihrer Werke aus ihrem momentanen inneren Zustand herauszerren und sie dazu bringen, sich mit dem Werk und der eigenen Situation auseinanderzusetzen. Man kann sich dem nicht entziehen. Wenn man dann noch erfährt, dass die Betonsäule ein Segment der Berliner Mauer ist und dass das Werk „Statue of Liberty“ heißt, beginnt das Gehirn zu arbeiten. Der Ausverkauf der Geschichte und der Stadt kann einem in den Sinn kommen. Und man stellt sich die Frage, ob die Menschen, die 1989 die Freiheit von einer politischen Diktatur erkämpft haben, jetzt unter der Herrschaft einer anderen Diktatur stehen, der des Geldes. Und ob das das Ziel der friedlichen Revolution gewesen sein soll.
Mehr Fragen als Antworten
Die Künstler wollen diese Fragen gar nicht alle beantworten: „Unsere Kunst hinterläßt mehr Fragen als Antworten“ sagen sie in ihrer Dankesrede. Anders drückt es Maaz aus: „Nicht vordergründig marktgängig, nicht vorsätzlich eingängig“, nennt er die Werke von Elmgreen&Dragset und bringt Franz Kafka ins Spiel, der ebenfalls Bewußtmachung durch eine Verstörungsstrategie erreichen wollte.
Wenn der Beobachter die Beobachter beobachtet

„The Observer“, Elmgreen&Dragset
Verstörend wirkt auch das Werk „The Observer“: Da steht eine männliche Figur, nur mit Trainingshose bekleidet, auf einem Balkon. Die Haltung ist entspannt, er raucht, vielleicht ist es seine Feierabendzigarette. Er steht überaus gelassen über den Dingen und betrachtet die Welt unter ihm. Es ist nicht genau auszumachen, ob er wirklich nach unten schaut, oder ob er gar aus dem Fenster des Belvedere über die Welt hinwegschaut.
Diese Welt, das ist der Betrachter des Werks, der zuerst seine gewohnte Betrachtungsweise ändert, weil er nach oben schauen muß, um das Werk zu sehen. Der Beobachter fühlt sich selbst dauerhaft beobachtet. Er wünscht sich vielleicht, dass die Balkonfigur verschwindet – aber das ist unmöglich: Es gibt keine Tür, durch die die Figur den Balkon verlassen könnte. Auch hier wird die kafkaeske Verstörungsstrategie sichtbar.
Eintritt ist frei

Die Ausstellung von aussen. Foto: GSCHWÄTZ
Die Ausstellung ist bis zum 6. Februar 2022 täglich von 11 – 18 Uhr zu sehen, der Eintritt ist frei. Danach reist sie weiter – zur Fondazione Prada nach Mailand.
Text: Matthias Lauterer

Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. „Watching“, Elmgreen&Dragset. Foto: GSCHWÄTZ

Verleihung des Robert Jacobsen Preises.
v.l. C.Sylvia Weber, Prof. Dr Ulrich Roth, Michael Elmgreen, Ingar Dragset. Foto: GSCHWÄTZ
Überragt von ihrem Werk „Watching“: Elmgreen&Dragset bei ihrer Dankesrede. Foto: GSCHWÄTZ

Prof. Dr. Ulrich Roth, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung Würth, Helmut M. Jahn und Prof. Dr. Lars Rehfeld, Mitglieder des Vorstandes, Prof. Dr. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Mitglied des Kunstbeirates der Sammlung Würth, Michael Elmgreen, Ingar Dragset, C. Sylvia Weber, Mitglied des Aufsichtsrats der Stiftung Würth, und Johannes Schmalzl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart. Foto: GSCHWÄTZ