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„Wir müssen jetzt zwar Maulkorb tragen, aber wir lassen uns den Mund nicht verbieten“

„Alle Hohenloher bitten wir: Steht uns Kupferzellern zur Seite und kämpft mit uns!“ Auf diesen leidenschaftlichen Aufruf einer Aktivistin folgt zustimmendes Nicken. Und der geforderte Rückhalt in der Bevölkerung ist selbstredend: 563 Menschen versammelten sich am vergangenen Sonntag, den 11. Oktober 2020, vor der Carl-Julius-Weber-Halle in Kupferzell. Birgit Kühnle von der Bürgerinitiative „Ein Herz für Hohenlohe“ klärt über den Grund der Versammlung auf: „Wir haben gemeinsam mit der IG Metall zum Sternmarsch für ein batteriekraftwerkfreies Kupferzell aufgerufen. Es ging in Belzhag, Feßbach und Hesselbronn mit Musik, Protestschildern und Tohuwabohu los. Wir wollen erreichen, dass mehr Menschen hingucken.“

„Das ist sehr, sehr enttäuschend“

„Wir sind mündige Bürger. Wir wollen nicht mehr belogen werden.“ Obwohl der Platz vor der Carl-Julius-Weber-Halle gut gefüllt ist, war der Weg dahin nicht für alle Menschen gleichermaßen problemlos. Jürgen Kürschner erzählt: „Wir haben den Marsch in Feßbach begonnen und waren zu Beginn des Marsches überrascht, dass wir nicht wie geplant durch die Ortschaft gehen durften, sondern, auf eine Anordnung vom Landratsamt, über die Pampa durch den Wald hierher geschickt wurden. Das ist sehr, sehr enttäuschend.“

„Die Probe wird ganz klar hier in Kupferzell stattfinden“

„Wir brauchen in Kupferzell keine Mega-Batterie für Profithaie.“ Die Bürger vertreten eine klare Meinung. „Booster nicht bei uns!“, rufen die Demonstrierenden immer wieder im Chor. Diese klare Linie fährt auch die IG Metall, wie Saskia Genthner, Geschäftsführerin der IG Metall Schwäbisch Hall verrät: „Wir sind der Auffassung, dass unsere Aufgabe als IG Metall nicht am Werkstor endet. Wir tragen auch Verantwortung für die Region und deshalb stehen wir diesem Projekt genauso kritisch gegenüber wie viele unserer Mitglieder.“ Die 34-Jährige betont: „Man muss es einfach ganz klar sagen: Die Technologie Booster in der Größe, wie er hier in Kupferzell geplant ist, die gibt es noch nicht, die ist noch nicht erprobt. Die Probe wird ganz klar hier in Kupferzell stattfinden. Das hier wird die Erprobung des Boosters und ihr werdet die Betroffenen sein“.

„Wir sind für die Energiewende“

„Wir wollen keine Megabatterie.“ Dr. Marion Kühnle steht auf der Bühne und hält einen Plan für das Stromnetz 2050 von der Transnet in der Hand. Sie bezweifelt den Mehrwert des Netzboosters und weiterer Hochspannungsleitungen für die Bevölkerung und erklärt: „Die Transnet hat zusätzlich vor, hier noch einmal die Schaltanlage zu vergrößern, die Leitungen zu verdoppeln und die vierfache Menge durchzujagen. Und das, wo wir eigentlich nachhaltig wirtschaften wollen, wo jeder guckt, dass er wenig Strom verbraucht, wo er Geräte und Waschmaschinen kauft, die fast nichts brauchen.“ Für die Ziele der Bürgerinitiative findet Dr. Kühnle klare Worte: „Uns ist klar, es muss sich etwas tun, damit die Klimaerwärmung nicht weitergeht. Wir sind für die Energiewende, aber nicht durch die weltgrößte Batterie direkt neben einer Wohnbebauung ohne Risikoanalyse, ohne Arbeitsschutz und ohne Naturschutz-Gutachten.“ Diese Meinung teilt auch Friedrich Hack: „Ich bin hier, weil ich die Veranstaltung tatkräftig unterstützen möchte. Das, was die Transnet hier vorhat, ist nicht richtig. Es gehört nicht an einen Ortsrand! Energiewende ganz klar ja, aber es muss immer mit der Bevölkerung vereinbar sein. Ich sehe es so: Das Volk hat die Macht, wir müssen uns wehren und wir müssen uns in eine positive und für alle vertretbare Richtung bewegen.“

„Wenn wir zustammenstehen, werden wir so eine Gefahr abwenden“

„Profitgier auf Bürgerkosten – nicht mit uns.“ Heidegret Mayer von der Schutzgemeinschaft ländlicher Raum Hohenlohe wählt Worte der Hoffnung: „Hohenlohe ist groß. Wir sind kein Ballungsraum, ich glaube, das ist unser Problem. Die in Stuttgart oder Berlin denken: ‚Das sind bloß so ein paar hintendrum, mit denen kann man das machen‘. Aber ich denke, wenn wir durchhalten, wenn wir zusammenstehen, als Menschen, die hier zusammen leben, als Menschen, die wissen, wie wunderschön das hier ist und wie bedroht es ist, wie gefährdet es ist, dann werden wir auch so eine Gefahr wie euren Netzbooster abwenden.“ Als Mayer der Menge zuruft „Wir müssen jetzt zwar Maulkorb tragen, aber wir lassen uns den Mund nicht verbieten“, antworten die Menschen mit tosendem Applaus.

„Das ist einfach schlichtweg eine Sauerei“

„Wir sind keine Versuchskaninchen. Booster nein danke.“ Klare Worte findet auch Christoph Spieles, der Bürgermeister von Kupferzell: „Die Gefahren und Sicherheitslücken, die eben noch bestehen, wurden uns bisher in keiner ausreichenden Prüfung vorgelegt. Das ist einfach schlichtweg eine Sauerei.“ Die Protestierenden belohnen diese deutliche Stellungnahme mit kräftigem Beifall. So müsse das auch sein, stellt Friedrich Hack klar: „Die Politiker sind für uns da. Sie sind dafür da, unsere Interessen, die Interessen der Bürger, zu vertreten. Das ist Demokratie. Ich sage immer: ‚Die stehen auf meiner Lohnliste‘.“ Die Stimmung ist herzlich, leidenschaftlich und kämpferisch. Doch das emotionale Highlight des Tages ist der Auftritt von Lilli Kühnle. Die Tochter von Dr. Marion Kühnle hat eigens für die Kundgebung ein Lied komponiert und getextet. Wenn die 15-Jährige mit zarter Stimme gefühlvoll einstimmt: „Nein, wir wollen keinen Booster. Nein, wir wollen keinen Brand. Nein, wir sind nicht die Versuchskaninchen“, wirken die Umstehenden plötzlich gerührt und nachdenklich.

Text: Priscilla Dekorsi

Dr. Marion Kühnle (links) und Birgit Kühnle von der Bürgerinitiative „Ein Herz für Hohenlohe“ bezweifeln den Mehrwert des Netzboosters. Foto: GSCHWÄTZ

Die Bürger vertreten eine klare Meinung. Foto: GSCHWÄTZ

Die Kupferzeller befürchten, nur die Versuchskaninchen zu sein. Foto: GSCHWÄTZ